18. Juli 2018

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Intendantin Adolphe Binder verlässt Wuppertaler Tanztheater im Streit

Wuppertal - Nach nur einjähriger Amtszeit ist die Intendantin des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, Adolphe Binder, entlassen worden. Der Beirat, das Aufsichtsorgan des Theaters, hat in einer Sondersitzung am 13. Juli beschlossen, die 49-jährige gebürtige Kronstädterin mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben zu entbinden, „um die Handlungsfähigkeit dieser einzigartigen kulturellen Einrichtung wiederherzustellen“, heißt es in der Beiratserklärung. Es obliegt nun der Stadt Wuppertal (hält 95 Prozent der GmbH) und dem Land Nordrhein-Westfalen, eine Übergangslösung zu finden.
Vorausgegangen war ein über Monate schwelender Konflikt zwischen Binder und der Leitung des Hauses. Der Geschäftsführer des Tanztheaters, Dirk Hesse, der die fristlose Kündigung beantragt hat und selbst seine Tätigkeit zum Jahresende aufgeben wird, warf Binder vor, keinen abnahmefähigen Spielplan für die kommende Saison vorlegen zu können, und machte darüber hinaus Beschwerden von Ensemblemitgliedern am Führungsstil der Intendantin geltend. Tänzerinnen und Tänzer haben allerdings in öffentlichen Reaktionen die kolportierten Mobbing-Vorwürfe vehement bestritten.

Binder beklagt: „Meine Arbeit wurde laufend behindert"

Indessen hat Adolphe Binder in einem offenen Brief vom 14. Juli die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen, diese seien „unhaltbar und rechtfertigen keine Kündigung“. Binder kritisiert ihrerseits Geschäftsführer Hesse, er habe sich „von Beginn an geweigert, die neue künstlerische Führung zu akzeptieren und sie transparent in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen“. Stadt und Geschäftsführung hätten schon seit Monaten eine Vertragsauflösung von ihr gefordert; sie sei aber nicht darauf eingegangen, um ihre Arbeit mit dem „großartigen Ensemble“ fortzuführen. Der künstlerische und kommerzielle Erfolg habe bei der Kündigungsentscheidung offenbar keine Rolle gespielt, obwohl sich die Bilanz äußerst positiv darstelle: „Die Auslastung liegt über 90 Prozent, wir haben uns der nächsten Generation zugewandt, uns der Stadt geöffnet, internationale Metropolen begeistert, sind diverse Kooperationen eingegangen, haben neue Partner und frische Mittel gefunden.“ Gleichwohl sei sie mit diversen Störmanövern konfrontiert gewesen, beklagt Binder: „Meine Arbeit wurde laufend behindert, Auskünfte zum Etat sowie eine Kooperation wurden mir verweigert und ich wurde persönlich diffamiert.“ Gegen ihre fristlose Kündigung will die geschasste Theaterintendantin arbeitsrechtlich vorgehen. Dauerhafte Querelen kosten Adolphe Binder ihre ...Dauerhafte Querelen kosten Adolphe Binder ihre Intendanz am Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch: Foto: Mats Bäcker / Göteborg Operan Erst im Mai 2017 hat Adolphe Binder (1969 in Kronstadt geboren, in der burzenländischen Gemeinde Schirkanyen aufgewachsen, 1978 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgereist) die Leitung des weltbekannten, über 60-köpfigen Tanzensembles übernommen. Davor, in den Jahren von 2011 bis 2016, hatte Binder die Danskompani an der Staatsoper in Göteborg geleitet. Noch vor ihrem Tätigkeitsbeginn in Wuppertal erklärte die Dramaturgin und Künstlerin gegenüber der Siebenbürgischen Zeitung, sie betrachte es als „Herausforderung“, das „Erbe“ von Pina Bausch, ein „unglaublicher Schatz, der sich über vierzig Jahre angereichert hat in dieser Stadt“, zu bewahren und seine weltweite Bedeutung zu festigen. Die Choreographin Pina Bausch (1940-2009) hat das Theater 1973 in Wuppertal gegründet und mit ihren hier entwickelten Stücken die internationale Tanzszene nachhaltig geprägt.

Die Tanzkritikerin Elisabeth Nehring führt das aktuell entstandene „Desaster“ auf einen Konstruktionsfehler in den Organisationsstrukturen des Hauses zurück. So sei die Intendanz in Wuppertal, anders als sonst üblich, nicht bei der Stadt, sondern bei der Geschäftsführung angesiedelt, schreibt Nehring in ihrem im Deutschlandfunk veröffentlichten Beitrag „Scherbentanz in Wuppertal“ (14. Juli 2018). Sämtliche künstlerischen Entscheidungen mussten folglich vom Geschäftsführer abgesegnet werden. Das hierfür beiderseitig zwingend erforderliche tiefe Verständnis sei jedoch in diesem Fall nicht vorhanden gewesen. Nehring sieht hierin „das Einfallstor für den Zersetzungsprozess“, der letztlich zur fristlosen Kündigung geführt habe. Offensichtlich sei Adolphe Binder „in der Realisation ihrer künstlerischen Visionen nicht nur nicht unterstützt, sondern sogar behindert“ worden. Dem von der nunmehr ehemaligen Intendantin zusammen mit Tänzern und Mitarbeitern erarbeiteten Spielplan blieb die Genehmigung durch die Geschäftsführung versagt.

Der Beirat hat die Geschäftsführung nun in die Pflicht genommen, den neuen Spielplan spätestens im September zu präsentieren. Überdies soll ein Expertengremium die Weiterentwicklung des Tanztheaters begleiten. Für das in Wuppertal geplante Pina-Bausch-Zentrum (rund 60 Millionen Euro Baukosten) hat der Deutsche Bundestag erst kürzlich eine mehrjährige Förderung in Höhe von 2,2 Millionen Euro beschlossen.

Christian Schoger




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Schlagwörter: Binder, Tanz, Theater, Wuppertal, Bausch, NRW, Kronstadt, Schirkanyen, Göteborg, Dramaturgin, Künstlerin, Deutschlandfunk

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