15. April 2022

Siebenbürgischer „Meister des Aquarells“: Zum 125. Geburtstag von Heinrich Schunn

Heinrich Schunn wurde vor 125 Jahren, am 27. März 1897, in Neustadt bei Kronstadt geboren. Der 1984 in Leimen bei Heidelberg gestorbene Maler war einer der bedeutendsten siebenbürgischen Landschaftsaquarellisten seiner Generation.
Dem Besuch der Grundschule in Neustadt folgte das Honterus-Gymnasium in Kronstadt. Darauf wechselte er auf das Lehrerseminar in Hermannstadt und machte dort seinen Abschluss. Schunn diente als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg. 1919 ging er nach Berlin und begann das Studium an der Hochschule der Bildenden Künste. Ohne nennenswerte Geldmittel von zu Hause verdiente er seinen Lebensunterhalt sowie sein Studium als Geiger in Nachtlokalen.

1921 erwarb er das Zeichenlehrerdiplom für höhere Schulen. Von 1921 bis 1927 war er Zeichenlehrer in Bis­tritz. Bis zu seiner Pensionierung 1952 unterrichtete er am Honterus-Gymnasium in Kronstadt. Als Mal- und Zeichenlehrer revolutionierte er dort den Unterricht, indem er die Schüler vom akademischen Atelierarbeiten weg in die freie Natur holte.

Als „ein moderner Umgestalter des Zeichen- bzw. Kunsterzieher-Unterrichts wurde er einer der beliebtesten Lehrer, bis (durch) eine zunehmende Schwerhörigkeit als Folge einer Ohrenerkältung aus dem ersten Weltkrieg der Umgang mit ihm schwierig“ wurde. (H. Bergel, 1982). Seine erste Frau Friederike Hügel heiratete er in der Bistritzer Zeit. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Seiner zweiten Frau Erika Herbert verdanken wir das gerettete und übersichtlich geordnete Werk vom Stillleben bis zum Portrait. Zu seinem Nachlass zählen Unmengen von Skizzen, Blätter in Kohle, Tusche, Zeichnungen, Aquarelle, Ölmalereien aus all seinen Schaffensperioden.
Heinrich Schunn: Winterlandschaft aus Rosenau mit ...
Heinrich Schunn: Winterlandschaft aus Rosenau mit Blick auf den Butschetsch, 1958, Öl auf Leinwand, 98 x 130 cm. Schenkung von Peter Pastior. Das Bild schmückt seit Dezember 2018 die Begegnungsstätte des Verbandes in München. Foto: Hans-Werner Schuster
Heinrich Schunn war ein siebenbürgisch geprägter Künstler, der Anfang 1961 in die Bundesrepublik Deutschland aussiedelte und auf dessen Werke dies keine Auswirkung hatte. In den meisten Fällen sind Themen und Atmosphäre seiner Werke siebenbürgisch, und zwar unabhängig davon, ob sie in der alten Heimat oder nach der Auswanderung entstanden sind. 1948 erhielt er die „Arbeitsmedaille“ des Verbandes bildender Künstler Rumäniens, 1982 den „Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis“.

Studienreisen führten ihn durch Siebenbürgen, Deutschland, die skandinavischen Länder, Ungarn, Bulgarien sowie die Türkei. Während seines Lebens gab es von Heinrich Schunn erfolgreiche Ausstellungen in seiner Heimat sowie auch im Ausland. Seine verwendete Farbenpracht wird in der Literatur als Folge seiner Gehörlosigkeit erklärt. Dem widerspreche ich, da diese einmalige Gabe nicht als Ersatz einer anderen gedeutet werden kann. Sie war bei Heinrich Schunn schon immer vorhanden, resultierend auch aus seiner Ausbildung in Farbenlehre von P. O. Runge, J.W. Goethe und V. van Gogh. Inspiriert von den von Mitgliedern der ‚Brücke‘ aufgeworfenem Farbkomplex fand Schunn den Anschluss als Künstler an die Moderne.“ Dieser Impuls ist dafür verantwortlich, „dass der Künstler nach ziemlich frühzeitiger Aufgabe einer extrem ausdruckssteigernden Malweise sich nichtsdestoweniger für den Einsatz der Farbe als des bestimmenden Elements der Bildkomposition entschied und nie darauf verzichtete, die subjektive Formgebung in einer dekorativen Einheit zu verschmelzen.“ (M. J. Tataru, 1997) Seine Farbakkorde in seinen großen Ölbildern/Stillleben erinnern manchmal an Slevogt, Corinth oder Kokoschka.

Schon in den Jahren seines Studiums in Berlin begann Schunn seine Nass-in-Nass-Maltechnik, Aquarelle zu malen.
Heinrich Schunn: Wintertag in der Oberen Vorstadt ...
Heinrich Schunn: Wintertag in der Oberen Vorstadt (Schei). Aquarell, nicht datiert. Privatbesitz Taunusstein, Bildarchiv Konrad Klein
Heinrich Schunn schaute dem Kunstmaler Wilhelm Beindorf, neben Bistritz wohnend, „manchen Tipp seiner Aquarelltechnik ab und malte dann die großen Fichten des Gebirges in sanftem Grün und Blau, Naß in Naß, und ließ die halbe Welt in silbernen Nebeln und gelben Wolkenrändern wundervoll verschweben“. (H. Wühr, 1963) Als der „Meister des Aquarells“ der Siebenbürger Sachsen sagte Schunn von sich: „Ich behandle jedes Bild anders. Jede Landschaft lasse ich zu mir sprechen und versuche, ihre Aussage – aufs Wesentlichste abstrahiert – in ein Bild umzusetzen. Gerade beim Aquarell muss ja in einem Zuge, noch unter der Wirkung des Eindrucks gemalt werden. Die Farbe muss fließen, man muss seine Kräfte und seine Aufmerksamkeit rasch einsetzen, wenn man das Leuchten der Natur einfangen will. Ich zeichne nie vor, ich suche nie Konturen, sondern Farbe und Form entstehen gleichzeitig unter meinem Pinsel.“

„Sein rasch zupackendes Temperament kam vornehmlich den als Momentaufnahmen konzipierten Kohle-, Stift- und Tuschezeichnungen zugute. In den Zeichnungen seines Schülers Friedrich von Bömches lebt Schunns ‚schneller Strich‘ in verändertem Ambiente fort.“ (W. Mies, 1991). Schunns Aquarelle kann man in vier Gruppen einteilen:

1. Aquarelle ohne Konturen: „japanische Periode“ (wie diese in der Literatur bezeichnet werden, die bis ans Werkende anhält)
2. Aquarelle, die zusätzlich durch schwarze Farbe in Form von Strichen, angedeuteten Schatten oder von Hervorhebung einzelner Strukturen erkennbar sind
3. Aquarelle, die nur leicht mit Strichen in Tusche das Bildthema hervorheben und die Farbigkeit nicht übertönen, sondern nur andeuten
4. Aquarelle, die mit Tusche sehr stark (fast 1 zu 1) in den Bildinhalt, die Bildgestaltung eingreifen und so einen Mix von Farbe und Schwarz herstellen

In den vorwiegenden Aquarell- und Tempera-Arbeiten entwickelte er ­einen „Stil“, der die leuchtenden ­Farben, die ebenfalls an die Brücke-Maler erinnernde kräftige Kontur sowie die Frische der Betrachtungsweise mit einer gefälligen Form verband. (M. J. Tataru, 1997) Wie Hans Wühr 1963 bemerkte, „wäre es fruchtbar, an einer Reihe von Landschaftsbildern von Jahr zu Jahr die Entwicklung und Entfaltung einer Künstlerlandschaft zu prüfen und darzustellen“, die den Bildern Schunns innewohnt, das wäre mit seinem Gesamtwerk auch erstrebenswert.

„Er hat in seinem Leben ununterbrochen und unter allen Umständen gemalt und das neben seiner Lehrertätigkeit. Er stand bei glühender Sommerhitze in den siebenbürgischen Landschaften vor seiner Staffelei, solange das Licht es Tag sein ließ; er malte im Trubel balkanischer oder orientalische Marktplätze; ... Landschaften in Öl, die er nachts, in schlaflosen Stunden malte; er zeichnete in fahrenden Eisenbahnzügen oder auf Schiffen, ungerührt von der Zudringlichkeit der Gaffer und Neugierigen; er malte und zeichnete in Regen- und Sturmlandschaften ebenso wie im erbarmungslosen Frost der Karpatenwinter“. Heinrich Schunn „malte wie keiner vor ihm die Seele der siebenbürgischen Landschaft .... Das Siebenbürgen von gestern, so wie es niemand wieder wird sehen noch erleben können: hier wurde es mit den Mitteln einer Kunst gerettet“ (H. Bergel, 1982).

Monika Jekel

Schlagwörter: Schunn, Maler, Kronstadt, Jubiläum, Rosenau, Aquarelle, Bergel

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