15. September 2026

Eine siebenbürgisch-sächsische Kulturinstitution an sich: Balduin Herter zum 100. Geburtstag

In jeder Ausgabe der Siebenbürgischen Zeitung ist heute wie selbstverständlich vom Kulturzentrum auf Schloss Horneck die Rede – also nicht allein vom Trägerverein, sondern vom Zentrum siebenbürgisch-sächsischer Kultureinrichtungen an sich. Denn schließlich war die etablierte Existenz eines solchen Zentrums 2015 ja der Grund dafür, dass das Schloss aus der Konkursmasse des alten Heimathauses erworben wurde. Wie kam es aber, dass so eine Agglomeration sächsischer Einrichtungen an einem eher entlegenen Ort am Neckar entstehen konnte? Das hatte in allererster Reihe mit dem Namen eines Mannes zu tun, und der hieß Balduin Herter! Er war selbst schon eine Institution, die fast volle fünf Jahrzehnte für Schloss Horneck wirkte. In diesem Jahr, am 15. September, wäre er einhundert Jahre alt geworden.
Porträt Balduin Herter. Foto: Udo Buhn/Archiv ...
Porträt Balduin Herter. Foto: Udo Buhn/Archiv Zeidner Gruß
Bevor es 1963 dazu kam, dass die im Altenheim in Rimsting aufgestellte Büchersammlung des Hilfskomitees nach Gundelsheim gebracht wurde (das war an diesem Ort der Anfang von allem, was noch kommen sollte), musste zunächst vieles anderes passieren. Eine durch den Krieg und seine Folgen unerbittlich durch die Geschichte gewirbelte Generation musste sich in der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren zusammenfinden, und zwar im „Arbeitskreis junger Siebenbürger Sachsen“ – unter ihnen auch Balduin Herter, der 1945 noch von der Schulbank weg in die Deportation verschleppt und 1948 vorzeitig und krank in die Ostzone entlassen worden war. Und wieder eine andere, etwas ältere Generation hatte 1960 das Sanatorium Schloss Horneck für die Einrichtung eines Altenheims erwerben müssen. So kam es schließlich, dass Herter im Rahmen des gerade 1962 wiederbegründeten Landeskundevereins, des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V., anfing, im Ehrenamt die Siebenbürgische Bibliothek auf- und auszubauen. Und warum gerade in Gundelsheim? Weil der Zufall es wollte, dass Balduin Herter und Paul Philippi damals gerade in relativer Nähe, in Heidelberg, wohnten. Im Hauptberuf war Herter, nach Gärtnerlehre und kurzzeitiger Tätigkeit als Landschaftsgärtner, als Lektor und Hersteller im Verlagswesen tätig, und als sich mit dem Kulturbeirat 1969 der Vorgänger des heutigen Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates bildete, übernahm er dessen zunächst ehrenamtliche Geschäftsführung. 1970 kam die große Wende: Dem Vorsitzenden des Arbeitskreises glückte es, durch eine Kooperation mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart ein „Referat für Transylvanische Forschung“ einzurichten, für das sich Herter nun hauptamtlich zur Verfügung stellte – es wurde die Berufung seines Lebens und unser Glück. Er füllte diese Stelle bis zu seinem Ruhestand voll aus und hat danach fast noch einmal die gleiche Zeit ehrenamtlich drangehängt. Zum Gesamtbild gehört jedoch auch die glückliche Fügung, dass Herter unter den Zeidnern in Deutschland jene bessere Hälfte und zuverlässige Stütze fand, nämlich Elfriede (Friedel) geb. Dück, ohne die sein Wirken nicht vorstellbar gewesen wäre. Und dass in dem stets gastfreundlichen Haus, auch mit den Kindern, stets Zeidnerisch gesprochen wurde, ist fast schon selbstverständlich.
Balduin Herter 2004 zusammen mit Prof. Paul ...
Balduin Herter 2004 zusammen mit Prof. Paul Philippi. Zusammen hatten die beiden in den Sechzigerjahren die Siebenbürgische Bibliothek an ihrem damaligen Standort im Wappensaal auf Schloss Horneck geordnet und mit einem bis heute angewandten systematischen Signaturschema strukturiert (u.a. auch von der Bibliothek im Teutsch-Haus übernommen). Foto: Udo Buhn/Archiv Zeidner Gruß
Balduin Herter kam 1926 in Zeiden zur Welt und besuchte nach der Zeidner Volksschule die Honterusschule in Kronstadt. Zeiden blieb für ihn bis zuletzt der Mittelpunkt der Welt und auf ganz liebenswürdige Weise konnte er jeden nur denkbaren Sachverhalt der Weltgeschichte mit seinem Geburtsort in Verbindung setzen. Irgendwie war es da naheliegend, dass er seit der Gründung der Zeidner Nachbarschaft 1952 rund drei Jahrzehnte lang deren Nachbarvater (und danach noch lange „älterer Nachbarvater“) war und den Zeidner Gruß herausgab – beides mit Vorbildcharakter für viele nachfolgenden sächsischen Nachbarschaften, Heimatortsgemeinschaften und Heimatblätter. Und so hatte er, obwohl ihm die misslichen Zeitläufte ein Studium verwehrt hatten, bei der Übernahme der Leitung der Gundelsheimer Arbeitsstelle – die Tätigkeiten beim Arbeitskreis und mit den Zeidnern zusammengenommen – eine so profunde landeskundliche Ausbildung und rund zwei Jahrzehnte Erfahrung, dass ihm kaum einer das Wasser reichen konnte. Es blieb nach 1970 natürlich nicht dabei, dass er „nur“ ifa-Referent, Geschäftsführer des Landeskundevereins und des Kultur(bei)rats sowie Leiter der Bibliothek war, die nun massiv ausgebaut wurde. Vielmehr zog er fast schon wie ein Magnet eine ganze Reihe an Einrichtungen nach Gundelsheim und ans Schloss heran oder schuf sie teilweise auch selbst. So übernahm er anfangs auch die Geschäftsführung des Siebenbürgischen Museums, das sich aus einer Heimatstube zu bilden begann. Er war Vorstandsmitglied der neu entstandenen Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung, die in den ersten Jahren nach der Gründung 1979 ihren Sitz an seinem Schreibtisch hatte. Er regte die Entstehung und den Zusammenschluss der sächsischen Heimatortsgemeinschaften an und koordinierte sie rund ein Jahrzehnt von Gundelsheim aus. Nebenbei entstand neben der Bibliothek auch ein Archiv und eine Forschungsstelle für das Nordsiebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch, langfristig gefördert von der DFG über die Uni Bonn. Die Bibliothek wurde über die Universitätsbibliothek Heidelberg ins deutsche Bibliotheksnetz eingebunden und war eng verknüpft mit dem Institut für Auslandsbeziehungen, dem Herder-Institut und unzähligen Tauschpartnern – auch in Rumänien und Ungarn, und diese internationalen Kontakte machten Gundelsheim zu einem Ort, der im In- und Ausland auf der Landkarte plötzlich gesucht und dadurch sichtbar wurde. Denn von der Gundelsheimer Arbeitsstelle aus wurden auch die Schriftenreihen des Landeskundevereins und dessen Zeitschriften verwaltet und vertrieben. Eines von Baldis, wie alle ihn nannten, Steckenpferden waren Genealogie und Heraldik, so dass er nicht nur die entsprechende Sektion des Arbeitskreises und das siebenbürgische Wappenarchiv aufbaute, sondern ab 1984 auch die zwei Mal jährlich erscheinende Zeitschrift Siebenbürgische Familienforschung redigierte. Er führte überdies eine ganze Reihe an Bibliographien, die das Schrifttum zu Siebenbürgen und den Siebenbürger Sachsen erfasste, etwa die „Siebenbürgische Bibliographie“, die in 322 Folgen über Jahrzehnte hin in der Siebenbürgischen Zeitung erschien. Die immer größer werdenden Jahrestagungen des Arbeitskreises wurden ebenfalls von Gundelsheim aus vorbereitet – und bei all dem blieb Balduin Herter immer guter Dinge und voller neuer Ideen, und hatte erstaunlicherweise nebenbei noch Zeit für andere Themen. Denn in Mosbach, seinem Wohnort, engagierte er sich im örtlichen historischen Verein, beteiligte sich an Forschungs- und Dokumentationsprojekten.

Balduin Herters Geschichte von Zeiden erschien ...
Balduin Herters Geschichte von Zeiden erschien postum (2014).
Baldi Herters Engagement ließ jedoch nicht nach, als er 1991 in den Ruhestand wechselte, denn er stand seinen Nachfolgern intensiv und immer konstruktiv zur Seite – und mal vorneweg und ganz abgesehen davon, was er in seiner Dienstzeit bewegt hatte: Ohne sein Mitwirken danach wäre das heutige Siebenbürgen-Institut wohl kaum funktionsfähig. 1992 brachte er sich nach der Gründung des Vereins der Freunde und Förderer der Siebenbürgischen Bibliothek e.V. als deren Vorsitzender ein, der laufend Ideen entwickelte, wie neue Mitglieder gewonnen und Unterstützungen akquiriert werden können. Als 1995/96 das Institutshaus in der Schlossstraße 41 ausgebaut wurde (apropos, die Erbschaft nach dem Zeidner Ernst von Kraus, mit der das Haus erworben wurde, ging auch auf sein Werben zurück), trug er alle entstehenden Finanzsorgen mit und half kräftig dabei, sie zu lösen. Und Weitsicht zeigte sich schließlich darin, wie er Martin Guist dabei begleitete, 1999 die „Stiftung Siebenbürgische Bibliothek“ zu gründen – inzwischen sichert diese den größeren Teil des Bedarfs des Siebenbürgen-Instituts, oder anders: ohne die Stiftung gäbe es das Institut heute wohl nicht mehr. Und seine Witwe sorgt zusammen mit ihren Kindern nach wie vor dafür, dass die „Unterstiftung Elfriede und Balduin Herter“ inzwischen zu den drei größten Unterstiftungen gehört – auch dies mit Vorbildcharakter. Und Baldi Herter wäre nicht Baldi Herter gewesen, hätte es in Sachen Stiftungsgründung nicht einen Zeidner Aspekt gegeben, denn zeitgleich zur eben genannten Stiftung gründete er auch eine mit einem Zeidner Landsmann, der die entsprechenden Mittel einbrachte: Diese „Stiftung Zeiden“ unterstützt inzwischen schon seit fast drei Jahrzehnten soziale und kulturelle Vorhaben in Zeiden selbst.

Von den mitunter unschönen politischen Verwerfungen unter den Sachsen der Nachkriegsjahrzehnte hielt sich Herter fern, er sprach mit allen und arbeitete fast überall mit – natürlich auch im Trägerverein des Heimathauses, dem Hilfsverein Johannes Honterus. Das kam den Gundelsheimer kulturellen Einrichtungen sehr zugute, denn man brauchte die Unterstützung aller Landsleute, sowohl bei der Sammlungs- und Dokumentationstätigkeit in Bibliothek, Archiv und Museum wie auch politisch gegenüber den sich erst im Laufe der Jahre ergebenden Fördermöglichkeiten – durch das Patenland Nordrhein-Westfalen, das Sitzland Baden-Württemberg und durch den Bund. Dabei kam es zu der überaus skurrilen Situation, dass die Einrichtungen auf Schloss Horneck von diesen immer als beispielhaft für andere deutsche Gruppen aus dem östlichen Europa angeführt und präsentiert wurden, die materielle Unterstützung für Gundelsheim allerdings lange Zeit (und heute wieder) weit hinter jener der meisten anderen zurückblieb – schließlich funktionierte doch alles so wunderbar! Da konnte sich die öffentliche Hand leicht einen schlanken Fuß machen. Aber auch das verdross Herter nicht, weil er mit seinem Einsatz aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Beste zu machen wusste und ein Meister des Spagats zwischen den vielen Einrichtungen war, die im Laufe der Zeit entstanden waren und die alle dem einen Ziel dienten: das, was von außen gesehen als siebenbürgisch-sächsisches Kulturzentrum entstanden war, zu erhalten und auszubauen. Anlässlich Baldis Trauerfeier 2011 hatte ich alle diese Einrichtungen einmal zusammengesucht und kam auf vierzehn, und neun davon hatte er mitgegründet und/oder war deren langjähriges Vorstandsmitglied. Auch wenn von außen mitunter nur schwer durchschaubar und auch wenn oft eine Vereinfachung angemahnt wurde: Ohne diese Vielfalt sich gegenseitig stützender Vereine, Stiftungen und Kreise hätte das nicht entstehen können, was heute Einzigartigkeitscharakter hat – die Kultureinrichtungen auf Schloss Horneck.

Dass Balduin Herter auch im Jahr seines 100. Geburtstages nicht nur seinen Zeidner Landsleuten, sondern allen im Kultur- und Wissenschaftsbereich Tätigen ein selbstverständlicher Begriff ist, zeigt, wie bleibend und prägend sein Werk bis heute ist. Es erinnert uns freilich auch daran, wie schwer, eigentlich wie unmöglich es ist, solche Persönlichkeiten zu ersetzen. Umsomehr können wir seiner dankend gedenken, auch dankbar sein dafür, wenn wir das Glück hatten, einige Wege mit ihm zusammen gehen und von ihm lernen zu können. Im September 2011 konnte Balduin Herter seinen 85. Geburtstag feiern. Aktiv und interessiert wie immer, war er noch bei einem Treffen des Zeidner Ortsgeschichtlichen Gesprächskreises, den er viele Jahre vorher initiiert und lange geleitet hatte. Von einem Schwächeanfall erholte er sich nicht mehr und starb am 10. Oktober in Mosbach, seinem langjährigen Wohnort. Kurz vorher hatte er noch ein Manuskript abgeschlossen, das drei Jahre später als kurze Geschichte von Zeiden im Druck erschien. Baldi Herter wird uns gewiss auch über seinen 100. Geburtstag hinaus geraume Zeit präsent bleiben, denn – wie gesagt – ohne ihn gäbe es jenes Kulturzentrum nicht, das uns in jeder Ausgabe dieser Zeitung mit seinem Wirken, seinen Erfolgen, aber auch Nöten und Sorgen entgegentritt. Und er wird bei mancherlei Anlass gegenwärtig sein, ob nun die Zeidner Nachbarschaft kommendes Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum begeht oder der Landeskundeverein 2040 sein 200-jähriges. Er war einfach ein Glücksfall für uns alle!

Harald Roth

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Herter

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