16. April 2021

Ein verdienstvoller Siebenbürger Sachse ist von uns gegangen: Nachruf auf Dr. Wolfgang Bonfert

Mit dem Tod von Dr. Wolfgang Bonfert verliert unsere weltweite Gemeinschaft einen großen, verdienstvollen Siebenbürger Sachsen. Am Ostersonn­tag, dem 4. April 2021, ist Dr. Wolfgang Bonfert, Ehrenvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Ehrenpräsident der Föderation der Siebenbürger Sachsen, in seinem Haus in Saarbrücken im 91. Lebensjahr friedlich entschlafen. Als herausragende Persönlichkeit hat er sechs Jahrzehnte lang den Verband der Siebenbürger Sachsen geprägt, als Bundesvorsitzender (1983-1989) hat er Strukturen und Einrichtungen begründet, die heute wesentliche Bestandteile der Gemeinschaft sind. Wir trauern gemeinsam mit Frau Ingeborg Bonfert und der gesamten Familie um diesen schmerz­lichen Verlust.
Dr. Wolfgang Bonfert hielt als Bundesvorsitzender ...
Dr. Wolfgang Bonfert hielt als Bundesvorsitzender am Pfingstssonntag 1988 die Festansprache beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs
"Wir haben die Kraft, unser Kulturerbe gemeinsam zu bewahren", sagte Dr. Wolfgang Bonfert bei der traditionellen Gedenkfeier beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen zu Pfingsten 2019 in Dinkelsbühl (SbZ Online vom 16. Juni 2019). In seiner Rede an der Gedenkstätte zog er dabei einen großen Bogen vom Andreanischen Freibrief über die Reformation bis zu den unsäglichen Wirren des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen für unsere gesamte siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft. Weiter führte er aus: „Wir gedenken aber heute, 70 Jahre nach Gründung unseres Verbandes, besonders auch aller der vielen einsatzbereiten und ehrenamtlich tätigen Männer und Frauen, die in den Nachbarschaften, den Kreisgruppen und Landesgruppen und in den Führungsgremien des Verbandes, oft unter Hintanstellung persönlicher Belange, dazu beigetragen haben, dass Siebenbürger Sachsen fern der Heimat neue Existenzen gründen konnten und dabei der Gemeinschaft verbunden blieben und das ihnen überkommene geschichtliche und kulturelle Erbe bewahren, pflegen und – wenn auch unter anderen Lebensumständen – weiter entwickeln konnten. Und wir danken den vielen Freunden und Förderern, die uns in unseren Anliegen und Verpflichtungen unterstützen, Menschen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen, in denen sie mit Siebenbürger Sachsen in Kontakt kamen. Wir danken im Besonderen den Verantwortlichen unseres Patenlandes Nordrhein-Westfahlen und den Bürgern, Stadträten und Bürgermeistern unserer Partnerstadt Dinkelsbühl.“ Die Gedenkstätte in Dinkelsbühl betrachtete Dr. Bonfert aber nicht nur als einen Ort des Erinnerns und rückgewandten Gedenkens, sondern als zentralen Begegnungs- und Bekenntnisort, der eine Station auf dem Weg in die Zukunft sei. Diese Gedenkrede beinhaltet das Vermächtnis eines verdienstvollen Siebenbürger Sachsen, der viele zukunftsweisende Zeichen während seines landsmannschaftlichen Wirkens gesetzt hat.

Link zum Video„Wir haben die Kraft, unser Kulturerbe gemeinsam zu bewahren“ - Ehrenvorsitzender Wolfgang Bonfert sprach am Pfingstsonntag 2019 an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Video: Günther Melzer Wolfgang Alfred Bonfert wurde am 6. August 1930 in Bukarest geboren, ist in Siebenbürgen (Kronstadt und Hermannstadt) aufgewachsen, bevor er 1940 mit seiner Familie nach Norddeutschland kam. Nach dem Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, das er mit dem Staatsexamen abschloss, folgten 1959 die Promotion zum Dr. med. vet. und verschiedene verantwortungsvolle Positionen als Veterinärrat, Fachtierarzt für Lebensmittelhygiene, bis er schließlich im Gesundheitsministerium in Saarbrücken das Amt eines Ministerialrats und Leiters des Veterinärwesens im Saarland wahrnahm. Seinen beruflichen Werdegang rundete er von 1975 bis 1989 mit einem Lehrauftrag in seinem Fachgebiet Lebensmittelhygiene an der Universität Saarbrücken ab. In seinem Berufsleben war er in vielen Gremien ehrenamtlich tätig, zuletzt als Vorsitzender des Sozialausschusses der Tierärztekammer des Saarlandes bis Juli 2010. In 22 beruflichen, kulturellen und sozialen Vereinigungen war er als Mitglied oder im Vorstand aktiv.

Seit 1959 war Dr. Wolfgang Bonfert Mitglied der Landsmannschaft, 1962 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden der Landesgruppe Saarland gewählt, 1966 bis 1970 war er deren Landesvorsitzender. Von 1970 bis 1980 engagierte er sich als stellvertretender Bundesvorsitzender und danach als Bundesjugendbeauftragter im Bundesvorstand. Seine Wahl zum Bundesvorsitzenden erfolgte im April 1983, ein Ehrenamt, das er bis November 1989 innehatte.

Diese Zeit als Bundesvorsitzender sollte eine besonders erfolgreiche Zeit mit nachhaltigen Wirkungen bis in die Gegenwart werden. Auch in diesem höchsten landsmannschaftlichen Amt praktizierte er eine intensive „Arbeit an der Basis“, reiste zu Kreis- und Landesgruppen, ließ kaum ein Wochenende aus, um seinen Landsleuten Rede und Antwort zu stehen. Dabei blieb er über die Jahre derselbe bescheidene und bodenständige „Bundesvorsitzende zum Anfassen“, wie ihn ein Landsmann einmal nannte. Die sehr guten Kontakte zu den Landsleuten führte er auch nach seiner aktiven Zeit weiter, Dr. Bonfert war immer sehr glaubwürdig und genoss ein hohes Ansehen und Vertrauen.
Historischer Heimattag zu Pfingsten 1990 in ...
Historischer Heimattag zu Pfingsten 1990 in Dinkelsbühl: Dr. Wolfgang Bonfert, Vorsitzender der Föderation, und Bundesvorsitzender Dankwart Reissenberger im Gespräch mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (von links nach rechts). Foto: Josef Balazs
In den 1980er Jahren festigte die Landsmannschaft ihre Position als politischer Repräsentant der Siebenbürger Sachsen, wurde als Gesprächspartner der Bundesregierung anerkannt, wenn es zum Beispiel um die Familienzusammenführung ging. Man setzte sich intensiv ein, auch in Kontakten mit dem kommunistischen Regime in Bukarest, um die Familienzusammenführung human abzuwickeln, auch um die Landsleute vor Übergriffen und Behördenwillkür zu schützen.

Wegweisend war sein Einsatz zur Förderung der Jugend, die ihm immer am Herzen lag. Bereits in den 1970er Jahren setzte er sich für die Wiederbelebung und Institutionalisierung der Jugendarbeit ein und begleitete diese viele Jahre. Beim Verbandstag 1986 schließlich wurde die heutige Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD) als eigenständige Jugendgliederung in die Landsmannschaft aufgenommen. Bonfert betrachtete die Entwicklung der Jugendarbeit und das kreative Engagement der jungen Leute mit „besonderer Genugtuung“ und hoffte sehr, dass dieser Trend anhalten möge, „denn dies ist ein Teil unserer Zukunft“.

Mit großer Sachkenntnis und viel Energie hat er wesentlich zur Gründung des „Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen“ als eingetragener Verein am 26. Oktober 1986 in Dinkelsbühl beigetragen. Im gleichen Jahr wurde die hauptamtliche Stelle des Bundeskulturreferenten geschaffen. Bonfert hat Verbandstrukturen modernisiert und erweitert, die bis heute weiterbestehen und Früchte tragen.

1985 wurde die Partnerschaft zwischen der Stadt Dinkelsbühl und der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen geschlossen, die bis heute eng gepflegt wird. Dinkelsbühl blieb Dr. Wolfgang Bonfert zeitlebens eng verbunden, schloss dort Freundschaften und besuchte unsere Partnerstadt oft und gerne, und das nicht nur während der Heimattage.

Ein überaus glückliches Zusammenspiel von Amtsträgern, die bekannt waren, Vertrauen genossen und gemeinsam etwas bewegen konnten, führte am 3. Oktober 1983 im österreichischen Elixhausen zur Gründung der weltweiten „Föderation der Siebenbürger Sachsen“. Dr. Bonfert und seinen Mitstreitern gelang es, das Siebenbürgenforum dafür zu gewinnen, der Föderation 1993 beizutreten. Von 1983 bis 1992 war er der erste Vorsitzende der Föderation. Dabei waren ihm die Kontakte der Verantwortlichen in den verschiedenen Ländern der Föderation untereinander ebenso wichtig wie die Kontakte zu den Menschen, „an der Basis“, in den jeweiligen Ländern. Nur so könne man das Gemeinschaftsleben jetzt und später aufrechterhalten, war sein Credo. Genau in diesem Sinne arbeiten auch die heutigen Vorsitzenden der Verbände in der Föderation weiter. Zu seinem 90. Geburtstag ernannten sie Dr. Wolfgang Bonfert 2020 zum ersten Ehrenpräsidenten der Föderation.

Genauso wichtig ist auch sein Engagement für die Heimatortsgemeinschaften, deren Gründung ein neues Aufgabenfeld darstellte und bei einigen Kreis- und Landesgruppen seinerzeit Irritationen hervorriefen: „Ich habe mich von Anfang an dafür ausgesprochen, die Heimatortsgemeinschaften als sinnvolle Ergänzung landsmannschaftlicher Arbeit anzusehen, und habe auch regelmäßig an deren ‚Verbandsveranstaltungen‘ teilgenommen.“ Heute ergänzen sich die Verbandsgliederungen und Heimatortsgemeinschaften vorbildlich.

Dr. Wolfgang Bonfert war ein begnadeter Vermittler nicht nur in gruppeninternen Konflikten der siebziger und achtziger Jahre, sondern auch nach seiner Wahl zum Ehrenvorsitzenden beim Verbandstag 1999 wurde er immer wieder gebeten, zwischen verhärteten Fronten zu vermitteln. Sein diplomatisches Geschick hat ihm schon in der Jugendarbeit geholfen. „Durch die Arbeit mit jungen Leuten habe ich verstanden, dass ich durch persönliche Gespräche, von Angesicht zu Angesicht, viel mehr verständlich machen und bewirken kann als auf schriftlichem Wege oder durch Telefonate“, hat er einmal gesagt.

Für sein außergewöhnliches Engagement rund um den Verband wurde Dr. Bonfert mehrfach ausgezeichnet: 1967 mit dem Goldenen Ehrenwappen der Landsmannschaft, 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, 1998 mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendpreis, 1999 mit der Wahl zum Ehrenvorsitzenden der Landsmannschaft, 2009 mit dem Ehrenstern der Föderation der Siebenbürger Sachsen und 2020 als deren Ehrenpräsident.

Meine ersten Begegnungen mit Dr. Wolfgang Bonfert stammen aus meiner Zeit als Bundesjugendleiter der SJD. Unser beider Einsatz für die Jugend ist wahrscheinlich der Grund, dass wir uns auf Anhieb gut verstanden haben. Wolfgang Bonfert ist für mich zu einem väterlichen Freund geworden. Beide haben wir im Verband ähnliche Aufgaben im Laufe der Jahre wahrgenommen. Uns verbindet auch der intensive Kontakt zur Basis. Für mich ist es eine große Ehre in seine großen Fußstapfen getreten zu sein. Die Gespräche mit ihm – vor oder nach einer Sitzung – waren für mich immer bereichernd, er sprach immer mit viel Begeisterung über sein landsmannschaftliches Wirken. Ihn beim Heimattag in Dinkelsbühl zu treffen und sich hier auszutauschen, waren stets ganz besondere Momente, die ich sehr vermissen werde. In seiner letzten E-Mail an mich, genau einen Monat vor seinem Tod, bedauerte er, dass er aus technischen Gründen nicht an der virtuellen Bundesvorstandssitzung teilnehmen konnte. In Gedanken war er aber bei der Sitzung dabei und wollte im Anschluss die Ergebnisse genau studieren. Diese letzte E-Mail an mich beendete er mit folgenden Versen:

Schau ich, auch wenn von Weitem nur
dem Treiben zu, das in der Ferne
erfolgreich Arbeit Geist und Spur
erahnen lässt, ich sag’ es gerne:
Ich sag’, ich wär viel lieber mit dabei,
und wenn’s als kleines Mäuschen sei!


Die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft trauert um einen wertvollen Menschen, dem wir alle viel zu verdanken haben. Wie verneigen uns vor Wolfgang Bonfert und werden sein Andenken in Ehren halten. Möge er in Frieden ruhen. Seiner Gattin Ingeborg, den vier Kindern, drei Enkeln und der gesamten Familie wünschen wir viel Kraft und Trost in dieser schweren Zeit des Abschiednehmens.

Rainer Lehni, Bundesvorsitzender

Schlagwörter: Verbandsleben, Nachruf, Wolfgang Bonfert, Landsmannschaft, Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Föderation, Saarland

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