1. Juli 2026
Dichter, Vermittler, Grenzgänger: Nachruf auf Hellmut Seiler (1953-2026)
Wie eine Vorahnung wirkt der Titel des zuletzt erschienenen Gedichtbandes von Hellmut Seiler, „Die Aufhebung der Schwerkraft“, heute auf den Leser. Der Band enthält Gedichte aus der gesamten Schaffenszeit des Autors, von 1972 bis in die Gegenwart. In der Zusammenstellung der Gedichte hebt eine verbindende Erinnerungsbewegung die Schwerkraft des Lebens auf. Es entsteht ein roter Faden, den die Gedichte nachträglich durch das gelebte Leben hindurch verknüpfen: So wie es für den Autor wichtig erschien, in seinen Gedichten aufgehoben zu sein und aus Leben Literatur werden zu lassen, so sind die Lesenden aufgefordert, die Leichtigkeit dieser Literatur auf ihre Schwere zu prüfen.

Das Lebenswerk dieses „Zweiheimischen“, wie er wiederholt genannt wurde, umfasst viele klassische Themen und Motive: Wahrnehmung, Reise, Natur, Zeit und Erinnerung, Tod u. a. m. Es ist mit einer Reihe von Literaturpreisen bedacht worden, darunter dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Preis (1984) in Temeswar, dem Lyrikpreis der Künstlergilde Esslingen (1999), dem Würth-Literaturpreis der Tübinger Poetik-Dozentur (2000) und zuletzt dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis (2024). Im Jahr 2000 war er Writer in Residence im International Writers’ and Translators’ Centre of Rhodos.
Schon in Siebenbürgen stand das Werk des am 19. April 1953 in Reps geborenen Autors im Zeichen der Vermittlung. Seiler begann als junger Schriftsteller in einer Phase der Liberalisierung in Rumänien zu publizieren. Allerorten suchte die junge Generation Anschluss an die gesamteuropäische Moderne. Er studierte Germanistik und Anglistik in Hermannstadt. Er organisierte an der dortigen Universität 1972–1976 den Literaturkreis. Zu dieser Zeit existierten deutschsprachige Lesekreise noch in Klausenburg, Kronstadt und Bukarest. Als er 1976 als Deutschlehrer nach Neumarkt am Mieresch ging, setzte er sich mit anderen für einen Dialog zwischen rumänischen, ungarischen und deutschen Schriftstellern ein. Er sorgte gleichzeitig für die Auswahl und Übersetzung von Texten mehrerer bundesdeutscher Autoren und veranstaltete Autorenlesungen.
Seilers erste Publikationen datieren auf das Jahr 1971, erschienen in der Schülerbeilage „Debüt und Debatte“ der Karpatenrundschau, damals von Frieder Schuller betreut. Es kamen weitere Publikationen in Zeitschriften wie der Neuen Literatur und Zeitungen hinzu. Der erste Gedichtband mit dem Titel „die einsamkeit der stühle“ erschien 1982 im Dacia-Verlag in Klausenburg. Lektor war Franz Hodjak. Die darin enthaltenen Gedichte wiesen Seiler als einen jungen Autor der „engagierten Subjektivität“ aus, ein Begriff, den Walter Fromm prägte. Die „jungen Wilden“ und „Unangepassten“ – so Hellmut Seiler über sich und die anderen – traten seit den frühen 1970er Jahren als Kritiker des kommunistischen Systems auf und schrieben jenseits von Vorgaben und institutionellen Erwartungen staatlicher Literatur- und Kulturpolitik. Für sie wurde die unmittelbare Wahrnehmung von Wirklichkeit wichtig.
Die Kontakte zu Autoren aus Temeswar führten zur Teilnahme an dem damals lebendigsten deutschsprachigen literarischen Zirkel in Rumänien, dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis. Er bildete die Antwort auf das Verbot der Aktionsgruppe Banat 1975. 1984 erhielt Seiler den Literaturpreis der Gruppe. Ein Jahr später, 1985, stellte Seiler einen Ausreiseantrag, in dessen Folge er aus dem Schuldienst entfernt wurde und Publikationsverbot erhielt. Drei bange Jahre folgten bis zur Ausreise. „Sprich nicht durch die Blume“, heißt es im Gedicht „Brennendes Lachen oder Mens sana in … flagranti“ aus dieser Zeit, „sie könnte dich verraten“.
1982 erschienen in der Neuen Banater Zeitung Gedichte von Seiler (neben solchen von Rolf Bossert und Werner Söllner) in einer Auswahl, die William Totok verantwortete. Eines, „heimkehr“, handelt von der Lage des lyrischen Ichs angesichts der staatlichen Repressalien:
„heimkehr
wir sind jetzt so weit
mit keiner wimper mehr zu zucken
sind wir doch noch
mit einem blauen auge davongekommen
wir kommen schon an:
uns wird heimgeleuchtet“
Was als Botschaft an die Securitate zwischen den Zeilen steht, artikuliert sich in fast schon Villionscher Manier: Ich pfeif Euch eins. Ironie und Sarkasmus werden als Überlebensmittel der Poesie eingesetzt, wie überhaupt Gedichte für Seiler immer schon buchstäbliche Lebens- und Überlebensratgeber waren, verpackt in spielerischer, bildhafter poetischer Sprache. Durch sie wirkte ein Witz in einem ebenso modernen wie auch aufklärerischen Sinn als Unterscheidungsvermögen, denn wer „Witz“ hatte, war bei Verstand. Um ein solches ‚gewitztes‘ Gedicht handelt es sich bei „heimkehr“. Die große Auslassung im Gedicht, der rumänische Staat und sein Geheimdienst, rücken ins Scheinwerferlicht des Nicht Gesagten, aber von jedem mitlesbar. Literatur behauptet im Gedicht die Freiheitsräume des Individuums.
Zum Akt der Selbstbehauptung und der Forderung nach einer noch umfassenderen politischen Freiheit gehörte die Suche nach einer modernen, authentischen Literatursprache. So war es auch in der Lyrik Hellmut Seilers. Man findet in seinem Werk ein tiefes sprachspielerisches Verlangen im Sinne einer Befreiung von repressiven Ordnungen. Dieser Stil war an der sprachexperimentellen Literatur geschult und an literarischen Positionen im deutschsprachigen Raum und den U.S.A. orientiert. Als Mittel gegen den politischen Druck eigneten sich moderne literarische Schreibweisen besonders gut. Mit ihnen ließ sich die eigene Situation relativieren oder entschärfen, so bedrohlich sie einem auch erscheinen mochte.
Nach der Ausreise 1988 zeigten Seilers Gedichte eine fulminante Neugierde auf die Welt. Mitunter hat man bei der Lektüre den Eindruck, einer Existenz auf Reisen zu begegnen. Neben sprachspielerischen und nachdenklichen Gedichten sind Humor und Satire häufiger eingesetzte Mittel – und schließlich immer wieder die poetische Rückversicherung der sinnlich erfahrenen Wirklichkeit im Gedicht. Dies geschieht oft im Sinne des „Schwebens“, eigentlich ein romantischer Begriff für die Verfahrensweisen der Literatur, bei Seiler jedoch bereits im Titel von Gedichtbänden in problematisierter Variante angesprochen, so im Gedichtband „Schwebezustand Melencolia“ (2021) und im Sammelband „Schwebebrücken aus Papier“ (2021) mit Übersetzungen rumänischer Gedichte der Gegenwart, die von ihm zusammengestellt, übersetzt und herausgegeben wurden.
Seiler überwand die Schwierigkeiten, an zwei und mehr Orten heimisch zu sein, mit einer bewunderungswürdigen Agilität, auf zahlreichen Reisen kreuz und quer über die Welt sowie Begegnungen mit anderen Menschen. Er blieb auch in Deutschland ein Brückenbauer, ein Vermittler zwischen Ländern und Kulturen und war ein begeisterter Netzwerker. Ein Ergebnis dieses Verknüpfens und Verbandelns war der vom ihm mitinitiierte Rolf-Bossert-Gedächtnispreis. Erstmals wurde er 2019 ausgeschrieben. Hellmut Seiler war damals Generalsekretär des Exil-PEN (2014-2021), einer Vereinigung exilierter und ausgewanderter Autorinnen und Autoren in Deutschland, die Deutsch schreiben. Der Bossert-Preis wird bis heute für den gesamten deutschsprachigen Raum ausgeschrieben und während der „Deutschen Literaturtage in Reschitza“ verliehen.
Siebenbürgen blieb ein Schwerpunkt in Seilers Schaffen. Ein Beispiel ist das Gedicht „Siebenbürgische Wertschöpfungskette“, das in 15 Versen anhand einer Familienangehörigen die Geschichte der Siebenbürger im 20. Jahrhundert exemplarisch nacherzählt: Alles, was die Tante bis zu den Karlsburger Beschlüssen aufgebaut hat, verliert sie 1921, wandert nach Amerika aus und kehrt nach 15 Jahren reich geworden in die alte Heimat zurück, um dann 1948 vom rumänischen Staat enteignet zu werden. Was sie sich danach noch aufbaut, gibt sie ihrem Lieblingsenkel, der sich davon in der neuen Heimat Deutschland ein Auto kauft, das er auf dem Weg in die alte Heimat gegen einen Baum setzt. Das Gedicht endet mit den Zeilen: „sie kassierte ungerührt / ihren Anteil an der Versicherungssumme, / kaufte sich einen Hasen / und ließ ihn laufen.“
Das Gedicht rekapituliert fast ein ganzes Jahrhundert siebenbürgischer Geschichte, in deren zweite Hälfte auch die Lebenszeit Hellmut Seilers fällt, anhand einer Kette von Verlusten. Übrig bleibt, was zu den unterschiedlichsten Zeiten hindurch als einziges erhalten bleibt: die eigene Freiheit. In diesen Zeilen ist kein Sarkasmus im Spiel; am wichtigsten erscheint wohl die Erkenntnis dessen, wofür Literatur immer schon steht: Für die Freiheit, die ihr keiner nehmen kann, die man mitnimmt, wo immer man zu Hause ist. Am 16. Juni 2026 ist Hellmut Seiler in Winnenden – viel zu jung – im Alter von 73 Jahren verstorben.
Waldemar Fromm
Schlagwörter: Nachruf, Porträt, Hellmut Seiler
11 Bewertungen:
Noch keine Kommmentare zum Artikel.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.