14. April 2019

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"Nicht das Hiersein üben": Dieter Schlesak zum Gedenken

Am 29. März ist der siebenbürgische Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Essayist und Herausgeber Dieter Schlesak im Alter von knapp 85 Jahren im toskanischen Camaiore, seiner Wahlheimat seit viereinhalb Jahrzehnten, aus dem Leben geschieden. Ungeachtet biografischer Debatten, für die historische Forschungen einen geeigneteren Rahmen bieten, sei hier im Spiegel seines Werkes eines Autors gedacht, der zu den bedeutendsten deutschen Sprachkünstlern aus Rumänien zählt und vielfach ausgezeichnet wurde, u. a. mit dem Andreas-Gryphius-Preis (1980), dem Nikolaus-Lenau-Preis (1993), der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung (2001), dem Umberto-Saba-Preis (2006), dem Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg (2007) und der Ehrendoktorwürde der Universität Bukarest (2005).
Mit dem Tod hat sich Dieter Schlesak zeit seines Lebens auseinandergesetzt, und zwar nicht allein mit dem physischen Tod des Individuums, sondern vor allem auch mit dem historischen Niedergang von sozialen, kulturellen und politischen Systemen wie der siebenbürgisch-sächsischen Ethnie oder des kommunistisch-diktatorischen Regimes in Rumänien – ein Ende der west-östlichen Blockmentalität in Europa war allerdings nicht abzusehen.

Die nötige Distanz für eine kritische Beurteilung der eigenen wie der allgemeinen Verfasstheit gewährleistete ihm sein ab 1973 selbst gewähltes Exil in Italien. Denn die vielfältigen Erfahrungen, die er mit Grenzen aller Art gemacht hatte, bewogen ihn nicht nur zum Nachdenken, sondern lieferten ihm – neben dem Phänomen Tod – auch das zweite große Thema seines literarischen und essayistischen Oeuvres: das Phänomen Grenze. Angekommen in der „Ortlosigkeit“ der Sprache, begriff er sich als „Zwischenschaftler“, dem – wie seinem Alter Ego im Roman „Vaterlandstage“ – einerseits „das gestohlene Leben im Osten“, andererseits „das Zuspätkommen im Westen“ als „Waisenkind des Klassenkampfs“ zusetzten, also eine „doppelte Schicksalslosigkeit“, wie er in der „Analyse meiner Selbstbiographie“ in Wilhelm Solms’ Sammelband „Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur“ über seinen Protagonisten Michael T. anmerkt: „Ein vertaner, zerbrochener und geteilter Lebenslauf, dessen Unterbewusstsein zu belastet ist, um frei zu werden, und so verpflanzt, unfähig, unter geringerer Belastung überhaupt noch wachsen und umgepolt werden zu können.“ "Das Lernen der Langsamkeit ist ein höheres Gut": ..."Das Lernen der Langsamkeit ist ein höheres Gut": Dieter Schlesak bei der Vorstellung seines Romans „Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens“ im Münchner Haus des Deutschen Ostens im Februar 1992. Foto: Konrad Klein Dagegen setzt Dieter Schlesak sich schreibend zur Wehr: „Alles ist noch da und doch wie längst vergangen. Und nur noch die Sprache, letzter Widerschein eines möglichen Glückszustandes, leuchtet uns heim, macht die Abwesenheit schmerzlich bewusst und führt doch Unmögliches wieder zusammen [...]. Wir stehen also nicht mehr nur zitternd unter dem alten Baum der Erkenntnis. Und im Westen? Wagen wir hier nicht, zum zweitenmal davon zu essen, damit uns die Augen nicht wirklich aufgehn!?“, fragt er im Nachwort zu seinem Gedichtband „Aufbäumen“ und resümiert: „Ich wohne in einer schönen Gegend, nach dem Verlust meines Landes wohne ich auf einem toskanischen Berg. Der Computer, auf dem ich dieses schreibe, das Auto, mit dem ich Distanzen überwinden kann, ermöglichen es mir, hier beziehungslos und frei meinem Handwerk nachzugehen. Mein Handwerk hat keinen goldnen Boden, es hat überhaupt keinen Boden, es geht mit der Schrift um, also mit der gegenwärtigen Unmöglichkeit, die weh tut, weil die Gewissheit, dass es Heimkehr gibt, in der Sprache berührbar ist. [...] Die Welt ist ein großes Buch, ein kosmischer Spachbaum; darin zu lesen, bis in den Aufbau der Atome, der Gene und Chromosomen, gelingt. Doch je genauer es entziffert ist, desto mehr nähern wir uns dem Verschwinden der Welt, jenem letzten Kapitel. [...] Wir sind an einer Grenze angelangt.“

In diesem Passus wird auch das dritte große Thema angesprochen, um das Dieter Schlesaks Werk kreist: die Frage einer möglichen Heimkehr, und zwar nicht nur in physisch-geografischem Sinn, das heißt an die Orte der Herkunft, der Kindheit und Jugend, sondern vielmehr in metaphysischem Sinn. Im Nachwort zum Gedichtband „Heimleuchten“ hat er festgehalten: „Das Fehlende allein, die Absenz, zielt ins Herz des Wirklichen, nähert sich ,Gott‘; bei den Juden trug es den Namen des ,Nichts‘, Voraussetzung, um sich jenem ,Einen‘ zu nähern, das wir nicht fassen können: Es ist das Eine als treibende Absenz, das in allem enthalten ist, ein sich in Schmerz und Freude verwandelndes Heimweh, Hohlform unverzichtbarer Hoffnung, seiner nirgends und überall erkennbaren Gestalt!“ Und in „Aufbäumen“ kommt er zu dem Schluss: „Im Poetischen ist es wie im Leben, die Untätigkeit, das Lernen der Langsamkeit ist ein höheres Gut: Die vergessene Pause der Sinne wahrzunehmen, um jenem Einbruch eine Chance zu geben; sich zurücktreten lassen, wenigstens im Wort, bis hin zum Gedächtnis eines Grashalms, eines Vogelgesangs, der zerklüfteten Steine oder des Meeresgrundes, den wir voller Schrecken manchmal sehn, indem wir den Atem anhalten und fast ersticken beim Tauchen, und dem Sehen des Grundes. [...] ,die Umkehr aller Vorstellungsarten und Formen‘, der privaten, politischen und auch der religiösen; dieses wäre der Vorgeschmack jener Heimkehr, für die es sich gelohnt hätte zu leben.“ Dieter Schlesak bei einer Lesung beim Heimattag ...Dieter Schlesak bei einer Lesung beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen 2006 in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs Dieter Schlesaks letzter Lyrikband, der 2014 im Pop-Verlag in Ludwigsburg erschienen ist, trägt den bezeichnenden Titel „Ein Buchstab bleibt“ und bezieht sich wohl auf den 16. Buchstaben des hebräischen Alphabets, Ayin, der auch für das (göttliche) Auge steht. Von dem ebenso sprachmächtigen wie produktiven Autor aber bleibt eine Vielzahl von Publikationen, von denen man die eine oder andere zu seinem Gedenken erneut hervorholen und lesen sollte – ob es sich um einen Gedichtband handelte wie „Grenzstreifen“ (1968), „Weiße Gegend“ (1981), „Aufbäumen“ (1990), „Landsehn“ (1997), „Tunneleffekt“ (2000), „Los“ (2002), „Herbst Zeit Lose“ (2006), „Namen Los“ (2007), „Heimleuchten“ (2009), „Der Tod ist nicht bei Trost“ (2010) und „Licht Blicke“ (2012), um einen Roman wie „Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens“ (1986), „Der Verweser“ (2002), „Romans Netz“ (2004) und „TranssylWAHNien“ (2014) bzw. einen Dokumentarroman wie „Capesius, der Auschwitzapotheker“ (2006) und „Vlad, der Todesfürst“ (2008) oder um einen Essayband wie „Visa. Ost West Lektionen“ (1970), „Wenn die Dinge aus dem Namen fallen“ (1991), „Stehendes Ich in laufender Zeit“ (1994), „So nah, so fremd. Heimatlegenden“ (1995) und „Eine Transsylvanische Reise. Ost-West-Passagen“ (2004).

Das Splittern aller Gewissheiten hat in Dieter Schlesaks Werken auch ein Splittern der Sprache nach sich gezogen, das er als „Hirnsyntax“ bezeichnet und als sein poetisches Markenzeichen etabliert hat: Semantische Strukturen brechen auf, der Sinn bewegt sich an den „Worträndern“ und verlagert sich bis in die „Wortzwischenräume“, sodass ganz neue, ungewohnte, zum Nach-Denken zwingende Konstrukte entstehen.

Mit seinem unentwegten Versuch, „Die große Störung, Leben“ zu erschließen, bei dem er weder sich selbst noch andere geschont hat, mag Dieter Schlesak nicht nur Zustimmung gefunden haben. Doch es ist auch ihm alles andere als leicht gefallen, sich vom „Hiersein“ – in dem man sich, der allgemeinen Erwartungshaltung seiner Herkunftswelt gemäß, von Kindesbeinen an ohne viel Wenn und Aber einrichten sollte – gedanklich zu distanzieren und schließlich zu lösen. Deshalb sei ihm hier mit seinen eigenen Worten aus dem Band „Namen Los“ nachgerufen: „So schüttel ab / den Hirngedanken, das weiße Haar, / streif ab den Lebensschuh, / und nimm die unsichtbaren Flügel.“

Edith Konradt

Schlagwörter: Kultur, Literatur, Dieter Schlesak, Schriftsteller, Dichter, Schäßburg

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