13. Juni 2018

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Erstes internationales Symposium „Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft“ in Berlin

Besetzt mit hochkarätigen Referenten und einem interessierten Fachpublikum fand die Erstveranstaltung der Symposiumsreihe „Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft“ vom 4.-6. Mai 2018 in äußerst gepflegter Atmosphäre in Berlin statt. Die Tagung wurde vom Verband der Restauratoren in fachlicher Kooperation mit der Stiftung Kirchenburgen der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien und dem Verein Kulturerbe Kirchenburgen e.V. organisiert und durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Botschaft von Rumänien in der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Ein Höhepunkt der Tagung war der Empfang in der Botschaft von Rumänien, nicht allein wegen der Gastfreundlichkeit und des genussvollen Büfetts, sondern vor allem wegen der Herzlichkeit und Überzeugungskraft, mit der seine Exzellenz Botschafter Emil Hurezeanu den Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes befürwortet.
Zum Auftakt des Symposiums führte Dr. Konrad Gündisch die Teilnehmer eindrucksvoll durch ein Portal „Zur Siedlungs- und Verteidigungsgeschichte Siebenbürgens“, um die Anfänge notwendiger Verteidigungsstrategien und -systeme zu skizzieren, die den Bau einzigartiger Wehrkirchenanlagen in Siebenbürgen zur Folge hatten.

Heute sind viele der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen, umarmt von urtümlicher Natur und einer historischen Dorfstruktur, dem Verfall sehr nahe. Diese prekäre Tatsache des Verlusts von kunst- und kulturhistorischem Erbe wurde zum Dreh- und Angelpunkt beinahe aller Vorträge. Mit aktuellen Zahlen und Fakten ihrer Forschungsergebnisse untermauerten die Referenten die akute Situation vor Ort. Völlig einhergehend mit der Thematik des fortschreitenden Verfalls dominierte die brisante Notwendigkeit, pointierte Lösungsansätze für diese bedrohten Baudenkmäler zu schaffen, um sie als hochbedeutende Wahrzeichen zu erhalten.

An diesen Grundtenor knüpften auch die klaren Worte des Architekten Dr. Liviu Alexander Gligor an: Das Pendant der früheren Bedrohung, der Belagerung oder Brände durch fremde Heere, stellt heute eindeutig das personelle und materielle Unvermögen hinsichtlich Pflege und Erhalt der Kirchenburgen dar. Diesen Aspekt griffen auch Sebastian Bethge und Philipp Harfmann von der Stiftung Kirchenburgen in ihren Vorträgen über den Stand der Denkmalpflege und die Rolle der Stiftung auf. Von 266 Kirchen und Kirchenburgen sind etwa ein Drittel mehr oder weniger stark einsturzgefährdet, während für mehr als die Hälfte der Objekte eine adäquate Denkmalpflege fehlt. Die Stiftung Kirchenburgen ist im Sinne einer Leitstelle erster Ansprechpartner für zahlreiche Akteure, die am Erhalt der Kirchenburgen mitwirken, und koordiniert laufende Initiativen. Intensiver beleuchtete Dr. Christoph Machat die Denkmalpflege mit dem Perspektivwechsel: „Denkmalschutz und Denkmalpflege in Rumänien früher und heute“. Geprägt von der Wende, dem Umdenken vom staatlichen zum privatwirtschaftlichen Aspekt sowie der Entwicklung der rumänischen Zivilgesellschaft ist die Denkmalpflege heute mit den bürokratischen Regeln des Denkmalschutzgesetzes fest verankert. Dieses schließt den engagierten, privaten Akteur keineswegs aus, sofern er alles befolgt, kann er seiner Rolle gerecht werden.Das erste internationale Symposium „Kulturerbe ...Das erste internationale Symposium „Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft“ fand im Hotel Müggelsee in Berlin statt. Foto: Alexander Kloos Prof. Dr. Ioan Marian Țiplic berichtete über archäologische Untersuchungen an Sakralbauten. Archäologische Ansätze ergaben sich früher durch kleinere Sondierungen im Verlauf der Konservierungsarbeiten, und im Laufe der Zeit wurden immer mehr archäologische Untersuchungen an Sakralbauen durchgeführt, die nicht mehr unkoordiniert, sondern aktuell auf der Ebene einer zentralen Projektleitung in koordinierter Weise erfolgen. Umfangreichere archäologische Forschungen finden allerdings eher vereinzelt statt, z.B. in der Bergkirche Schäßburg, in Marienburg, der Schwarzen Kirche Kronstadt, Stadtpfarrkirche Hermannstadt.

Die Tiefe der Materialzusammensetzung des historischen Baudenkmals verdeutlichte Dr. Márta-Julia Guttmann in ihrem Vortrag über physikalisch-chemischen Analysen in der Forschung, Konservierung und Restaurierung. Für ein besseres Verständnis der Baukonstruktion, der Steuerung des Mikroklimas und der Stabilität spielen die Analysen der künstlerischen Bestandteile (Baustoffe, Gesteinsarten, Mörtel, Verputze, Bindemittel etc.) eine tragende Rolle. Hierfür gibt es momentan sehr wenige Fachleute. Obwohl Eingriffe an Denkmälern Analysen vorsehen, finden diese nur sporadisch statt, zudem fehlen oft die finanziellen Mittel. Es gibt in Bukarest ein mobiles Labor zur Nutzung optoelektronischer Methoden in der Restaurierung, wodurch einige interessante Studien erfolgt sind.

In einer kritischen Analyse bezüglich Konservierungsarbeiten befürwortete Prof. Dr. Dan Mohanu den Erhalt der Authentizität von historischen Baudenkmälern anhand von zwei Fallbeispielen in Schäßburg, der Bergkirche und des Hauses mit dem Hirschgeweih. Die Spuren der Veränderung der historischen Wandoberfläche über Zeitetappen hinweg, von einfachen Verputzen bis hin zu Malereien, werden leider oft verwischt, wobei wichtige Zeitzeugnisse verloren gehen.

Mit Empathie und Urteilssicherheit verdeutlichte Restaurator Lorand Kiss die Bedeutung der Wandmalereien als wichtiges Kulturerbe in den evangelischen Kirchen Siebenbürgens. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung im Bereich Konservierung und Restaurierung von Wandmalereien zeigte er auf, dass Mindesteingriffe zur Instandhaltung regelmäßig sowie die unerlässliche Notkonservierung strikt durchgeführt werden müssen, um weitere Beschädigungen von Wandmalereien zu vermeiden. Um die Zusammenarbeit unter den Akteuren effizienter zu gestalten, sprach sich Kiss für die Einrichtung einer digitalen Datenbank mit allen erfassbaren Daten und Ergebnissen aus.

Einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen, wie innovative und interdisziplinäre Denkmalpflege erfolgreich angewandt wird, konnten die Teilnehmer anhand des Vortrags „Kirchenburg Birthälm – beispielhafte Instandsetzung unter Beachtung von Naturschutzzielen“ von Architekt Jan Hülsemann werfen. Wie der Titel schon verrät, lagen die Schwerpunkte dieses ambitionierten Projekts, neben allgemeinen Sicherungs- und Instandsetzungsmaßnahmen, bei der naturverträglichen Instandsetzung der Ringmauern, der statischen Sicherung und Instandsetzung, der Sicherung und Konservierung von wertvollem Kulturgut sowie der Verbesserung des Angebotes für Besucher. Der recht neue Ansatz, Denkmal- und Naturschutz in einem Projekt miteinander zu verbinden, sorgte für einen weiteren Impuls, der für die Umsetzung ähnlicher Restaurierungen, insbesondere der Ringmauern als beispielhaft gelten kann.

Die Kirchenburg in Birthälm war auch Schauplatz der Restaurierungsgeschichte der Epitaphien. Diplom-Restaurateurin Henriette Lemnitz stellte die Konservierung und Restaurierung der steinernen Epitaphien und Gedenktafeln mehrerer Birthälmer Bischöfe und Pfarrherren in den Mittelpunkt ihres reich bebilderten Vortrages. Dabei führte sie die Teilnehmer auf einen Streifzug durch Stein-, Salz- und Feuchteuntersuchungen sowie Analysen von Mörtel und Farben. Gleichzeitig gewährte sie lehrreiche Einblicke in die Schwierigkeiten und Herausforderungen, sowohl beim Ausbau als auch während des Konservierungsprozesses der teilweise stark geschädigten Epitaphien.

Den Blick auf die wertvolle Innenausstattung siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen gerichtet, erläuterte Restaurator Mihaly Ferenc seine Beobachtungen an vorreformatorischen Flügelaltären und Gestühlen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Gegenstände bedingen zwar eine kirchentypische Atmosphäre, doch der unverwechselbare sakrale Charakter einer Kirchenburg ist in Kunstwerken, wie Chorgestühle, Kirchenbänken, Emporen Brüstungen und bemalten Kassettendecken, zu finden. Diese sind wegen ihrer organischen Beschaffenheit und durch mangelnde Pflege verstärkt gefährdet. Durch Fallbeispiele verdeutlichte Ferenc die Komplexität der notwendigen Aufgaben und Pflichten für Maßnahmen der Notkonservierung. In die Reihe der kunsthistorischen Kostbarkeiten gesellten sich auch die überaus wertvollen Flügelaltäre, denen Dr. Cristina Serendan ihren Vortrag „Die Verwendung von Blattmetall an Flügelaltären in Siebenbürgen von der Spätgotik bis hin zur Frührenaissance“ widmete. Äußerst spannend wurden bemerkenswerte Untersuchungstechniken präsentiert, die eine Identifizierung der Struktur und Zusammensetzung der Malschicht einschließlich der Applikationstechniken von Edelmetallen ermöglichen. Aus den ausgewerteten Daten lassen sich über die „technischen Fingerabdrücke“ der Künstler „Landkarten“ auf Basis der Edelmetallverwendung in der Malerei an siebenbürgischen Flügelaltären zusammenfügen.

Wie bedeutend und wertvoll das Inventar, ebenso die Holzausstattung mehrerer Kirchenburgen Siebenbürgens sind, betonte Dr. Dipl. Rest. Ralf Buchholz. In dem Vortrag „Ein feste Burg…“ informierte er über das 15-jährige Engagement der HAWK Hildesheim zur Bewahrung des hölzernen Inventars. Im Zuge vieler Restaurierungskampagnen wurden spätmittelalterliche Stollentruhen oder spätgotische Chorgestühle gerettet, erforscht, konserviert, restauriert und die Ergebnisse publiziert. Trotz der bedeutsamen Datensammlung über viele Intarsien und Flachschnittmöbel und der damit korrelierenden Entwicklung von Konzepten für Werkstätten zum Zwecke der Inventarisierung, Konservierung und Restaurierung verursachte der meist unsachgemäße Umgang mit der Holzausstattung ein Überdenken des restauratorischen Handelns und der Lösungsansätze.

Eine Neuorientierung der Arbeits- und Entwicklungsstrategien thematisierte auch Architekt Eugen Vaida, Präsident der „Asociaţia Monumentum“, fokussiert auf den historischen Baubestand der sächsischen Dörfer. Während die Symbiose „Kirchenburg und sächsisches Dorf“ hinsichtlich ihrer Konservierung, Aufwertung, Förderung und Nutzung unterschiedliche Probleme erkennen lässt, die unterschiedliche Lösungs- und Eingriffsmethoden erforderlich machen, ist der akute Fachkräftemangel ein zusätzlicher Grund zur Sorge. Im „Proiectul integrat DAIA“ in Denndorf werden aktuell mehr als 60 Eingriffe an Gebäuden verzeichnet, doch der Baubestand der sächsischen Dörfer umfasst mehr als 40.000 Gebäude. Angesichts der Diskrepanz zwischen spärlichen Humanressourcen und der großen Anzahl an Baudenkmälern spielt das Ehrenamt zurzeit eine Schlüsselrolle beim Erhalt der Gebäude. Mit dem ehrenamtlichen Projekt „Ambulanţa pentru Monumente“ setzt sich Vaida mit seinem Team bereits erfolgreich für die Notsicherung akut gefährdeter Gebäude ein.

Wie sich gesellschaftliche Wiederbelebungs- und Restaurierungsprojekte erfolgreich verwirklichen lassen, veranschaulichte Caroline Fernolend, Vizepräsidentin des Mihai Eminescu Trust, am Beispiel Almen. Die Stiftung fördert seit 2009 verschiedene Restaurierungsarbeiten und hilft der Bevölkerung, unter Nutzung der einheimischen Ressourcen, ihr Kultur-, Natur- und soziales Erbe bestmöglich aufzuwerten. 2015 hat die Stiftung gemeinsam mit dem norwegischen Institut zur Erforschung des Kulturerbes den Startschuss für das Projekt „Zentrum zur Interpretation der traditionellen Kultur Almen“ gesetzt. Neben der Sanierung der Kirchenburganlage bildet die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Dorfgemeinschaft das Herzstück dieses Projekts.

Die Wiederbelebung des Dorfes auf ökologiescher Ebene und als soziales Zentrum stellte auch Jonas Arndt vom Verein Churchfortress e.V. an vorderste Stelle. Im Zusammenschluss mit mehreren europäischen Landschaftsarchitekten engagiert sich der junge Verein im Dorf Hundertbücheln. Mit innovativen Ideen setzt sich das Team zielstrebig für den Erhalt des einzigartigen architektonischen Erbes und den damit verbundenen prägenden, landschaftlichen Elementen ein. Dabei wird die Bevölkerung über den Kulturlandschaftsschutz umfassend informiert und beim Aufbau lokaler Initiativen zur ökologischen Belebung aktiv unterstützt. Den Schutz der Kulturlandschaft betonte auch Prof. Dr. habil. Anca Hanna Derer in ihrem Vortrag „Kirchenburg als identitätsstiftende Architektur“. Die meisten Kirchenburgen gehören in ihrer Eigenschaft als Wehranlage zum Baukulturerbe und wurden bereits in die Denkmalliste eingetragen. Daraus ergaben sich die UNESCO-Dörfer mit Kirchenburgen in Siebenbürgen, die sieben ländlichen Ortschaften sind auf fünf Landkreise verteilt. Als eigenes UNESCO Weltkulturerbe Thema, „Dörfer mit Kirchenburgen“, behandelte Iozefina Postavaru vom National Institute for Heritage (INP) diese Aspekte intensiver. Sie umriss die Komplexität der zu erfüllenden Aufgaben zum Schutz und der Verwaltung eines UNESCO-Standortes, die ohne Abstimmung wegen der Distanz zwischen den Standorten und deren Infrastruktur fast unlösbar wären. Deshalb sollte für den Erhalt des Kulturerbes Rumäniens – als Teil des Weltkulturerbes – die vernetzte Koordination von Schutz und Verwaltung als hilfreich und notwendig betrachtet und von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen übernommen werden.

Ihren krönenden Abschluss fand die Konferenz mit der Podiumsdiskussion, in der Themen wie Erhaltung von Landschaft und Biodiversität, Strategien, Koordinierung, Finanzierung zur Bauwerkserhaltung, Bildungsangebote und die Zusammenarbeit nationaler und internationalen Vereinigungen zur Sprache kamen. Zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben in jeder Hinsicht die Moderation, die Dipl. Rest. Sven Taubert souverän und authentisch lenkte, sowie die Simultanübersetzung durch die Dolmetscherinnen Mirela Kulin und Christiana Kaffer-Popescu. Interessierte Teilnehmer kamen am Vormittag des dritten Tages zur Diskussion am Runden Tisch hinzu, wobei über Zusammenarbeit und Vernetzung gesprochen wurde, ein Thema, das weit über die Tagung hinaus mit Leben gefüllt werden muss, um Erfolge beim Erhalt der Kirchenburgen in Siebenbürgen zu erzielen.

Die aus Deutschland und Rumänien stammenden Referenten sind zweifelsohne Koryphäen auf ihrem Gebiet. Jenseits ihres professionellen Dozierens beeindruckten sie durch ihre Passion für das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe, die sie während der Tagung beherzt an das Fachpublikum weitergaben.

Ingrid Fillinger, Alexander Kloos

Schlagwörter: Kulturerbe, Kirchenburgen, Siebenbürgen, Symposium, Berlin, Bericht

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