18. November 2011

Interview mit Johann Kremer, Vorsitzender des Sozialwerks

„Vergesst unsere bedürftigen Landsleute in Siebenbürgen nicht! Sie brauchen unsere Hilfe.“ Mit diesem Aufruf versucht der Vorsitzende des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen, Dr. Johann Kremer, die bewährte Siebenbürgenhilfe fortzusetzen und die Solidargemeinschaft der Siebenbürger Sachsen lebendig zu halten. Im folgenden Interview, das Siegbert Bruss führte, gibt Kremer Auskunft über das vielseitige Wirken des Sozialwerks, des sozialen Arms des landsmannschaftlichen Verbandes. Johann Kremer wurde am 5. Oktober 1953 in Kronstadt geboren und studierte von 1974-1979 an der dortigen Forstwissenschaftlichen Fakultät. Nach seiner Aussiedlung 1982 wirkte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der LMU/TU München, seit 1986 ist er selbstständig als Forstsachverständiger, Gutachter und Berater tätig. 1998 promovierte er zum Dr. rer. silv. am Lehrstuhl für Forstliche Arbeitswissenschaft und Verfahrenstechnik der LMU München.
Herr Dr. Kremer, am 26. Februar 2011 wurden Sie zum Vorsitzenden des Sozialwerks gewählt. Welches war Ihre persönliche Motivation, dieses Ehrenamt zu übernehmen?
Erlebnisse und Gespräche im siebenbürgischen Gemeinschaftsleben haben zu tiefen Einsichten geführt. Gesellschaftliche Veränderungen des letzten Jahrzehnts führten sowohl hier als auch in Rumänien zur Vereinsamung unserer Landsleute. Dabei denke ich nicht nur an ältere, sondern auch an junge Menschen, die sich in die anonym-fiktive Welt des Internets flüchten. Das führt oft zu Bedürftigkeit und Armut, im Extremfall zu Krankheit. Deshalb möchte ich gegen das „große Vergessen“ und die daraus resultierende Ignoranz arbeiten.

Sie sind als selbstständiger Forstsachverständiger, Gutachter und Berater beruflich stark gefordert. Wie gelingt es Ihnen, Beruf und Ehrenamt in Einklang zu bringen und sich sozial für Ihre Landsleute einzusetzen?
Mein Ehrenamt kann ich nur durch die tatkräftige Hilfe weiterer Ehrenamtlicher und der Geschäftsstelle in München mit Leben erfüllen. Oft verzweifeln sie, wenn ich wieder mal nicht erreichbar bin, weil meine Arbeitsstellen in freier Natur nicht selten in Funklöchern liegen. Moderne Kommunikationstechnik ermöglicht uns jedoch eine fast reibungslose Arbeit. Meiner Frau bin ich für die Unterstützung und ihr Verständnis sehr dankbar.

Hauptaufgabe des Sozialwerks ist nach wie vor die Unterstützung und Betreuung der in Siebenbürgen lebenden Landsleute, vor allem der Alten, Kranken und Bedürftigen. Weshalb ist das so wichtig, auch nachdem Rumänien 2007 Mitglied der Europäischen Union geworden ist?
Der Beitritt Rumäniens zur EU hat unsere Arbeit in vielen Bereichen erheblich erleichtert. Wir können mit der Saxonia-Stiftung, dem Demokratischen Forum der Deutschen in Siebenbürgen und der evangelischen Landeskirche ohne Einschränkungen gut zusammenarbeiten. Auf deren Mitar­beit sind wir angewiesen und wissen sie zu schätzen. Der Weg Rumäniens in den Kapitalismus ist allerdings von Härten gerade für die Armen, Alten und Bedürftigen begleitet. Ein Beispiel ist die jüngste Entwicklung im Gesundheitswesen. Nach der Übergabe der Krankenhäuser an Kreise und Kommunen ist noch mehr Eigenleistung der Patienten gefragt.
Hedwig Herbert in Schönberg freut sich über das ...
Hedwig Herbert in Schönberg freut sich über das Paket des Sozialwerks. Foto: Ludwig Dudas
Viele Landsleute in Siebenbürgen können sich das oft nicht mehr leisten, deshalb ist hier in Zukunft dringend noch mehr Hilfe nötig. An dieser Stelle ein Appell an Ärzte und Apotheker, uns mit Information und Material zu versorgen. Medikamente, Erwachsenen-Windeln und Gehhilfen (Krücken) stehen zurzeit ganz oben auf der Wunschliste.

Was hat das Sozialwerk in diesem Jahr konkret für die hilfsbedürftigen Sachsen in Siebenbürgen getan?
Altbewährte Maßnahmen dürfen natürlich nicht aufgegeben werden, unsere Landleute warten sehnlichst auf den „Tropfen auf den heißen Stein“. Sozialwerkspakete, Bargeldhilfen sowie Medikamente und medizinische Hilfen machen nach wie vor die größten Posten in unserer Bilanz aus. Als wichtig erachten wir auch unsere erfolgreiche Mittlerfunktion für die Geldhilfen des Bundesministeriums des Inneren, die wir verwaltungstechnisch abwickeln und mit Hilfe der Saxonia-Stiftung an Bedürftige in Siebenbürgen verteilen. Wir waren auch dieses Jahr wieder in der Lage, dringend benötigte Pflegebetten nach Siebenbürgen zu schicken. Einer engagierten, jedoch finanzschwachen Singgruppe konnten wir die Teilnahme an einem Seminar in Deutschland ermöglichen.

Wie hoch sind die Spenden und Mittel, die dem Sozialwerk dabei zur Verfügung stehen?
Da wir unsere gesamte Tätigkeit über Spenden finanzieren müssen, sehen wir besorgt auf die Entwicklung der Eingänge. Konnte mein Vorgänger im Amt, Peter Pastior, im Oktober 2010 noch von privaten Spenden über 26000 Euro berichten, so sind es zum selben Zeitpunkt 2011 nur 24000 Euro. Seit 2009 ist das Spendenaufkommen um fast 30% zurückgegangen. Deshalb unsere dringende Bitte: Vergesst unsere bedürftigen Landsleute in Siebenbürgen nicht! Sie brauchen unsere Hilfe.
Zu den Spenden aus dem privaten Bereich kommt ein verbandsintern festgelegter Anteil aus den Mitgliedsbeiträgen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen sowie Spenden der Ergo (ehemals Hamburg-Mannheimer)-Versicherten in Höhe von ca. 15.700 Euro. Dank einer Erbschaft zugunsten des Sozialwerks liegen die gesamten Einnahmen zum Oktober 2011 zwar über jenen von 2010, jedoch niedriger als 2009.

Das Sozialwerk wurde jahrzehntelang von den beiden Persönlichkeiten Wilhelm Schiel und Peter Pastior geprägt. Welche neuen Akzente möchten Sie als Vorsitzender des Sozialwerks setzen?
Neue Akzente wollen wir auf Projekte mit ­sozialem Hintergrund setzen. Unsere neu erstellten Richtlinien für die Antragstellung und Förderung entsprechen den Standards einschlägiger Förderrichtlinien und sorgen für hohe Transparenz und Klarheit. In Zusammenarbeit mit der Saxonia-Stiftung und den deutschen Wirtschaftsklubs in Siebenbürgen wollen wir versuchen, jungen Siebenbürgern aus Deutschland Praktika sowie freiwillige soziale oder ökologische Jahre in Siebenbürgen zu ermöglichen. Damit bekommen sie die Möglichkeit, ihre Wurzeln, die Heimat ihrer Eltern und Großeltern kennen zu lernen und ganz nebenbei Integration und Toleranz in der Gemeinschaft mit Jugendlichen in Siebenbürgen zu üben.
Neu, wenn auch kein richtiger Akzent, sondern eingeübte Praxis wird die Betreuung der Sachsen in Nordsiebenbürgen sein, die wir vom Bundesverband der Siebenbürger Sachsen in Österreich übernehmen. Wir betreuen sie wie alle ­anderen Landsleute aufgrund von Bedürftigenlisten, die von den evangelischen Kirchengemeinden oder den deutschen Ortsforen erstellt und an die Saxonia-Stiftung weitergegeben werden.

Welche Möglichkeiten hat das Sozialwerk, jenen Siebenbürger Sachsen in Deutschland zu helfen, die unverschuldet in Not geraten sind?
Auch relativ enge Maschen des deutschen Sozialsystems können nicht jeden auffangen. Immer mehr Landsleute geraten unverschuldet in Not. Die Folgen einmaliger besonderer Ereignisse können wir durch eine Unterstützung etwas abmildern. Mit unseren bescheidenen Mitteln ist leider eine längerfristige Hilfe nicht möglich. Auf Antrag der Landesgruppen des Verbandes kann das Sozialwerk seit 2010, die anfallenden Kosten für die Siebenbürgische Zeitung, als Sachleistung für jene Mitglieder übernehmen, die aufgrund niedrigen Einkommens einen ermäßigten Mitgliedsbeitrag bezahlen.

Die Siebenbürger Sachsen bauen auf eine jahrhundertealte Tradition der Nachbarschaften und gegenseitigen Hilfe. Wie kann diese Solidargemeinschaft möglichst lange aktiv bleiben?
Wir müssen es schaffen, bei unseren Landsleuten die uns Siebenbürgern eigene Empathie wach zu halten und ihnen auch die Entwicklungen in Rumänien ständig näher zu bringen. Mit gutem Beispiel gehen wir voran und übernehmen die Kosten für zwei juristische Gutachten, die eine Möglichkeit eröffnen, den Russlanddeportierten eine finanzielle Entschädigung für den Verdienstausfall während der Verschleppung zukommen zu lassen.
Meine feste Absicht ist es, während meiner Amtszeit einen Vertreter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) als Mitglied für das Sozialwerk zu gewinnen, um Kontinuität und Nachhaltigkeit in unserer Arbeit sicher zu stellen.

Herr Dr. Kremer, besten Dank für das Gespräch und in viel Erfolg in Ihrem sozialen Wirken!

Schlagwörter: Sozialwerk, Interview, Vorsitzender

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