21. Januar 2021

Wirkungsreiches Leben für die siebenbürgische Gemeinschaft: Nachruf auf Ursula Tobias

Unsere sehr geschätzte Ursl, viele Jahre lang unsere Freundin und Wegbegleiterin im Landesvorstand, hat uns am zweiten Advent unerwartet verlassen. Ihre anpackende und mitreißende Tatkraft bis ins hohe Alter und ihre einfühlsame Vorgehensweise im Umgang mit ihren Mitmenschen haben wir an ihr stets bewundert. Ihr 60 Jahre langes Wirken für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen hat unvergessliche und nachahmenswerte Spuren hinterlassen; 2014 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Ursula Tobias bei der Frauentagung ...
Ursula Tobias bei der Frauentagung „Siebenbürgische Bräuche pflegen und erleben“, 2017.
Ursula Scholtes, eher als Ursl bekannt, wurde 1934 in Bistritz geboren. Als Zehnjährige erlebte sie zusammen mit ihren Geschwistern, von der Mutter und der Großmutter begleitet, 1944 die entbehrungsreiche Flucht aus Nordsiebenbürgen Richtung Westen. Von verschiedenen Anlaufstellen abgewiesen, ließ sich die Familie nach einem Jahr des Umherziehens im Ruhrgebiet nieder. Von einem für die Nöte der siebenbürgischen Landsleute offenen Elternhaus geprägt, nahm Ursula früh Kontakt zu Jugendlichen aus Siebenbürgen auf. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin gründete sie 1953 eine Jugendgruppe im Raum Düsseldorf. Auf der Suche nach einer sinnvollen Betätigung während der Treffen kam man auf die Idee zu tanzen. Beschreibungen von sächsischen Tänzen wurden gesucht, abgeschrieben und umgesetzt. Mit der Gründung dieser Jugendtanzgruppe wurden für Ursula Tobias die Weichen für 60 Jahre ehrenamtlichen Einsatz für ihre Landsleute in der neuen Heimat gelegt; anfangs in Nordrhein-Westfalen und bis an ihr Lebensende in Hessen.

Nach der Heirat mit Dipl.-Ing. Heinrich Tobias, einem Siebenbürger, verlegte die junge Familie mit ihrem ersten Kind 1960 den Wohnsitz aus beruflichen Gründen nach Frankfurt. Hier widmete sich Ursl nach einer kurzen Auszeit im Beruf vor allem der Erziehung der eigenen drei Kinder. Von der Erzieherin zur Leiterin einer Kindestagesstätte in Düsseldorf-Oberkassel bis zur Lehrerin an der Hellerhofschule in Frankfurt, wo sie überwiegend legasthenische Kinder betreute, war Ursula Tobias‘ beruflicher Werdegang bemerkenswert. Er beweist ihre lebendige Tatkraft, sich damit zu beschäftigen, was in der betreffenden Phase ihres Lebens wichtig war. Bewundernswert war ihr persönlicher Einsatz zum Wohle der ihr anvertrauten Kinder.

Trotz dieser verantwortungsvollen Aufgaben nahm sie bald Kontakt zu den siebenbürgischen Frauen in der (damals) Landesgruppe Hessen auf und schloss sich ihrem Kreis an. Damit wurde auch die Verbindung zu Siebenbürgen wieder belebt, denn die Frauen stellten Hilfspakete für die Landsleute in Siebenbürgen zusammen und der Erlös ihrer Handarbeiten wurde ans Siebenbürgische Hilfskomitee/Sozialwerk überwiesen. Ursls Verbundenheit zur alten Heimat Siebenbürgen riss nie ab. Sie zeigte sich in ihrem Willen, die sächsische Mundart zu erlernen. Sie zeigte sich im Besonderen nach 1989, als Ursula Tobias Sammlungen für Hilfstransporte nach Siebenbürgen initiierte, und später in vielen Reisen nach Siebenbürgen. Voller Stolz berichtete Ursl gern von der schönsten und gelungensten Reise dorthin, die sie mit 80 Jahren für ihre Familie organisiert hatte, damit diese ihre Heimat Siebenbürgen kennenlerne.

Nachdem sie 1999 in den Ruhestand eingetreten war, widmete Ursl noch mehr Zeit den Belangen der Landesgruppe Hessen. Sie hat bei zahlreichen kulturellen Veranstaltungen im organisatorischen Bereich Verantwortung übernommen. Während der traditionellen Waldfeste in Neu-Isenburg hat sie die spielerische Betreuung der Kinder übernommen. Als stellvertretende Landesvorsitzende hat sie zahlreiche repräsentative Termine wahrgenommen. Es war ihr wichtig, dass wir Siebenbürger Sachsen in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen und geschätzt werden. Im Rahmen ihrer Mitgliedschaft im Kirchenvorstand der St.-Katharina-Gemeinde in Frankfurt gelang es ihr, den Frauenkreis als geschätzte Gruppe im Gemeindehaus zu etablieren. Der siebenbürgische Stand mit Kleingebäck und Handarbeiten wurde zum Magneten beim jährlichen Weihnachtsbasar der Gemeinde. 1991 wurde sie offiziell zur Frauenreferentin im Landesvorstand Hessen gewählt und damit wurde eine neue Idee geboren. Im Bestreben, alle Frauen in Hessen zu erreichen, organisierte sie jährlich eine gut besuchte mehrtägige Tagung. Auch schwere persönliche Verluste haben Ursl nicht von der ehrenamtlichen Arbeit abgehalten. Ihr Gottvertrauen half ihr, den Tod des Ehemannes und drei Jahre später den ihres Sohnes zu überwinden.

Als sie 2012 das Frauenreferat an die jüngere Generation abtrat, war es ein Herzenswunsch, den Seniorinnenkreis im evangelischen Gemeindehaus weiterzuführen. Das tat sie mit viel Engagement bis zum Beginn dieses Jahres. Ein Sturz während einer Wanderung mit den Seniorinnen im Taunus veränderte schlagartig ihr Leben. Bald danach stellten sich unerträgliche Schmerzen ein, deren Ursache keine medizinisch geschulte Fachkraft finden konnte. Nach einer kurzen Erholungszeit in einem Pflegeheim in Oberursel verstarb sie im Krankenhaus.

Aus Ursula Tobias‘ wirkungsreichem Leben konnten nur einige Aspekte erwähnt werden, da eine Aufzählung aller ihrer Aktivitäten den Rahmen gesprengt hätte. Eines bleibt noch hinzuzufügen: Sie hat ihre Zeit als Besucherin dieser Erde zum Wohle vieler Mitmenschen gut genutzt.

Ingwelde Juchum, Karin Scheiner

Schlagwörter: Landesverband, Hessen, Porträt, Nachruf, Frauenreferentin, Tobias, Bistritz, Frankfurt

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