28. April 2020

Corona-Pandemie: Dr. Robert Offners Therapieversuch in Regensburg: Transfusion von antikörperhaltigem Blutplasma von Genesenen

Seit wenigen Wochen haben Bayerns Unikliniken die Genehmigung, Corona-Patienten mit Blutplasma-Spenden zu behandeln. Die Therapieform lässt Angehörige Schwerstkranker hoffen, denn Medikamente gegen das heimtückische Coronavirus SARS-CoV-2 gibt es immer noch nicht. Während in München, Augsburg, Erlangen und Würzburg noch Blutplasmaspender gesucht werden, ist die Uniklinik in Regensburg einen Schritt weiter. Die ersten COVID-19-Patienten haben bereits seit dem 6. April Transfusionen von Rekonvaleszentenplasma bekommen.
Der aus Siebenbürgen stammende Arzt Priv.-Doz. Dr. Robert Offner ist derzeit Leiter der Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) und in diesen Zeiten ein gefragter Mann. Die Regensburger Mediziner setzen im Kampf gegen das Coronavirus bei schweren Krankheitsverläufen u. a. auf Blutplasma von genesenen COVID-19-Patienten. Menschen, die eine Corona-Infektion überstanden haben, können jetzt schwerkranken Patienten helfen. Antikörper aus Blutplasma-Spenden der Genesenen sollen im Körper von Kranken die Viren bekämpfen. Dr. Offner in einem ZDF-Interview: „Die Viren werden von den Antikörpern, die diese Patienten gebildet haben, direkt attackiert und vernichtet. Deswegen ist es die einzige zurzeit mögliche, virusspezifische Therapie, die wir in der Hand haben.“ Für die Ärzte am UKR ist das ein vielversprechender Behandlungsansatz.

Für diese Art von Heilversuch werden Blutplasmaspender benötigt. Als Plasmaspender infrage kommen genesene Corona-infizierte Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren, die nachweislich positiv auf Coronavirus SARS-CoV-2 getestet wurden, ausgeheilt und seit mindestens 14 Tagen komplett beschwerdefrei sind. Erforderlich sind auch zwei negative SARS-CoV-2 Testergebnisse und weitere zwei Wochen Zeitabstand. Sollten noch keine negativen Befunde vorliegen, die den Beleg für eine überwundene Erkrankung liefern, so können diese Tests auch am UKR nachgeholt werden. Auch Frauen kommen als Spender infrage, jedoch darf aus immunologischen Gründen bei der potenziellen Spenderin noch keine Schwangerschaft vorgelegen haben. Ansonsten gelten die gleichen Anforderungen wie beim üblichen Blutspenden. Dr. Offner hofft, dass sich in den nächsten Wochen weitere potenzielle Plasmaspender melden.
PD Dr. Robert Offner (Mitte) bei der ersten ...
PD Dr. Robert Offner (Mitte) bei der ersten Plasmaspende zu Covid-19. Foto: UKR/Klaus Völcker
Die Ärzte am Uniklinikum Regensburg erproben die Immunplasma-Therapie nicht nur bei Schwerkranken, beatmeten Patienten, sondern sie wollen diese auch bei weniger schweren Fällen anwenden. Hier sollen die Antikörper helfen, die körpereigene Immunreaktion zu stützen und den Zustand der Patienten zu stabilisieren, damit eine künstliche Beatmung vermieden werden kann. Bisher sind es Einzelversuche, die von den Intensivmedizinern am UKR durchführt werden. Das Team der Transfusionsmedizin fokussiert auf die Rekrutierung und Selektion von geeigneten Spendewilligen sowie die Gewinnung und Bereitstellung von Reko-Blutplasma in der erwünschten Qualität und Menge. Um wissenschaftlich nachzuweisen, dass die Therapie wirksam hilft, sind größer angelegte klinische Studien notwendig, sagt Dr. Offner. Solche sollen in Kürze anlaufen. Trotzdem machen die ersten Rückmeldungen der Intensivmediziner – nach der Anwendung bei etwa zwei Dutzend Patienten – schon jetzt Hoffnung. „Natürlich beobachten wir den Verlauf. Es kommt auch immer drauf an, wie schwer die Patienten erkrankt waren, welche sonstigen Erkrankungen vorliegen. Aber die ersten positiven Anzeichen, dass das Plasma hilfreich sein könnte, konnten auch bei uns beobachtet werden“, sagt der Transfusionsmediziner.

Für die Freiwilligen sei die Spende sehr einfach, sagt eine Plasmaspenderin. Eigentlich sei es wie normales Plasmaspenden. „Da merkt man fast nichts. Und am Ende bleibt auch noch die Hoffnung, trotz der Erkrankung etwas gegen das Virus tun zu können. Die Ärzte hoffen, dass es hilft. Das ist schon ein gutes Gefühl. Dann hat das Ganze wenigstens einen Sinn gehabt, dass wir das bekommen haben", meint eine Spenderin.

Alle Behandlungen erfolgten bisher ausschließlich als sogenannter „individueller Heilversuch“ bei Schwerstkranken mit hochkomplexen Krankheitsbildern. Bei Einzelnen ist ein Rückgang der Virusaktivität zu sehen. Tragfähige Aussagen zur Wirksamkeit dieser Therapie sind aber erst nach weiteren Behandlungen und längeren Beobachtungszeiträumen möglich. Fakt ist aber, dass bisher keine unerwünschten Nebenwirkungen nach der Transfusion von 200 bis 400 ml antikörperhaltigem Rekonvaleszentenplasma – wie das Heilmittel bezeichnet wird – beobachtet wurden, bestätigt Dr. Offner, der gleichzeitig auch der Transfusionsverantwortliche am UKR ist.

Grundsätzlich wird vermutet, dass es sich bei der Gabe von Blutplasma von Genesenen um einen kausalen Therapieansatz handeln könnte, da das Virus durch spezifische Antikörper inaktiviert werden soll. Deshalb besteht durchaus Potenzial in dieser Therapie, die dem UKR zufolge weiter untersucht werden muss. Sowohl die Optimierung des Antikörpergehaltes des gespendeten Plasmas als auch die Selektion des Empfängerkollektivs, die Ermittlung des günstigsten Anwendungszeitpunktes sowie der Dosis stehen im Mittelpunkt weiterer Bemühungen der klinischen Forscher. Laut einer Pressemitteilung des UKR ist es denkbar, dass durch Verabreichung des Rekonvaleszentenplasmas in einer früheren Phase der Erkrankung, in der noch keine körpereigenen Antikörper gebildet werden, eine ungehemmte Ausbreitung des Virus gebremst werden kann. Dies muss allerdings mit Hilfe kontrollierter Studien untersucht werden, um damit zuverlässige Aussagen über die Wirksamkeit dieser temporären, passiven Immunisierung zu erhalten.

Infolge der großen Bereitschaft in der Bevölkerung, zu helfen, und der damit verbundenen steigenden Zahl von Spendewilligen ist eine Plasmagabe in erwünschtem Ausmaß in Regensburg möglich. Bei dringendem Bedarf werden auch andere Krankenhäuser (z. B. in München) mit solchen Prüfpräparaten versorgt. Das Team der Transfusionsmedizin wird von den „eigenen“, hoch motivierten Medizinstudenten aber auch von Gesundheitsämtern (z. B. Neumarkt in der Oberpfalz) tatkräftig in seiner Arbeit unterstützt.

„Wir erleben derzeit medizinhistorisch relevante Zeiten, zum Teil vergleichbar mit den Seuchen längst vergangener Zeiten, wie der gefürchtete ‚schwarze Tod‘ (Pest), die Lepra, der ‚englische Schweiß‘, die ‚ungarische Krankheit‘, die Kuhpocken, die Cholera, die Syphilis etc., aber wir verfügen heute über unvergleichbar bessere Abwehrmöglichkeiten, schlagkräftigere soziale Systeme und die Hoffnung auf effektive Arzneimittel sowie auf eine Schutzimpfung“, sagt Dr. Offner, diesmal auch als – unlängst habilitierter – Medizinhistoriker. Er dürfte den Lesern dieser Zeitung auch als aktives Mitglied des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V., als Genealoge, als Autor von medizin- und kulturhistorischen Beiträgen sowie als Herausgeber mehrerer Bücher bekannt sein.

Helmine Klein


Priv.-Doz. Dr. Robert Offner

Geboren 1960 in Seklerburg (rum. Miercurea-Ciuc, ung. Csíkszereda), entstammt Dr. Robert Offner einer Familie mit siebenbürgisch-sächsischen und -ungarischen Wurzeln. Von 1979 bis 1985 studierte er Humanmedizin in Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ung. Kolozsvár) und arbeitete danach drei Jahre lang am Universitätsklinikum als Arzt im Praktikum. Nach zweijähriger Tätigkeit als Allgemeinarzt (Seiden) siedelte er mit seiner Frau Karin (Apothekerin) 1990 nach Deutschland aus. In Bayreuth wurde er Facharzt für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie und wirkte dort von 2001 bis 2008 als Leiter des dortigen BRK-Blutspendedienstes, danach als Leitender Arzt des Blutplasmaspendezentrums Kedplasma GmbH. Seit 2012 ist er am Universitätsklinikum Regensburg als Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin tätig. Als Dozent der Medizinischen Fakultät hält er Vorlesungen in seinem Fachgebiet und in der Medizingeschichte. Er ist stolzer Vater von zwei Söhnen: Thomas (Neurowissenschaftler, 30) und Johannes (Informatiker, 27). Sie sind alle begeisterte Skifahrer und seit Kurzem auch Wanderer. Seit 1990 wirkt er als aktives Mitglied des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg e.V. in den Sektionen Naturwissenschaften und Genealogie mit, temporär auch als Leiter der Sektion Genealogie. Darüber hinaus ist er Mitglied mehrerer wissenschafts- und medizinhistorischer Gesellschaften im In- und Ausland. Fünf Bucheditionen, mehr als 50 landeskundliche und medizinhistorische Veröffentlichungen und zahlreiche Vorträge zählen zu seinen bisherigen Leistungen außerhalb seines Fachgebietes Transfusionsmedizin und Immunhämatologie. Vor Kurzem wurde sein Habilitationsverfahren im Fach Geschichte der Medizin erfolgreich abgeschlossen.

Schlagwörter: Corona, Pandemie, Infektion, Medizin, Offner, Regensburg, Forschung

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