2. März 2013

Regisseur Radu Gabrea stellt zwei Filme in Berlin vor

Der Neue Rumänische Film feiert seit Cristian Mungius Goldener Palme in Cannes weiterhin internationale Erfolge mit der kritischen Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der postsozialistischen Gesellschaft. Bei den 63. Internationalen Filmfestspielen Berlin hat Călin Peter Netzers Film „Poziţia copilului“ (Die Stellung des Kindes) den Goldenen Bären gewonnen: eine schonungslose Analyse der jeder ethischen Norm entbehrenden, einem hemmungslosen Materialismus verpflichteten Oberschicht, einer neuen Nomenklatura der „Revolutionsgewinner“ (siehe auch SbZ Online vom 17. Februar 2013).
Auch der als Abschlussfilm in der Reihe „Perspektive deutsches Kino“ gezeigte Dokumentarfilm des jungen Regisseurs Oliver Tataru „Anatomie des Weggehens“, der sich mit der Frage nach der Unausweichlichkeit der Ausreise aus Rumänien in sehr intimer Weise auseinandersetzt, wurde mit viel Wohlwollen aufgenommen.

Während im offiziellen Festivalprogramm die Preisträger gekürt wurden, zeigte das Rumänische Kulturinstitut „Titu Maiorescu“ am 15. Februar als internationale Erstaufführung zwei Filme des unseren Landsleuten durch seine Verfilmung der Romane Eginald Schlattners bekanntgewordenen Regisseurs Radu Gabrea: den Dokumentarfilm „Evrei de vanzare“ (Juden zu verkaufen) und den Spielfilm „Trei zile până la Crăciun“ (Drei Tage bis Weihnachten).

Eingeführt von der rumänischen Journalistin E. G. Nistor, Medienvertreterin bei der Berlinale, die auf die besonders aufwändigen Recherchen Gabreas hinwies, der auch unbekannte Quellen erschloss, zeigte der dem klassischen Dokumentarfilmformat verpflichtete Streifen die lange Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Rumänien, die besonders in der Nachkriegszeit viele Parallelen zur Geschichte der Aussiedlung der Rumäniendeutschen aufweist: Menschenverkauf, Heimatverlust und Wehmut über den Untergang einer spezifischen Kultur. In der anschließenden Aussprache erklärte Radu Gabrea, dass er einen ähnlichen Film auch über das Schicksal der „verkauften“ Siebenbürger Sachsen plane und deshalb ganz bewusst auf Querverweise in diesem Film verzichtet habe.

Um 21 Uhr wurde der Film „Drei Tage bis Weihnachten“ in Anwesenheit der weiblichen Hauptdarstellerin Victoria Ciocaş gezeigt. Der Streifen lässt sich am besten als eine sogenannte Dokufiktion bezeichnen: eine Zusammenstellung von Dokumentaraufnahmen, die durch Spielfilmszenen ergänzt werden. Dieses heute durchaus übliche Verfahren, als „re-enactment“ bekannt, ermöglichte dem Zuschauer eine historische „Ergänzung“ jener Momente im Dezember 1989 und der allbekannten Fernsehbilder von dem im Hubschrauber flüchtenden Diktator und dem „Schauprozess“ in Târgovişte. Ergänzt von Aussagen verschiedener Historiker, vor allem aber von Beteiligten, ist es das Hauptanliegen Gabreas, jene Lücke zu füllen, die zwischen der Flucht aus Bukarest und den Ereignissen in der Garnison Târgovişte liegen. Die erratische Suche des Diktatorenehepaars nach einem „sicheren Hafen“ wird in emotionalen Bildern nachempfunden, was sowohl der guten Leistung von Victoria Ciocaş als „Landesmutter“ Elena Ceauşescu, als auch der Darstellung des notorischen Präsidenten Nicolae Ceauşescu durch den in Rumänien bekannten Constantin Cojocaru zu verdanken ist. Dabei erscheinen die beiden gespenstisch wirklichkeitsgetreu, nicht nur in ihrer politischen Ahnungslosigkeit und Entfremdung, sondern auch in ihrer emotionalen Wahrnehmung. Fast anrührend wirkt dabei auch die Tatsache, dass bei allem „Cäsarenwahn“ die beiden sich tatsächlich sehr nahe standen, sich wohl sogar liebten.

In der von starkem Interesse geprägten Aussprache wurde klar, dass auch heute in Rumänien die Auseinandersetzung mit diesem spezifischen Thema schwierig ist (ein Theaterstück zum Prozess wurde wegen „Verletzung der Persönlichkeitsrechte“ nach nur zwei Vorstellungen abgesetzt). Bitter, sogar erschütternd bleibt dem interessierten Zuschauer die Aussage eines der am Prozess Beteiligten in Erinnerung, der sagte, dass 22 Jahre nach den Ereignissen sich die Vorhersagen des Diktators kurz vor seiner Hinrichtung bewahrheitet hätten, nämlich dass der Kommunismus mit seinem Tode keineswegs bei den kleinen Leuten in Vergessenheit geraten werde und dass nach seinem (Ceauşescus) Ende das Land in Chaos und Elend versinken werde.

Jürgen Schlezack

Schlagwörter: Film, Rumänien

Bewerten:

352 Bewertungen: ––

Neueste Kommentare

  • 04.03.2013, 13:43 Uhr von azur: Das hätten Sie vielleicht gerne, stimmt aber nicht, das können die Admins anhand der IP ... [weiter]
  • 04.03.2013, 13:13 Uhr von 7: Naja, azur alias Armin Maurer, zumindest Sie ändern nicht mehr ständig ihren Nicknamen, das war vor ... [weiter]
  • 03.03.2013, 15:33 Uhr von azur: ja, ja, filozofia chibritului ;-) [weiter]

Artikel wurde 18 mal kommentiert.

Alle Kommentare anzeigen.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.