28. September 2014

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Edmund Höfer: Eine rumäniendeutsche Fotografenlegende ist tot

Erst vor wenigen Wochen verstarb Robert Lebeck, einer der ganz Großen des Fotojournalismus. Hanns Hubmann, der andere große deutsche Bildberichter des vergangenen Jahrhunderts, war bereits 1996 vorangegangen. Nun also auch Edmund Höfer. Sein Wirkungsfeld war natürlich viel kleiner, aber den binnendeutschen Kollegen stand der für den „Neuen Weg“ in Bukarest arbeitende Fotoreporter in nichts nach.
Als ich die Nachricht von seinem Tod erfuhr, fiel mir wieder der bekannte Ärztewitz mit der Krankenschwester ein, die zum Stationsarzt rennt: „Herr Doktor, Herr Doktor, der Hypochonder von Zimmer 204 ist gestorben!“ Darauf der Arzt: „Jetzt übertreibt er aber!“

Mundi, wie ihn alle nannten, fand den Witz nur mäßig komisch, malte er doch selbst alles in schwarzen Farben – ein echter Hypochonder eben, den stets ein neues Leiden befiel. Doch in letzter Zeit stand es tatsächlich schlecht um ihn: Diabetes, Herzflattern und einiges mehr machten ihm zu schaffen. Aber wer konnte das noch ernstnehmen? Er hatte sich seit langem in seine Plattenbauwohnung in der Landsberger Straße zurückgezogen und empfing nur noch selten Besuch. Auf dem Laufenden hielt er sich durch das Fernsehen oder übers Telefon – informiert war er immer gut. Während unserer Freundschaft, die bald nach seiner im August 1988 erfolgten Auswanderung begann, erlebte ich ihn jahrelang als echten Nachrichtenmann, freilich auch mit einem ausgeprägten Hang zum Alarmismus. Eine Aufnahme, die den Aufbruchsgeist der 60er ...Eine Aufnahme, die den Aufbruchsgeist der 60er vorwegzunehmen scheint: der Bildhauer Peter Jacobi als Student im Hof der Bukarester Kunstakademie, 1959, Samml. Peter Jacobi. Foto: Edmund Höfer Mundi hatte wie kaum ein anderer das Gen zum Fotoreporter. Dabei sah es anfangs nicht so aus, als sei ihm dieser Beruf vorbestimmt. Geboren am 27. März 1933 in Lugosch als Sohn eines Textilfabrikanten, machte er zunächst eine Ausbildung zum Zahntechniker und dann zum Laboranten. Als Laborant für Stahlanalysen (1955-57) lernte er am Reschitzer Hüttenkombinat Hermann Heel (1895-1964), den dortigen Werkfotografen, kennen. Heel, damals bereits ein Altmeister der Lichtbildnerei, nahm sich des jungen Mannes an. Er machte ihn nicht nur mit den Geheimnissen der „klassischen“ Fotografie bekannt, sondern trug auch entscheidend zu seiner Geschmacksbildung bei, was Kunst und Literatur angeht. 1957 wechselte Mundi – damals ein schlaksiger junger Mann von 1,92 m mit einem Körperbau, der an Kafkas berühmte Strichmännchen-Zeichnungen erinnerte –, als Fotoreporter zum Neuen Weg, wo er bis 1987 blieb. Als „Moni-Bácsi“ eines Tages in Bukarest auftauchte und seinem ehemaligen Zögling beim Vorbereiten einer Fotoausstellung zusah, meinte er altersweise: „Mundi – was waaß ich … Ich versteh das nit alles, was Sie machen, aber es wird schon gut sein. Des is schon gut so, man muss ja mal was anders machen“ (aus einem Tonbandinterview, das Walther Konschitzky mit Höfer führte, abgedruckt in Banater Kalender 2008).

Natürlich beherrschte Edmund Höfer alle Verfahren und Aufnahmetechniken souverän, vom Tönen und Solarisieren bis zur Sandwichtechnik und dem Fahreffekt beim Vergrößern. Legendär auch seine Fähigkeit, die Chemikalien für seine Entwicklerlösungen in der offenen Hand nach Augenmaß zu dosieren. Der Bildhauer Peter Jacobi erinnert sich noch lebhaft, wie er sich beim Porträtieren seiner Frau Ritzi Jacobi einmal die Nasenspitze rieb, um anschließend mit dem schmalzigen Zeigefinger das Objektiv einzufetten. Weichzeichner-Romantik ist letztlich auch nur eine Frage der Technik. Es spricht für Höfers Fotokunst, dass er Spezialeffekte nur dort einsetzte, wo sie die Bildbotschaft wirklich unterstützten. Wie unsäglich dagegen die heute gezeigten Fotos des „Internationalen Fotosalons“ in Hermannstadt, deren effekthascherische Bildbearbeitung nur noch als Triumph globalisierten Fotokitsches erscheint!

Junge Frau (Eva Fabritius), 1972. Sammlung Gert ...Junge Frau (Eva Fabritius), 1972. Sammlung Gert und Eva Fabritius. Foto: Edmund HöferZum Schluss besaß er 19 Preise, Medaillen und Auszeichnungen, darunter die erste Goldmedaille, die Rumänien bei einem internationalen Fotowettbewerb gewann (Wien 1962) sowie die Auszeichnungen der FIAP (Internationale Föderation der Kunstfotografen): 1961 AFIAP (artiste)- und 1965 EFIAP (excellence)-Titel.

Die meisten kannten Mundi nur als Pressefotografen des Neuen Wegs, dabei umfasste sein Können weit mehr Bereiche. Für den Bühnenbildner Helmut Stürmer etwa war er der „beste Theaterfotograf Rumäniens“, der gestellte Aufnahmen verabscheute und nur direkt bei den Proben fotografierte. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch seine exzellenten Künstlerporträts, die bei Auftritten, mitunter aber auch altväterlich-gediegen posierend aufgenommen wurden: Louis Armstrong, Karajan, David Oistrach, Swjatoslaw Richter, Yehudi Menuhin, Sergiu Celibidache... Stolz war er auch auf seine Bildnisse des schwer parkinsonleidenden Arghezi oder des von ihm verehrten Henri Cartier-Bresson, dem Fotografen des „entscheidenden Augenblicks“ (le moment décisif), den er einmal durch Bukarest begleitete („ein feiner und höflicher Mensch mit großem Respekt vor den Menschen. Nie hat er ihnen mit seinen Bildern die Würde genommen, ganz im Gegenteil“). Nicht zu vergessen seine schier endlose Liste mit Bildnissen rumäniendeutscher Persönlichkeiten, von denen mir jenes mit Fusselbart Rolf Bossert das liebste ist. Edmund Höfer mit Konrad Klein nach einer von Olaf ...Edmund Höfer mit Konrad Klein nach einer von Olaf Ihlau moderierten Lesung rumäniendeutscher Autoren am Münchner Gasteig im Juni 1989. Foto: Petra Dilthey Unvergessen bleibt der Fotojournalist mit seinen großen Reportagen über das Hochwasser von 1970, das Erdbeben von 1977 sowie auch mit manchen Aufnahmen, die auf den von ihm geliebten Dienstreisen mit Ewalt Zweyer oder Helmuth Kamilli entstanden, etwa vom Urzellaufen in Agnetheln oder anderen ‚Großereignissen‘ im (Sachsen-)Land. Märchenhaft-entrückt seine daraus hervorgegangene Serie „Siebenbürgen im Winter“, die ursprünglich mit einem Text von Joachim Wittstock bei Kriterion hätte erscheinen sollen. Veröffentlicht wurden hingegen bei Meridiane ein Bildband über Hermannstadt (1968) und einer über Wien (1970). Ein letztes Denkmal setzte sich Höfer, als er 1986-88 die heute versunkene Welt des jüdischen „Schtetls“ in Marmatien, der Moldau und der Bukowina bis hin nach Czernowitz mit der Autorin Renata M. Erich bereiste und seine Hasselblad nicht selten unter den Augen der Securitate auf eine zum Abriss vorgesehene „Judengass“ richtete. Die anrührenden Aufnahmen mit den wenigen noch verbliebenen Bewohnern sind im bekannten Verlag Christian Brandstätter erschienen („Ojtser. Das Schtetl in der Moldau und Bukowina heute“, Wien 1988).



Höfers Lieblingsmotiv waren aber von jeher Frauen. Man brauchte nur in die Augen seiner wissenden, melancholisch-schönen, vom Schwarzweiß-Existentialismus der 60er Jahre umwehten Mädchengesichter zu sehen oder eines seiner Aktfotos zu betrachten, um zu verstehen, dass die Frau der Motor in seinem Schaffen war, wie er selbst wiederholt bekannte (Karpatenrundschau vom 29.5.1970). Keiner hat weibliche Körperarchitektur so obsessiv erkundet, angebetet und ins Bild gesetzt wie er. Modelle, die seinem künstlerischen Beuteschema entsprachen, fand er im persönlichen Umfeld, unter den jungen Damen der Casa Scânteii oder in Schauspielerkreisen – was einmal fast böse endete. Ein aufgebrachter Colea Răutu läutete eines Nachts an seiner Haustür Sturm und verlangte wild herumgestikulierend, dass Höfer sofort alle „Nacktfotos“ mit seiner Geliebten herausrücken solle. Mit gefällig-harmlosen Aktbildern erregte um die gleiche Zeit Günter Rössler in der DDR die Gemüter. Die tiefergründigen und „härteren“ machte freilich Höfer in Bukarest. Damit wurde er nicht nur einer der Begründer, sondern auch der bedeutendste Vertreter des Aktgenres in Rumänien überhaupt. \"Auch Temeswar habe ich gern fotografiert, aber ..."Auch Temeswar habe ich gern fotografiert, aber nur am frühen Morgen": Domplatz in Temeswar (Sammlung Walther Konschitzky). Foto: Edmund Höfer Mit Robert Lebeck, den Höfer sehr schätzte, verband Mundi neben seinem Faible für schöne Frauen eine weitere Gemeinsamkeit: das Sammeln alter Postkarten und Fotografien. Anfangs waren es nur die steifen Posen und lustigen Schnauzbärte, die den Fotokünstler faszinierten. Als er dann zusammen mit seinem Freund, dem Graphiker Hellmut Fabini, den Nachlass des Schäßburger Fotopioniers Ludwig Schuller auf dem Speicher von Fabinis Onkels barg (darunter wunderbare Matterhornaufnahmen von Schullers Pariser Onkel Friedrich von Martens, der noch zum Bekanntenkreis Daguerres, des Erfinders der Fotografie, gehörte), begann sich Höfer auch mit historischer Fotografie zu beschäftigen. Es war die Geburtsstunde der siebenbürgisch-deutschen Fotogeschichte. Fabini hatte bereits vorher versucht, Fotos seines Freundes Höfer als Siebdruck in Graphik umzusetzen. Die Ergebnisse ihrer gelungenen Zusammenarbeit präsentierten die beiden 1973 im Bukarester Schillerhaus.

Mit seinen Artikeln und Serien zur (Stil-)Geschichte der Fotografie weckte Höfer auch bei den Lesern des Neuen Wegs Interesse für das bislang kaum beachtete Medium. 1985 zeigte er eine Auswahl seiner historischen Fotografien im Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland. Im gleichen Jahr veröffentlichte sein Fotokollege Constantin Săvulescu die erste Geschichte der Fotografie in Rumänien – natürlich unter Einbeziehung von Höfers wertvollem Fundus (Cronologia ilustrată a fotografiei din România). Als ich dann 1989 seine Schätze selbst in Augenschein nehmen konnte, war auch ich von seinem Sammelgebiet sofort begeistert. Das ermutigte mich, im „Lexikon der Siebenbürger Sachsen“ Kurzbiografien wichtiger Fotografen sowie eine Bild- und Zeittafel zur siebenbürgischen Fotogeschichte unterzubringen, was damals noch auf wenig Verständnis stieß. Oktoberfest in München, 1970er Jahre (Samml. ...Oktoberfest in München, 1970er Jahre (Samml. Walther Konschitzky) Foto: Edmund Höfer Anfang der 1980er Jahre versuchte sich Höfer auch mit Entwürfen von Buchumschlägen für eine neue Reihe des Kriterion-Verlages, die jungen rumäniendeutschen Autoren galt. Auf einem Foto sieht man ihn zusammen mit Herta Müller, wie er mit seiner Rolleiflex einem Frosch auf den Leib rückt. Es wurde das Titelbild für ihren Debütband „Niederungen“ (1982). Als auch William Totoks Gedichtband „Die Vergesellschaftung der Gefühle“ mit einem von einer weißen Schlaufe zusammengehaltenen Sardinen-Bündel und noch weitere Höfer-Umschläge zu Titeln von Richard Wagner, Gerhard Ortinau und Johann Lippet erschienen, war das Maß voll. Bei Verhören wurde der Künstler für seine Titelbilder heftig angegriffen und die Buchreihe eingestellt, zumal Höfer wegen seiner „schwachen Nerven“ zu keiner Mitarbeit bei der Securitate bereit war.

Edmund Höfers Einfluss auf andere Fotografen war nachhaltig. Seine Schnappschüsse, Industrieaufnahmen oder auch ganz „normalen“ Pressefotos wirken heute noch dank ihrer oft ungewohnten Perspektive und Dynamik frisch und unverbraucht. Dabei war er stets bestrebt, auch bei wenig Licht ohne Blitz auszukommen, womit er nicht zuletzt der Available Light-Fotografie in Rumänien zum Durchbruch verhalf. Fred Nuss, der mit 80 Jahren heute dienstälteste Pressefotograf Rumäniens, nennt Höfer gar seinen „Morgenstern“ (Hermannstädter Zeitung vom 29.08.2014). Aber auch jüngere Fotografen verdanken Mundi viel, etwa Gabriel Holom, dessen Talent er durch Bildveröffentlichungen im Neuen Weg förderte. Schade, dass es seiner Meisterschülerin Gerhild Wächter, die den Lesern dieser Zeitung als Scherenschnittkünstlerin bekannt sein dürfte, nicht möglich war, ihre fotografische Begabung in Deutschland beruflich auszunützen.

Die 1959 geschlossene Ehe Edmund Höfers mit der Rundfunkjournalistin Grete Orendi blieb kinderlos, 1966 heiratete er Helga Heinz (1941-1993), Tochter des volkstümlichen Schauspielers Stefan Heinz („Hans Kehrer“). Die studierte Germanistin half Höfer beim Redigieren seiner fotogeschichtlichen Neuer-Weg-Artikel und war in Bukarest langjährige Mitarbeiterin des bekannte ARD-Korrespondenten Peter Miroschnikoff. Ihre filmemacherische Begabung erbte ihr Sohn Hanno Höfer, der mit seinen preisgekrönten Kurzfilmen und seiner Bukarester Balkan-Bluesband Nightlosers großes musikalisches und parodistisches Potential bewies – was zur Zusammenarbeit mit Cristian Mungiu in der schwarzen Komödie Amintiri din Epoca de Aur führte. Tochter Senta lebt heute als Programmleiterin für Internationale Diplomatenausbildung im Auswärtigen Amt in Berlin. Edmund Höfer, aufgenommen 2008. Foto: Walther ...Edmund Höfer, aufgenommen 2008. Foto: Walther Konschitzky Mundi machte es seiner Familie, aber auch seinen Freunden sicher nicht immer leicht, wovon auch der Verfasser dieser Zeilen ein Lied singen kann. Er konnte mimosenhaft reagieren und nach einer verunglückten Äußerung, wenn man Pech hatte, jahrelang beleidigt sein. Seiner linken Kapitalismuskritik blieb er auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus treu wie er auch überhaupt im Westen nie wirklich ankam und darum keine Lust verspürte, sich weiter als Fotoreporter zu betätigen. Dass er ein Kavalier der alten Schule war, der in seinem steirisch gefärbten Reschitzaer „Deitsch“ höchst unterhaltsam zu erzählen verstand („Schau vergiss den Butter nit, wanns’t bei mir vorbeikommst“), entschädigte für viele seiner Macken.

Mit Edmund Höfer verliert das rumäniendeutsche Zeitungswesen seinen bedeutendsten Fotoreporter vor 1989 und die Fotokunst in Rumänien einen ihrer herausragenden Meister. Eine Fotografenlegende war er schon in frühen Jahren. Schade, dass er nach seiner Auswanderung die Kamera an den Nagel hängte. Am 19. August ist Höfer in seiner Münchner Wohnung im Alter von 81 Jahren gestorben. Die Trauerfeier für den Verstorbenen fand am 28. August auf dem Ostfriedhof statt. Seine Urne wird nach römisch-katholischem Ritus im Grab des Vaters auf dem Bellu-Friedhof in Bukarest beigesetzt.

Konrad Klein

Schlagwörter: Kultur, Nachruf, Fotograf, Banater

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