5. Mai 2021

Erfassen, erforschen, präsentieren: Der Kulturwissenschaftlerin Dr. Irmgard Sedler zum 70. Geburtstag

Wenn ein Mensch seine Talente, seine schöpferischen Kräfte, gepaart mit Wissensdrang, Klugheit und brennendem Einsatz, für Wissenschaft und die Gemeinschaft einbringt, dann lebt er seine Berufung, erlebt den Erfolg – ihm gebühren Anerkennung und Dank. Es ist sicherlich ein Glücksfall, wenn man im Leben schon früh auf diesen Weg findet.
Dr. Irmgard Sedler in ihrem Büro im Museum im ...
Dr. Irmgard Sedler in ihrem Büro im Museum im Kleihues-Bau 2017. Der Holzschnitt von Gert Fabritius auf dem Schreibtisch zeigt ein Porträt der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Foto: Y. Zeyrek
Dr. Irmgard Sedler, geboren am 5. Mai 1951 in Alzen im siebenbürgischen Harbachtal, wuchs behütet in gepflegter protestantischer Familientradition auf, die Bewahrung und Beständigkeit prägt, in der zugleich aber auch durch Generationen von Baumeistern und KünstlerInnen schöpferische Kreativität gelebt wird. „Ich sah mich immer schon in dieser Familientradition, etwas Sichtbares kreativ in den Raum zu stellen, es so zu gestalten, dass sein Anblick dem Betrachter Freude macht, ihn durch die Ästhetik herausfordert“ (I. Sedler). Gebäude sind es keine geworden, aber bleibende Dauereinrichtungen von wichtigen Museen und beeindruckende Ausstellungen über Grenzen hinweg, mit bleibenden wertvollen Kunstkatalogen.

Nach Abschluss des Brukenthalgymnasiums in Hermannstadt folgte das Studium der Germanistik und Romanistik (1971-1975) an der Zweigstelle Hermannstadt der Klausenburger Babeș-Bolyai Universität. Im Elternhaus der Großfamilie war dem Kind schon früh sächsisches Volksgut mit seinen Weisheiten, seinen Versen und seinem Liederschatz zugewachsen, ebenso ein Wissen um die anderen Kulturen im multiethnischen Raum, deren Vertreter als Kunden oder Freunde im offenen Hause des Baumeistergroßvaters verkehrten. Die Vorlesungen in Volkskunde bei einem der führenden rumänischen Folkloristen, Gheorghe Pavelescu, wiesen dann den Weg zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem reichen Fundus Volksgut.
Blick in die Ausstellung „Spuren im Raum. ...
Blick in die Ausstellung „Spuren im Raum. Bronzeplastiken von Kurtfritz Handel“, September 2011, Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim. Foto: Christian Wesser
Als junge Lehrerin in Alzen, wo sie nach dem ersten Staatsexamen Deutsch und Französisch unterrichtete, mit Ehemann Werner Sedler und den beiden kleinen Söhnen unmittelbar und aktiv in die sächsische Gemeinschaft eingebunden, erlebte Irmgard Sedler die Faszination deren tradierter Lebensmuster und -ordnungen, zugleich auch deren vitale Anpassungsfähigkeit unter den damaligen kommunistischen gesellschaftlichen Bedingungen. Hier wuchs aus Erleben die Einsicht, die sie in einem Interview an einem Heimattag mitteilte: „Tradition war nie etwas Starres. Sie ist nur dann lebensfähig, wenn sie sinnstiftend gewandelt wird.“ Diese historische Entwicklung zu erforschen ist spannend. Auch das Wissen um die rumänische bäuerlichen Kultur wuchs hier im tradiert geregelten Nebeneinander der ethnischen Völkergruppen inklusive der Roma im Ort. „Alles in allem war ich an der Quelle eines kaum fassbaren Reichtums an Wissen und ausgeklügelt an die Tradition sich anlehnender Lebensäußerungen, die, wie mir schien, nur darauf warteten, erforscht zu werden.“ (I. Sedler) Sie erhielt Einblick in eine überaus reiche, jahrhundertealte Materialkultur, in den 70er Jahren noch fest eingebunden in die ländlichen Rituale des Alltags- und Festlebens. Der Weg zu wissenschaftlicher Erforschung dieses Bereichs, verbunden mit seiner musealen Präsentation, dem Bewusstsein-Erhalten, zeigte sich überdeutlich auf.

Hochmotiviert trat sie im Jahr 1982 nach Bewerbung mit anspruchsvollem Auswahlverfahren in der Nachfolge der bekannten Museologin Ulrike Weindel-Rusdea die Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Volkskundeabteilung des Brukenthalmuseums in Hermannstadt an (siehe Artikel "Ulrike Ruşdea: Mühlenforscherin von europäischem Rang" von Konrad Klein, SbZ Online vom 29. März 2009). Auch in der kommunistischen Zeit hatte das Museum seinen Status als Nationalmuseum behalten und nach kurzer Zeit schon wurde der jungen wissenschaftlichen Mitarbeiterin gestattet, ein eigenes Profil zu entwickeln. Irmgard Sedler übernahm die Kustodie über die siebenbürgisch-sächsischen Sammlungen im Hause, absolvierte gleichzeitig erfolgreich ein Aufbaustudium Fachrichtung Museumswissenschaften und Volkskunde an der Universität Bukarest, 1984 folgte ein Studienaufenthalt am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. In wenigen Jahren wurde sie Oberkonservatorin und Kustodin der Textil- und Möbelsammlung, konnte im Laufe der zehn Jahre Tätigkeit an den siebenbürgisch-sächsischen Sammlungen, die größtenteils von Emil Sigerus in seiner Zeit für das Karpatenmuseum zusammengetragen worden waren, diese wissenschaftlich aufarbeiten, wertvoll ausbauen und präsentieren. Und schon 1984 gelang ein erstes wichtiges Heraustreten an die breite Öffentlichkeit mit siebenbürgisch-sächsischer Thematik: Eine umfangreiche Ausstellung zur ländlichen Wohnkultur mit Schwerpunkt auf die Entwicklung der Möbelmalerei vom 17.-20. Jahrhundert. Die Ausstellung im „Schatzkästlein“ fand ein großes Echo im In- und Ausland, wurde Anlass zu eigenen und weiteren Publikationen. Sie stand am Anfang einer regen erfolgreichen Ausstellungstätigkeit der Museumsfachfrau. 1989 schloss eine Ausstellung zur Modegeschichte siebenbürgischer Standeskleidung ihre Arbeit am Brukenthalmuseum ab, mit dem sie bis heute in gemeinsamen Projekten verbunden ist.
Irmgard Sedler im Gespräch mit dem Künstler ...
Irmgard Sedler im Gespräch mit dem Künstler Markus Lüpertz während der Ausstellung „Markus Lüpertz. Einblicke“, Februar 2016, Museum im Kleihues-Bau. Foto: Werner Sedler
Wichtiger als die Ausstellungstätigkeit bleibt für Irmgard Sedler jedoch die wissenschaftliche Feldforschung mit ihrer bewahrenden Dokumentation. Schon Anfang der 80er Jahre hatte sie eine intensive Feldforschung in den Gemeinden des sächsischen Siedlungsgebietes Siebenbürgens begonnen. Wesentlich unterstützt wurde sie damals und wird sie in ihren Projekten bis heute von ihrem Ehemann Werner Sedler, der die fotodokumentarische Arbeit übernahm. Als Angestellte des Brukenthalmuseums setzte sie diese Arbeit beruflich fort. In Zusammenarbeit mit dem Hermannstädter ASTRA-Nationalmuseum, dem österreichischen Museum für Volkskunde u.a. waren es zuletzt über 80 Ortschaften, in denen Unwiederbringliches dokumentiert worden ist: zu ländlicher Kleidung im Alltag und Kirchentracht, Patriziertracht, zu bemalten Kassettendecken der evangelischen Kirchen, ländlicher Architektur, Wohnkultur – Schwerpunkt bemalte Möbel –, zum Wandel im Habitat, sowie überhaupt zu den Mechanismen der kulturellen Identität und der Interethnik am Beispiel der Materialkultur. Diese Dokumentation ist heute Teil eines sehr umfangreichen Archivs, das noch lange nicht vollständig aufgearbeitet ist, aber immer wieder zu Projekten für grundsätzliche Publikationen diente und dient, unter anderen auch zu ihrer Promotionsarbeit mit der Thesis „Die Landler in Siebenbürgen. Gruppenidentität im Spiegel der Kleidung. Von der Mitte des 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts“. Im Jahr 1990 wechselte Irmgard Sedler als Abteilungsdirektorin ans „ASTRA“- Nationalmuseum ländlicher Kultur und Zivilisation. Die Feldforschung in den Dörfern der Mărginimea Sibiului bis in die Streusiedlungen der Westkarpaten zwecks Dokumentation von Gehöften, die später den Weg ins Freilichtmuseum im Jungen Wald fanden, kam ihrer Vorliebe für Architektur und das Bauhandwerk entgegen, sie brachte ihr, dank der Einblicke in das tradierte Alltagsleben der rumänischen Landbevölkerung die notwendige Ergänzung an Wissen um den sächsischen Forschungsbereich und führte zu einem vertieften Verständnis der kulturellen Vielfalt des Landes.

1991 siedelte Irmgard Sedler mit ihrer Familie in die Bundesrepublik Deutschland aus. Sie hinterließ in Rumänien eine konservatorisch, restauratorisch und wissenschaftlich aufgearbeitete, umfassende Möbelsammlung am Brukenthalmuseum, eigene Akzentsetzungen in der Dauerausstellung des Museums der bäuerlichen Technik im Jungen Wald; zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften waren erschienen. Ihrem Forschungsbereich blieb und bleibt die Wissenschaftlerin und Museumsfachfrau bis heute treu: Schon im Jahr 1995 wurde die von ihr konzipierte und gestaltete Dauerausstellung des Landlermuseums in Bad Goisern mit dem Österreichischen Museumspreis ausgezeichnet. 2003 erhielt sie die Verdienstmedaille „Cornel Irimie“ des Astra-Museums für Verdienste im Bereich der nationalen Museumswissenschaften, und 2013 die ASTRA-Jubiläumsmedaille für „besondere Verdienste im Bereich der nationalen Museumskultur“.

Dankesrede von Dr. Irmgard Sedler, Trägerin des ...
Dankesrede von Dr. Irmgard Sedler, Trägerin des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2019, in der St. Pauls-Kirche in Dinkelsbühl. Foto: Y. Zeyrek
1992 betrat sie in der neuen Heimat auch als Museumsfachfrau thematisches Neuland: Sie übernahm das Schulmuseum Nordwürttemberg in Kornwestheim bei Stuttgart. Auch diese museale Einrichtung gestaltete sie erfolgreich um, so dass die Dauerausstellung mit ihren über tausend Exponaten einen lehrreichen Einblick in den Schulalltag vergangener Jahrhunderte gewährt. Gezeigt wird ein Abriss der Geschichte der Schule in Württemberg mit Schwerpunkt auf dem Wandel in Unterricht und der gesellschaftlichen Stellung von Schule und Lehrerstand. Eine über 1000 Exemplare umfassende Sammlung deutschsprachiger Fibeln aus drei Jahrhunderten sowie eine Lesebuch-Sammlung wurden aufgebaut. Die Beschäftigung mit den Menschen dieser Region führte zu weiteren Recherchen. Mit einer Ausstellung zum Jubiläum württembergischer Eisenbahngeschichte, 1996, wurde Irmgard Sedler auch die Stadtgeschichte Kornwestheims anvertraut. In dem Bereich wuchs auch ihr Interesse für die Firma Salamander, aus deren Erforschung wiederum das Interesse für die Modegeschichte der Fußbekleidung erfolgte. In zahlreichen Ausstellungen, die bis Russland führten, fanden die breitgefächerten Forschungsergebnisse ihren Niederschlag, in Kunstkatalogen wie „Noblesse und Raffinement. Der höfische Schuh in Barock und Rokoko“ (2018) bleibend. Die Monografien wie „Bahnhofstraße. Häuser und Menschen“ (2005), „Das Reich war uns kein Traum mehr“ (2018), „Im Zeichen des Salamander“ (2014) bleiben verlässliche und zugleich anschauliche Dokumente der Stadtgeschichte Kornwestheims.

Ab 2003 übernahm Irmgard Sedler zusätzlich die städtische Galerie im architektonischen Juwel von J. P. Kleihues. Es gelang ihr unter dem neuen Namen „Museum im Kleihues-Bau“ ein Kunstmuseum für das 20. und 21. Jahrhundert aufzubauen, das aus der deutschen Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist. Sie trug dafür einen wertvollen Sammlungsbestand zusammen, der Bau selbst wurde als denkmalgeschützt anerkannt. Ihr ursprünglicher Traum, Architektur und Kunst in immer neuen Präsentationen zusammenzubringen, fand hier Erfüllung. Zusammen mit namhaften Architekten schuf sie die Raumgestaltung für Ausstellungen berühmter Künstler wie Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Ida Kerkovius, Werner Pokorny, HAP Grieshaber u.a.m., unvergessen dabei die Ausstellung „Spuren im Raum“ von Kurtfritz Handel und die seiner ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden renommierten Künstlerkollegen Heinrich Neugeboren und Gert Fabritius sowie Kath Zipser. Auch junge Künstler wie Moritz Götze wurden gefördert. Über 70 Ausstellungen, z. T. in der Zusammenarbeit mit namhaften Museen und Galerien wurden von Irmgard Sedler kuratiert, über 40 Kataloge erschienen. Bei ihrer Verabschiedung in den Ruhestand 2018 waren Persönlichkeiten aus ganz Deutschland anwesend. Oberbürgermeisterin Ursula Keck dankte in ihrer Laudatio Irmgard Sedler für ihren „unermüdlichen, weit über das Übliche hinausgehenden Einsatz für unsere Museen“, „das Renommee“ und „die bleibenden Werte, die sie (dafür) geschaffen“ habe.
Blick in die Ausstellung „Werner Pokorny“, 2018 ...
Blick in die Ausstellung „Werner Pokorny“, 2018 im Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim. Foto: Christian Wesser
Der Ruhestand Irmgard Sedlers sollte nahtlos zum Unruhestand werden. Seit 1999 bis heute ist Irmgard Sedler auch Vorsitzende des Trägervereins Siebenbürgisches Museum Gundelsheim und bringt in diesem Ehrenamt seit über 20 Jahren in bester Zusammenarbeit mit dem Museumsmitarbeiterteam so gut wie einen vollen beruflichen Auftrag ein. Im Museum hat sie die Themenräume Nachbarschaft, ländliche Wohnkultur und den Schulraum neu konzipiert, wobei die zeitgenössische Relevanz der Objekte in die Auswahl einfloss, die Gemäldesammlung wurde bis zum Status einer Kernsammlung vorangetrieben, dazu die Grundsteine gelegt für die Sammlungsbereiche siebenbürgische Kirchengeschichte, Landlergeschichte, städtische Mode und Lebensart, Alltagskultur in Siebenbürgen. Dr. Markus Lörz, seit 2013 Museumsleiter, wurde mit den Institutionen und Kollegen in Hermannstadt vernetzt, in gemeinsame Projekte der Feldforschung eingebunden, so dass die fruchtbare grenzüberschreitende Beziehung gesichert ist. Als Anfang des Jahrhunderts das Museum nach Ulm verlagert werden sollte, hat Irmgard Sedler auf höchster Ebene die Fachargumente für sein Bleiben erfolgreich eingebracht. Die Vielzahl der Ausstellungen des Museums – einige fanden dank der Doppelfunktion von Frau Sedler auch im Kleihues-Bau statt, wie die Ikonenausstellung „Zerbrechliche Heiligenwelten“ (2004) oder „Siebenbürgen und die Siebenbürgische Klassische Moderne“ (2006) – sind in Kunstkatalogen dokumentiert, zwei der jüngsten seien genannt: „Das Wort sie sollen lassen stahn“ (2019) zur Landlergeschichte und „Skoro damoi“ (2021) zur Russlanddeportation.
Dr. Alexandru Chituță (Brukenthalmuseum ...
Dr. Alexandru Chituță (Brukenthalmuseum Hermannstadt), Dr. Irmgard Sedler und Dr. Markus Lörz (von links) bei der Eröffnung der Ausstellung „Kirchenschätze aus Tulcea“, 2019.
Die wissenschaftliche Arbeit ist und bleibt die große Konstante im Leben von Irmgard Sedler, sie ist letztendlich auch die Basis für ihre erfolgreiche Museumsarbeit. Sie findet ihren Niederschlag in relevanten Publikationen und Tagungsbeiträgen, in der Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Kommissionen und als beratendes Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes. Und sie findet ihre Anerkennung u.a. in Ehrungen wie dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis (2019) und dem Bundesverdienstkreuz am Bande (2020), der höchsten Auszeichnung, die die Bundesrepublik Deutschland für besondere Verdienste und Leistungen für das Gemeinwesen verleiht.

Uns bleibt der Jubilarin, Wissenschaftlerin und Familienmensch, zu allem bisher Geleisteten herzlich zu gratulieren! Und für alle Zukunft der Wunsch: Weiterhin Glück, Erfolg und Kraft! „Når de Geseangt!“

Karin Servatius-Speck

Schlagwörter: Kultur, Kulturwissenschaft, Volkskundlerin, Irmgard Sedler, Alzen, Hermannstadt, Kornwestheim, Siebenbürgisches Museum, Gundelsheim

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