25. Juli 2019

Siebenbürgische Kantorei auf „Dienstreise“ in Tschechien und Polen

„So eine schöne Überraschung“, kommentierten die Chormitglieder der Siebenbürgischen Kantorei einhellig das Geschenk des Krakauer evangelischen Pfarrers der Sankt-Martin-Kirche und promovierten Theologen Roman Pracki, als er Dirigentin Andrea Kulin ein Ölgemälde überreichte, welches das Altarbild in Klein zeigte, das von dem in Polen bekannten Künstler Henryk Siemiradzki gemalt wurde.
Die Siebenbürgische Kantorei war – wie dies alle zwei Jahre geschieht – auf einer einwöchigen „Dienstreise“ unterwegs, die im Juni nach Polen und Tschechien führte. Zur Erinnerung: Die Siebenbürgische Kantorei ist ein Projektchor, der sich immer Anfang Januar für eine Woche zum Üben trifft und sich als „singende Missionare“ des siebenbürgischen Liedgutes versteht. Das Repertoire umfasst sowohl kirchliche Stücke als auch Volkslieder und weltliche Kompositionen siebenbürgischer Musiker. Und genau mit dieser großen musikalischen Bandbreite an Werken machten sich die rund 30 Sänger/innen für eine Woche zwischen Krakau und Brünn auf die Reise. Diese startete am Pfingstmontag – einige hatten noch frisch die Eindrücke des Heimattages aus Dinkelsbühl im Kopf –, als der Bus mit rund 40 Mitfahrenden (also Chormitglieder und Familienanhang) aus Nürnberg Richtung Osten losfuhr.

Erste Station mit Übernachtung war die Stadt Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze, in der es am darauffolgenden Vormittag eine Stadtführung gab. Das Urteil vieler Reisenden, selbst von Hollywood-Schauspielern, konnte auch die siebenbürgische Reisegruppe bestätigen, nämlich eine der schönsten deutschen Städte besucht zu haben – mit vielen beeindruckenden Jugendstilbauten, vielem Grün und einer historisch sehr wertvollen Orgel, der sogenannten Sonnenorgel in der Peter-und-Paul-Kirche. Am Abend fand dann, schon in Krakau angekommen, die zweite Chorprobe statt – die erste war gleich am ersten Tag in Görlitz gewesen –, schließlich mussten die Stücke alle wieder „eingesungen“ werden, hatte man doch seit der Winterprobewoche nicht mehr gemeinsam geübt.

Mittwochvormittag bei brütender Hitze, über dreißig Grad, stand die Stadtführung in Krakau auf dem Programm. Die ehemalige Residenzstadt der polnischen Könige ist immer eine Reise wert – mit großartigen Bauten und einer perfekt restaurierten Innenstadt – aber auch mit viel jungem Leben. Hier lernen um die 160000 Studenten.
Siebenbürgische Kantorei mit Pfarrer Pracki in ...
Siebenbürgische Kantorei mit Pfarrer Pracki in der Sankt-Martin-Kirche in Krakau. Foto: Walter Noll
Am Abend folgte der erste Auftritt in der evangelischen St. Martins-Kirche. Die musikalische Leiterin, Dirigentin und Organistin Andrea Kulin, hatte ein sehr abwechslungsreiches, aber auch anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das den Chor richtig forderte. Zum einen sang die Kantorei vertonte Gedichte berühmter Dichter wie Hermann Hesse, Adolf Meschendörfer, Lucian Blaga und Karl Kraus, in Vertonungen von Ernst Irtl und Kurt-Martin Scheiner. Ebenfalls ins Programm aufgenommen wurde je eine Komposition der bekannten siebenbürgischen Musiker Hans Peter Türk und Franz Xaver Dressler. Glücklich schätzt sich der Chor, in seinen Reihen auch Solosängerinnen dabei zu haben! Sie sangen drei Duette auf Gedichte von Heinrich Heine und zwei Duette von Fanny Mendelssohn-Bartholdy. Johanna Böhme (Sopran), Bettina Wallbrecht (Sopran) und Mirela Kulin (Alt) sind wichtige Stützen, wenn es darum geht, solche Werke vor Publikum zu präsentieren. Die Männer gaben einen Klassiker des siebenbürgischen Liedgutes „Bäm Hontertstroch“ zum Besten. Und schließlich wurde – extra für diese Reise – ein slawisches Lied einstudiert, das beim Publikum erst recht sehr gut ankam.

Am nächsten Morgen ging es weiter in Richtung Mähren – von der lauten Millionenstadt Krakau ins beschauliche Bystřice pod Hostýnem (Bistritz am Hostein), gelegen in einer Gegend, die der sanften, hügeligen siebenbürgischen Landschaft ähnelt. Ladislav Morawetz, seines Zeichens gesamtkirchlicher Kantor der EKBB (Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder) und Leiter des Seminars für Kirchenmusik der Evangelischen Akademie, empfing die Gruppe. Er lebte bis zu seinem 19. Lebensjahr im Banat und gehörte mit seiner Familie der tschechischen Minderheit in Rumänien an. Später studierte er in Berlin Kirchenmusik, wo er Andrea Kulin traf. So fügt sich manchmal das eine zum anderen ganz gut. Gleich am Abend bestritt die Kantorei ihren zweiten Auftritt in der katholischen Kirche von Bistritz – diesmal wurde das Programm ergänzt durch einige Orgelstücke, gespielt von Ladislav Morawetz. Er ist auch für die Ausbildung der Orgelspieler in seiner Kirche zuständig und erklärte, dass er versucht, die jungen Musiker für dieses Instrument zu begeistern.

Auf Morawetz’ Empfehlung besuchte die Gruppe am Freitagvormittag Schloss Kremsier, die frühere Sommerresidenz der (Erz)Bischöfe von Olmütz – ein Geheimtipp und sehenswertes Kleinod, das, wie so oft, den Reichtum der katholischen Kirche aus vergangenen Jahrhunderten zeigt. Am Nachmittag erreichten wir Brünn, Tschechiens zweitgrößte Stadt, die interessante Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. In der evangelischen „Roten Kirche“, so genannt wegen ihrer Backsteinbauweise, absolvierte die Kantorei souverän und bravourös ihren dritten und letzten Auftritt – auch hier begleitet vom begnadeten Orgelspieler Morawetz.

Die Heimreise am Sonntag ging über Pilsen – natürlich mit einem Abstecher in die Brauereigaststätte – und danach dem Besuch der drittgrößten jüdischen Synagoge in Europa.

Das Fazit des mitreisenden, nichtsingenden Gastes: Andrea Kulin ist eine großartige Dirigentin, die aus diesem Chor, der sich nur einmal im Jahr zum Proben trifft, unglaublich viel herausholt. Sie versteht viel von Musik, wählt die richtigen Stücke aus, weiß, wie sie ihre Sänger erreicht. So wie sie dirigiert, mit der Dynamik und klaren Körpersprache, weiß jeder, was er zu tun hat. Sie weiß, dass für einige Stücke manchmal viel zu arbeiten ist (Dressler läuft schon unter den Sängern unter dem Codenamen „Stressler“), aber sie bleibt dran, gibt nicht auf und der Erfolg gibt ihr Recht. Man kann nur hoffen, dass es mit der Kantorei, diesem Aushängeschild siebenbürgischer Musikkultur, auch in Zukunft so erfolgreich weitergeht. Denn, das sei zum Abschluss noch gesagt: Jede Gemeinschaft funktioniert nur dann ganz gut, wenn auch der „chemische“ Teil passt, sprich, wenn die Mitglieder gemeinsam Freude haben, zusammen feiern können und viel Spaß haben, an dem, was sie tun. Und dafür sorgt dann unter anderem und vor allem der „Tourmanager“, Georg Hutter, der seit Jahren diese Reisen plant, organisiert, im Grunde „Mädchen für alles“ ist, und immer mit einem guten Witz jede noch so brenzlige Situation löst.

Zum Schluss sei auch unserer Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD (Hilfskomitee) gedankt, welche die Reise finanziell bezuschusst hat und deren Mitglieder uns auch ideell immer begleiten und unterstützen!

Hans Königes

Schlagwörter: Siebenbürgische Kantorei, Chor, Reise, Bericht

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