19. Mai 2020

"Vergänglich, doch nicht vergeblich": Nachruf auf den Künstler und Kunstförderer Dr. Roland Phleps

Am 20. April d.J. ist Dr. Roland Phleps im 96. Jahr seines Lebens in Freiburg im Breisgau verstorben. „Er trug ein Jahrhundert in sich“, schrieb die Badische Zeitung im Nachruf auf den aus Siebenbürgen stammenden Künstler und Kunstförderer, auf den Arzt, den Feingeist tief humanistischer Prägung.
Roland Phleps mit seiner Skulptur „Flammenkugel“. ...
Roland Phleps mit seiner Skulptur „Flammenkugel“. Foto: Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps
Schlägt man im Lexikon der modernen Medien nach, so liest man unter „Persönlichkeiten der Stadt Hermannstadt“: „Roland Phleps, deutscher Bildhauer, Neurologe und Psychiater“, fragt man dann nach Persönlichkeiten der Bildenden Kunst in Deutschland, begegnet man wiederum Roland Phleps, gelistet als anerkannter Bildhauer. Sein Schicksal als Wanderer zwischen Heimaten in seinem fast ein Jahrhundert währenden bewegten Leben im von Weltkriegen heimgesuchten Europa teilt er mit der Geschichte vieler Deutscher, auch der Siebenbürger Sachsen. Sein ganz persönlicher Lebensweg zur herausragenden Persönlichkeit war aber einmalig. Dabei stand über allem sein Credo: „Der Mensch kann Schönheit lieben, trotz allem Schrecklichen individueller und kollektiver Erlebnisse, über Tod und Verlust hinaus – und das gerade angesichts seiner eigenen Hinfälligkeit und Vergänglichkeit des Schönen.“ Aus diesem festen Glauben als Jungbrunnen und aus der bis in die Gene prägenden besten sächsischen Kulturtradition, aus weltumfassender Bildung und aus der eigenen Familie wuchsen die außergewöhnliche Vitalität und Kreativität des Künstlers Roland Phleps.

Sein Lebensweg begann am 18. August 1924 in Hermannstadt. Die Arztfamilie pflegte Musik, der Vater sammelte und schrieb selbst Anekdoten, erste Versuche im künstlerischen Darstellen begleiteten den Schüler des Brukenthal-Gymnasiums. Aber nach dem Abitur im Jahr 1943 sollte der Ernst des Lebens mit Militärdienst, Kriegseinsatz und englischer Gefangenschaft seinen Weg bestimmen. Erst im Jahr 1946 fand die gesamte Familie in Nürtingen am Neckar, der neuen Heimatstadt, zusammen. Der 89-Jährige Künstler wird dieser Stadt, die zahlreiche Vertriebene des Krieges aufgenommen hat, in großer Dankbarkeit eine sechs Meter hohe Stahlskulptur von schlichter, schlanker Eleganz schenken. Der väterlichen Tradition folgend, studierte Roland Phleps Medizin in Tübingen und Göttingen, wirkte in Kliniken in Tübingen, Lübeck, Esslingen und dann Freiburg, absolvierte ebenda erfolgreich seine Fachausbildung zum Nervenarzt und Psychiater. Von 1959 an war Dr. Roland Phleps, als Facharzt hoch geschätzt, bis zu seinem Unruhestand in eigener Praxis tätig.
Das Einfache ist nicht simpel: Dr. Roland Phleps ...
Das Einfache ist nicht simpel: Dr. Roland Phleps mit einer seiner neueren Edelstahlplastiken, aufgenommen 2015 von Konrad Klein
Anfang der 80er Jahre erschütterte der Unfalltod seines Sohnes, der hoffnungsvoller junger Arzt war, die harmonische Familie tief. Aber „trotz aller schrecklichen Erlebnisse über Tod und Verlust hinaus kann der Mensch Schönheit lieben“- das Credo trug weiter und sollte sich bewähren. Roland Phleps begann Material nach seinem Willen zu Schönheit zu formen: Er nahm dabei glänzendes Stahlblech, plan und weiter ohne Ausdruckswert – und aus dem „zweckfreien Spiel mit geometrisch definierten Elementen“ (C. Rönn-Kollmann), Kreis, Ellipse, Quadrat, Prisma, Dreieck, schnitt, fügte und entwickelte er in reiner Formensprache schlichte, mit Leichtigkeit und Eleganz Schönheit suggerierende Kunstwerke, die unverwechselbaren Stahlskulpturen Roland Phleps‘. „Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen, Verziertes aber spricht der Menge zu“, schreibt Goethe. Wie verwandt heißt es bei Roland Phleps: Das Einfache ist nicht simpel, es „geht Hand in Hand mit Klarheit und Reinheit… es bedarf keiner Erklärung“. Janós Fajó, hochgeschätzter Künstlerkollege, schreibt: „Roland Phleps ist ein Verkünder der reinen Form (…) ein hervorragender Künstler. Seine Werke sind großartig, einfach und persönlich“. Max Bill, ihr wohl renommiertester Repräsentant definiert: „Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz. Sie ordnet die Systeme und gibt mit künstlerischen Mitteln diesen Ordnungen Leben.“ Somit ist Roland Phleps „ein sehr rationaler, konzeptioneller Planer, ein großer Geist (…), Erbe und Vertreter der Meister der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts“ (Janós Fajó).

Alle seine formvollendeten Skulpturen aus bürstengeschliffenem, leicht zu biegendem Edelstahl, manche kleinformatig, andere um im öffentlichen Raum zu wirken, finden sich abgebildet in neun Hochglanzwerkkatalogen. Begleitet von den fachlich kundigen und philosophischen Gedanken des weisen Wissenschaftler-Künstlers finden sie in die Welt.

Roland Phleps‘ Stahlskulpturen schmücken wichtige Plätze Freiburgs, und von der Skulpturenwiese am Waltersberg, wo der Künstler auf seiner Bank so gerne weilte, blicken 21 blinkende Stahlgebilde auf das Weichbild der Stadt. Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach schrieb: „Dankbar sind wir dem Künstler Roland Phleps für die großzügigen Schenkungen und Leihgaben einer ganzen Reihe von Skulpturen in den öffentlichen Räumen Freiburgs, die erfreuen und vielleicht auch irritieren, aber ebenso zu ganz grundsätzlichen Gedanken anregen.“ Seine Skulpturen stehen in Badenweiler, Dresden(3), Ulm (2), Würzburg, Nürtingen, Heitersheim, auf Burg Sponeck, im Skulpturenpark der berühmten Galerie Messmer in Riegel u.a.O. Der Künstler schuf zwei gleiche sechs Meter hohe kunstvoll gefügte Stahlsäulen, wie ein Schwesternpaar, genannt „Viribus unitis“ – die alten Römer sprachen von „vereinten Kräften“. Seit 2007 schmückt die eine den Universitätsplatz in Freiburg und seit 2008 steht die zweite vor der Transilvania-Halle in Hermannstadt. Bei deren Einweihung bezeichnete der damalige Bürgermeister Klaus Johannis, heute Staatspräsident Rumäniens, die Enthüllung dieser symbolträchtigen Säule der Zusammengehörigkeit in Geschichte und Europa als „bedeutenden und beeindruckenden Augenblick“ (ADZ).

„Der Arzt und Künstler Dr. Roland Phleps zählt nicht nur zu den Wichtigsten der Konkreten Kunst, er ist auch ein engagierter Förderer der Kunst in Freiburg“, so Ulrich von Kirchbach über die gemeinnützig anerkannte Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps, Freiburg, die der Stifter mit seinem Vermögen im Jahr 1997 gründete. 1998 ließ er dazu eine wunderschöne, lichtdurchflutete Kunsthalle vom renommierten Architekten Detlev Sacker mit Jens Pasche bauen – „ein formidables Stück Architektur“(Badische Zeitung). Sie soll den Grundgedanken der Konkreten Kunst lebendig halten, die Künstler und deren Werke fördern, die dieser Stilrichtung und ihrer Kunst verpflichtet sind. Die regelmäßig wechselnden Ausstellungen und die Konzerte, in der perfekten Akustik des Saales, benotet der Kulturbürgermeister mit: „Qualität ist der einzige, von Herrn Dr. Phleps akzeptierte Maßstab – und das ist gut so.“ Zahlreiche deutsche und berühmte internationale Künstler, auch junge, deren Weg durch eine Präsenz an diesem Ort gefördert wurde, haben hier ausgestellt, werden auch in Zukunft präsentieren, unterstützt und gefördert nun von der Vorsitzenden der Stiftung Dr. Claudia Rönn-Kollmann, der engsten Mitarbeiterin des Stiftungsgründers seit 17 Jahren, deren Kreativität, Erfahrung und Professionalität Roland Phleps hoch schätzte und auf deren Engagement er auch für alle Zukunft baute. „Ja, es wird gut weitergehen – in seinem Geist, mit meinem Stil – so wie wir es verabredet hatten“, verbindet sie mit dankbaren Worten der Wertschätzung für den „väterlichen Freund“ und dessen geschätzte, liebevolle Familie. Ingo Phleps, ein Cousin, ist Vorsitzender des Stiftungsbeirates.

Auch die Künstler trauern um den geschätzten Kollegen. „Es stimmt mich traurig, dass Herr Phleps, sein Wissen und sein wacher Geist uns nicht mehr überraschen, begeistern faszinieren und fordern werden“, schreibt Karl Menzen, Stahlbildhauer. „Wir haben einen offenen und geistig unglaublich virilen Menschen kennenlernen dürfen… seine Offenheit, seine hohe Bildung, sein Charme und seine Freundlichkeit waren Ausdruck einer großen Persönlichkeit, die wir sehr bewundert haben“, betont Klaus Simon, Künstlerischer Leiter der Holst Sinfonietta e.V.
Gedicht auf der Stele auf der Skulpturenwiese am ...
Gedicht auf der Stele auf der Skulpturenwiese am Waltersberg über Freiburg. Foto: Natalia Boltz
In den letzten Lebensjahren setzte sich der Hochbetagte intensiv mit der existenziellen Frage auseinander: Was bleibt? „Wir wissen um die Vergänglichkeit, die wir als Conditio humana bejahen. Und in dieser Bejahung gründet auch unsere Zuversicht ,vergänglich, aber nicht vergeblich‘“. Sein Vermächtnis bleibt: in Stahl, in Gedichten – einige vertont vom bekannten zeitgenössischen Komponisten V. D. Kirchner, es bleiben seine Übersetzungen aus dem Englischen von persischer Lyrik, seine verschmitzt pointierten Beiträge in der Siebenbürgischen Zeitung zur geliebten siebenbürgisch-sächsischen Muttersprache, seine Ehrung mit der Pro Meritis Artis Medaille des Verbands der Siebenbürger Sachsen (2017). Bereichernde Vernissagen, Finissagen, Konzerte bleiben unvergessen. Bei seiner Beisetzung im engsten Familienkreis begleitete der Cellist und Freund Walter-Michael Vollhardt den Abschied. Es bleibt die Erinnerung an einen wunderbaren Menschen, der bis in die letzte Stunde umgeben von den Liebsten in seiner Villa auf dem Berg luzid, ganz im Leben und gefasst auf den Abschied war. Seiner geschätzten lieben Frau Hanna und den drei Kindern mit Familie gilt unser mitfühlendes Beileid. Dem unvergesslichen Roland Phleps rufen wir nach, wie er es in seinem letzten Gedicht auf der Stele neben seiner Bank auf der Skulpturenwiese tief anrührend wünschte: Wir werden fest deine Hand halten.

Karin Servatius-Speck

Schlagwörter: Kultur, Kunst, Nachruf, Phleps, Bildhauer, Hermannstadt, Nürtingen, Freiburg

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