3. Dezember 2021

Als Musiker der Gemeinschaft gedient: Nachruf auf den Tartlauer Johann Bruss

Johann Bruss ist am 25. Oktober 2021 im Alter von knapp 92 Jahren in Fornsbach gestorben. Er hat das siebenbürgische Musikleben in Tartlau und in Böblingen jahrzehntelang geprägt und einen wichtigen Beitrag zur siebenbürgisch-sächsischen Kulturpflege geleistet.
Johann Bruss, 2014. Foto: privat ...
Johann Bruss, 2014. Foto: privat
Geboren wurde Hans Bruss, so sein Rufname, am 12. November 1929 als ältester Sohn einer angesehenen Bauernfamilie in Tartlau, wo er zunächst eine unbeschwerte Kindheit erlebte, bevor sich der Schatten des Krieges in Siebenbürgen ausbreitete. Sein Vater zog in den Krieg und wurde im Januar 1945 nach Russland deportiert. So wurde Johann Bruss sehr früh zum Verantwortungsträger der Familie mit den beiden jüngeren Geschwistern. Er erlebte die Enteignung und Entrechtung seiner und vieler anderer sächsischen Familien.

Beruflich begann Johann Bruss („Muerks“) als Maurer-Lehrling 1946, arbeitete zunächst an Bahn-Baustellen, ab September 1948 in der Tuchfabrik Tartlau und dann von 1950 bis zur Aussiedlung im Kronstädter Traktorenwerk, die letzten Jahrzehnte als angesehener Elektromeister, der sich fachlich ständig fortgebildet hatte. Durch seinen Beruf sicherte er den Lebensunterhalt seiner Familie. 1955 heiratete er Katharina geb. Zerbes, die ihm drei Söhne schenkte: Hans, Werner und Sigmar Markus.

Von der Musik konnte Johann Bruss trotz seiner großen Begabung nicht leben. Aber Musik hat sein ganzes Leben geprägt und zur Erfüllung gebracht. 1940 fing er an, Musikinstrumente zu lernen, zunächst Akkordeon, sowie 1947 Klarinette und Saxophon. 1946/1947 gehörte er zu den Sängern des von Pfarrer Reich gegründeten Tartlauer Jugendchors. Seit 1948 spielte er in der Blaskapelle Tartlau und war eine feste Größe im Kirchenchor. In den sechziger Jahren sang er auch im Tartlauer Männerquartett, das er leitete. Seit 1957 bildete er sich an der Kunstschule („Școala populară de artă“) in Kronstadt fort: Drei Jahre lang belegte er die Klasse für Klarinette und zwei Jahre lang wurde er als Dirigent für Chor und in Harmonielehre ausgebildet. Im August 1967 wurde er zum Leiter der vereinigten Blaskapelle Tartlau bestimmt. 20 Jahre lang leitete und formte er die Blaskapelle Tartlau zu einem technisch gut ausgebildeten Klangkörper.

Schon in den sechziger Jahren gründete er ein Leichtmusikorchester, das bis zu seiner Ausreise unter seiner Leitung auf zahlreichen Hochzeiten in Tartlau und in anderen Burzenländer Gemeinden aufspielte. Auch die technisch anspruchsvolle rumänische Volksmusik beherrschte er (Klarinette und Saxophon) perfekt und war dadurch auch bei der rumänischen Bevölkerung sehr beliebt. Außerdem spielte er jahrelang in der Blasmusik der Traktorenwerke Kronstadt und wurde oft zur Aushilfe in der Militärkapelle gerufen.
Johann Bruss (vorne links) mit der Tartlauer ...
Johann Bruss (vorne links) mit der Tartlauer Blaskapelle beim Trachtenumzug des Heimattages der Siebenbürger Sachsen 2011 in Dinkelsbühl, der im Zeichen des 800-jährigen Burzenländer Jubiläums stand. Foto: Siegbert Bruss
Nach der Aussiedlung am 25. Dezember 1987 ließ sich Johann Bruss mit seiner Familie in Fornsbach, einem Ortsteil von Murrhardt, im Rems-Murr-Kreis nieder. Die Tartlauer Musiktradition setzte er in Deutschland fort und wirkte als langjähriger Leiter mehrerer Formationen. 1990 gründete er den Tartlauer gemischten Chor und die Männersinggruppe wieder. Schon im Sommer 1989 fanden sich in seiner Wohnung erstmals fünf Musikanten zusammen und gründeten die Tartlauer Blaskapelle wieder. Sie probten in wechselnden Räumlichkeiten, spielten bei Familienfeiern, Beerdigungen, bei den Heimattagen in Dinkelsbühl, gestalteten die Tartlauer Treffen und die Kulturprogramme in Böblingen mit. Die Tartlauer Blaskapelle trat zugleich als Blaskapelle Böblingen auf, die 1994 ins Leben gerufen wurde. Diese entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem gut funktionierenden Musikverein, der sich unter dem Namen „Siebenbürger Blaskapelle Böblingen e.V.“ 2004 ins Vereinsregister eintrug. Den Dirigentenstab der Böblinger Blaskapelle gab er 2007 weiter, wirkte aber als aktiver Bläser bis 2015 mit. In all den Jahren legte er mit dem Zug die 80 Kilometer lange Strecke zwischen Fornsbach und Böblingen zurück. Seine Frau Katharina war inzwischen zum Pflegefall geworden. Ihr widmete er sich mit viel Liebe und Fürsorge bis zu ihrem Tod im Januar 2020. Im Gesangsverein Fornsbach und der Tartlauer Männersinggruppe wirkte er bis 2017 mit.

Johann Bruss hat zahlreiche Musikstücke für Blasmusik und Chor arrangiert. Für seine Verdienste um die Pflege siebenbürgisch-sächsischer Tradition erhielt er 1998 das Goldene Ehrenwappen des Verbands der Siebenbürger Sachsen.

Johann Bruss starb am 25. Oktober 2021 nach einem erfüllten Leben, das er in erheblichem Maße der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft gewidmet hatte. Sein jüngster Sohn Sigmar Markus Bruss, der in der Tartlauer und Böblinger Blaskapelle Flügelhorn und Trompete spielte, erinnert sich, dass sein Vater ihm und seinen beiden Brüdern immer wieder einen Spruch des Großvaters nahegebracht habe: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Zu einem Leitspruch für Johann Bruss wurde der Konfirmandenspruch, den er am 5. April 1945 in Tartlau erhalten hatte: „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ Diesen Konfirmationsspruch stellte Pfarrer Steffen Kaltenbach in den Mittelpunkt seiner Predigt zur Beerdigung von Johann Bruss am 28. Oktober in Fornsbach. Der Pfarrer betonte seine außerordentliche Tatkraft, Liebe und Lebensleistung. „Bei aller Anpassungsfähigkeit und aktiver Gestaltung seines Lebens hier in Südwestdeutschland ist er im Herzen immer ein Tartlauer, ein Siebenbürger Sachse geblieben“, sagte Kaltenbach. Musikalisch umrahmt wurde die Trauerfeier von sechs Musikanten der Siebenbürger Blaskapelle Böblingen und dem Chor des Gesangvereins Fornsbach.

Volkmar Kirres, Nachbarvater der 9. Tartlauer Nachbarschaft, würdigt Johann Bruss als prägende kulturelle Persönlichkeit Tartlaus: „Wer kannte ihn nicht, den langjährigen Chef der Tartlauer Blasmusik und des Orchesters, der wie kaum ein Zweiter das musikalische Leben Tartlaus geprägt und gefördert hat? Doch auch nach seiner Ausreise hat Johann Bruss in der neuen Heimat durch seine Kulturarbeit innerhalb der Tartlauer Nachbarschaft und darüber hinaus neue Maßstäbe gesetzt und sich durch seinen Beitrag unvergesslich ins Gedächtnis aller Tartlauer eingeprägt. Mit Johann Bruss verliert die 9. Tartlauer Nachbarschaft ein höchst verdienstvolles Mitglied und seine Familie den Vater, Großvater und Urgroßvater, zu dem alle respektvoll und voller Bewunderung aufgesehen haben. Johann Bruss hat sich vor allem durch seinen unermüdlichen Beitrag bei der Gestaltung des kulturellen Nachmittags unserer Tartlauer Treffen einen Namen gemacht. Der Auftritt von Blasmusik, gemischtem Chor und Männerquartett unter seiner fachkundigen und mitreißenden Leitung war über viele Jahre eine feste Größe bei unseren Treffen wie auch beim Heimattag in Dinkelsbühl. Wir werden Johann Bruss als den langjährigen Kulturreferenten unserer Nachbarschaft (1990-2006) in bleibender Erinnerung bewahren und sprechen den trauernden Hinterbliebenen unser aufrichtiges Beileid aus.“

Siegbert Bruss

Schlagwörter: Musik, Tartlau, Böblingen, Blasmusik, HOG

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