7. Februar 2011

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Zwei Veröffentlichungen zu den Roma Siebenbürgens

Die Rückführungsaktionen der französischen Behörden hat sie auch in die deutschen Schlagzeilen gebracht: die aus Rumänien (und Bulgarien) stammenden Sinti und Roma. Aus der Medienberichterstattung wird immer wieder deutlich, wie wenig über diese in verschiedenen europäischen Ländern siedelnde Volksgruppe bekannt ist. Zwei im letzten Jahr erschienene Publikationen – die nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen in Frankreich stehen – wollen dazu beitragen, dieses Informationsdefizit abzubauen. Dies gelingt ihnen zumindest teilweise. Nachfolgend sollen die beiden Veröffentlichungen kurz vorgestellt werden.
Rromänien. Zugänge zu den Roma in Siebenbürgen. Tübinger Korrespondenzblatt. Herausgegeben im Auftrag der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., Nr. 60, April 2010, 109 Seiten, Bezugsmöglichkeit: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V. (TVV), Schloss, 72070 Tübingen, Telefon: (0 70 71) 2 97 23 74, Fax: (0 70 71) 29 53 30, E-Mail: info[ät]tvv-verlag.de, zum Preis von 8,00 Euro, zuzüglich Versand.

Im Mai 2008 hat eine Studentengruppe eine einwöchige Exkursion nach Hermannstadt veranstaltet, in deren Mittelpunkt das Studium der Roma-Minderheit in und um die Stadt stand. Ein Ergebnis dieser Exkursion ist die hier vorzustellende Publikation. In dem ersten Beitrag „Roma in Siebenbürgen – ein ‚Homeland’ für ‚Zigeuner’?“ beleuchtet Joachim Krauß unterschiedliche Aspekte der bisherigen Beschäftigung mit dem Leben der Roma in Rumänien: Quellenkritisches ist ebenso dabei wie eine kurze Darstellung des historischen Raums Siebenbürgen, statistische Angaben sowie eine Auseinandersetzung mit den Bezeichnungen „Roma“ und „Zigeuner“. Krauß geht auf die unterschiedlichen Roma-Gruppen ein und versucht sich in einer Geschichte der Volksgruppe. Daran schließt eine Vorstellung der Roma in der rumänischen Gegenwart an, gefolgt von einer Skizze der Roma in Stadt und Kreis Hermannstadt. Krauß stellt fest, dass nicht abschließend geklärt werden kann, ob Siebenbürgen das „Homeland“ der Roma ist.

Julia-Karin Pătruţ geht auf die wissenschaftliche und publizistische Darstellung von Roma in Rumänien ein. Sie untersucht die „Roma“-Begriffe und die Ethnizitätsdiskurse anhand von geschichts- bzw. sozialwissenschaftlichen Arbeiten. Sie bedauert die aus ihrer Sicht meist vorurteilsbeladene Berichterstattung über Roma in den Hermannstädter Medien und kritisiert Franz Remmel (siehe unten) als jemanden, der den Fallstricken der Ethnographie erlegen sei. Eine Antwort auf die Frage „Wer ist Roma?“ sucht Wolfgang Aschauer. Er geht dabei auf Roma und ihre Definition auf politischer Ebene ein, untersucht den Indienmythos als Fremdheitsvermutung, stellt die Definition mit Hilfe kultureller und sozialer Merkmale dar und hinterfragt abschließend die Definitionskraft des „rassistischen Blicks“.

Moritz Fischer, Christine Hämmerling und Jan Hinrichsen beschäftigen sich unter dem Titel „Imaging Roma“ mit den Fremd- und Selbstbildern der Roma in und um Hermannstadt. Bei ihren Recherchen trafen sie auch Luminiţa Cioabă, Tochter des Roma-„Königs“ und anerkannte Schriftstellerin. Ein nach der Studienreise geführtes Telefoninterview mit Frau Cioabă wird ebenfalls abgedruckt. Die Auflistung von Literatur zur Roma-Frage sowie ein Abbildungs- und Autorenverzeichnis beschließen die knapp über 100 Seiten starke Veröffentlichung.

Franz Remmel: Die Fremden aus Indien. Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt; Reschitza: Banatul Montan Verlag, 2010; ISBN 978-973-1929-33-0; 136 Seiten, Bezug: Erasmus Büchercafé Hermannstadt, Telefon in Rumänien: (00 40-2 69) 22 10 60, Telefon in Deutschland: (02 28) 90 91 95 57, Internet: www.buechercafe.ro.

Franz Remmel gehört zu den profiliertesten Autoren zu den Sinti und Roma Rumäniens. Er hat mehrere Bücher zu dieser Volksgruppe veröffentlicht und fühlt sich ihrem Schicksal verbunden. Die Botschaft seines hier vorzustellenden Buches ist, dass die Vorurteile über die Roma und deren darin begründete Benachteiligung als Letztes sterben. Er untermauert dies durch mehrere kurze Darstellungen, welche aus Platzgründen hier nur mit ihrem jeweiligen Titel aufgenommen werden können: Geteilte Meinungen, Er war kein Unsriger, Wegweiser zum Hakenkreuz, Die Gewerkschaft der Rauchfangkehrer, Gründungsurkunde, Roma ohne Grenzen?, Die Macht der Gerüchte, Goldener Zaum macht die Mähre nicht flotter, Greif mal wieder zum Buch!?, Überheiztes Volksmassenbad, Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt. Im Anhang werden die rumänischen Bezeichnungen der im Buch vorkommenden deutschen Ortsnamen aufgelistet, zudem werden eine – leider recht kurze – Liste mit weiterführender Literatur und Abbildungen, größtenteils in Farbe, geboten.

Aus den Beiträgen ist die große Sympathie des Autors für die Volksgruppe der Sinti und Roma erkennbar; was teilweise die Objektivität beeinträchtigt. Insbesondere stellt der Autor die Roma vorwiegend als Opfer dar, die Schuld für ihr beklagenswertes Schicksal sei meist bei anderen zu suchen. Remmel verdeutlicht aber auch anhand vieler Beispiele, dass Roma aus Siebenbürgen bzw. Rumänien zu gesellschaftlicher Anerkennung gekommen sind. Auch liefert er Ansatzpunkte für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung. Als Beispiel sei hier das Aufbegehren während der kommunistischen Diktatur [S. 101f.] genannt. Größter Kritikpunkt an dem Buch ist das mangelhafte Lektorat. Dies führt unter anderem dazu, dass das Konzept des Buches schwer erkennbar, Quellenangaben ungenau und Tippfehler nicht selten sind. So mancher Beitrag scheint bereits an anderer Stelle erschienen zu sein, ohne dass dies vermerkt wird.

Uwe Konst

Schlagwörter: Roma, Bücher, Rezension

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