7. Februar 2020

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In Deutschland voll integriert und der alten Heimat doch treu geblieben: Pfarrer Imre István in den Ruhestand verabschiedet

Wiesbaden-Delkenheim. Ein Paukenschlag: Das Zifferblatt des „Ländchesdoms“ in Wiesbaden-Delkenheim mit einem Durchmesser von fast zwei Metern wird vor den Altar gerollt. Die Scheibe beeindruckt schon durch ihre schiere Größe. Aber auch die leuchtenden neu aufgetragenen Farben und die donnernden Geräusche, die das dicke Kupferblech beim Rollen verursacht, sind unvergesslich. Alle vier Zifferblätter wurden nämlich bei den groß angelegten Bauarbeiten der letzten Jahre vom Dom entfernt und die Kirchengemeinde stellt die wertvollen Kupferplatten Imre István, ihrem scheidenden Pfarrer, für seine ehemalige Kirche in Broos/Siebenbürgen zur Verfügung.
Das Turmuhrzifferblatt ist ein Sinnbild dessen, was bei der Verabschiedung von Pfarrer Istvan in der vollbesetzten Kirche klar wird: Er hat es geschafft, sich voll in das Wirken der Kirche in Deutschland und in das Leben des Stadtteils Delkenheim einzubringen – und er hat es durch seine Verankerung in der alten Heimat bereichert. Seine Delkenheimer, von denen schon viele in Siebenbürgen waren, wollen den Kirchen im Osten zum Dank etwas davon zurückgeben.

In den elf Jahren seines Wirkens in Delkenheim habe er viele „ wertvolle innere und äußere Bande“ geknüpft, so István in seiner Abschiedspredigt. Es gelte für ihn nicht nur von der Kirchengemeinde sondern von seinem Berufsleben insgesamt Abschied zu nehmen. Seine Überzeugung sei, dass alle Menschen andere Menschen brauchten, die ihnen beistehen, und er habe immer versucht, vom „sicheren Fundament der Glaubensgewissheit“ andere „in die Freude rund um Christus und Kirche hineinzuziehen.“

Oliver Albrecht, Probst der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau nahm die offizielle Verabschiedung vor. „Pfarrer Imre István brachte vollen Einsatz und erwartete von den anderen Respekt. Das hat uns bereichert in unserer allzu liberalen Kirche in Hessen und Nassau“, so Dekan Dr. Martin Menke in der anschließenden Laudatio. Mit herzlichem Dank, vielen schönen Erinnerungen, ...Mit herzlichem Dank, vielen schönen Erinnerungen, vier großen Turmuhrzifferblättern sowie dem Versprechen „seiner“ Delkenheimer Kirchengemeinde, in den nächsten elf Jahren jeweils eine Kollekte für die Stiftung Kirchenburgen in Siebenbürgen zur Verfügung zu stellen, wurde Pfarrer Imre István (links) Anfang Januar 2020 in den Ruhestand verabschiedet. Foto: Margrit Csiky Katja Kober, die neue Vorsitzende des Kirchenvorstandes, lobte das „offene Haus“ der Pfarrfamilie. Zur Erinnerung an eine fruchtbare gemeinsame Zeit werde die evangelische Gemeinde Delkenheim in den nächsten elf Jahren jeweils eine Kollekte für die Stiftung Kirchenburgen in Siebenbürgen zur Verfügung stellen.

1954 in Mediasch geboren, studierte Imre István in Hermannstadt Theologie, absolvierte sein Vikariat in verschiedenen siebenbürgischen Dörfern und trat seine erste Pfarrstelle 1979 in Broos (Orăștie) an. 1984 siedelte die Familie nach Deutschland um. Doch ein geistlicher Dienst war ihm verwehrt. Gemäß dem Motto „Die Kirche wandert nicht aus“ hatte die Evangelische Kirche in Rumänien bewirkt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland keine ausgewanderten Pfarrer in den geistlichen Dienst übernimmt. Nach schweren Jahren fand Imre István 1988 eine Pfarrstelle außerhalb Deutschlands, und zwar in Kitchener/Kanada. 1994 kam er nach Deutschland zurück und trat in Liederbach bei Frankfurt eine Pfarrstelle an, die er bis zum Umzug 2008 nach Delkenheim innehatte.

Von Anfang an verband er vorbildlich sein integratives Engagement in der „neuen Heimat“ mit der Liebe zu Siebenbürgen: In Kanada trat er dem Transylvania-Club bei; von 1998 bis 2002 leitete er im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland die Landesgruppe Hessen; gleich nach der Revolution in den 90er Jahren organisierte er mehrere Hilfstransporte nach Rumänien; als Rotarier vermittelte er begabten Siebenbürgern Stipendien in Deutschland, um nur einige Beispiele zu nennen.

Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, ließ über seinen Pressesprecher Stefan Bichler ausrichten: „Für die Schmerzen, die unsere Politik damals verursacht hat und für die menschlichen wie beruflichen Sorgen, die sich dadurch für die meist schweren Herzens ausgewanderten Pfarrer und ihre Familien ergeben haben, möchte ich im Namen der EKR um Vergebung bitten.“ Heute sei es an der Zeit, ergänzte Bichler, „die gestrige Bitternis abzulegen und frohen Mutes auf ein gemeinschaftliches, versöhntes Morgen zu blicken“. Er lud István ein, als Pfarrer i.R. Gottesdienste in Siebenbürgen abzuhalten.

Den größten Blumenstrauß des Pfarrers und standing ovations der gesamten Kirchengemeinde erhielt Ehefrau Gertrud István, die als berufstätige Lehrerin und dreifache Mutter in all den vielen Jahren auch die anspruchsvollen Aufgaben als guter Geist des Pfarrhauses vorbildlich ausgefüllt hatte, genau so, wie man es von einer „Frä Motter“ in einem siebenbürgischen Pfarrhaus erwartet.

Margrit Csiky

Schlagwörter: Kultur, Kirche und Heimat, Mediasch, Hessen, Religion

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