10. Januar 2011

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Spurensuche in Thalheim nach dem Dichter Georg Hoprich (1938-1969)

Wer von der Straße Hermannstadt - Agnetheln zum Dorf Daia / Thalheim abbiegt, kann auf einer Gedenktafel an der Vorderfront des ersten Hauses im Ort lesen: „Mit Gottes Hilfe hat David Petru dieses Haus im Jahre 1959 gebaut“. Ein anderer Sohn des Dorfes hatte um diese Zeit begonnen, Fundamente seines Gebäudes aus deutscher Sprache zu errichten. Daran erinnert hier nichts. Das Haus seiner Eltern Georg sen. und Sofia Hoprich ziert keine Tafel, ist unter der angegebenen Nummer 103 überhaupt nicht zu finden. Vor Jahrzehnten wurde die Zählung verändert.
Der Bauernsohn Georg Hoprich studierte nach dem Abitur in Hermannstadt Germanistik in Bukarest. Im Studentenheim beginnt er zu schreiben. Kommilitonen liest er seine Gedichte vor, sie hören zu und diskutieren miteinander. Hoprich fragt nach der Tiefe von Zusammenhängen und nach dem Zusammenhang der Gegenwart mit vorigen Zeiten. Seine eigene Zeit ist Stalins Zeit auch nach dessen Tod. Alle diese Strömungen kommen aus Hoprichs Perspektive zusammen in seinem Dorf.

„Hinterm Strauch begann die Sprache,/ und wir redeten vom Fernen“, heißt es 1959 in dem Gedicht „Thalheim“. Über die Heimkehr der deportierten Siebenbürger Sachsen schreibt er: „Ihr schuldet keiner Ferne eure Ferne/ Und keinem Weltgesetz das Andersschreiten“ (1964). Seiner Mutter gehört seine Zuneigung; denn nur sie erkennt in dem immer Fröhlichen „den bleichen Sohn“ (1960). Er reflektiert Weltgeschichte, als russische Soldaten 1944 ins Dorf kommen: „Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band/ Und verlor die Furcht vor Mitja./ (...) Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann,/ Sich einen Holzfuß. Dann und wann/ War in der Suppe auch Fleisch“ (1965). In dieser „Erinnerung I/II/III“ benennt er auch konkret eigene Schuld.

1960 fordert ein rumänischer Studienfreund per Postkarte zum bewaffneten Kampf gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auf. Der unbeteiligte Hoprich wird in die Untersuchung der Angelegenheit hineingezogen und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als Corpus Delicti musste nach Meinung von Experten herhalten das Gedicht „Wir sind ein bleiches Volk“, in dem Hoprich seine Skepsis über die Zukunft der Siebenbürger Sachsen in Rumänien ausdrückt. Grabstein von Georg Hoprich auf dem Thalheimer ...Grabstein von Georg Hoprich auf dem Thalheimer Friedhof. Foto: Dr. Jens Langer Nach der Haft hatte sich seine Schwermut verstärkt. Seit 1964 wirkte er vor allem als Schulsekretär in Heltau, wo er mit seiner Familie lebte. Auch Liebe und Ehe konnten ihn nicht auf Dauer ins Freie führen. Am 9. April 1969 erhängte er sich in Heltau und fand seine letzte Ruhestätte in Thalheim. Vierzehn Jahre nach dem Tod des Dichters gab Stefan Sienerth die Gedichte aus dem Nachlass heraus (G. Hoprich: „Gedichte“, Bukarest, Kriterion-Verlag, 1983, 169 Seiten). Vorwort und Anmerkungen des Germanisten zur Textgestaltung und Biografie sind ein unentbehrliches Hilfsmittel zum Verstehen. Sie lassen - auch damals, 1983 - Hoprichs verlorene Zeit begreifen.

Das Jahr 2010 könnte vielleicht das Jahr des Wiederfindens sein. Am 30. April nämlich erinnerte der Hermannstädter Literaturkreis an den Dichter. Gerhard Konnert, emeritierter Germanist an der Lucian-Blaga-Universität, interpretierte Gedichte Hoprichs. Nach langer Zeit füllte ihr Klang wieder einen Raum.

Als ich am 14. Oktober 2010 das erste Mal in Daia haltmache, findet mein Gedenken auf dem Kirchhof statt. Ich bin froh, dass wir das Grab nach einiger Suche gefunden haben. Der dunkle Stein trägt unter geborstenem Glas ein Foto von Hoprich, „Professor und Dichter“, wie es heißt. Die Eltern haben die Grabverse ihres Sohnes von 1964 in den Stein meißeln lassen. „Aus Stillsein ging die Flamme auf,/ Die Wirrnis wurde Lebenslauf,/ Der Irrtum leitete das Spiel,/ der Tod war das geschmückte Ziel.“ Wir verhalten still. Am 22. Oktober suche ich im Dorf nach dem Geburtshaus von Daias Dichter. Es finden sich keine positiven Auskünfte. Das ist vierzig Jahre her, in denen Geschichte mehrfach auch durch dieses Dorf gestürmt und gekrochen ist. Wer muss da noch etwas wissen vom Herkommen und Haus der Ausgewanderten!

Am 16. November 2010 ist der unbekannte, verschollene und vergessene Dichter plötzlich auf allen Kulturseiten der deutschen Presse präsent und alsbald ebenso in den Medien der Siebenbürger Sachsen - sein Name, nicht sein Werk. Durch ein Gerücht gerät der Thalheimer in einen Bezug zur Securitate-Connection von Oskar Pastior, ohne selbst darin verstrickt zu sein. Was immer noch Forscher lesen werden an Unerwartetem und Bitterem, lesen wir selbst am besten seine Gedichte sorgfältig und nun erst recht! Dafür könnte Sienerths Sammlung ein zweites Mal publiziert oder sogar von ihm überarbeitet und neu herausgebracht werden. Ein Verschwundener soll wiedergefunden werden. In Thalheim selbst gibt es einen aktiven flämischen Kulturmanager und das Kinderheim „Papageno“ im Pfarrhof von einst, der sagenhaft zu Füßen von Hoprichs Grab liegt. Von Hermannstadt bis Rothberg leben die Literaten, die im Frühjahr den Anstoß zum Wiederauffinden des Dichters gaben - zusammen mit interessierten Dorfbewohnern womöglich alles Kräfte für Daias bleichen Sohn, die auch Nachkommen Hoprichs (be)suchen sollten. Lesungen vor Ort sind vorstellbar und eine Gedenktafel am Haus, wenn es denn laut Grundbuch und Zeitzeugen gefunden sein wird. Dabei geht es nicht zuerst um die Größe eines Werkes, sondern um die unseres Vergessens und die Würde unseres Dichters. Wer im Sommer selber auf Erkundung geht, wird wie wir im Gehöft Nr. 201 links neben dem heutigen Kinderheim „Papageno“ freundlich und sprachkundig empfangen werden.

Jens Langer

Schlagwörter: Dichter, Pastior, Securitate

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