13. März 2011

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Dichtende Königin – Carmen Sylva

Rezension des Buches Silvia Irina Zimmermann "Die dichtende Königin Elisabeth, Prinzessin zu Wied, Königin von Rumänien, Carmen Sylva (1843-1916). Selbstmythisierung und prodynastische Öffentlichkeitsarbeit durch Literatur", ibidem-Verlag Stuttgart 2010, 273 Seiten, ISBN-10: 3-8382-0185-X. ISBN-13: 978-3-8382-0185-6.
„Carmen Sylva“ ist das dichterische Pseudonym der rumänischen Königin Elisabeth, die als Prinzessin zu Wied seit 1869 mit Karl I. (1866-1914) von Hohenzollern-Sigmaringen, dem Fürsten und ab 1881 König von Rumänien, verheiratet war. Sie hat als Dichterin ein umfangreiches Werk geschaffen. Es umfasst eine große Anzahl von lyrischen Gedichtbänden, dann mehrere Versepen, Erzählungen, Märchen einen Roman und mehrere Theaterstücke. Viele ihrer Dichtungen wurden ins Rumänische, aber auch ins Französische, Englische, Holländische und andere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Gedichte wurden vertont. Dieses dichterische Werk bildet den Gegenstand des hier zu besprechenden Buches. Es ist eine der detailliertesten Studien, die dem dichterischen Schaffen Carmen Sylvas bisher gewidmet wurden. Es geht Zimmermann zugleich darum, dieses Werk in die Literatur- und Kulturgeschichte einzuordnen.

Aus dem Leben der rumänischen Königin werden nur einige Aspekte erwähnt. Für das Verständnis ihres literarischen Schaffens wäre es vielleicht erforderlich gewesen, näher darauf einzugehen. Daraus geht hervor, dass sie nach dem Tod ihrer einzigen vierjährigen Tochter und einer sonst kinderlosen Ehe unter dem Druck stand, dem Land den erwarteten Nachfolger nicht schenken konnte. Sie wurde infolgedessen depressiv und einsam und zog sich in eine irreale „Märchenwelt“ zurück, für die das Pelesch-Schloss am Hang der Südkarpaten die ideale Kulisse bot. Ihren Imageverlust wegen Kinderlosigkeit versuchte Elisabeth durch ihr Wirken als vorbildliche Landesmutter und als Kulturvermittlerin des Ansehens der rumänischen Monarchie zu kompensieren. Zu erwähnen ist vor allem ihr Wirken im Wohltätigkeitsbereich und in der Frauenförderung, so die Initiative zur Errichtung der Blindenkolonie „Vatra luminoasă“ in Bukarest. Und ihr literarisches Wirken, so befindet Zimmermann, diente als Teil ihres Berufes als Königin der „Selbstmythisierung und der dynastischen Öffentlichkeitsarbeit“.

Die Literaturwissenschaftlerin Zimmermann untersucht in übersichtlich strukturierten Kapiteln zunächst Weltanschauung und Thematik im Werk Carmen Sylvas, anschließend künstlerische Darstellungsform und den Schreibstil ihrer Dichtung, dann Lob, Vorurteil und Kritik über Carmen Sylva in der Literaturforschung, ferner die Legitimierung ihrer Dichtung im Spannungsfeld zwischen Kulturen sowie ihren Popularitätswille mit politischer Tendenz. Aus der Analyse geht hervor, dass die Dichterin, ihrer Weltanschauung entsprechend in ihrem Werk hauptsächlich Autobiographisches, die menschliche Natur, Kritik menschlicher Missstände, arme und reiche Menschen, Eheproblematik und Frauenopfer, Erziehungsfragen, Krieg mit Opfern und Helden, einsam leidende „Übermenschen“ und Märtyrer, politischen Konservatismus, Glaubensfragen, alte deutsche und neue rumänische Heimat behandelt. Carmen Sylva hat zahlreiche Themen aus der rumänischen Volksliteratur und Mythologie sowie aus der rumänischen Geschichte aufgegriffen und dichterisch verarbeitet. Dabei wird das einfache Bauernleben idealisiert und die rumänische Geschichte entsprechend der damaligen nationalen Geschichtsschreibung glorifiziert. Karl I., ihr Gemahl, wird in die Reihe der großen Fürsten der rumänischen Länder eingeordnet, der sich als Held und Monarch für das Land aufopfert. Die neue rumänische Dynastie wird auf diese Weise mystisch verklärt.

Carmen Sylva hat ihre Werke in deutscher Sprache geschrieben und rumänische Literatur ins Deutsche übersetzt. Die sprachbegabte Königin hat die rumänische Sprache relativ schnell erlernt und kannte seit ihrer Kindheit das Französische und Englische, so dass sie sich in diesen Sprachen leicht bewegen konnte. Einige Werke hat Carmen Sylva auch mit Mite Kremnitz, einer in Rumänien lebenden deutschen Schriftstellerin, verfasst. Alle diese Werke werden im Anhang des hier besprochenen Buches mit inhaltlichen Angaben aufgelistet.

Das Werk Carmen Sylvas wird in der Literaturkritik (dazu befindet sich im Anhang eine umfangreiche Liste der Sekundärliteratur) kontrovers bewertet, einerseits durch die Überschätzung der „Genialität“ der dichtenden Königin und andererseits durch das Überbetonen formaler Schwächen. Zimmermann geht auf diese Problematik ein und versucht der Dichterin gerecht zu werden: „Ihr Werk zeichnet sich durch stoffliche Vielfalt und persönliche Darbietung aus und nicht durch innovative Kunstfertigkeit. Ihre Dichtung ist Ausdruck ‚einfacher Natur’ und des Empfindens, naive Dichtung und keine Wortkunst. Sie ist autobiographische und politische Tendenz und keine an Thesen oder ästhetischen Überlegungen orientierte Literaturpraxis… Carmen Sylva schließt sich keiner literarischen Strömung der Zeit explizit an. In ihrer schriftstellerischen Praxis orientiert sie sich vornehmlich an der Vermittlung ihrer individuellen ethischen und politischen Anliegen.“ Diesem Urteil kann man zustimmen und mit diesem Wissen Werke von Carmen Sylva lesen. Obwohl Zimmermann außer den Märchen und dem belehrend-erzieherischen Wert den Großteil des schriftstellerischen Werkes der dichtenden Königin als dilettantisch, klischeehaft und trivial abstuft, fällt ihr Gesamturteil dennoch positiv aus: „Carmen Sylva ist in der Literatur hauptsächlich als dichtende Königin erwähnenswert, und als solche wegen der volkserzieherischen, ethisch-didaktischen und politischen Tendenz ihrer Werke von kultur- und sozialgeschichtlichem Interesse. Durch die Bekanntschaft mit Schriftstellern und Künstlern ihrer Zeit, nicht zuletzt auch durch die zahlreichen Übersetzungen ihrer Werke ins Rumänische durch bekannte rumänische Schriftsteller unterschiedlicher literarischer wie auch politischer Richtungen, bleibt Königin Elisabeth – Carmen Sylva – eine relevante Persönlichkeit für die europäische und vor allem für die rumänische Kulturgeschichte um 1900. Als Königin hat sie wesentlich zur Konsolidierung der hohenzollerischen Dynastie im Königreich Rumänien durch die eigene schriftstellerische Tätigkeit und zur Herausbildung des neuen historischen Mythos vom glorreichen Karl I. beizutragen versucht.“

Nach ihrem Tod (1916) geriet Carmen Sylva zum Teil in Vergessenheit. Vor allem im kommunistischen Rumänien wurde das Königshaus tabuisiert oder abwertend behandelt. Nach 1989 wurde auch Carmen Sylva neu entdeckt, einige ihrer Werke wurden herausgegeben und biographisch-historische Abhandlungen über die Hohenzollern-Dynastie veröffentlicht. Dazu gehört auch diese empfehlenswerte Studie. Vor allem die Märchen Carmen Sylvas haben bis heute ihren Reiz nicht verloren. Wir weisen darauf hin, dass Zimmermann diese Märchen 2011 unter dem Titel „Der Zauber des fernen Königreichs. Carmen Sylvas Pelesch-Märchen“ ebenfalls im ibidem-Verlag in Stuttgart herausgeben wird.

Die dichtende Königin gehört durch ihr Werk sowohl der deutschen als auch der rumänischen Literatur und Kulturgeschichte an. Sollten wir sie nicht auch als rumänendeutsche Dichterin betrachten, zumal sie sich in der evangelisch-deutschen Kirche und zum Teil in der deutschen Kolonie von Bukarest engagierte?

Michael Kroner

Schlagwörter: Rezension, Hohenzollern, Dichter

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