1. Februar 2022

Starke Impulse für zusammenwachsende Gemeinschaft/Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă zieht Bilanz

Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă wirkt seit 1986 in der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), zuerst als Gemeindepfarrer in Broos, danach in Heltau und schließlich in Michelsberg. 2009 wird er hauptamtlich Kirchenrat im Landeskonsistorium. Als Referent für institutionelle Kooperation der EKR hat er in den letzten zehn Jahren starke Impulse gesetzt, damit die beiden Teile der einen Gemeinschaft, die ausgewanderten und die in der Heimat verbliebenen Siebenbürger Sachsen, zusammenwachsen. Am 1. Februar 2022 wechselt der 61-jährige Theologe als Mitarbeiter in den Stab der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa nach Wien. SbZ-Chefredakteur Siegbert Bruss sprach mit Dr. Stefan Cosoroabă über die jüngsten Entwicklungen der siebenbürgischen Gemeinschaft.
Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă als Moderator ...
Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă als Moderator beim Kirchentag der Reformation, der 2017 von Siebenbürger Sachsen, europäischen Gästen und der ­lokalen Öffentlichkeit im Burzenland begangen wurde. Die Aufnahme entstand am Sonntag, dem 1. Oktober 2017, in Kronstadt-Bartholomae. Foto: Bela Benedek
Im Herbst 2011 hat die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien ein Referat für institutionelle Kooperation beim Landeskonsistorium in Hermannstadt eingerichtet. Ziel war es, die Beziehungen der Heimatkirche zu den ehemaligen Gemeindegliedern, den im Ausland lebenden Siebenbürger Sachsen, zu stärken und zu verbessern. Ist das gelungen?
Der Start war vor gut zehn Jahren. In so einer Zeit kommt viel zusammen. Als das Landeskonsistorium das Referat gründete und mich mit der Arbeit betraute, wusste keiner so richtig, in welche Richtung die Reise geht. Die Gräben zwischen den ausgesiedelten und den daheim gebliebenen Siebenbürger Sachsen waren zwar zugeschüttet, die Kommunikation zwischen beiden Teilen der einen Gemeinschaft war aber noch nicht so richtig in die Gänge gekommen. Dabei war es nirgends Unwillen, sondern jeder hatte mit seinen eigenen Herausforderungen genug zu tun. Dadurch ging der Blick auf das Gesamte verloren. Das war die Ausgangslage. Dass ich in dieser Situation mit einem Blankoscheck der EKR losgeschickt wurde, ist ein großer Vertrauenserweis gewesen.
Das erste Jahr habe ich dazu verwendet, zu verstehen, wie die Siebenbürger Sachsen in Deutschland leben, wie sie denken und wie sie zu der Heimat stehen. Es hieß zuhören, mitleben, nicht eine eigene Ideologie verkünden! Damals hatte ich eine Umfrage gestartet, die hilfreich war, da ich bis dato immer nur die andere Seite der Medaille kannte, und zwar die Situation in den Ursprungsgemeinden, wo mit jedem, der auswanderte, die Kraft schwächer und schwächer wurde. Diesen Frust kannte ich nur zu gut! In der nächsten Zeit – man könnte auch von Etappen reden – habe ich mich als Gast in die institutionelle Arbeit der siebenbürgischen Organisationen eingebracht, in Beratungen, Veranstaltungen, Seminare. Ich hielt Vorträge, lieferte Informationen, organisierte Ausstellungen, verfasste Artikel, vertrat die EKR in der Gremienarbeit. Eine dritte Etappe wurde eingeläutet, als ich nicht mehr nur als Gast präsent war, sondern nun auch versuchte, die Ausgesiedelten in Projekte der Heimatkirche einzubinden. Aus Gast wurde ich Partner. Dem einen oder dem anderen klingt vielleicht noch ins Ohr, z.B. das Projekt „12 Apfelbäumchen für ein Klares Wort“ oder „Glauben und Gedenken“. Oder aber wurde die EKR in Deutschland Partner in der Ausrichtung der siebenbürgischen Kirchentage und 2017 auch des Heimattages in Dinkelsbühl. Meine Botschaft war im Grunde genommen immer die gleiche: Seht Siebenbürgen und die Heimatkirche nicht nur aus der Sicht der Vergangenheitsbewältigung und als leider versiegten Ursprung von Traditionen, sondern setzt euch mit der Gegenwart auseinander! Wir aus der Heimat können weiterhin einen Beitrag bringen für die weltweite Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen. Das ist nicht immer gut angekommen, hat aber – so meine ich – langfristig die Einstellung verändert. Das gemeinsame Sachsentreffen 2017 in Hermannstadt, wo mit Kooperation Grenzen überwunden wurden, war sozusagen das i-Tüpfelchen. Danach ist meine Arbeit in eine vierte und letzte Phase eingetreten, die nun mit meinem Wegzug aus Deutschland endet. Es ist eine Phase, in der die Kommunikation zwischen Organisationen der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und der EKR sowie dem Forum mich nicht mehr braucht. Diese findet inzwischen direkt und dezentral statt und so ist es auch richtig. Wenn es irgendwo im Jahre 2022 mit der Kommunikation nicht stimmt, dann liegt es nicht mehr daran, dass Informationen und definierte Wege fehlen, sondern es liegt an menschlicher Unvereinbarkeit. Und hier kann auch ein Referat nichts verändern.

Seit 2003 können ausgewanderte Siebenbürger Sachsen wieder Mitglieder ihrer Heimatgemeinde in Siebenbürgen werden. Wie oft wurde die doppelte Kirchenmitgliedschaft angenommen?
O ja, das war ein exemplarischer Prozess! Die bisherige Regelung wurde als abwertend empfunden, denn es wurde in den Heimatgemeinden nur der Sonderstatus, ohne Wahlrecht, angeboten. Der Grundtenor der Klage war: „Man will nur unser Geld, aber wir sollen nichts entscheiden!“ Nun sah ich meine Arbeit darin, zum Anwalt der ehemaligen Gemeindeglieder zu werden. Erfreulicherweise war die Kirchenleitung, allen voran Bischof und Hauptanwalt, in dieser Angelegenheit sehr offen. Die Richtung des Erlasses kam dann von den Heimatortsgemeinschaften (HOGs), mit denen wir konkret über alle Aspekte gesprochen haben. Ich erinnere mich auch jetzt noch an die hitzigen Diskussionen im Weinkeller in Bad Kissingen. Dass nebenher auch ein Dialog mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dazu laufen musste, ist für viele nicht so offensichtlich, aber er war notwendig. Man kann statistisch davon ausgehen, dass 20% der Mitglieder der EKR im Ausland leben, und dieses in unterschiedlichen Settings.

Wurde das Engagement in den Heimatgemeinden dadurch verstärkt?
Das ist schwer global zu sagen, denn es geht immer um die Arbeit von Einzelnen. Wunderbar aber z.B. das Engagement in Zied, wo eine ausgestorbene Gemeinde wieder belebt wurde, oder in Deutsch-Weißkirch, wo die Gemeinde inzwischen fast genügend Mitglieder hat, um eigenständig zu werden. Frustrierend ist, dass die Entscheidungswege der EKR immer noch so unklar sind, dass ein gut meinender, aber nicht hartnäckiger Antragsteller oft verzagt. Auch kommt noch immer von einigen Amtsträgern die Bemerkung: „Warum sollen wir denn die Ausgewanderten aufnehmen, es sind doch nur Eintagsfliegen, die der Kirche nichts bringen!“ Meiner Meinung greifen solche Äußerungen zu kurz, denn es geht nicht nur darum, was die Ausgesiedelten für die Kirche tun können, sondern auch darum, was die Kirche für die Ausgesiedelten tun kann. So habe ich auch dafür Initiativen umgesetzt, indem ich in Absprache mit den entsprechenden Stellen in der EKD das Projekt der Urlauberseelsorge vorangetrieben habe. So kann gerade im Sommer, wenn viele in den Heimatgemeinden zu Besuch sind, ein zusätzlicher Geistlicher für Gottesdienste angefragt werden.
Noch zum Thema „Ordnungen“: Im Augenblick läuft ein Prozess der Novellierung der Kirchenordnung, in den ich involviert bin. Hier versuche ich immer die Sicht, die ich in Deutschland erworben habe, mit einzubringen. Es liegt eben nicht mehr an den Strukturen, sondern an den Menschen. So sieht ein Erlass des Landeskonsistoriums vor, dass die Dechanten die HOG-Regionalgruppen zu den Bezirkskirchenversammlungen einladen müssen. Punkt und da ist nichts zu deuteln. Aber leider wird dieser Beschluss teilweise ignoriert. Es liegt also nicht an den formalen Kanälen, sondern an den Menschen, die in diesen Kanälen arbeiten.

Bei der ersten Konsultation mit den siebenbürgisch-sächsischen Organisationen im Ausland im Februar 2013 hat Bischof Reinhart Guib alle ausgewanderten Siebenbürger Sachsen aufgerufen, als „geistige Miterben“ am Erhalt der Kulturgüter mitzuwirken. Die EKR und das Siebenbürgenforum haben 2018 in der gemeinsamen Erklärung „Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen gehören zusammen!“ die ausgesiedelten Landsleute aufgerufen, sich verstärkt in Siebenbürgen zu engagieren. Haben diese Aufrufe gefruchtet?
Lieber Siegbert, du hast ein besseres Gedächtnis als ich! Keine Ahnung, wann das präsentiert wurde! Aber ich weiß, dass die Bezeichnung „geistige Miterben“ aus dem Strategiekonzept der EKR von 2013 stammt. Ohne falsche Bescheidenheit darf ich sagen, dass dieser Einschub in das Konzept von mir stammt. Das gehört zu den Aspekten meiner Arbeit, die man so nicht sieht, aber die nötig sind. Ich nenne es „den Grundwasserspiegel erhöhen“. Der Begriff „geistige Miterben“ liefert die Argumentationsbasis für jede weitere Kooperation, da das Konzept als Dokument von der Landeskirchenversammlung angenommen wurde und damit Gesetz ist. Bevor ich zu der gemeinsamen Erklärung komme, vielleicht etwas über den Rahmen. Die Konsultationen der siebenbürgisch-sächsischen Organisationen sind auch ein Kommunikationsinstrument, welches die EKR dank meiner Tätigkeit in München einrichten konnte. Durch diese Konsultationen versucht die Heimatkirche, das zu tun, was sie seit Jahrhunderten in Siebenbürgen tat: die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Heute nicht nur siebenbürgenweit, sondern eben europaweit.
Die Erklärung „Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen gehören zusammen!“ hat – so einladend sie auch formuliert war – keinen numerischen Erfolg gebracht. Aber das macht nichts. Denn sie hat dann doch das negative Thema beendet, wo dauernd von Kritikern gesagt wurde: „Die wollen uns in Siebenbürgen gar nicht! Es hat uns ja keiner gerufen!“ Diese Vorwürfe sind seit der Erklärung still geworden. Auch enthält der Aufruf eine wichtige Erfahrung der neuen Mobilitätsforschung: Man muss heute nicht mehr mit gepackten Kisten definitiv auswandern, sondern innerhalb der EU ist man flexibel, sich zeitlich begrenzt aufzuhalten und punktuell zu engagieren. Und das ist schon viel und verdient Respekt. Das ist zugleich eine Würdigung der sogenannten „Sommersachsen“, die ganzen und nicht nur halben Einsatz leisten.

Aus Siebenbürgen kommend, hast du zehn Jahre lang mit deiner Familie in der Nähe von München gewohnt. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Dienst ist die eine Sache, Familie die andere. Ich hatte in diesen zehn Jahren Teile der Familie in Hermannstadt und Teile der Familie in München. Hier, an den vier unterschiedlichen Wohnorten, die wir in dieser Zeit hatten, sind wir all die Schritte gegangen, die jeder gehen muss, um sich hier einzuleben: Gänge zu Ämtern, anfängliche Distanz zu den Einheimischen, Einfinden in das System bis hin zu Steuererklärung und Wertstoffhof. Das war – wie wohl jeder Leser es an eigener Haut erfahren hat – nicht leicht. Aber nur so konnte ich die Situation der Ausgesiedelten verstehen, indem ich in ihren Schuhen ging. Es gab Momente, in denen ich an der Sinnhaftigkeit meines Aufenthaltes in Deutschland zweifelte. Da ich auch zwei in Deutschland geborene Kinder habe, war das eine besondere Herausforderung. Wenn du als Neuankömmling niemanden hast, der dir auch nur einen Handgriff abnimmt, ist das schwer. Meine Frau musste selbst im Winter Hannah und Simon aus dem Schlaf wecken, sie anziehen und ins Auto tragen, wenn ich nachts vom Flughafen oder von sonstwo abgeholt werden musste. Es ist belastend, wenn keiner da ist, auch nur zehn Minuten auf die schlafenden Kinder aufzupassen. Umso mehr habe ich die Hilfe geschätzt, die wir privat erfahren haben. Das fürsorgliche Mitdenken meiner Bürokollegin vom Sozialwerk, Marle Graeff, die Freundlichkeit von Gusti Binder in Bad Kissingen, der immer für die ganze Familie Platz hatte. Auch unvergessen bleibt der tatkräftige Einsatz der HOG-Mannschaft um Hans Gärtner, die meine Familie aus Emmering nach Feldkirchen übersiedelt hat. Wie in guten alten nachbarschaftlichen Zeiten.

Dein Arbeitsplatz als Referent für institutionelle Zusammenarbeit war in der Bundesgeschäftsstelle des Verbandes in München. Wie bewertest du die Zusammenarbeit mit dem Verband?
Hier in Deutschland hat der Verband, unter seinem damaligen Bundesvorsitzenden Bernd Fabritius, sofort Offenheit für das Vorgehen der EKR signalisiert und damit die anderen Organisationen quasi mitgezogen. Erst mit der Zeit hat sich allen der Sinn meines Daseins erschlossen. Unbürokratisch hat mir Bundesgeschäftsführer Erhard Graeff einen Schlüssel zur Karlstraße 100 in die Hand gedrückt, einen Schreibtisch zugewiesen und gesagt: „Mach dann mal!“ Das war auch ein Zeichen des Vertrauens. Ich wurde sofort in die Gemeinschaft der Mitarbeiter aufgenommen, die mich je nach Notwendigkeit gerne unterstützen. Das ist nicht ein höfliches Lob, in „Friede, Freude Eierkuchen-Mentalität“, sondern meine Erfahrung. In Landesgruppen und Ortsgruppen war ich weniger unterwegs, da ich hauptsächlich mit Organisationen gearbeitet habe. Aber Einladungen zu Vorträgen, Beratungen oder Festen habe ich gerne angenommen. Das alles liegt nun zurück in vorpandemischen Zeiten. Die letzte Aktion war 2020 der Start der Fastenaktion der Bayerischen Landeskirche in Neumarkt, wohin die Nürnberger Tanzgruppe ohne zu zögern dazugekommen ist. Dank dieser Zusammenarbeit konnten wir finanzielle Hilfe für die Altenheime in Schweischer und Hetzeldorf erhalten. Einen Seitenblick darf ich auch auf die Siebenbürgische Zeitung werfen, wo die Redaktion die Anliegen der Heimatkirche immer problemlos aufnahm. Zuletzt etwa die sonntäglichen Geistlichen Worte im ersten Lockdown der Pandemiezeit. Danke dafür.

35 Jahre warst du als Vikar und Pfarrer in der EKR aktiv. Bei deiner Entpflichtung als Pfarrer am 26. Dezember 2021 würdigte Bischof Reinhart Guib die „Früchte deines Wirkens“, die sichtbar geworden sind. Als Kirchenrat des Landeskonsistoriums warst du Referent für institutionelle Kooperation, aber auch Projektmanager des Landeskonsistoriums, Leiter von des Zentrums für Evangelische Theologie Ost (Zeto) und Vikarausbilder. Wie schätzt du die Entwicklungen in der Heimatkirche ein?
Bischof Reinhart Guib war bei dem Abschluss meiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer mit seiner Würdigung sehr freundlich. Es muss klargestellt werden, dass ich weiterhin voller Pfarrer der EKR bleibe, allerdings ohne Gemeindeauftrag. In langen Jahren habe ich Unterschiedliches und mit unterschiedlichem Erfolg getan. Meine Tätigkeiten in Deutschland und in Siebenbürgen waren dabei nicht alternativ, sondern simultan. Neben dem „Referat für institutionelle Kooperation“ hatte ich die letzten zehn Jahre das Pfarramt in Michelsberg inne, hielt meine Stunden am Theologischen Institut, leitete die Vikarsausbildung und nahm Projekt- und Repräsentationsaufträge der EKR wahr. Lange Zeit war ich so mit „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ und „Transilvania Card“ unterwegs. Aber die Frage war, wie sich die Heimatkirche entwickelt hat? Sie ist insofern fröhlicher geworden, als der Schmerz des Zusammenbruchs nach 1990 abgeebbt ist. Man nimmt die jetzige Situation pragmatisch wahr und macht das Beste daraus. Nicht geschafft ist aber die Gesamtaufgabe, reibungsfreie Strukturen aufzubauen, weil die Ansätze – vor allem der Pfarrer und Pfarrerinnen – so unterschiedlich sind. Das wird die große Aufgabe für die nächste Zukunft werden.

Könntest du eine allgemeine Bilanz ziehen: Was bleibt von den vielen Projekten übrig? Haben sich die Ziele erfüllt, oder muss einiges noch fortgeführt werden?
Das Ziel, die Kommunikation in Gang zu bringen, kann als erfüllt gelten. Das Resultat meiner Arbeit hat meine Dienststelle unnötig gemacht. Bei Projekten ist es ein bisschen anders. Hier gibt es eine andere Dynamik: von Kommunikation zur Kooperation. Schönes ist zustande gekommen. Ich denke an die Batulläpfel in Laibach, Krakau, Karpfen oder Wien, wo wir als europäische Gemeinschaft der evangelischen Siebenbürger Sachsen auftraten. Ich kann nur hoffen, dass solche Projekte auch ohne mich weitergeführt werden. Sicher habe ich hie und da meine Zweifel. Seit Ankündigung meines Dienstschlusses liegen die gemeinsamen digitalen Gottesdienste der EKR und HOGs leider auf Eis, weil weder hüben noch drüben sich jemand diese konkret ins Portfolio schreibt. Vielleicht aber geschieht das noch? Für einiges war ich zudem zu schwach und zu unbedeutend. Ich habe immer wieder darüber gesprochen, dass die Siebenbürger Sachsen in Deutschland ihre Arbeit als Gemeinschaft verbreitern müssten. Neben die gut aufgestellten Bereiche Tradition, Freizeitgestaltung und Vergangenheitsaufarbeitung müssten – um zukunftsfähig zu – auch weitere Themen dazukommen. Wir sind integriert, haben unsere Tradition gesichert, haben die Vergangenheitsfragen geklärt. Und nun, wie weiter? Die Skifreizeit ist für Gemeinschaftsbildung ganz wichtig, aber genauso wichtig finde ich eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen an der polnisch-weißrussischen Grenze. Siebenbürger Sachsen sind halt gegenwärtige, europäische Bürger. Oder haben sie zu aktuellen Herausforderungen nichts zu sagen? Das kann nicht sein! Für die Wirtschaft gibt es die Carl-Wolff Gesellschaft, aber wie steht es mit Bildung, Politik, Umwelt? Als Mitorganisator des Heimattages 2017 habe ich es durchgesetzt, dass z.B. das Radfahren durch eine Sternfahrt nach Dinkelsbühl gewürdigt wird. Aber 2018, als ich nicht mehr persönlich dabei war, fiel die Sternfahrt wieder weg, obwohl es finanziell gar nichts kostet. Dabei ist das umweltfreundliche Handeln ein brisantes Thema der europäischen Gesellschaft. Warum also nicht hier Zeichen setzen? Passt es nicht ins Konzept? Damit würde man auch andere Kreise der Siebenbürger Sachsen ansprechen, als die bisherigen. Auch hätte ich gerne ein Forum gesehen, in dem Stadt- und Landräte aus den Reihen der Siebenbürger Sachsen zusammenkommen und ungeachtet ihrer politischen Zugehörigkeit über Themen, Ideen und Herausforderungen sprechen. Warum also beim Heimattag nicht ein politisches Forum der Siebenbürger Sachsen? Man sieht so manchen Namen in der Siebenbürgischen Zeitung aufblitzen, dann verschwindet er wieder. Um aber mit nachhaltigem Erfolg wirken zu können, müssen wir überhaupt wissen, wer und wo wir sind… Ein weltweites Who‘s Who der Siebenbürger Sachsen wäre für mich ein Projekt gewesen, welches ich aber nie mehr durchführen werde. Es gebe also noch Pläne und Ziele!

Gemäß einem Beschluss des Landeskonsistoriums wechselst du ab 1. Februar 2022 als Mitarbeiter in den Stab der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) nach Wien. Welches sind deine neuen Aufgaben?
Ab 2022 bin ich nun im Auftrag der Heimatkirche in Wien. Als Mitarbeiter der GEKE werde ich für 95 protestantische Kirchen Verantwortlicher für Kirchenentwicklung und Praktische Theologie in Europa sein. Ich kann auf mein Netzwerk zurückgreifen, welches ich durch meine bisherige Arbeit schon habe. Meinen Schwerpunkt will ich weiterhin bei Mittel- und Osteuropa belassen. Durch die Arbeit des Zentrums für Evangelische Theologie Ost, deren konzeptioneller Gründer ich bin, ist die Aufmerksamkeit der GEKE nicht nur auf mich als Person gefallen, sondern auch auf den Standort Hermannstadt. Darum wird 2024 die Vollversammlung aller europäischen protestantischen Kirchen „daheim“ in Hermannstadt stattfinden. Dieses große Ereignis zu planen, gehört zu meinen Aufgaben im Stab der GEKE. Insofern wird mein denkerisches Zentrum weiterhin Hermannstadt bleiben. Und ich bin sicher, dass ich in dieser neuen Funktion weiterhin überall für Siebenbürgen und seine Menschen werben kann. Auch hat sich das Landeskonsistorium bei der GEKE ausbedungen, dass ich noch einige bisherige Aufträge und Projekte weiterführen kann, wie z.B. meinen Lehrauftrag am Theologischen Institut. Wie es im Einzelnen aussehen wird, dafür bin ich wiederum offen. Darüber erzählen wir im nächsten Interview … 2032, also in zehn Jahren! Man sieht sich wieder!

Danke für das Gespräch und viel Erfolg!

Schlagwörter: Interview, Pfarrer, Michelsberg, München, EKR, Cosoroaba, Verbandspolitik, deutsch-rumänische Beziehungen

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