13. Juli 2016

Wie der Mördersee entstand oder wie mir die Herkunft des namhaften Landsmannes Gunther Philipp zu Ohren gelangte

Eine besondere Ausgangslage führte Rudolf Rösler zur Quelle der oben erwähnten Erzählung: Als junger Forstmann kam er im Sommer 1958 dienstlich in das Szeklerland (Forstamt Tulgheș, Gyergyótögyes). Einige Wochen darauf fuhr er nach Top­litz (Topliţa, Maroshéviz), um den Verlobungsring von seiner Braut in Empfang zu nehmen, die als Forststudentin mit dem Schnellzug Bukarest – Kronstadt – Frauendorf (Baia Mare) in die Marmarosch (Maramureș) unterwegs war. Rudolf Rösler erzählt:
Kurze Umarmung mit Abschiedskuss und schon dampfte die Bahn gen Norden davon. Hoch beglückt trug ich nun den Treuering nach altem siebenbürgischen Brauch am linken Goldfinger. Allein stand ich nun am Bahnsteig, als ein Bummelzug aus Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureș, Marosvásárhely) gemächlich einfuhr. Eine Gruppe Szekler Bauersleut stieg aus und unterhielt sich laut; so konnte ich erfahren, dass einige weiter in die Bergdörfer mussten. Mein Autobus nach Tulgheș war schon längst abgefahren, also wendete ich mich an die Szekler wegen einer eventuellen Mitfahrgelegenheit. Und es klappte!

Mit dem Pferdegespann des Pista-bácsi (-Onkel) machten wir uns auf den langen, holprigen, steilen und serpentinenreichen Fahrweg. Der Alte erzählte voller Begeisterung über den Besuch mit seinen einstigen Schulfreunden in Sächsisch-Regen (Reghin, Szászrégen), um im „Mószgo“ (Kino) den Spielfilm „Das Donaukind“ zu sehen, war doch der Filius ihres einstigen „Állatorvos“ (also „Tirarţ“ = Tierarzt, wie die rumänischen Bergbauern diesen nannten) einer der Hauptdar­steller; dessen Vater Dr. Plachetta, hatte Pista-bácsi als junger Mann einst als Kutscher mit dem Einspänner in die umliegenden Dörfer gefahren. So konnte ich erfahren, dass „Fülöp“ – wie Pista-bácsi ihn nannte – eigentlich Dr. Gunther Philipp war und am 3. Juni 1918 hier im Karpatendorf Toplitz geboren wurde. Vor Jahren sah ich – tief beeindruckt als Gymnasiast in Bistritz – diesen für damalige Zeiten wunderbaren Film. Wer war eigentlich dieser unser Landsmann?
Rudolf Rösler: Die Sage vom Mördersee, Aquarell ...
Rudolf Rösler: Die Sage vom Mördersee, Aquarell
Als nach dem Ersten Weltkrieg Siebenbürgen an Rumänien kam, übersiedelte die Familie Dr. Plachetta nach Wien; hier studierte der Sohn Gunther Medizin. 1949 gab er den Arztberuf auf und widmete sich unter dem Künstlernamen Gunther Philipp der Schauspielertätigkeit, haupt­sächlich als Komiker, in rund 150 Spielfilmen, wie „Die Deutschmeister“ (1955), „Die Abenteuer des Gra­fen Bobby“ (1961), „Unsere tollen Tanten“ (1961), „Schwejks Flegeljahre“ (1964) etc. Er schrieb mehr als 20 Filmdrehbücher, ungezählte Hörfunksendungen und verfasste mehrere Komödien. 1988 erschien sein Erinnerungsbuch „Mir hat‘s immer Spaß gemacht“. Er war auch ein erfolgreicher, vielseitiger Sportler: in den 30er Jahren schnellster europäischer Brustschwimmer, in den 50er und 60er als Autorennfahrer österreichischer Staatsmeister. Unser, von uns kaum als solcher erkannte und beachtete Landsmann Dr. Gunther Philipp starb am 3. Oktober 2003 in Bad Godesberg.

Der Weg war lang, wir hatten Zeit! Pista-bácsi erzählte mir so manche Begebenheiten, Sagen und Legenden. Die nun vergilbten Aufzeichnungen kramte ich unlängst aus meiner reichen Sammlung hervor. Hier notierte ich auch die reizvollen Märchen „Die Schlangenkönigin vom Likasch-Schacht“ sowie die Sage über die Entstehung der Bikas-Klamm. Diese werde ich interessierten Lesern später einmal erzählen.

Wie der Mördersee entstand

Einst lebte im Haschmasch-Gebirge in den Ostkarpaten ein zu Reichtum gelangter Szekler Schafzüchter. Entlang der Jahre hatte er den armen rumänischen Bergbauern ihre Weidegründe, im Tal der Gebirgsbächlein Likasch, Suhard, Schaftal und Roter Bach gelegen, abgeluchst. Er führte sich nun wie der ungarische Graf auf, bei dem er in den Jünglingsjahren als Schafhirte diente und der seine Untertanen aussaugte und wie eine reife Zitrone auspresste. Seine rumänischen Tschobane (Schafhirten) mussten täglich 100 Berbinze Schafmilch bei seiner Stina (Senne) abliefern. [Berbinze = Scheffel – Aus dem ungarischen „berbence“, von den Rumänen übernommen als „bărbânţă“, im nösnerländischen Siebenbürgisch-Sächsischen genannt „Berbinze“.] Da ein regenreicher Sommer eintrat, konnten die Tschobane die hochgesteckte Vorgabe nicht erfüllen. Der reiche Schafzüchter verwehr­te ihnen den auch sonst kargen Lohn, mit dem sie bisher ihre kinderreichen Familien mit Müh und Not über die Runden bringen konnten; darauf blieben sie zu Hause, hüteten die paar Schäf­chen, welche sie ihr Eigen nennen konnten, und halfen dem Förster bei den Waldarbeiten, um noch einige Kreuzer zu ergattern.

Schimpfend und fluchend nahm der reiche Mann nun seinen alt gedienten Hirtenstab – den er hinter den Kamin verstaut hatte – zur Hand und trieb die große Herde auf die umliegenden Almwiesen. Es stellte sich ein mächtiger Landregen ein; am ersten Tag bat der Viehzüchter den lieben Gott, den Regenguss anzuhalten. Da sein Wunsch nicht erfüllt wurde, versprach er am nächsten Tag dem Allmächtigen, ihm zu Ehren im Tal eine Kapelle zu errichten. Doch am dritten Tag hielt der Schnürlregen weiter an. Voller Wut schwang der Herdenbesitzer seinen Hirtenstab gen Himmel und beschimpfte den Himmlischen Vater, so wie es nur ein Szekler mit seinem reichen Wortschatz imstande war.

Auch der Teufel, der just auf dem Likasch-Berg (dem „Löcherigen Berg“) wandelte, hörte die unflätige Schimpftirade und bedauerte – was bei ihm bisher nicht vorgekommen war – den alten Gottvater und sprach so bei sich: „Dem Szeklerlümmel werd ich es schon zeigen!“ Zu dem Unwetter, Gottes Blitz gepaart mit Donner, schickte nun der Höllenfürst auch einen nach Pech und Schwefel stinkenden Wirbelwind, der aus dem tiefen Schlund des Likasch-Berges sich auf die Schafherde und den sich als „noblen Herrn“ wäh­nenden reichen Herdenbesitzer stürzte. Dabei durchrüttelte der Teufel die Berge so arg, dass diese wankend in die Tiefe stürzten, wobei Schafe, Hirtenhunde und der Szekler in den Abgrund gerissen wurden. Es entstand der, als Gylkostó (= ungarisch Mördersee, rumänisch Lacul Roșu = Roter See) bekannte See, der einst die vier Gebirgsbächlein staute. Der See trägt immer noch den Namen, nach dem von Tausenden Schafen, Hirtenhunden und dem letzten Hirten mit Blut gefärbten Wasser: Roter See oder auch Mördersee.

Auf einem der höchsten Felsengebilde errichteten die armen Schafhirten ein Gedenkkreuz an diese Begebenheit; auch heute noch bekannt als „Altarstein“ („Piatra Altarului“, oder „Óltárkö“); von hier sieht man die inzwischen versteinerten Schädel der umgekommenen Schafe, die aus der wie ein Spiegel klar leuchtenden Wasserfläche hervorragen. Die gelehrten Leute hingegen wissen es besser und sagen, es sei ein natürlicher Stausee, aus dem die noch erhaltenen Baumstämme ragen, die aus Mangel an Luftzufuhr erhalten blieben.

Rudolf Rösler

Schlagwörter: Sage, Forstmann, Schauspieler

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