16. Oktober 2002

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Bergels Essayband über die Bukowina

Unter dem Titel „Bukowiner Spuren. Von Dichtern und bildenden Künstlern“ veröffentlichte der Aachener Rimbaud-Verlag einen Band mit sieben Essays von Hans Bergel, die sich mit Persönlichkeiten der Literatur und Kunst und deren Werk aus dem ehemaligen Buchenland beschäftigen.
Der Literaturhistoriker Stefan Sienerth schrieb 1995, für den Schriftsteller und Journalisten Hans Bergel sei es ein Leichtes, aus seinem Vorrat an Essays und Aufsätzen beliebig auszuwählen und ein „neues imponierendes Buch“ zu präsentieren. Diese Äußerung erfuhr durch den hier zu besprechenden Essayband eine weitere Bestätigung.

Was bei dieser Auswahl zustande kam, ist ein Stück südosteuropäischer Kulturgeschichte, denn Bergel weitet das Blickfeld über die deutschsprachige Bukowina hinaus auf Bukarest, Siebenbürgen, auf rumänische, jüdische, ungarische u.a. Kulturpotenziale aus.

Hans Bergel bei einer Veranstaltung im Haus des Deutschen Ostens in München. Foto: Robert Sonnleitner.
Hans Bergel bei einer Veranstaltung im Haus des Deutschen Ostens in München. Foto: Robert Sonnleitner.


Die sieben Texte, zum Teil vereinzelt in Zeitungen und Zeitschriften bereits erschienen, wurden vom Autor für diesen Band substanziell überarbeitet und erfuhren wesentliche Vervollständigungen und aufschlussreiche Präzisierungen. So ergänzte Bergel z.B. den seinerzeit von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Lob bedachten Rückblick auf das deutschsprachige Literaturleben Bukarests während des Nachkriegsjahrzehnts um eine Reihe von Informationen, die das Bild einer geistigen, Dynamik von ungewöhnlicher Farbigkeit und Intensität beschwören. Wer sich die in Deutschland in Umlauf gesetzte – falsche – These vom Zustandekommen rumäniendeutscher Literaturrührigkeit erst mit den siebziger, gar achtziger Jahren in Ermangelung besserer Information aneignete, wird hier eines Besseren belehrt.

Auch wenn sich der Autor in jedem Essay gezielt einer einzelnen Persönlichkeit annimmt, werden Namen und Fakten nicht nur des unmittelbaren Umfeldes, sondern auch der benachbarten Region einbezogen, wird den Wechselwirkungen und Beeinflussungen nachgegangen. So wird neben den Regionsspezifika das Gemeinsame des größeren südöstlichen Kulturakzentes sichtbar. Neben der oben genannten Arbeit ist der große Essay über Gregor von Rezzori dafür bezeichnend („Nichts war vergangen, alles war in mir“, Seite 37). Es ist das erste Mal, dass mit so programmatischem Anspruch auf ein überregionales südosteuropäisches „Kulturengeflecht“ hingewiesen wird.

Vor allem dreierlei macht den Reiz und den Gewinn der Lektüre der „Bukowiner Spuren“ aus. Da ist die Lebendigkeit der persönlichen Note in der Darlegung der Themen. Sie erwächst aus Bergels kulturgeschichtlichem Überblick sowie aus dem Panorama der privaten Bekanntschaft oder Freundschaft mit den Porträtierten. Der 1999 mit dem Israelischen Literaturstaatspreis geehrte Lyriker Manfred Winkler gehört seit fast einem halben Jahrhundert zu Bergels engen Freunden. Bergel stand aber auch Adolf Meschendörfer, Erwin Wittstock, besonders Andreas Birkner nahe; er ist der Jerusalemer Autorin Thea Sella freundschaftlich verbunden wie dem Maler und Grafiker Oswald Adler, der vor achtzig Jahren das Honterus-Gymnasium besuchte und heute in Tel Aviv lebt, er kannte Gregor von Rezzori und Oscar Walter Cisek usw. Hinzu kommt die Flüssigkeit des sprachlichen Vortrags auch dort, wo die Dateninformation eine erhebliche Dichte erreicht. Selbst schwierige Sachinhalte sind mit leichter Hand erzählt, beziehungsweise ausgebreitet. Und schließlich besticht die Komplexität im Umgang mit der Materie, ob es sich um geschichtliche wie zeitgeschichtliche, um politik-, literaturhistorische und -ästhetische Fragen handelt, um solche der Bildhauerei, der Landschafts- oder Porträtmalerei - Bergel macht Kulturgeschichte lebendig und zum nacherlebbaren Ereignis.

Dem knapp hundert Seiten umfassenden Band sind drei Seiten Literaturhinweise beigegeben, ein zweiseitiges Vorwort des Autors führt in dessen Betrachtungsweise ein. Die sieben Essays erscheinen als Band drei in der Reihe „Studien zur Literaturgeschichte“ Kritisch sind kleine Unachtsamkeiten beim Korrekturlesen anzumerken. So wenn „Gheorghe“ falsch als „Gheorg-he“ getrennt wird (Seite 28). Warum steht hinter dem feststellenden Satz „Auf den beiden Grundpfeilern aller Poesie (...) ruhen Gestalt und Gehalt (...) der gesamten Lyrik Winklers“ (Seite 68) ein Fragezeichen? Die Bagatellen sollten bei einer eventuellen zweiten Auflage verbessert werden. Eine solche ist dem schmalen Essayband zu wünschen.

W. Sch.


Hans Bergel: Bukowiner Spuren. Von Dichtern und bildenden Künstlern. Reihe: Studien zur Literaturgeschichte Band 3, Rimbaud-Verlag, Aachen 2002, 96 Seiten, broschiert, 20,00 Euro, ISBN 3-89086-747-2.

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 16 vom 15. Oktober 2002, Seite 7)

Schlagwörter: Bergel

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