11. Juli 2019

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Wahrheit erfinden: Retrospektive mit Malerei und Zeichnungen von Reinhardt Schuster in Bonn

Kunst ist die Antwort auf Fragen, die niemand stellt, und sie ist der schöne Nachweis, dass man diese Fragen gar nicht beantworten, aber in den Raum stellen kann – eben schön. In einem solchen Raum befindet man sich mit den Bildern von Reinhardt Schuster. Seine Ausstellung „Malerei und Zeichnungen“ ist bis zum 14. Juli im Haus der Redoute, Kurfürstenallee 1 a, in Bonn von Mittwoch bis Sonntag, 14.00 bis 18.00 Uhr, zu sehen.
Ein deutscher Maler aus Siebenbürgen im Haus an der Redoute in Bonn-Bad Godesberg: Das allein ist zum Staunen Grund genug, staunen sollte man aber nicht über nachgerade unwirkliche Fügungen – sie haben ihre allzu wirklichen, manchmal schmerzlichen Gründe. Mit Fug und Recht kann man den Lesern der Siebenbürgischen Zeitung historisch-biographische Exkurse ersparen, zumal den Exkurs über Siebenbürgen, die Siebenbürger Sachsen, deren Reinhardt Schuster einer ist, obwohl das nicht im Vordergrund seines Schaffens und dieses nicht im Vordergrund ihres Interesses gestanden haben und stehen mag. Siebenbürgische Verwurzelung, das haben gar manche Persönlichkeiten erfahren müssen, geht seit einem geraumen Jahrhundert einher mit Entfremdung, darum will ich ihn nicht kulturgeschichtlich oder gar „landsmannschaftlich“ verorten. Das erscheint mir im Angesicht seiner Bilder müßig oder billig. Zudem braucht man in diesem Fall nicht nach Bezügen zu suchen, sie liegen auf der Hand. Dennoch erlaube ich mir eine Überlegung, die in die Geschichte und in die Geschichte der Kunst ausgreift, und bitte dabei meine freihändig pauschale Begrifflichkeit zu entschuldigen.

„Moderne“ Künstler, zumal von der bildenden Zunft, geben sich mit der Welt nicht zufrieden. Das tun zwar auch wir Nichtkünstler nicht, sie aber machen sich und uns ein Bild von ihr. Der gängige Ausdruck „sich ein Bild machen“ trifft es allerdings nur, wenn wir bereit sind, in den Echoraum des Ausdrucks hineinzuhören. Die Künstler nämlich bilden die Welt seit geraumen hundert Jahren nicht mehr ab, sondern schaffen, bilden eine neue, eine andere, eigene. Auch wir Nichtkünstler können uns darin suchen – und finden. Die Gegenständlichkeit der Malerei, ihre Abbildfunktion, wie sie selbst noch der Expressionismus um die Zeit des Ersten Weltkriegs pflegte, ist nicht erst in diesem Krieg zerbröckelt und zerbröselt. Das ist nun geraume hundert Jahre her – aktuell ist es wie eh und je. Reinhardt Schuster: „Zusammenbruch“, Öl/Leinwand, ...Reinhardt Schuster: „Zusammenbruch“, Öl/Leinwand, 130 x 165 cm, 1993 Es nimmt nicht Wunder, dass dieser Zerfall, das Wissen darum und das Bewusstsein davon im europäischen Osten seinen Anfang genommen hat. Die „Bloodlands“, das wissen wir nicht erst seit dem Buch dieses Titels von Timothy Snyder, haben sich in dem furchtbaren 20. Jahrhundert vom Baltikum bis ans Schwarze Meer, aus Sibirien bis auf den Balkan ausgedehnt und dann Mittel- und Westeuropa erfasst. Stalin und Hitler sind die monströsen Galionsfiguren der stampfenden, schlingernden Schiffe, der „Seelenverkäufer“, die mittlerweile untergegangen sind. Deren Trümmerteile dümpeln noch, und es scheint heute wieder nicht ausgeschlossen, dass sie das Weltenmeer verseuchen.

Vor dem Hintergrund dieses Szenarios wollen wir uns ausgerechnet mit Kunst beschäftigen? Wir wollen nicht nur, wir sollen, wenngleich hier nicht der Ort ist, darüber zu sinnieren, wie historisches Desaster den Willen zum künstlerischen Schaffen treibt, austreiben lässt und antreibt. Das haben Koryphäen der Humanwissenschaften getan und mögen es weiter tun. Aber es ist kein Zufall: Gerade dort im Osten, in jenen fluchbeladenen blutigen Landen und zu jenen blutrünstigen Zeiten, ist eine Moderne geboren. Die russische Avantgarde ist ihr weithin sichtbares Flaggschiff – um im Bild zu bleiben. Aber auch auf der Insel (keineswegs eine der Seligen), der Reinhardt Schuster entstammt – umreißen wir sie mit dem vagen Begriff Rumänien –, hat ein Saatgut gekeimt, das im vermeintlich untergehenden Abendland aufgegangen ist.

Hier nur ein paar besonders klangvolle Namen von jener Insel: Der Dada-Initiator Tristan Tzara wurde im ostrumänischen Moineşti bei Botoşani in der Moldau geboren und in Zürich berühmt. Der steinerweichende Steinmetz Constantin Brâncuşi stammt aus dem südrumänischen Târgu Jiu, aus der Walachei, wo noch seine Zeichen stehen, sein Atelier aber stand und steht, nachgebaut von Renzo Piano am Centre Pompidou, in Paris. Paul Celan, der Erfinder einer deutschen Lyrik, die aus der Sprachlosigkeit und über diese hinausgewachsen ist, wurde im bukowinischen Czernowitz geboren und veröffentlichte seine emblematische „Todesfuge“ zuerst in Bukarest – in rumänischer Sprache. Sein Ende gesucht hat er in der Seine in Paris.

All das und vieles mehr geschah in und kam aus einem östlichen Europa, wo lange schon umso offener zutage trat, was sich im 20. Jahrhundert historisch erweisen sollte: Mensch und Landschaft, Zivilisation und Kultur sind nurmehr Versatzstücke einer illusorischen Vorstellung von Welt und Wirklichkeit, die längst in eine mitunter furchtbare Un-Wirklichkeit abgleitet. Alles ist und bleibt heillos verworren. So kann es nicht bleiben, die Kunst wiederum soll und kann es nicht richten, sie will es aber. Dazu gehört Mut, ja Vermessenheit, die auch hundert Jahre danach kühn erscheinen.

Die geographische Spekulation mag wohlfeil erscheinen, so abwegig aber ist sie auch wieder nicht: Reinhardt Schuster wurde geboren in Brenndorf (Bod), das irgendwo auf der imaginären Achse von Czernowitz über Botoşani nach Târgu Jiu liegt, und Kunst studiert hat er in Bukarest. Zu seiner Zeit war dies zwar die Hauptstadt des sozialistischen Rumäniens, aber auch in seinen rumänischen Jahren hat er keinerlei Anstalten gemacht, sich einem „sozialistischen Realismus“ anzubequemen. Bequemlichkeit ist gerade das, was seine Kunst von vornherein ausschließt. In aller Stille ist auch er wie seine vorhin genannten, mittlerweile berühmten Landsleute an einen neuen Entwurf gegangen und hat ihn dann in Deutschland, gleichfalls still, Bild werden lassen. Dieses Bild, seine Bilder, sie bilden nichts ab, sie bilden um. Muss man das verstehen? Nein, man muss es sehen.

Der Grundimpuls seiner Werke ist fast immer eine Eruption. Die auseinanderstrebenden Geraden, die scharfen Winkel, die technizistischen Bildzitate aus einer von bedrohlichen Mechanismen nur so strotzenden Wirklichkeit sind synthetische Konzentrate eines künstlerischen Empfindens, das die Welt als Bedrohung für den Einzelnen wahrnimmt und darstellt. In ihrer Darstellung wiederum darf der Betrachter mit dem Gestalter auf die Suche gehen – nach Behausung in den Weiten der Phantasie, nach Beheimatung in der Fremde und Fremdartigkeit.

Die unmittelbar zeitgeschichtlichen Konnotationen vieler Gemälde von Reinhardt Schuster liegen offen, werden in den Bildtiteln ausdrücklich, oft wortspielerisch beschworen. Mit dem „Satrapen“ hat er die Auswüchse kommunistischer Diktatur dramatisch karikiert, mit „Stacheldraht de luxe“ eine Illustration für den Zynismus der Macht zu allen Zeiten allerorten geschaffen, seine „Barrikaden“ verbildlichen die Risse und Verwerfungen, die durch Gesellschaft und vermeintliche Gemeinschaften gehen. Diesem wachen Zeitgenossen aber ist es nicht um eine Deutung der Zeitgeschichte zu tun. Ihm geht es ums Bild, die klare Linie, die mit Bedacht gewählte Farbe, denn die taumelnde, stampfende, schlingernde Welt darf nicht sich selbst überlassen, sie muss in der Kunst gerettet werden. Wem das nun märchenhaft klingt, der weiß nicht um die stolze Einsamkeit und die – das Paradoxon sei gestattet – vermessene Bescheidenheit des Künstlers.

Ja, die bescheidene, mutige und großartige Vermessenheit, ihr frönt auch Reinhardt Schuster. Der Natur „entlehnt“ dieser Maler nichts, er braucht keine Vor-Bilder, vielmehr versteift er sich darauf, eigene zu erfinden. Das „Wohltemperierte Tastenbild“ ist so eine Kopfgeburt, die nichts Fiktionales mehr hat. Vielmehr kann jedermann diese Klaviaturen mit den ihm bekannten in Zusammenhang sehen – um zu sehen, dass da kein Zusammenhang ist. Die scheinbar geordnete Welt, die wir uns denken mögen wie eine spielbare Tastatur – streng in Folge und Reihung, schwarz und weiß, kurz und lang, aber alles bitteschön einer Regel, einer Tonleiter folgend –, nun, die gibt es nicht. Reinhardt Schuster bietet uns dafür eine andere an, er hat die Komponenten für uns gesammelt, gereiht, bemalt, und siehe da, es gibt bei all der Strenge ein fast belustigtes, belustigendes, jedenfalls erleichtertes Aufatmen.

Gleiches praktiziert Reinhardt Schuster mit fast manischer Leidenschaft bei der Dekonstruktion und Rekonstruktion eines anderen Zeichensystems, der Schrift. Schwer zu schätzen, wie viele eigene Zeichensysteme er erfunden hat, wie viele Schriften er mittlerweile, wie das die Buchdrucker sagen, geschnitten hat, aber eines können wir vorausdenken: Er wird nicht damit aufhören. Er wird nicht aufhören, uns zu zeigen, dass wir an Konventionen hängen, die uns nicht weiterbringen, es sei denn, wir sind bereit, ihre Beschränktheit mitzudenken, damit wir erkennen: Strukturen, Ordnungen, Systeme – das sind Hilfsmittel, Gerüste, Krücken. Im Umgang mit der Welt ist jeder allein, und für sich allein muss er etwas bewältigen, was der ungarische Schriftsteller György Dalos als schwierige Aufgabe definiert hat: Es ist schwer, die Wahrheit zu erfinden.

Das macht Reinhardt Schuster bei allem Überschwang, der oft in die Phantastik ausgreift, mit einer gestalterischen Disziplin, die eine merkwürdig nüchterne Ausstrahlung zeitigt: Er gönnt sich keine üppigen Vollfarben, sondern verhält in einer synthetisch wirkenden Blässe, er grenzt die Farbfelder in klarer Linienführung voneinander ab, so dass sie sich nicht gegenseitig durchdringen oder abwandeln, vor allem aber verharrt er in der Fläche, verzichtet auf Tiefenwirkung und perspektivische Effekte. Zwei Dimensionen hat die Fläche, die dritte ist die Einbildungskraft des Künstlers, und die ist unermesslich. Ihm zu folgen, brauchen wir unsere eigene.

Georg Aescht

Schlagwörter: Reinhardt Schuster, Ausstellung, Malerei, Zeichner, Künstler, Brenndorf, Bonn

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