23. August 2019

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Was denken die Rumänen über die Siebenbürger Sachsen?

„Wer keinen eigenen Boden hatte, der ging immer zu den Sachsen“, erzählt die alte Frau. „Die Frauen webten und wuschen bei den Sachsen, sie machten Leintücher aus Hanf“. – „Mädchen und Jungen waren Freunde, aber sie heirateten nicht. Nein, kein Gedanke an eine Heirat zwischen Rumänen und Sachsen.“ – „Es gab Deportierte, ja“, antwortet sie auf die nächste Frage.
„Eine Frau hier bei uns, erst letztes Jahr ist sie gestorben, sie hatte ein vierwöchiges Kind an der Brust, sie haben es ihr weggerissen, sie weggezerrt und weggebracht. Sie ließen das Kind bei den Alten.“ – „Hier bei uns haben sich einige Mädchen versteckt, die Nachbarinnen vom Schwiegervater. Sie suchten sie mit hölzernen Spießen. Die stachen sie ins Heu, um sie zu finden.“ Zum Schluss des Interviews fragt Floarea Haplea aus Berghin, Alba: „Höre ich dann meine Stimme auf Radio Klausenburg?“ „Nein“, sagt Denisa Budeancă, „wir schreiben ein Buch.“

Das war am 31. Juli 2005. Aus dem Buch, das sich der Historiker Dr. Cosmin Budeancă 1997 vorgenommen hatte, sind vier geworden: Das erste, „Imaginea etnicilor germani la românii din Transilvania după 1918“ („Das Bild der Siebenbürger Sachsen bei den Rumänen nach 1918“), ist 2016 erschienen, die anderen drei Werke (selber Titel, Zusatz: Landkreis Alba, Hermannstadt oder Hunedoara, Verlag: Cetatea de Scaun) aktuell, sie beinhalten Interviews mit Rumänen aus den Landkreisen Alba, Hermannstadt und Hunedoara. Beleuchtet wird darin das Image der Siebenbürger Sachsen in der rumänischen Bevölkerung.

Der Ansatz ist freilich subjektiv, dennoch ist es ein spannendes Experiment, Geschichte sozusagen im Spiegel der Gefühle darzustellen: Das scharfe Schwarzweißbild präziser historischer Fakten verschwimmt – dafür kommt Farbe ins Spiel! Das bunte Bild liefert nicht nur Informationen über den Beobachteten, sondern auch über den Beobachter, ihr Verhältnis zueinander, die entsprechende Zeit. „Es geht darum, wie diese Leute heute denken – nicht damals, als die ersten Sachsen weggegangen sind, oder im Krieg 1940, oder als ausgewanderte Sachsen mit einem dicken Mercedes aus Deutschland zu Besuch kamen und die Rumänen hatten nicht mal einen Dacia,“ so der Historiker Dr. Florian Banu. Auch dass die Geschichte der großteils ausgewanderten Siebenbürger Sachsen für die meisten Befragten als abgeschlossen gilt, spielte eine Rolle, meint Budeancă. „Hätte ich Rumänen über die Roma oder Ungarn befragt, hätten sie sicher nicht so offen geantwortet.“ Nicht nur, dass sich die Interviews wie spannende Geschichten lesen – zum Teil auch mit komischen Momenten, man bekommt ein Gefühl dafür, was das Zusammenleben wirklich prägte.

Ganz nebenbei werden Details aus dem Alltag vermittelt. Etwa rund ums Essen: „Sie machten täglich Essen, wie für eine Hochzeit“, staunt Ana Vecerzan aus Schellenberg. Die Zubereitung von Hanklich vergleicht Maria Brezoiu aus Stolzenburg: „Wir, unsere armen Rumäninnen, vor allem als ich klein war, gaben ein winziges bisschen Ei und Butter drauf, nur damit man den Teig nicht mehr sieht. Die Sächsinnen gaben einen Finger breit Butter drauf und viele Eier, das war gut und zerging im Mund.“ „Und wenn du eine Sächsin nach dem Rezept fragtest, war sie nicht heimlichtuerisch, sodass sie es dir nicht gesagt hätte, damit nur sie es kennt“, fügt sie an.

Über Fleiß und die Einstellung zur Arbeit: Maria Mihu aus Großschelken erinnert sich an einen Spruch: „Die Sachsen graben den Weinberg um. Wir trinken ihren Wein. So sagten die Rumänen.“ Maria Restanția fügt an: „Sie verkauften ihn… weil die Rumänen nicht so viel hatten wie sie.“ „Sie waren fleißige Leute. Sie waren friedliche Leute, sie liebten die Landwirtschaft“, äußert sich Ion Bădică aus Batiz, Hunedoara. „Einige hatten sogar 40 Hektar, die sie nur mit der Familie bearbeiteten... Es war eine Familie, drei Söhne und der Vater.“ – „Verstehen Sie, was das bedeutet, 40 Hektar mit Pferden zu bearbeiten? Aufstehen um drei Uhr morgens...“ Auch kontroverse Themen kommen zur Sprache: „Welche Meinung hatten die Rumänen darüber, dass sie (Anm.: die Sachsen) zur deutschen Armee gegangen sind?“ wird Iuliu Dicu aus Broos gefragt. Dieser denkt lange nach. Dann meint er: „Das kann ich nicht sagen…“ – „Wir haben zusammen gespielt, waren auf dem Gymnasium zusammen, in der Schule zusammen… Und auf einmal: Komm, wir ziehen in den Krieg!“

Die Interviews reflektieren ein „Modell eines Zusammenlebens über mehrere Jahrhunderte, das auf dem Kennen des anderen mit seinen Stärken und Schwächen basiert, die als solche akzeptiert wurden, sodass die Beziehung zwischen diesen beiden ethnischen Gruppen funktioniert hat,“ meint die Historikerin Hannelore Baier. Hinzu kommt eine bildhafte Eindringlichkeit, die einer faktenbasierten, abstrakten Geschichtsvermittlung zwangsläufig fehlt. Die Vorstellung, wie man mit Spießen im Heuhaufen stocherte, um versteckte junge Leute für die Deportation zu finden, löst intensive Gefühle aus. Und hinterlässt in so manchem den Wunsch, dieser Teil der Geschichte möge sich nicht wiederholen. Kann man so aus Geschichte lernen?

Nina May

Schlagwörter: Zeitzeugen, Dokumentation, Zeitgeschichte, deutsch-rumänische Beziehungen

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