25. Oktober 2021

Landesverband Bayern: Begegnungsreise ins Baltikum

Ende August brach eine Gruppe Ehrenamtlicher des Landesverbands Bayern des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. zu einer einwöchigen Begegnungsreise mit Deutschen des Baltikums auf. Das Ziel war es, die drei Länder Litauen, Lettland und Estland kennenzulernen, auf den Spuren der deutschsprachigen Bevölkerung zu wandeln und vor allem Kontakte zu der deutschen Minderheit vor Ort zu knüpfen.
Die Reisegruppe aus Bayern vor dem „Ännchen von ...
Die Reisegruppe aus Bayern vor dem „Ännchen von Tharau“-Brunnen auf dem Theaterplatz in Klaipéda. Fotos: Annette Folkendt
Das erste Ziel war Litauen, zunächst mit der Hauptstadt Vilnius. Nach einer kurzen Einführung zu der Reise, ihren Inhalten und Zielen durch Werner Kloos, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern, und Dr. Iris Oberth, Leiterin des Kulturwerks der Siebenbürger Sachsen, übernahm unsere überaus kompetente und sympathische Reiseleiterin Daiva Medveckiene. Bei einem Stadtrundgang durch Vilnius erfuhren wir viel über die wechselvolle Geschichte Litauens, über den Einfluss des Deutschen Ordens, der dazu führte, dass auch die letzten „Heiden“ Europas den christlichen Glauben annahmen, über Reformation und Gegenreformation, die, wie auch der Übertritt zum Christentum, oft politischen Interessen folgten. Am nächsten Morgen besuchten wir das Paneriai Memorial, eine Holocaust Gedenkstätte in einem Wald nahe Vilnius. In Paneriai wurden zwischen 1941 und 1944 an die 100.000 Juden, Polen und russische Kriegsgefangene ermordet. Sehr bewegt folgten wir den Ausführungen zur Geschichte dieses Ortes sowie zum Holocaust in Litauen.

Der frühen Geschichte Litauens widmet sich das Museum in der Wasserburg Trakai. Diese wurde im 14. Jahrhundert als Bollwerk gegen die Kreuzritter des Deutschen Ordens gebaut, war aber auch Schauplatz innerlitauischer Machtkämpfe.

Weiter ging es nach Kaunas, der zweitgrößten Stadt Litauens. Von 1920 bis 1940 war Kaunas Hauptstadt Litauens und wurde zur Großstadt ausgebaut. Prächtige Gebäude säumen die Straßen. Die Burg Kaunas, 1361 erstmals urkundlich erwähnt, sollte den Kreuzzug in Richtung Litauen aufhalten. Aus diesem Grund wurde sie mehrmals vom Deutschen Orden angegriffen und schließlich erobert. Heute sind Teile rekonstruiert und beherbergen ein Museum.

Am nächsten Tag besuchten wir das IX. Fort. Dies ist eine kurz vor dem Ersten Weltkrieg fertiggestellte Festungsanlage, die heute als Gedenkstätte für die Opfer stalinistischer Verfolgung und nationalsozialistischen Massenmordes fungiert. Während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg wurden im IX. Fort mindestens 18500 jüdische Menschen aus Litauen und ganz Europa ermordet. 1958 wurde das Fort in ein Museum zum Thema Holocaust in Litauen umgewandelt. Das beeindruckende Denkmal „Kampf, Sieg und Leid im Widerstand“ ragt von einem Hügel weit sichtbar in den Himmel.

Unsere Reise führte nun an die Bernsteinküste und auf die Kurische Nehrung, wo wir das Sommerhaus von Thomas Mann und die schönen Häuser der ehemaligen Künstlerkolonie bewunderten. In Klaipeda stand nach Besichtigung der Altstadt ein Treffen mit Vertretern des Vereins der Deutschen in Klaipeda an. Es fand im „Simon-Dach-Haus“ statt. Dieses ist ein nach dem Dichter der Barockzeit und Verfasser des als Volkslied Berühmtheit erlangten Gedichts „Ännchen von Tharau“ benanntes Kultur- und Informationszentrum. Hier werden Kultur- und Jugendveranstaltungen sowie Deutschkurse und Freundschaftsabende mit Vertretern verschiedener Nationalitäten organisiert. Nach herzlicher Begrüßung stellte Arnold Piklaps, Leiter des Simon-Dach-Hauses Vereins, die Anwesenden vor, darunter den Vorsitzenden des Vereins Klaus Peter Paul Grudzinskas, und hielt einen Vortrag über „Die deutsche Minderheit in Litauen“. Rasa Miuller, Kulturmanagerin des Simon-Dach-Hauses, sprach zum Thema „Heimat und Multikulturalität in Litauen“ und informierte über das Kultur- und Sprachkursprogramm. Anschließend referierte Werner Kloos über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen sowie die Organisation, Aufgaben und Tätigkeiten des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Iris Oberth stellte das Kulturleben des Verbandes sowie die Arbeit des Kulturwerks vor. Die anschließende Diskussionsrunde bot viel Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. Nach gemeinsamen Singen wurden wir noch von unseren Gastgebern durch das Haus geführt.

Weiter ging es nach Lettland. Dort besichtigten wir Schloss Rundâle (Ruhenthal) und seine Ausstellung, die Exponate der Kunst Europas und des Ostens aus der Zeit von vier Jahrhunderten präsentiert. In Riga bestaunten wir dann die prachtvollen Jugendstilhäuser und lauschten im Dom einem Konzert auf der in Ludwigsburg am Neckar gebauten Orgel. Ein nachhaltig eindrücklicher Programmpunkt war der Besuch des Lettischen Okkupationsmuseums. Es dokumentiert die Zeit von 1940 bis 1990, als Lettland zuerst von der Sowjetunion, dann vom nationalsozialistischen Deutschland und anschließend erneut von der Sowjetunion besetzt war. Es ist das meistbesuchte Museum des Landes.

Werner Kloos bei seinem Vortrag im Verein „Domus ...
Werner Kloos bei seinem Vortrag im Verein „Domus Rigensis“ in Riga.
Bei „Domus Rigensis“, dem gemeinsamen Verein von Letten und Deutschbalten, fand die nächste Begegnung statt. Der Verein wurde 1992 gegründet, mit dem Ziel das gemeinsame kulturelle Erbe der Stadt Riga zu erfassen, zu bewahren und zu pflegen. Der Verein versteht sich vornehmlich als Begegnungsstätte von Letten und Deutschbalten und soll mit zahlreichen Veranstaltungen zum Verständnis der gemeinsamen Geschichte beitragen. Begrüßt wurden wir von Ilze Garda, der Vorsitzenden des Verbands der Deutschen in Lettland, Nora Rutka, Leiterin der Geschäftsstelle, und Aina Balasko, Mitglied des Vorstands. Anschließend folgten wir dem Vortrag „Der Staat und Minderheiten in Lettland“ von Nora Rutka. Ilze Garda hielt eine Präsentation zu der Arbeit des Vereins in Lettland wie auch im europäischen Netzwerk. Anschließend hielten Werner Kloos und Iris Oberth ebenfalls wieder Vorträge. Es folgte eine Gesprächsrunde mit gegenseitigem Erfahrungsaustausch über die Entwicklung der Vereinsarbeit. Das Treffen endete in gemütlicher Runde und mit gemeinsamem Gesang.

Das nächste große und auch letzte Ziel war Tallinn, die Hauptstadt Estlands. Schon bei der Einfahrt in die Stadt fielen uns die vielen modernen Gebäude mit ihren funkelnden Glasfassaden auf. Estland sei, dank kluger politischer Entscheidungen nach 1990, das wirtschaftlich bestgestellte Land unter den der drei baltischen Staaten, erklärte unsere Reiseleiterin. Man sei stets bemüht, Altes zu erhalten und Neues zu integrieren. Vor der pittoresken Altstadt besichtigten wir die Gedenkstätte Maarjamäe Memoriaal. 2018 wurde in der Nähe der Sowjetischen Gedenkstätte ein „Denkmal für die Opfer der Sowjetunion“ eingeweiht. Es gilt als eine der zentralen estnischen Gedenkstätten. Angrenzend an die Gedenkstätte befindet sich der deutsche Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs, der ebenfalls als Gedenkstätte mit Friedhofscharakter fungiert.
Nora Rutka hielt einen Vortrag im Verein „Domus ...
Nora Rutka hielt einen Vortrag im Verein „Domus Rigensis“ in Riga.
Im Anschluss stand das Treffen mit Deutschen in Estland bei der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde auf dem Programm. Hier erwarteten uns Frank Borchers, Vorsitzender des Kirchengemeinderates, die Gemeindeschwester Marins Hammerbeck sowie weitere Gemeindemitglieder und Gäste. Borchers hielt einen Kurzvortrag zum Thema „Die Minderheiten Estlands und die Kirchen“ und informierte über die spezielle Situation der Deutschen in Estland. Speziell insofern, als dass die meisten Baltendeutschen Estland nach dem Krieg verließen. Die 1992 gegründete deutsche Gemeinde besteht aus circa 200 Personen mit deutschen Wurzeln, die beruflich nach Estland gekommen sind, oder Esten und Menschen anderer Herkunft, die Interesse an deutscher Sprache und Kultur haben. Werner Kloos stellte auch hier das siebenbürgische Vereinsleben in Bayern vor und sprach, wie auch bei den anderen Treffen, eine Einladung zu einem Gegenbesuch in München aus. Die anschließende Diskussionsrunde widmete sich vornehmlich einem Vergleich der Entwicklung der jeweiligen Minderheiten in den postkommunistischen Zeiten.

Dieser war der letzte Besuch bei Baltendeutschen und wir stellten fest, dass es trotz unterschiedlicher historischer Hintergründe viele Gemeinsamkeiten gibt und sich der Austausch als sehr fruchtbar erwiesen hat. Damit haben wir uns mit schönen Eindrücken und um viele persönliche sowie Verbandskontakte reicher vom Baltikum verabschiedet.

Die Begegnungsreise wurde durch das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags gefördert.

Gerlinde Faff

Schlagwörter: Reise, Landesverband, Bayern, Baltikum, Riga, Estland, Werner Kloos, Iris Oberth

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