16. Juli 2014

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Kulturdenkmal in Gefahr: Gräserhaus soll abgerissen werden

Der Monte Verità, der Wahrheitsberg von Ascona, ist weitbekannt als Hauptort der frühen Alternativbewegung um 1900. Im kommenden Jahr wird ihm unter dem Titel „Deutsche Barfußpropheten und ihre Wirkung auf die Kunst“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn eine große Ausstellung gewidmet. Begründet wurde die lebensreformerische Aussteigersiedlung, zusammen mit Genossen, von den Brüdern Karl und Gusto Gräser, geboren in Kronstadt, Nachkommen des Sachsenbischofs Daniel Gräser (1752-1833).
Ihnen verbunden oder nahestehend waren fünf weitere Landsleute. Die Kerngruppe des Monte Verità war eine siebenbürgische Kolonie, ein Vorposten der damaligen Avantgarde. Kerngruppe deshalb, weil sie am ursprünglichen Ideal einer geschwisterlichen Gemeinschaft festhielten. Im Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Unternehmens durch den Kapitalbesitzer Henri Oedenkoven schufen sich die Gräser-Brüder auf eigenem Grundstück ihre eigenes Reich, eben das große Anwesen mit dem heute noch bestehenden Haupthaus, dem Gräserhaus, das jetzt zum Verkauf ausgeschrieben und zum Abriss bestimmt ist, weil an seiner Stelle Luxusvillen für Multimillionäre entstehen sollen.

Das Gräserhaus in Ascona heute ...Das Gräserhaus in Ascona heuteDas Gräserhaus trägt bis heute den Namen Casa Francesco, Haus des Franziskus. Zwei Fresken mit dem Heiligen schmücken Innen- und Außenwand des Gebäudes. Kein anderer Name könnte besser das urchristliche Wollen der Gräser-Brüder bezeichnen, namentlich aber des Dichters und Denkers unter ihnen, Gusto Gräser, der auch unter angekündigter Erschießung standhaft blieb, den Kriegsdienst zweimal verweigerte und dafür in den Festungen von Kronstadt und Klausenburg büßte. Sein Beispiel machte Ascona zum Sammelpunkt für Verweigerer und Rebellen, unter ihnen Hermann Hesse, der ehemalige Kriegsfreiwillige, der sich unter seinem Einfluss zum entschiedenen Kriegsgegner und Apostel der Gewaltlosigkeit wandelte. Dass Herta Müller in diesem Frühjahr auf dem Berg eine bewegende Rede hielt, bestätigt eine Kontinuität. Hier sammelte sich vor hundert Jahren die antimonarchistische, die antikapitalistische, die antitechnokratische Opposition. Anti-Wilhelm und Anti-Lenin zugleich. Hier schleuderte Gusto Gräser dem fanatischen Ideologen Lenin sein „Vom mammonistischen Konifest zur Menschgesinnung jenseits der Pest!“ entgegen, steckte dem Mittellosen aber doch Reisegeld zu, damit der nach Genf zurückfahren konnte. Hier vollzog sich das dynastische Drama, dass ein Spross der Habsburger, Erzherzog Leopold von Toskana, Großneffe von Kaiser Franz Joseph, seine Standesprivilegien von sich warf und als Bürger Wölfling zu den „Naturmenschen“ ging, zu seinem Freund Karl Gräser. Nicht nur Hesse und Wölfling wurden zu „Steppenwölfen“, Dutzende, Hunderte junge Menschen rissen sich die Fetzen einer zerschlissenen, lügenhaft gewordenen Tradition vom Leib. Unter der Losung „Natur und Freiheit“ wurden die Aussteiger vom Wahrheitsberg mitreißendes Vorbild für eine ganze Generation. „Raus! Raus! Raus!“ malte Gusto Gräser in Riesenlettern auf seinen grünen Zigeunerwagen, in dem er mit Weib und sieben Kindern durch die Lande fuhr.

Hermann Hesse hat seinem Freund und Meister in zahlreichen Erzählungen ein bleibendes Denkmal gesetzt. Durch ihn wie durch die Gräser-Freundin Mary Wigman, die große Tänzerin, drang die Botschaft der sieben Siebenbürger namenlos in die Welt. Ein anderes, bescheideneres, aber greifbares und begehbares Denkmal ist eben das Gräserhaus, das als solches erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte: Casa Gusto-Francesco. Dieses Haus, Symbol eines kulturellen Umbruchs, muss bestehen bleiben! Als architektonisches Denkmal lebensreformerischen Jugendstils und als Gedenkstätte für die kreative Freundschaft der Dichter Gusto Gräser und Hermann Hesse. Preis mit Grundstück: 1.160.000 Schweizer Franken. Wer kann helfen? Wer kann, um dieses Kleinod vor der Zerstörung zu bewahren, auf irgendeine Weise einen Beitrag leisten? Fragen und Zuschriften bitte an Marianne Hallmen, E-Mail: mhallmen [ät] bluemail.ch, Telefon: (0041) 78-6281809.

Hermann Müller

Schlagwörter: Kulturerbe, Denkmal, Gräser, Aufruf

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