29. Dezember 2019

Am 29. Dezember jährt sich der Todestag Otto Alschers zum 75. Mal

„Nirgends haben die Berge diese ernste, versonnene Ruhe wie in Siebenbürgen. Andere Berge sind großartiger, die Alpen haben etwas Trotziges, ihre Größe hat etwas Beredtes, ihre Ruhe ein ausgesprochenes Selbstbewusstsein, die Einsamkeit der siebenbürgischen Berge aber scheint tiefer und bewusst abgeschlossen, erscheint von einer eigenartigen Zurückhaltung erfüllt, die unerklärlich und unerforschlich ist. Denn in den Bergen Siebenbürgens prägt sich die Einsamkeit nicht in schroffen und felsigen Höhen aus, sondern sie ruht im unermesslichen Walde verborgen, der hier alle Gipfel überdeckt, wie mit tiefem Schlafe. / Menschen taugen nur für Bergeinsamkeit, wenn ihr inneres Leben ein stürmisch reiches ist. Doch schwermütige Naturen kann die Bergeinsamkeit nicht bereichern, welttrotzige Menschen oder düstere Verächter aber schweigen in ihr.“
So erinnert sich Otto Alscher (1880-1944) an seinen Ort der Inspiration (6. Folge, 30. November 1919). In dem fragmentarischen Selbstbildnis „Kämpfer. Roman“ (Banater Tagblatt, 25. November 1919 – 3. April 1920) schlüsselt er K.k.-Kulturgeschichte auf und stellt, in einem Beziehungsgeflecht , abseits der Alltagskultur, Berührungspunkte zwischen bildender Kunst und Philosophie her.

Auf dem Autoren- Foto, das der S. Fischer Verlag einem Auszug des Romans „Gogan und das Tier“, 1912 unter dem Titel „Die Hühnerjagd“, 1912 in der Anthologie „das 26. Jahr“ voranstellte, schultert Otto Alscher einen erlegten Wolf. Diesen Habitus legt er auch in der Nachkriegszeit an den Tag. „Mit dem Bocke auf den Schultern“ (52. Fortsetzung) schließt sich der Kämpfer „den ältesten Mönchen, den Malern und Mythenmeldern“ (Rilke) an, bereit sein Schicksal zu schultern, bereit durch das „mächtige Tor“ (55. Fortsetzung) hindurchzugehen.

In dem „26. Jahr“, einem Querschnitt durch „das letzte Jahr der Tätigkeit des Verlages“, sind berühmte Autoren wie z.B. O. Loerke, H. Hesse, A. Schnitzler, R. Dehmel, G. Hauptmann, H. von Hofmannsthal, Th. Mann vertreten. Alschers „Gogan“ und Hesses „Pater Matthias“ gehen ihren Weg, den ein inneres Wissen bestimmt.
Auf seinem Autoren- Foto, das der S. Fischer ...
Auf seinem Autoren- Foto, das der S. Fischer Verlag einem Auszug des Romans „Gogan und das Tier“, unter dem Titel „Die Hühnerjagd“, in der Anthologie „das 26. Jahr“, 1912 voranstellte, schultert Otto Alscher einen erlegten Wolf.
Den Vorabdruck des Romans „Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ liest Alscher höchstwahrscheinlich bereits am Anfang des Jahres 1919 in der „Neuen Rundschau“, der Zeitschrift des S. Fischer Verlags, in der auch er publizierte. Dieser Roman Hermann Hesses wird zum Referenzwerk für die nun entstehenden Fortsetzungen über das Ringen der Seele zwischen Leben und Tod, Liebe und Konvention. „Was das ist, ein wirklich lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarerer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot“, heißt es im Demian.

Im Essay „Ich und die Wölfe“, 1917 hat sich Alscher diese Frage beantwortet. Als Soldat erlebte er „bei Belgrad und Semendria“ Traum und Wirklichkeit, als lebhafte Erinnerung und tödliche Wirklichkeit, synchron an der Front und in einer übersinnlichen Winterlandschaft der Karpaten „Und ohne dass ich in diesen Blicken ein Brechen bemerkt hätte, eine Veränderung, erkannte ich dann, dass das Tier tot war.“

„So würde mein Leben und so mein Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals“, sagt Emil Sinclair. In der Figur des Kämpfers collagiert Alscher das Leben und Werk Gusto Gräsers, alias „Demian“ mit seinem eigenen. Während der surreale „Kämpfer“ auf sich selbst und seinesgleichen trifft, macht Alscher mit Elisabeth Amberg einen „Schritt im Schicksal“ (Demian) und beugt sich „Der Liebe Macht“, die Stimmung des Gemäldes „Der Liebe Macht“ von Gusto Gräser, alias Demian, nachempfindend. Zur Zeit der Publikation der Kämpfer-Fortsetzungen zieht Alscher mit Elisabeth Amberg zusammen. Die Kluft wird zur Chiffre der künstlerischen Bedeutung des Protagonisten einerseits und seiner gesellschaftlichen Isolation andererseits. „Ich musste die Kluft sehen, auch zwischen mir und den Freunden.“ (33. Fortsetzung) Nach Krieg und Ehe heilt ein „blindes Herz“ (Demian) und der Kämpfer findet zu seiner Schaffenskraft zurück: „Marmorne Standbilder“ (34. Fortsetzung), die ihn und Gusto Gräser in Wien prägten, schimmern in einer symbolistischen Nacht und in den Karpaten, wo sich die Nacht „langsam purpurn färbte“ (48. Fortsetzung). Leitmotivisch kehrt der Titel von Gusto Gräsers Essay „In den Felsen“, in der Zeitschrift „März“, 1908, wieder. Die Einheit des Daseins offenbart sich „In den Felsen“ (51. Fortsetzung), wohin der „Kämpfer“ seinen Weg einschlägt. Der Sphinx, als Hüterin einer Einheit zwischen Leben und Natur, stellt visionären Künstlern Rätsel und Auftrag. „Hast du nicht oft schon, wenn du in der Abenddämmerung durch den Wald schrittest, geglaubt, plötzlich auf einen Berggipfel eine riesenhafte Gestalt zu sehen, die langsam die Arme bewegt, aber auch starr mit dem Felsen verwachsen, dasitzt. Das war die Einsamkeit, die dann der Wald segnete.“ (55. Fortsetzung)

Das Private und Künstlerische trifft auf das Natürliche und Politische. Vor dem Hintergrund aktueller Verhandlungen kämpft der Journalist Alscher für eine multikulturelle Heimat, mit erweitertem Mitspracherecht der Deutschen, distanziert sich aber auch von den Stereotypen seiner politischen Mitstreiter. Pointiert reflektiert er in erlebter Rede seine Entwicklung. „Die Unendlichkeit umbrauste ihn wieder, er war wie ein Stein, der aus der Leere ragte- nur aus der Leere heraus tönt der Gesang der Seele am besten. […] Und wieder war es ihm als gingen alle diese hellen Töne von Dina aus, fluteten über die Menschen hin und alle anderen sängen mit. / Draußen sank rot und trüb die Wintersonne über grenzenlosen Schnee. Da fühlte er wie eng die Welt um ihn war. Eine Unruhe überkam ihn, die ihn hinausdrängte, fort, immerzu weiter. […] Das primitive Dasein der Urgrund alles Seins und dessen weitere Möglichkeit?“ (60. Fortsetzung)

Ein surrealer Kampf mit dem Bären in der 63. Fortsetzung schafft einen Ausblick auf nächste, realistische Tiergestalten, die, wie auch jene „der Kluft“, mit ihrem Umfeld in Kontakt treten und den Menschen zum „moralischen Gesetz“ (Kant) im Einklang mit der Landschaft führen. „Und plötzlich tat es ihm leid, dass er den Bären getötet. Dass er ihn jenseits seines Lebens hinausgestoßen, für ihn unerreichbar und nun nicht mehr mit ihm kämpfen konnte.“ (64. Fortsetzung) In seinem Gedächtnis verschränkt Alscher Mensch- und Tierperspektiven, er wirft ein Licht auf das Revier des Wildtiers sowie auf den kontinuierlichen Wechsel zwischen individueller Wanderung und dem Kampf ums Dasein. Anklang würde er aber nur im Ausland finden. „Nun werden wir fortreisen, nach Wien, nach Frankreich, nach Deutschland, und ich werde arbeiten, arbeiten um groß zu sein. Wenn ich aber erkenne, jetzt habe ich alles erreicht, jetzt nennt man mich nicht mehr einen Deutschen, sondern nur nach dem Namen, dann will ich hierher zurückkehren und nur Deutscher, nur Sachse sein. […] Dann fielen die Portieren des Einganges hinter den beiden zusammen. (70. Fortsetzung)

Ist die Sammlung „Die Kluft, Rufe von Menschen und Tieren“, Albert Langen Verlag, 1917 bei Hesse angekommen? Im „Demian“ findet Alscher einen fiktiven Anhaltspunkt: „Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich ihn auch in den Ferien nicht besucht.“ Es könnte sein, dass die unbeantworteten Briefe an Alschers Adresse in der Temeswarer Tigergasse, wo seine Familie lebt, gerichtet waren.

Das Schlagwort zum Titel der Anthologie für Kriegsgefangene, für die das Werk „ Die Kluft“ in Betracht gezogen wird, scheint Alscher überlesen zu haben: „Es stand in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen – die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.“

Anscheinend weiß Alscher nichts Näheres über die Präsenz seiner Kurzgeschichte „Die Hunde“, die vor einem Bruch zwischen Zivilisation und Natur warnt, im Kanon der „Sieben Erzählungen neuerer Dichter“. „Etwas Besonderes ist allen Erzählungen gemeinsam, die in diesem Buch beisammen stehen. Es ist die Liebe zur Natur“, heißt es im „Geleitwort“ zum Bändchen „Strömungen“, „eine Liebesgabe für deutsche Kriegsgefangene“, Bern, 1918, herausgegeben von H. Hesse und R. Woltereck. Das „Geleitwort“ des Bandes „Strömungen“ wird trotzdem zu Alschers „Gedächtnisspuren“ und Programm gehören und den Zauber seiner Tierbegegnungen ausmachen.

„Dichtung ist immer Liebe, sie kann nie Hass und Verkleinerung bezwecken. […] Und es gibt, zumal in der neueren Dichtung, manche Dichter, für welche die Natur, die Landschaft, das Tier- und Pflanzenleben nicht bloß einen Rahmen zum Menschenleben bedeuten, sondern denen der Mensch – wie er es im Sinne der neueren Naturwissenschaft ja auch ist – immer nur ein Stück Natur bleibt, nicht ihr Herr, nur ihr Glied und Teil.“

Während eines Besuchs seines Helden in der Secession setzt sich Alscher das Ziel: „dem Abstand zwischen Mensch und Erdenleben“ (30. Fortsetzung) durch Kunst und Naturnähe entgegenzuwirken. „Einen tiefen Atemzug“(63. Fortsetzung) stieß der Kämpfer anlässlich eines Bärenkampfes aus. Der Untertitel der nächsten Sammlung „Tier und Mensch“ (Albert Langen, 1928) knüpft an diese Schlagzeile an: „Einen tiefen erneuernden Atemzug, ein Untertauchen in Urwaldrauschen gibt dieses Buch – Erlösung vom Menschen durch das Tier!“ Wanderer und Wildtier korrespondieren spielerisch miteinander, niemals lässt sich ein freies Wesen in die Rolle eines Doppelgängers drängen.

Obwohl Alschers Tiergeschichte eine breite Rezeption erfuhr und in Sammelbänden mit Jack London, Rudyard Kipling und Ernest Thomson Seton in Verbindung gebracht wurde, lehnten Verlage der Dreißigerjahre eine weitere Buchpublikation ab. Zwar schließt Wilhelm Schneider seine ambivalente Kritik in „Die auslanddeutsche Dichtung, ihre Voraussetzungen und Werte“, Berlin, 1936 mit einem Plädoyer für die Tiergeschichte ab, das Gesamtwerk wird jedoch aus nationalsozialistischer Perspektive nicht empfohlen.

1937 versucht Albert Langen „Tier und Mensch“ „an eine Großbuchhandlung abzustoßen“. Alscher wird brieflich auf eine „Verordnung der Reichsschrifttumskammer Vorräte von älteren Werken, die ohne Aussicht auf nennenswerten Absatz auf den Lagern liegen, einzustampfen, um so der Papierfabrikation Rohstoffe zu liefern“, verwiesen. Trotz existentieller Sorgen entwickelt er seine literarische Technik, in der Mensch und Tier in einem individuellen Tempo den Horizont erleben und sich in wesentlichen Augenblicken begegnen.

1939 bringt Alscher seine Hunde bei einem Förster in den Almascher Bergen unter und nimmt eine Stelle als Journalist bei der „Extrapost“, einer Tageszeitung in Temeswar (Timişoara) an. Nach weniger als einem Jahr wird er entlassen, er lebt mit seiner Familie in der Hofwohnung der Eltern Elisabeth Ambergs. Seine Förderer und Freunde werden auch noch Anfang der Vierzigerjahre Tiergeschichten in Zeitungen unterbringen. So ist es zu erklären, dass dieser Autor, dessen Bücher 1937 vom Buchmarkt gezogen wurden, 1942 in der „Fuldaer Zeitung“ mit der Kurzgeschichte „Mein Freund, der Uhu“ zur inneren Einkehr und zur Besinnlichkeit auffordert. 1943, nachdem Alscher das Fotoatelier in Orşova erbte und Druckkosten finanzieren konnte, publizierte er den Band „Die Bärin. Besinnliche Tiergeschichten“ in der Druckerei Heinrich Anwenders. Jede Geschichte hat ihren Ruhepunkt, stets klingt die Begeisterung für ein eigenes Leben und die Hoffnung auf einen eigenen Tod an.

Besinnlichkeit überwindet Zukunftsangst und Kriegsgrauen, auch in einer der letzten Geschichten. „Einsam, voll schweren Sommersegens“ war Gogans Stimmung auf dem Weg zu seinem Selbst. 1944 projiziert der Dichter seine Todesahnung auf eine idyllische Traumlandschaft in den Schilderungen „Der Bär im Sommersegen“ und „Der Bär im Früchtesegen“. Die Prosa ist identisch, in „Der Bär im Sommersegen“ ist jedoch ein Gedicht eingefügt. Es „tickt der Wurm“ und den Träumenden beschleicht die Angst vor dem „Sturm am Morgen“. Das Naturerlebnis sowie die Utopie des Widerstands rücken in die unerreichbare Ferne eines „süßen Traums“.

Am 23. August 1944 trat Rumänien auf die Seite der Alliierten. Bereits im September wurde Alscher nach Târgu Jiu interniert. Er floh im Oktober und ging etwa 100 km zu Fuß nach Hause, wurde jedoch in der Innenstadt an einem Mittag erneut verhaftet. Ende des Jahres 1944 stirbt er im Internierungslager. „Am 29. Dezember starb er allein, sein Grab am Friedhof in Târgu Jiu existiert schon lange nicht mehr. Er wird als einer der besten Tiergeschichtenerzähler gerühmt, aber sterben musste er allein, weit weg von der Familie, wahrscheinlich in dunkler Verzweiflung“, erzählte mir seine Tochter Edith.

Jahrzehnte später wird die Alschersche Selbstsuche in der Didaktik für das Fach Deutsch an Schulen mit deutscher Unterrichtssprache in Rumänien rezipiert: „Belebte Nacht“ und „Die Wildkatze“ (achte Klasse, Auflagen: 1974, 1976, 1985, 1990), „Die Bärin“ (zehnte Klasse 1979, 1983), und ein Auszug aus dem Roman „Gogan und das Tier“ (12. Klasse, 1979).

Zu Otto Alschers Comeback im 21. Jahrhundert gab „Die Bärin. Natur- und Tiergeschichten aus Siebenbürgen“, Natur und Text, Rangsdorf 2000, ein Band mit Wildtier-Kurzgeschichten, den entscheidenden Impuls. In der Anthologie „Aus dem Leben der Tiere. Die schönsten Geschichten aus aller Welt“, Reader’s Digest, 2003 stehen „Die Bärin“ und „Mein Freund Walter, der Uhu“ zum ersten Mal im Kontext der Weltliteratur.

2019 bietet die e-book-Monografie „Ein Augenblick und eine Seele. Im Werk Otto Alschers“ einen Überblick über Alschers Naturphilosophie in einem transzendentalen Genre der modernen Tiergeschichte. Diese Neuinterpretation erinnert an einen Dichter, dessen Tiergestalten über sich hinausweisen und auch heute noch den Leser unmittelbar berühren.

Helga Korodi

Schlagwörter: Alscher, Tierbuch, Tiergeschichten, Banat, Karpaten

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