26. Oktober 2016

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"Wir brauchen Texte, die durchdringen und nachwirken": Presseseminar der Siebenbürgischen Zeitung

Wie schafft man es, den Leser anbeißen zu lassen und zum Weiteressen zu verführen? Mal in kleinen, genussvollen Häppchen, mal herzhaft schlürfend – Hauptsache, es schmeckt! Schreiben ist tatsächlich ein bisschen wie Haute Cuisine. Entscheidend für das Ergebnis? Die Auswahl guter Zutaten und ein raffiniertes Rezept. Qualität, Relevanz und Vielfalt dürfen auf dem Büfetttisch nicht fehlen. Eine starke, glaubwürdige Presse mit einem breiten Meinungskorridor ist Nahrungsgrundlage für jede Demokratie.
Wie steht die Siebenbürgische Zeitung (SbZ) zu dieser Herausforderung? Was unterscheidet sie von anderen Medien? Wie kann man sie – noch – besser machen? Und welche Knüppel liegen auf dem Weg? Mit diesen Kernfragen befasste sich das Presseseminar vom 14.-16. Oktober im Diözesan-Exerzitienhaus St. Paulus in Leitershofen bei Augsburg, das seit 1993 in der Regel alle zwei Jahre abgehalten wird. Schwerpunkt war diesmal das Thema „Interview“, denn im Mittelpunkt der Berichterstattung steht stets der Mensch. Wie können wir unsere Zeitung für den Leser noch lebhafter, interessanter, relevanter gestalten? Welche multimedialen Ansätze gibt es? Welche Möglichkeiten und Ergänzungen bietet die Internet-Plattform? In Vorträgen und mit Übungen richteten sich die Referenten an den weiten Kreis jener, die die SbZ täglich mitgestalten: Redakteure, Korrespondenten, Pressereferenten der Kreis- und Landesgruppen – der Großteil davon Ehrenamtliche, die ihre Freizeit dafür opfern. Die Aufgabe als Moderatoren teilten sich Chefredakteur Siegbert Bruss und Kulturreferent Hans-Werner Schuster.

Motivation schaffen in der Krise

„Die Welt ist aus den Fugen geraten“ – mit dem Zitat von Außenminister Franz-Walter Steinmeier in Bezug auf die Krise der gedruckten Presse leitet Chefredakteur Siegbert Bruss seinen Vortrag über die Siebenbürgische Zeitung im Wandel der Zeit und ihre aktuellen Aufgaben ein. In den vergangenen zehn Jahren halbierten sich die Werbeeinnahmen der Medienbranche, die Auflage der gedruckten Presse schrumpfte um ein Drittel. Nicht nur der digitale Wandel hat den Einbruch bewirkt, sondern auch eine Glaubwürdigkeitskrise. Medien-Bashing wurde zum Trendsport: Stichwort „Lügenpresse“. Vielleicht haben Journalisten Herrschaftswissen zu lange für sich behalten, leichtfertig oberflächlich mit Politikern abgerechnet und den Leser so verdrossen, wird Steinmeier weiter zitiert. Und: „Nur mit Texten und Recherchen, die durchdringen und nachwirken“, könne die Presse ihrer Wächterrolle gerecht werden. Teilnehmer des Presseseminars in Leitershofen. ...Teilnehmer des Presseseminars in Leitershofen. Foto: George Dumitriu Doch wie positioniert sich die Siebenbürgische Zeitung vor dieser Identitätskrise? Zwar ist ihre Auflage von rund 28.000 Exemplaren in den 90er Jahren auf 21.500 gesunken, was sich vor allem durch den Mitgliederschwund im Verband erklärt: Im Jahr 2000 gab es noch 25.000 zahlende Mitglieder, heute sind es rund 20.000. Doch als publizistischer Begleiter aller Aktivitäten des Verbands ist die SbZ Chronik für die Entwicklung einer Landsmannschaft, die ihren Wirkungskreis in den letzten Jahren stark vergrößert hat. Exemplarische Meilensteine:
  • Die Wahl von Dr. Bernd Fabritius 2013 zum Bundesabgeordneten und 2014 zum Präsidenten des Bundes der Vertriebenen: Unter dieser Konstellation seien Einschnitte wie das Fremdrentengesetz von 1996, das Rentenanwartschaften von Aussiedlern um 40 Prozent kürzte, nicht mehr möglich, „weil wir in Politik und Gesellschaft viel aktiver aufgestellt sind“, betont Bruss.
  • Erfolge in der rechtlichen Interessensvertretung der Landsleute durch den Verband: Lastenausgleich, Familienzusammenführung, Einsatz für die Minderheitenrechte in Rumänien, Aussiedlerzuzug, Renten, Eigentumsrückgabe. Ein „diplomatisches Meisterstück“ sei die 2013 auf Initiative des Verbands erfolgte Ausweitung des rumänischen Entschädigungsdekrets 118/1990 auf Betroffene, die nicht mehr im Besitz der rumänischen Staatsangehörigkeit sind. Russlanddeportierte erhalten pro Russlandjahr monatlich stolze 100 Euro.
  • Der Imagegewinn der Siebenbürger Sachsen als Brückenbauer in der rumänischen und bundesdeutschen Politik.
  • Mit dem EU-Beitritt Rumäniens 2007 haben auch die Siebenbürger Sachsen eine Art Wiedervereinigung erlebt: Dies zeigt der Trend zu mehr Heimattreffen, kulturellen Initiativen und Restaurierungen von sächsischem Kulturerbe, aber auch die wachsende Zahl der „Sommersachsen“ als Grenzgänger zwischen zwei Welten. Beim Heimattag in Dinkelsbühl 2016 lud der rumänische Premierminister Dacian Cioloș die ausgewanderten Deutschen explizit ein, sich mit ihrem Wissen in Rumänien wieder einzubringen. Man wolle die Kirchenburgen wieder mit Leben füllen und baue dabei auch auf die Siebenbürger Sachsen.
  • Der 2014 zum Staatspräsidenten gewählte Klaus Johannis steht für den Rechtsstaat und den Kampf gegen die Korruption. Er ist der erste Siebenbürger Sachse, der ein so hohes Amt bekleidet, er hat den Bekanntheitsgrad derselben auf der ganzen Welt erhöht.
  • Innerhalb der Gemeinschaft sind Veränderungen zu erkennen: Die Vernetzung der Vereine unter sich, aber auch die Offenheit für Zusammenarbeit mit rumänischen Einrichtungen, hat zugenommen.
Die SbZ ist mehr als ein Informationsblatt der Siebenbürger Sachsen, resümiert Bruss. Sie stiftet Identität, sie fördert den Zusammenhalt und das Miteinander der Generationen. Diese Werte seien im Wandel, „wir haben sie nicht für ewig gepachtet“, warnt der Chefredakteur. Hinzu kommt die Förderung der Kulturpflege und des europäischen Dialogs zwischen Ost und West. Vor allem aber steht das Blatt vor einer einzigartigen Aufgabe, die in den Handbüchern für Journalismus für größere Medien nicht vorgesehen ist: Motivation zu schaffen!

Eine lebendige Zeitung gestalten

Hannes Schuster, der ehemalige Chefredakteur der SbZ, verrät in seinem Vortrag zum Thema Interview, wie man Zeitungsinhalte lebendiger gestalten könne. Mehr Zitate von Mitgliedern und Funktionsträgern, z.B. anerkennende Wertungen oder kritische Anmerkungen, und weniger protokollarische Aufzählungen legt er vor den Pressereferenten nahe, um nicht den falschen Eindruck eines wenig lebendigen Verbandslebens zu vermitteln. Ein Ansatz sei die punktuelle Verwendung des Interviews durch eingestreute Zitate oder als indirekte Rede. Der Befrager tritt dabei aus seiner Rolle als Verbandsmitglied heraus und wird zum „Anwalt der Öffentlichkeit“. Dennoch muss er sich als Mitarbeiter einer Verbandszeitung mit den Zielen der Verbandspolitik identifizieren. Als belebende Elemente kommen Augenzeugenberichte und persönliche Eindrücke infrage, Verknüpfungen von Biografie und Lebenswerk zu relevanten Personen (Künstlern, Tanzgruppenleitern, Trachtennäherinnen, etc.) oder Berichte über „Menschen wie du und ich“, sofern ihre Lebenswelt gesellschaftlich relevant ist. Auch Tipps zur Gesprächsführung und presserechtliche Aspekte kommen zur Sprache.

In anschließenden Übungen von SbZ-Redakteur Christian Schoger kann das Gelernte vertieft werden. Detlef Schuller, Bildbearbeiter und Layouter der SbZ, präsentierte kurz die Geschichte der Bildberichterstattung in der SbZ. Da die Bilder einen immer größeren Teil der Zeitung in Anspruch nehmen, sei es wichtig, auf ihre Qualität zu achten. In einer praktischen Übung wurden veröffentlichte Fotos auf ihre Stärken und Schwächen hin erörtert, wobei Schuller die Pressereferenten zu neuen Bildern und Perspektiven ermutigte, um wegzukommen von den Standard-Gruppenbildern.

Eine zunehmend wichtige Ergänzung zur gedruckten Zeitung bildet die Internetplattform www.siebenbuerger.de, die zu einem großen Imagegewinn geführt hat, so Siegbert Bruss. Herzstück der Webseite ist die Online-Zeitung mit drei neuen Artikeln täglich und aktualisiertem Pressespiegel. Hinzu kommen ein elektronischer Newsletter, ein YouTube-Kanal sowie Plattformen auf Social Media (Facebook, Instagram, Twitter). Eine Veranstaltungsdatenbank informiert über alle Termine. Über den richtigen Gebrauch der Online-Plattform für die Suche nach spezifischen Inhalten referiert Webmaster Gunther Krauss. Er zeigt auf, wie die Technik funktioniert und wie man die Webseite inhaltlich mitgestalten kann.

Internetreferent Robert Sonnleitner regt mit seinem Vortrag „Mobiler Journalismus – das Studio in der Hosentasche“ zu einer multimedialen, kreativen Online-Berichterstattung mithilfe des Mobiltelefons an. Texte zu schreiben und drei Wochen später in der Zeitung veröffentlichen – das reiche nicht mehr, provoziert er. Crossmediale Verteilung und multisensorisches Storytelling – so lauten die neuen Zauberworte, die vor allem die Jugend ansprechen. Filme und Tonaufnahmen von Events oder Interviews könnten live übertragen werden. Online-Plattformen und moderne Endgeräte erlauben vernetzte Kommunikation und den interaktiven Umgang mit Informationen. Beispiele: „Erstelle dein E-Book mit SbZ-Artikeln deiner Wahl“; Videowettbewerb: „Dein Trailer bringt dich zum Heimattag“; Fotostory: Rückblick auf den Heimattag.

Damals – heute – morgen

Rückblicke in eine düstere Vergangenheit des Kommunismus liefert Dieter Roth mit der Lesung aus seinem autobiografischen Werk „Der müde Lord“, ein Schlüsselroman über seine Zeit als Journalist beim Neuen Weg (hierzu wird in der Folge 18 vom 15. November berichtet).

Ingrid Hermann, Bundesreferentin für Öffentlichkeitsarbeit des Verbands der Siebenbürger Sachsen, lädt in ihrem Vortrag zu einer Beteiligung an der Öffentlichkeitsarbeit ein. Ziel sei, auf die Tätigkeit des Verbands aufmerksam zu machen („Wir sind mehr als ein Trachten- und Tanzverein“), aktuellen und potenziellen Mitgliedern den Nutzen nahezubringen, Teilhabe und Engagement zu fördern und die Sichtbarkeit auch nach außen hin zu erhöhen.

Untermalt mit stimmungsvollen Bildern von George Dumitriu befasst sich SbZ-Korrespondentin Nina May in ihrer Präsentation „Pionierland Siebenbürgen“ mit der Frage, inwiefern Aussteiger auf der Suche nach einer neuen Lebensqualität gemeinsam mit nicht ausgewanderten oder zurückgekehrten Sachsen im heutigen Siebenbürgen neue Impulse setzen.

Das vom Kulturreferat und der SbZ organisierte Presseseminar wurde über das Haus des Deutschen Ostens vom bayerischen Sozialministerium gefördert. Das Resümee der Veranstaltung? „Mir sind Lichter aufgegangen!“, bekennt eine Teilnehmerin nach den intensiven zweieinhalb Tagen, an denen auch Diskussionen, Gemeinsamkeit und Humor nicht zu kurz kamen. Mehr Worte braucht es nicht.

Nina May

Online-Bildergalerie:
Pressereferentenseminar in Leitershofen bei Augsburg, Fotos: George Dumtriu, Hans-Werner Schuster

Schlagwörter: Siebenbürgische Zeitung, Pressereferenten, Medien, AK Internet, Siebenbuerger.de

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