26. Februar 2018

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Stuttgarter Vortragsreihe: Eginald Schlattner und sein Roman „Rote Handschuhe“

Die Stuttgarter Vortragsreihe eröffnete im neuen Jahr die Literaturwissenschaftlerin Dr. Michaela Nowotnick am 26. Januar mit einem interessanten Vortrag über ihre Monographie und Dissertation „Die Unentrinnbarkeit der Biographie: Der Roman „Rote Handschuhe“ von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur“. Eine große Hilfe bei der Ausfertigung ihrer Dissertation war der Vorlass des Literaten, der sich im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien im Begegnungs- und Kulturzentrum „Friedrich Teutsch“ in Hermannstadt befindet. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin mit Schwerpunkt auf rumäniendeutscher Literatur hat die Referentin in akribischer Arbeit die im Privatbesitz befindlichen Materialien, Dokumente, Texte und Notizen des Schriftstellers erschlossen sowie seine Korrespondenz gesichtet.
Eginald Schlattner ist einer der meistgelesenen Autoren der zeitgenössischen rumäniendeutschen Literatur, der bis heute die Verwurzelung in der siebenbürgischen Heimat nicht aufgegeben hat. Seine drei zwischen 1998 und 2005 in zahlreichen Auflagen erschienenen Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, erreichten ein großes Publikum. Im zweiten Roman „Rote Handschuhe“ (2001) thematisiert Schlattner seine eigene Haftzeit. Nach seiner Verhaftung 1957 wurde ihm vorgeworfen, einen Umsturz in Rumänien vorzubereiten. Die Anklage lautete auf „Nichtanzeige von Hochverrat!“ Nach tage- und nächtelangen Verhören, Psychoterror und einer zermürbenden Gehirnwäsche gab er nach Monaten Namen preis, auch den seines Bruders, und sagte als Zeuge vor Gericht aus. Im Schriftstellerprozess ging es um regimefeindliche Texte und der Verbreitung von „faschistischer Literatur“. Obwohl nicht öffentlich handelte es sich um einen Schauprozess, der die Bevölkerung nach der Revolte 1956 in Ungarn einschüchtern sollte und bei dem die Schuld schon vornherein fest stand. Jede Kritik an der kommunistischen Partei und der Lebenswirklichkeit im Land sollte unterbunden werden.

Für viele Literaturkritiker ist dieses Werk ein wichtiger Beitrag zur Darstellung der Unterdrückungsmaschinerie des rumänischen Regimes. Bei der nach 1990 einsetzenden Aufarbeitung der Schauprozesse und der kommunistischen Verbrechen wurde das schreckliche Ausmaß des Bespitzelungssystems und seiner Brutalität offenbar.

Michaela Nowotnick mahnte allerdings auch zur Vorsicht. Sie stellte die perfiden Arbeitsmechanismen der rumänischen Geheimdienste dar, wie sich die von ihnen verbreiteten Gerüchte zu Wahrheiten manifestierten, die mit Hilfe manipulierter Dokumente untermauert wurden. Dazu passt die heftige emotionale Debatte um Schlattners zweiten Roman. Werk und Autor wurden im Spannungsfeld von Autobiographie und fiktionalem Schreiben vorwiegend innerhalb der rumäniendeutschen Medien kritisch hinterfragt: Schlattner sei ein Verräter gewesen, ein Kollaborateur des rumänischen Geheimdienstes, der aus dem Leid seiner Opfer Profit schlage.

Der Referentin gelang es, die komplexen Hintergründe dieser Auseinandersetzung um persönliche Schuld sowie Aufarbeitung und Verantwortung einfühlsam zu analysieren. Nach Schlattners Bekunden ist „Rote Handschuhe“ eine Lebensbeichte: „Ich habe gegen mich geschrieben!“ Er versteht seinen Roman als Schuldbekenntnis, als Botschaft der Versöhnung. Doch die ausgestreckte Hand hat nicht die erwartete Versöhnung gebracht. Es folgten zum Teil emotionale Stellungnahmen, Verwerfungen und Diffamierungen, die den Literaten moralisch degradierten. Michaela Nowotnick führte Beispiele von Schmähreden an, von beleidigenden persönlichen Angriffe, in denen er als „Geschichtsverdreher“, Securitate-Mitarbeiter und Karpaten-Raskolnikow diffamiert wurde. Sogar anonyme Todesdrohungen flatterten ihm ins Haus. In manchen Kreisen wurde und wird er wie ein „Aussätziger“ behandelt und als „Verräter“ gemieden.

Als Fazit drängte sich für die zahlreich erschienenen Besucher im Haus der Heimat die Erkenntnis auf, dass die menschenverachtende kommunistische Diktatur noch immer einen langen Schatten wirft, dass das Gift der Lüge und der Zwietracht bis heute nachwirkt. In diesem Spannungsfeld von Schuld und Sühne, Beichte und Vergebung gab es auch Versäumnisse und Irrtümer, Fehler und Manipulationen in der Vergangenheitsbewältigung und in den emotional geführten Auseinandersetzungen. Umso erforderlicher ist eine sachlich-kritische Debatte, ohne Selbstgerechtigkeit, Richten und Verurteilungen.

Helmut Wolff

Schlagwörter: Stuttgarter Vortragsreihe, Bericht, Schlattner, Literatur, Roman

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