3. April 2020

Nachruf auf den international renommierten Historiker Harald Zimmermann

Während Universitätsprofessor Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Harald Zimmermann in Tübingen zu Grabe getragen wurde, läuteten in Kronstadt die Glocken der Schwarzen Kirche zu seinem Gedächtnis (https://youtu.be/DwVdAsKQzLQ). Es war eines von vielen Zeichen jener Verbundenheit, die der am 19. März in Tübingen in seinem 94. Lebensjahr sanft Entschlafene zeitlebens zur Heimat seiner Eltern gepflegt hat, und der Hochachtung, die ihm in dieser Heimat stets entgegengebracht worden ist. Mit Harald Zimmermann haben die Siebenbürger Sachsen einen ihrer bedeutendsten Vertreter verloren, einen international renommierten Wissenschaftler, einen ihrer bekanntesten Historiker, einen, der sich immer stolz zu seiner siebenbürgisch-sächsischen Herkunft bekannt hat. Sein außerordentliches Leben und Werk wurde, auch in dieser Zeitung, wiederholt ausführlich gewürdigt.
Harald Zimmermann hat nie physisch in dieser siebenbürgischen Heimat gelebt, war aber stets in der heute weltweit zerstreuten siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft beheimatet. Das hat er wiederholt auch öffentlich bekannt, beispielsweise 2006, als er sich für die Verleihung des Goldenen Ehrenwappens des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland bedankte: „Die Ehrung gebührte eigentlich meinen Eltern, meinem Vater und meiner Mutter, die dem in Budapest Geborenen und in Wien Großgewordenen gesagt haben, dass er eigentlich ein ganz richtiger Siebenbürger Sachse sei. Ich bin dankbar und stolz auf meine Eltern und alle mein Vorfahren: auf den Großvater, der Kürschner war in Kronstadt, und auf den anderen, der in Bistritz Bänder für den Borten der Mädchen verkaufte, und auf den Bistritzer Schlosser, der mein Urgroßvater war, und den anderen, den Wollweber in Cronen.“ (vgl. Harald Zimmermann: "Ich gedenke dankbar meiner Eltern").

Lange Zeit seines Lebens galt ein derartiges Bekenntnis zur Heimat als antiquiert, als realitätsfremd. Zimmermann hat sich aber nie dem Zeitgeist gebeugt, sondern ist stets seinen Weg gegangen, geradlinig, unbeirrbar, manchmal spröde, immer redlich, der Wahrheit verpflichtet, im privaten, im öffentlichen und im wissenschaftlichen Leben. Seine Gattin Gerlinde, seine drei Töchter und Schwiegersöhne, seine zahlreichen Enkel- und Urenkelkinder haben seine Liebe erfahren und trauern heute um ihn.

Drei Universitäten (Wien, Saarbrücken, Tübingen), an denen er gewirkt hat, zwei Akademien der Wissenschaften (die Österreichische und die Mainzer), deren Mitglied er war, drei Universitäten (Klausenburg, Fünfkirchen und Bukarest), die ihm Ehrendoktorate verliehen haben, zahlreiche wissenschaftliche Kommissionen und Vereine werden sein Andenken stets hoch halten. Die zahlreichen Hörer seiner faszinierenden Lehrveranstaltungen, seiner spannenden wissenschaftlichen Referate und seiner rhetorisch brillant vorgetragenen populärwissenschaftlichen Vorträge erinnern sich dankbar an den der historischen Wahrheit verpflichteten Redner. Seine Schüler, einige unter ihnen inzwischen selbst anerkannte Universitätsprofessoren in Erlangen-Nürnberg, München, Regensburg, Jena, Rostock oder Ellwangen, gedenken ihres stets fordernden, aber auch fördernden akademischen Lehrers. Harald Zimmermanns wissenschaftliches Werk überdauert die Zeiten. Seine zuverlässigen, akribisch erarbeiteten Quelleneditionen zur Papstgeschichte (drei Bände), der Schriften des mittelalterlichen Historiographen Thomas Ebendorfer (sieben Bände in den renommierten „Monumenta Germaniae Historica“) oder der Urkunden zur Geschichte des Deutschen Ordens im Burzenland werden Historiker noch in vielen künftigen Jahrzehnten dankbar nutzen; desgleichen seine auf profunder Forschung beruhenden Arbeiten zur Geschichte des Mittelalters (zwei Bände), zum „dunklen“ 10. Jahrhundert, zur Papstgeschichte, zum Canossagang Heinrichs IV., zu Einzelfragen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte.

Universitätsprofessor Dr. Dr. Dr. h.c. mult. ...
Universitätsprofessor Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Harald Zimmermann. Foto: privat
Im Gesamtwerk Harald Zimmermanns nehmen seine Untersuchungen zur südosteuropäischen, speziell zur siebenbürgischen Geschichte, einen vergleichsweise bescheidenen Platz ein. Doch mit Recht sah sich Prof. Ioan Aurel Pop, Präsident der Rumänischen Akademie, veranlasst, in einem Kondolenzschreiben unter anderem festzustellen: „Die Historiographie Rumäniens verliert einen hervorragenden Wissenschaftler, Rumänien einen großen Freund. Professor Zimmermann hat die Geschichte Siebenbürgens im gesamteuropäischen Kontext erforscht und in der Welt wie kaum ein anderer bekannt gemacht.“ Und der Philosoph Prof. Dr. Andrei Marga, langjähriger Rektor der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg, zeitweise Bildungs- und Außenminister Rumäniens, stellte in seinem Nachruf auf Harald Zimmermann (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien: Zeichen, Bilder und geschichtliche Wahrheit. Zum Ableben des Mediävisten Harald Zimmermann) fest: „Ich bin kein gelernter Historiker, doch habe ich immer begierig seine durchwegs professionell verfassten Werke gelesen, die Grundsteine für das Schreiben der Geschichte Siebenbürgens, Rumäniens, Deutschlands und Europas gelegt haben.“ Prof. Dr. Daniel David, der neue Rektor der Babeş-Bolyai-Universität, und Prof. Dr. Ovidiu Ghitta, Dekan der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät, erinnerten in ihrer Beileidsbekundung: „Professor Zimmermann hat 1977 die erste Partnerschaft zwischen einer deutschen und einer rumänischen Universität nach dem Zweiten Weltkrieg angeregt und danach konsequent begleitet und umgesetzt, auch durch wiederholte Studienreisen nach Siebenbürgen und gemeinsame Seminare von Studierenden der Eberhard-Karls-Universität und der Babeş-Bolyai-Universität. Für viele Teilnehmende unvergessen bleiben auch die Besuche von Klausenburger Studierenden, Stipendiaten und Lehrkräften in Tübingen, wo sie oft auch in Ihrem gastfreundlichen Haus empfangen worden sind. Wissenschaftlichen Austausch hat Prof. Zimmermann außerdem durch Veranstaltung von oder Teilnahme an gemeinsamen Tagungen und Symposien, durch Büchersendungen und vieles mehr intensiv gepflegt.“ Das sind alles Zeichen jener dauerhaften Beziehungen, die Harald Zimmermann zur siebenbürgischen Heimat geknüpft hat, Zeichen, welche alle Völker der Region wahrgenommen haben und welche die Zeiten überdauern werden.

Seine Tübinger Landsleute haben auf Harald Zimmermanns Grab einen Kranz mit blau-roten Schleifen abgelegt. Zu ihnen hatte er eine besondere Verbindung, die sich auch darin äußerte, dass er Einladungen der Kreisgruppe des Verbandes oft und gerne annahm, an ihren Zusammenkünften teilnahm und sie durch unzählige Vorträge bereicherte. Er war sich übrigens nie zu schade, über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen vor einem breiten Publikum an vielen Orten Deutschlands und Europas zu sprechen, sie in den Bann dieser Geschichte zu ziehen. Dabei war er von einer Überzeugung geleitet, die er im Oktober 2001 anlässlich der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in München wie folgt formuliert hat: „Es ist etwas anderes, ob man für ein kleines Völkchen in Siebenbürgen schreibt, oder für Siebenbürger Sachsen und ihre Nachkommen, die in einer neuen Heimat etwas über ihre alte Heimat wissen wollen. Einfach das Wissen darüber, wie es wirklich war, wie es eigentlich gewesen ist, ohne Schönfärberei, aber doch mit dem gehörigen Selbstbewusstsein, nicht in den wenigen Trümmern, die verfallende Kirchenburgen uns ansehen lassen, wenn sie nicht zu Weltkulturerben erhoben wurden, sondern in allen nötigen Details, die jeder kennen sollte, ob deutschstämmig oder deutsch, dem Lande oder dem Volk oder beiden verbunden. Es geht nicht um eine neue Sicht der Tatsachen, sondern um die Tatsachen selbst!“ (Siebenbürgische Zeitung: Prof. Harald Zimmermann: "Ob man (unsere) Geschichte neu schreiben muss?" (I) und Prof. Harald Zimmermann: "Ob man (unsere) Geschichte neu schreiben muss?" (II)) Besonders verbunden war Harald Zimmermann dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, zu dessen Gründungsmitgliedern er 1962 gehört hat. Dieser wissenschaftlichen Vereinigung, die der Siebenbürgenforschung „im Geiste der Völkerverständigung und der gegenseitigen Toleranz im europäischen Rahmen“ dient, hat er dreißig Jahre lang als Mitglied des Vorstands, des Geschäftsführenden Vorstands und als stellvertretender Vorsitzender, nicht zuletzt als Schriftleiter der „Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde“ viel Zeit und Kraft geopfert, immer anregend, aktiv mithelfend, insbesondere bei der Vorbereitung der wissenschaftlichen Tagungen. Der Landeskundeverein wäre ohne sein Mitwirken nicht das geworden, was er ist – ein Hort der unvoreingenommenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seiner, mit unserer Heimat Siebenbürgen. Ihm galt auch der Wunsch des Verstorbenen, um Zuwendungen für den Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde zu bitten.

Seinen 85. Geburtstag beging der Deutschordensforscher, wie konnte es anders sein, im Kreise seiner Landsleute, während einer unvergesslichen Studienreise „auf den Spuren des Deutschen Ordens“ von Marienburg an der Nogat zur Marienburg am Alt. Die über 60 Teilnehmenden erinnern sich noch heute, wie er mit voller Seele dabei war, selbst am Busmikrofon referierend oder Aussagen seines Schülers, des Reiseleiters, präzisierend, denn jede Aussage musste genau sein, bis hin zur Tagesangabe eines Jahrhunderte zurückliegenden Ereignisses und auch dann, wenn die Informationen einem breiteren Publikum galten. Berndt Schütz beschrieb in dieser Zeitung (Auf den Spuren der Deutschen Ordensritter: Studienreise des AKSL) ein anderes denkwürdiges Ereignis: „In Wien läuft Prof. Dr. Harald Zimmermann zu ganz großer Form auf. Er, dessen 85. Geburtstag wir gemeinsam auf der Reise feiern durften, kennt sich nicht nur in den verstaubten Deutschordens-Dokumenten des Vatikans bestens aus, sondern auch in der quicklebendigen Stadt Wien. Im Geschwindschritt führt er von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, dass die Gruppe größte Mühe hat zu folgen.“

Begeistert und begeisternd, der europäischen Geschichte des Mittelalters ebenso verbunden wie seiner Heimat Siebenbürgen, so werden wir Professor Harald Zimmermann in lebendiger Erinnerung behalten.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Nachruf, Zimmermann, Historiker, Mediävist, Mittelalter, Tübingen, Deutscher Orden, AKSL, Konrad Gündisch, Burzenland

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