16. März 2023

Richard Wagner – ein hervorragender Dichter, Schriftsteller und unbeugsamer Intellektueller ist von uns gegangen

Am 14. März 2023 verstarb Richard Wagner in einem Seniorenpflegeheim in Berlin. Die Optimistischen und Gläubigen unter uns werden sagen: „Der Himmel hat ihn aufgenommen oder möge ihn aufnehmen“, die Vorsichtigeren werden denken, er ist auf dem langen Weg „ins Jenseits des Nichts“. Denn wer so viele kluge Gedanken und eindrucksvolle Zeilen, so viele gewichtige literarische und essayistische Werke hinterlassen hat wie er, verschwindet nicht so rasch, sondern bleibt sicherlich noch lange unter uns, in unserer Gedankenwelt, in unseren Erinnerungen, in den Bibliotheken der ganzen Welt.
Als Aufklärer von IM-Verstrickungen nahm Richard ...
Als Aufklärer von IM-Verstrickungen nahm Richard Wagner auch persönliche Einbußen in Kauf, hier als Angeklagter in ­einem Securitate-Prozess beim Landgericht München im ­Januar 2011. Foto: Konrad Klein
Zugleich greift die Vorstellung vom „Jenseits des Nichts“ einen Gedankenfaden auf, den wir als Titel eines ihm zu seinem 65. Geburtstag gewidmeten Bandes wählten: „Sätze und Texte für Richard Wagner: Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“, Ludwigsburg 2018. Wie das Jenseits des Nichts uns begegnet, das können wir allenfalls ahnen, keineswegs wissen, denn wie Wagner selbst sagte: „Aber die Sprache dessen, was auf das Nichts folgt, die kennen wir ja nicht.“ Und bereits 2015 schrieb es über die „letzten 24 Stunden“: „Man muss den Punkt erreichen, wo wirklich Frieden herrscht. Mit sich selbst und mit allem. Ich muss einfach rausschwimmen. Ich stelle mir das Ganze als eine Situation der Unaufgeregtheit vor. Wo ich die Aufgeregtheit, die auf dem Planeten herrscht, überwunden habe und dann wahrnehme, wie ich langsam eingehe in das große Sprachlose, das mich dann umgibt.“

Im April des Jahres 1952, noch vor Stalins Tod, wie er einmal bemerkte, geboren, wuchs Richard Wagner in Perjamosch, im Banat, in der Nähe der Marosch auf. In der Nähe eines schicksalhaften, schwermütigen Flusses im Banat, der in seinem literarischem Werk immer wieder vorkommt. Er besuchte zwischen 1967 und 1971 das deutschsprachige Lyzeum von Großsanktnikolaus, wo er bereits auf einige seiner späteren Freunde und Weggefährten der „Aktionsgruppe Banat“ traf. Hier lernten auch wir uns kennen und auf dieses Kleinstädtchen bezieht sich der Text „Gott im Banat“, den Richard Wagner für eine Festschrift zu meinem 60. Geburtstag schrieb, und der folgendermaßen beginnt: „Ich stehe vor der Kirche. Vor der Kirche ist die Bushaltestelle. Es ist die katholische Kirche. Sie liegt an der zentralen Kreuzung, in der Ortsmitte, die sie schon lange nicht mehr beherrscht. Die Leute gehen jetzt in andere Kirchen. Es sind andere Leute. (…) Ich lehne am Geländer der Kirchentreppe. Eine junge Frau geht vorbei und grüßt. Ich grüße zurück, wie aus alter Gewohnheit. Wie aus einer verschütteten Gewohnheit, die man als jemand, der auf dem Land aufgewachsen ist, zwar ablegen kann, aber nie verlernt.“

Richard Wagner studierte anschließend, zwischen 1971 und 1975, Germanistik und Rumänistik an der Universität Temeswar. Im Frühjahr 1972 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der später bekannt gewordenen Autorengruppe „Aktionsgruppe Banat“, als deren maßgeblicher Ideengeber und wichtigster Vertreter er angesehen wurde. Sowohl auf literarischem Gebiet wie auch in weltanschaulichen und politischen Fragen gab Wagner oft den Ton und die Richtung an, waren seine Meinung und Kritik maßgeblich. Und zwar nicht nur im Kreis seiner Freunde, sondern bald auch in weiteren Umfeld der rumäniendeutschen Literatur und des deutschen Kultur- und Geisteslebens in Rumänien, insbesondere im Wirkungskreis der auf literarische Neuerungen ausgerichteten Schriftsteller und Intellektuellen.
Richard Wagner (sitzend) im Büro von Dr. Peter ...
Richard Wagner (sitzend) im Büro von Dr. Peter Motzan eine halbe Stunde vor seiner Lesung im Münchner IKGS im Februar 2005. Gewohnt launig führte dieser in Wagners wohl schönsten und sicher auch persönlichsten Roman „Habseligkeiten“ von 2004 ein. Foto: Konrad Klein
Nach Jahren der Beobachtungen, der Bespitzelungen, der Einschüchterungsversuche und der Bedrängungen durch den rumänischen Geheimdienst, die Securitate, siedelte Richard Wagner im Jahr 1987 mit seiner damaligen Frau, der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, in die Bundesrepublik Deutschland aus. Hier setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit mit überaus beachtlichen und verdienten Erfolgen fort. Richard Wagner, der ab 1969 Gedichte und Kurzprosa im Neuen Weg, in der Neuen Banater Zeitung und bald auch in der Neuen Literatur veröffentlichte, hinterließ eine eindrucksvolle Zahl wichtiger literarischer Werke. Zu erinnern ist an die Bände: „Klartext. Gedichtbuch“, Bukarest 1973; „die invasion der uhren. Gedichte“, Bukarest 1977; „der anfang einer geschichte“, Klausenburg 1980; „Hotel California 1“, Bukarest 1080; „Hotel California 2“, Bukarest 1981; „Gegenlicht. Gedichte“, Temeswar 1983; „Das Auge des Feuilletons. Geschichten und Notizen“, Klausenburg 1984; „Rostregen. Gedichte“, Darmstadt-Neuwied 1986; „Anna und die Uhren. Ein Lesebuch für kleine Leute“, Darmstadt-Neuwied 1987; „Ausreiseantrag. Eine Erzählung“, Darmstadt 1988; „Begrüßungsgeld. Eine Erzählung“, Frankfurt a. M. 1989; „Die Muren von Wien“, Frankfurt a. M. 1990; „Schwarze Kreide. Gedichte“, Frankfurt a. M. 1991; „Der Himmel von New York im Museum von Amsterdam. Geschichten“, Frankfurt a. M. 1992; „Heiße Maroni. Gedichte“, Stuttgart 1993; „Giancarlos Koffer“, Berlin 1993; „Der Mann, der Erdrutsche sammelte. Geschichten“, Stuttgart 1994; „In der Hand der Frauen. Roman“, Stuttgart 1995; „Lisas geheimes Buch. Roman“, Stuttgart 1996; „Im Grunde sind wir alle Sieger. Roman“, Stuttgart 1998; „Mit Madonna in der Stadt. Gedichte“, München 2000; Miss Bukarest. Roman, Berlin 2001; „Habseligkeiten. Roman“, Berlin 2004; „Das reiche Mädchen. Roman“, Berlin 2007; „Federball. Gedichte“, Aschersleben 2007, „Linienflug. Gedichte“, Berlin 2010; „Belüge mich. Roman“, Berlin 2011; „Herr Parkinson“, München 2015. Hinzu kamen ebenso gewichtige wie eindrucksvolle Essaybände und Sachbücher, mit klugen Stellungnahmen zu zeithistorischen und politischen Geschehnissen und drängenden Fragen des Zeitgeistes wie etwa: „Sonderweg Rumänien. Bericht aus einem Entwicklungsland“, Berlin 1991; „Völker ohne Signale. Zum Epochenbruch in Osteuropa“, Berlin 1992; „Mythendämmerung. Einwürfe eines Mitteleuropäers“, Berlin 1993; „Der leere Himmel. Reise in das Innere des Balkan“, Berlin 2003; „Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes“, Berlin 2006; „Es reicht. Gegen den Ausverkauf unserer Werte“, Berlin 2008; „Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt“, Hamburg 2014; „Die Deutsche Seele“, München 2011 (mit Thea Dorn). In dem zusammen mit Christina Rossi verfassten Band: „Poetologi“, Klagenfurt 2017, gewährte Richard Wagner nochmals sehr aufschlussreiche Einsichten in seine literarische Denk- und Schreibweise und sein davon mitbestimmtes Kunst- und Weltverständnis. Im gleichen Jahr legte er, gleichsam als Querschnitt seines lyrischen Werkes, den Gedichtband: „Gold. Gedichte“, Berlin 2017, vor. Schließlich sollte auch die von ihm ausgewählte und mit einem Nachwort von ihm versehene Gedichtsammlung: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Hundert deutsche Gedichte“, Berlin 2013, erwähnt werden, drückt diese doch in anderer Weise sein treffliches Verständnis, man kann auch sagen: sein feinsinniges Gespür und untrügliches Gefühl, für die bleibenden Werte und Güter der deutschen Literatur aus. Dass der Band diesen Titel, einem Vers Joseph von Eichendorffs aus einem der schönsten Gedichte der deutschen Romantik, trägt, ist wohl kein Zufall, geht es darin doch um Suche nach Heimat, die Wagner stets sehr wichtig war, als vertrauliche, sanfte Landschaft und vor allem als raum- und zeitentbundener Ort ewiger Sehnsucht.
Richard Wagner bei seiner Lesung aus seinem Roman ...
Richard Wagner bei seiner Lesung aus seinem Roman „Habseligkeiten“ (2005). Neben ihm, v.l.n.r.: die Literaturhistoriker Dr. Peter Motzan und Dr. Stefan Sienerth, hinten der ehemalige Hermannstädter Kulturfunktionär Harald Binder. Foto: Konrad Klein
Was mich, im Rückblick betrachtet, an meinem langjährigen Freund Richard Wagner wohl am meisten beeindruckte, war seine kritische Fähigkeit, mit Irrtümern – auch mit eigenen – gründlich umzugehen, ständig hinzuzulernen, immer wieder zu neuen, besseren Einsichten zu gelangen und doch konsequent bei sich zu bleiben. Seine intellektuellen Ansichten und Überlegungen erfolgten dabei stets im Sinne eines konsequenten Eintretens für die Werte der Freiheit und der Demokratie in einem keineswegs oberflächlichen, sondern grundsätzlichen Verständnis. Freiheit bedeutete ihm nicht nur geistige, intellektuelle Unabhängigkeit, Mündigkeit und Selbstverantwortung des Individuums, sondern der Grundwert der Freiheit galt für ihn gleichsam als das Fundament, als der entscheidende Ausgangspunkt und die unabdingbare Grundlage der geistesgeschichtlichen Tradition des abendländischen Rationalismus, der europäischen Aufklärung und der westlichen Kultur schlechthin. Das Schicksal Deutschlands, das ihn in den letzten Jahren doch sehr besorgte, sah er unverbrüchlich und unabdingbar in der westlichen Wertegemeinschaft und Kultur verankert. Dass dieses „Schicksal eines guten Landes“ allerdings von verschiedenen Seiten und durch unterschiedliche Entwicklungen wie Bildungsverfall, Verflachung der Kultur, übergroßer und fragwürdiger Einfluss alter und neuer Medien, stupide Verdinglichung und Entfremdung zwischenmenschlicher Beziehungen, intellektuelle Verantwortungslosigkeit, politische Fehlentwicklungen, Massenmigration und kulturelle Überfremdung und andere problematische Tendenzen des Zeitgeistes und Zeitgeschehens bedroht sein könnte, war ein häufig wiederkehrendes Motiv seiner Sorgen und zentrales Anliegen seines Denkens und Schreibens.

Von dieser Wert- und Grundposition, zu der er sich nicht leichtfertig bekannte, sondern die er sich intellektuell gründlich und redlich – teilweise auch gegen gewisse Irrtümer seines eigenen Denkens, seiner eigenen ehemaligen Überzeugungen – erarbeitete, erfolgten argumentativ gut begründete, geistreiche und schonungslose ideologiekritische Auseinandersetzungen mit linken Intellektuellen, fragwürdigen Weltanschauungen und problematischen Verirrungen des Zeitgeistes. Apokalyptische Weltuntergangsstimmungen und Heilslehren, die von zu „Grünen“ gewandelten Linken immer wieder demagogisch und weltfremd in die öffentlichen Diskussionen eingebracht und nicht zuletzt politisch geschickt instrumentalisiert werden, bedrohten unseren Wohlstand bereits substanziell, befand Richard Wagner. Dies verband sich für ihn mit Ideologien des Multikulturalismus und Postkolonialismus, die die westliche Kultur, den abendländischen Rationalismus und selbst die Freiheit der Wissenschaften, des Denkens und der Sprache in Gefahr bringen würden. Ebenso kritisierte Wagner den Gestus der moralischen Selbstbezichtigung vieler Deutschen und insbesondere ihrer linken Intellektuellen, die unter Hinweis auf die unauslöschliche historische Schuld dieses Volkes, ihr unrealistisches, weltfremdes, hypermoralisches politisches Weltveränderungsprogramm betrieben und dies zugleich zu ihrer eigenen moralischen Sonderstellung und Selbstüberhöhung nutzten. Ähnlich entschieden kritisierte er das Lagerdenken der „Linken“, das sie den Verbrechen der kommunistischen Diktaturen gegenüber weitgehend blind machte, aber zugleich Hassgefühle und Feinbilder in unsere Gesellschaft hineintragen ließ. Die Verharmlosung und die fehlende intellektuelle Auseinandersetzungsbereitschaft mit den diktatorischen Zügen und Verbrechen der kommunistischen Herrschaft, wie auch der dabei erkennbar gewordene politische und gesellschaftliche Realitätsverlust wurden von ihm besonders eindringlich und entschieden hinterfragt. Wie Recht hatte er mit alldem doch angesichts der ohnehin eher halbherzigen „Zeitwende“, des „Desillusionierungsrealismus“, den wir gegenwärtig, nach dem schrecklichen Überfall der Ukraine durch Russland, erleben, kann man nur feststellen und mahnend in Erinnerung bewahren.

Richard Wagner kannte die „Lebenswelten“ und das „geistige Universum“ der östlichen und südosteuropäischen Welt seiner Banater Herkunft gründlich und ebenso die westliche, abendländische Kultur und soziale Wirklichkeit der fortgeschrittenen Moderne. Dies waren die Ausgangspunkte und das intellektuelle Kapital, die es ihm ermöglichten, sich von diesen Voraussetzungen zugleich weitgehend zu lösen und ihnen ebenso unvoreingenommen wie kritisch gegenüberzutreten. Mit einem eigenen, eigenwilligen, unabhängigen und unbestechlichen Blick, wobei natürlich auch das besondere intellektuelle Verhältnis und die Sensibilität des Schriftstellers, des Künstlers, zur Welt für solche geistige Unabhängigkeit grundlegend erscheint. Er war von allem Anfang an Dichter, Schriftsteller und Intellektueller zugleich, mit allen Faszinationen, Erwartungen, Leistungen, Risiken und Gefahren, die die Verbindung dieser Rollen – vor allem in autoritären Herrschaftssystemen – erwarten ließ. Aber auch in Deutschland, in der freien westlichen Gesellschaft, zählte er ohne Zweifel zu jenen, eher seltenen deutschen Gegenwartsschriftstellern, die sich regelmäßig neben ihrer literarischen Arbeit nahezu mit gleicher Vernehmbarkeit und ähnlichem Gewicht auch als Intellektuelle artikulierten. Dabei waren seine Äußerungen stets durch aufmerksame, eindringliche und unbestechliche Beobachtungen, auch wissenschaftlich kaum anfechtbare Sachkenntnis, umsichtige und bohrende Kritik und ein unverwechselbares, scharfsinniges eigenes und eigenständiges Urteil gekennzeichnet. Seine vielfach ungewöhnlichen und eigenwilligen Betrachtungsweisen und Bewertungen, verstanden sich nicht nur kritisch, sondern standen nicht selten auch im spannungsreichen Dissens zu öffentlich gängigen Meinungen, zum vorherrschenden „Zeitgeist“, und waren gerade deshalb besonders relevant und wertvoll.

Seine zeitbegleitenden „Einwürfe“ eines kritischen „Mitteleuropäers“, die wegen seiner fortschreitenden Krankheit leider schon in den letzten Jahren immer seltener wurden, werden uns sicherlich zukünftig sehr fehlen. Aber er hinterlässt uns immerhin ein umfangreiches und wertvolles literarisches und essayistisches Werk, aus dem wir noch viel lernen können und das uns durch seine hohe künstlerische Ausdruckskraft und sprachliche Faszination noch lange erbaulich ansprechen wird. So wird er bei uns bleiben, aus dem „Jenseits des Nichts“, in unserer vertrauten Erinnerung und mit unserer freundschaftlichen Wertschätzung und Zuneigung.

Anton Sterbling

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„In meinem Kopf ist Berlin, die Stadt, in der ich heute lebe, und das Banat, aus dem ich stamme“. Zum Ableben des rumänisch-deutschen Lyrikers, Schriftstellers und Essayisten Richard Wagner, Von: Dr. Dan Cărămidariu, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien vom 16. März 2023

Schlagwörter: Kultur, Nachruf, Richard Wagner, Literatur, Lyrik, Banat

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