1. September 2026

Ein Weg in stiller Konsequenz: Dem bedeutenden siebenbürgischen Künstler Reinhardt Schuster zum Neunzigsten

Im Rückblick auf neun Jahrzehnte vollzogenen Lebens des am 1. September 1936 in Brenndorf geborenen Reinhardt Schuster offenbart sich dem Betrachter das ganz enge Verhältnis zwischen dessen Leben und der Kunst: Diese widerspiegelt nicht nur die Lebenserfahrungen des in dramatischen Zeiten Geborenen, als sie wiederum zu dessen wichtigster ureigener Lebenserfahrung werden sollte. Getragen von intellektueller wie ästhetischer Neugier, die ihn schon früh zum Wirkungsraum der Malerei führte, verschrieb sich Reinhardt Schuster diesem voll und ganz und fand in der „Wahrheit und Wirklichkeit“ des Kunstuniversums den Weg zur existentiellen Selbstbehauptung.
Reinhardt Schuster: Ecce homo, 1980, Öl auf Jute, ...
Reinhardt Schuster: Ecce homo, 1980, Öl auf Jute, 97x130 cm. Foto: Roger Pârvu
Im Krieg war Reinhardt Schuster vaterlos geworden, die in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppte Mutter musste ihn in der Obhut der Großmutter zurücklassen. Die ehedem stabile sächsische Gemeinschaft, die ihn kulturell hätte auffangen können, war selbst von Identitätsgefährdung bedroht.

Schusters unverrückbarer Wille, sich einen Platz im mystischen Raum der Kunst zu erobern, deren ästhetische Wirklichkeiten sich als sinnhafte Gegenentwürfe zur desolaten sozial-politischen Realität anboten, führten Reinhardt Schuster zuerst nach Kronstadt. 1952 nahm er an einem Malkurs teil, den Hans Mattis-Teutsch, eine der damals fortschrittlichsten im Lande und in Europa anerkannten Malerpersönlichkeiten, leitete. Reinhardt Schusters Begegnung mit Mattis-Teutsch war für den jungen Brenndorfer schicksalshaft. Dessen Kunstpositionen lenkten die Schritte des angehenden Malers auf ein progressives Kunstwollen, das seinen weiteren Bildungsweg bestimmen sollte. Dieser entfaltete sich letztlich abseits der traditionellen sächsischen Kunstprägung. Schuster ging in die Landeshauptstadt Bukarest, inskribierte am Kunstlyzeum „Nicolae Tonitza“. Nach dessen Abschluss 1957 begann er das Studium der Malerei an der geachteten Kunstakademie „Nicolae Grigorescu“. Nach dem Studium verblieb er in der Landeshauptstadt und behauptete sich hier erfolgreich als freischaffender Maler. „Es war wichtig für mich, im Zentrum des Geschehens zu bleiben“, bekennt der Maler und Zeichner in einem Interview in dieser Zeitung im Jahr 2021. „In dieser (Bukarester) Zeit nahm ich an allen großen hauptstädtischen und Landesausstellungen (Biennalen) teil. Zudem hatte ich fünf Einzelausstellungen in den bekanntesten Galerien des Künstlerverbandes, dessen Mitglied ich seit 1967 war.“

Reinhardt Schuster und Gattin Valentina bei der ...
Reinhardt Schuster und Gattin Valentina bei der Eröffnung seiner „Memento“-Ausstellung am 10. Juni 2026 in Kronstadt. Foto: Alina Balacianu
Der quirlige Lebensrhythmus, der Bukarest schon immer geprägt hatte, entfaltete in der Stadt, die vormals ein wichtiges Zentrum der europäischen Avantgarde gewesen war, auch unter den ideologisch schwierigen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seit den 1960er Jahren einen neuen Kunstreigen als Quell lebenswichtiger Hoffnung im kommunistischen Rumänien. Die großen alten Namen der rumänischen Avantgarde – Marcel Ianco (1895–1984), Arthur Segal (1875–1944), Victor Brauner (1903–1966), M. H. Maxy (1895–1971) – waren in der Bukarester Welt noch präsent, ihre Träger, da die meisten längst im Ausland wirkten, vermittelten ein grenzüberwindendes, brückenschlagendes, europäisches Kunstwollen, das den Weg in die Abstraktion wies. Die Kunst hatte ihre Ausdruckskraft aus der ihr eigenen Gestaltungsimmanenz zu schöpfen: Linie, Farbe, Fläche sollten sich bei Verweigerung jeglicher erzählerisch-figurativen Intention zur Komposition fügen.

Reinhard Schusters Resonanzbereitschaft für die vielen experimentellen Stilvarianten der zum Abstrakten tendierenden Formensprache dieser Jahre führte ihn konsequent zu einer Malhandschrift des vordergründig Geometrischen. Linien und Farben schufen abstrakte Formen in der Fläche, die sich im Malprozess dann weiterentwickelten, Kraftfelder, die auch ohne das Element der Perspektive die Kompositionselemente in Spannung zu setzen vermochten, Geflechte voller Bezüge bilden konnten, stilistische und ästhetische Impulse der vielen zeitgenössischen Ismen zu einem unverkennbar eigenen Einen verschmelzen imstande waren (Abstrakter Expressionismus, Hardt Edge, Konstruktivismus, poetischer Rationalismus, Lettrismus).
Reinhardt Schuster: „Exodus (Die Sachen packen)“. ...
Reinhardt Schuster: „Exodus (Die Sachen packen)“. Öl auf Leinwand, 95 cm x 120 cm, 90er Jahre. Mit der Vielzahl „übereinander gestapelter Koffer, Taschen, Bündel und Rucksäcke mit Schnallen, Klebestreifen, Handgriffen und Riemchen“ bringt der Künstler den „Koffer-Zustand“ zum Ausdruck, der vielen Siebenbürger Sachsen ebenso vertraut ist wie die Redensart „auf dem Koffer sitzen“ (Franz Heinz). Foto: Roland Rossner
Ein intuitives Sich-Ergeben in den Malprozess führt in Reinhardt Schusters Gemälden mal zu breiten, farbig reinen, in der Fläche dominanten Farbaufträgen, mal zu gestisch feinen und feinsten Strichführungen, die die Inszenierung des Lichtes mit dynamischer Bewegung unterstreichen. Dabei verweilen diese Werke keinesfalls im Gestalterisch-Dekorativen. Denn auch, wenn sie dezidiert nicht erzählen, so verweisen sie. Ein Geflecht aus Bezügen schafft Assoziationen – im Hinblick auf ästhetische, intellektuelle, kulturpolitische, rein gesellschaftliche Themen der Gegenwart. Schusters Gemälde wollen nicht nur betrachtet, sondern gedacht werden. Der Künstler versteht sie als Spiegelungen kultureller wie sozialer Phänomene, wobei er sich die Freiheit nimmt, die eigene Geschichte als ästhetische Erfahrung ins Bild mit einzuschreiben.

Hierbei spielen, vermehrt ab der 1970er Jahre (kulturpolitische „Eiszeit“ in Rumänien), die Bildtitel eine immer wichtigere Rolle. Sie verweisen auf Erfahrungen der jüngeren kommunistischen Vergangenheit in Rumänien sowie der Gegenwart – und hier bindet Schuster, der 1983 in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelte – in seine Welt der gedanklichen Ambivalenzen und Verweise neben dem persönlich Erlebten nunmehr verstärkt auch die allgemeinen kollektiven Erfahrungsbrüche, vermehrt auch jene der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft in seine Schöpfungen mit ein: den europäischen Umbruch von 1989/90, das revolutionäres Auflehnen in Rumänien gegen den Ceaușescu-Kommunismus, die Aussiedlung und das in Siebenbürgen zurückgelassene Kulturerbe der Sachsen. Diese Werke tragen suggestive Bezeichnungen wie „Die Trompeten von B. (Berlin? Bukarest? Letztlich in mystischer, zeitloser Perspektive Jericho); „Verriegelter Eingang“ (1991); „Barrikaden in Temeswar“, „Zerstörtes Farbglasfenster“, „Die Sachen packen/Exodus“ (alle 1992). Es sind Titel, deren Hauptaufgabe darin besteht, die Kommunikation zwischen Maler und Betrachter vertieft aufrechtzuerhalten, Auslöser assoziativer Erinnerungen zu werden, die den Betrachter emotional an das Bild binden, um deren eigene Erfahrungen im Innersten aufscheinen zu lassen. Dieser, der Betrachter und seine Befindlichkeiten sind es, die in Reinhardt Schusters abstrakter Welt aus verdichteter Farbe, gebanntem Licht und subtiler Poesie angedeutet Figuratives, Erzählendes herausinterpretieren („Großes siebenbürgisches Brot“). Der Titel selbst – so „Exodus (Die Sachen packen)“ – trägt in solchen Fällen den Handlungsgedanken, das Erzählerische und somit die Emotion des Erinnerten in sich.

Nach der Aussiedlung lässt sich Reinhardt Schuster mit seiner Ehegattin Valentina in Düsseldorf nieder, seit 2003 leben sie in Bonn. Von 1985 bis 2005 ist er als Dozent am „Lernort-Studio“ in Düsseldorf tätig und leitet von 1986 bis 1991 die Abteilung Bildende Kunst des Vereins „Künstlergilde“ in Nordrhein-Westfalen.

Die bisherige künstlerische Lebensleistung Reinhardt Schusters erscheint im Rückblick beeindruckend. Noch während seiner Zeit in Rumänien und der Präsenz bei Ausstellungen in allen namhaften Galerien Bukarests (Simeza, Eforie, Orizont, „Friedrich-Schiller“-Kulturhaus u. a.) war es ihm vergönnt, in europäischen Metropolen wie Rom oder London (1981) auszustellen. Nach der Aussiedlung fanden sich seine Werke bei Präsentationen in Deutschland, Luxemburg, Japan und der Schweiz. Zuletzt widmeten ihm in seiner Heimat die Museen in Hermannstadt und jüngst in Kronstadt Retrospektiven zum 90-jährigen Geburtstag.
Reinhardt Schuster: „Zusammenbruch“, Öl/Leinwand, ...
Reinhardt Schuster: „Zusammenbruch“, Öl/Leinwand, 130 x 165 cm, 1993
Schusters Malerei lebt bis heute von einer beeindruckenden Konsequenz in ihrer Grundhaltung. Das ist das Prinzip der Formenabstrahierung, das sich dem Spiel mit der Offenheit und Ambivalenz zur Verfügung stellt, um letztlich die künstlerische Aussage in der Schwebe zu halten. Plakativ-deklarative Lösungen sucht man in Schusters Werk vergebens, das Ästhetische hat immer den Vorrang, sei es auch nur, um Widersprüchliches auf stilistischer Ebene zusammenzuführen und zugleich die Aussagen zu verrätseln. Schusters Gemälde und Zeichnungen sind eine Einladung an den Betrachter, sich selbst eine Geschichte auszudenken, das Gesehene mit den eigenen Emotionen und Befindlichkeiten zu assoziieren. Und wer sich auf diese Bildwelt einlässt, erfährt die ästhetische Revelation, einen im Augenblicken verdichteten Moment des Schönen, der ihm die ganze Leidenschaft offenbaren kann vom Wesen eines Künstlers, der sich ein noch nicht volles Jahrhundert lang ganz und gar der Malerei verschrieben hat.

Irmgard Sedler

Schlagwörter: Kultur, Künstler, Reinhardt Schuster, Maler, Zeichner, Brenndorf, Bonn

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