29. Juli 2020

Von Kronstadt nach München: Dana von Suffrins liebevoll-schrulliger Roman „Otto“

Die promovierte Philosophin Timna und ihre ein Jahr jüngere Schwester Babi, die „in einem alten Kino“ arbeitet und ansonsten in geklauten Krankenhauskitteln malt, leiden unter ihrem leicht dementen Vater: „Otto, Ingenieur, gebürtig in Rumänien, Herr über ein Reihenhaus und zwei unglückliche Töchter, war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Als er entlassen wurde, geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Es wurde noch viel schlimmer.“
Dieser Vater, ein Jude aus Kronstadt, „trug immer ein kleines, kunstledernes Handtäschchen, in dem er allerlei wichtige Dokumente verstaute (…), falls wir deportiert werden sollten“, und Timna plagt ständig das schlechte Gewissen, denn „wie alle Ostjuden fühlte ich mich stets an allem schuld“. Mit solch galligen Charakterisierungen bestimmt Dana von Suffrin den Ton in ihrem Debütroman „Otto“: immer ein bisschen schwarzhumorig, oft melancholisch, gelegentlich haarscharf an der Geschmacklosigkeit vorbei, in jedem Fall unterhaltsam.

„Mein Vater liebte die Siebenbürger Sachsen“, erzählt Timna, „sie erinnerten ihn an Omama und die schneebedeckten Karpaten und an die Zeit, in der man noch kurze Lederhosen in der Schule trug, sie verstanden jedes seiner Worte, und sie wunderten sich nie über sein umständliches Deutsch, weil sie ja genauso sprachen.“ Und dankenswerterweise sorgen sie dafür, dass Valli aus Ungarn ins Reihenhaus in München-Trudering einzieht, um Otto für 800 Euro im Monat zu pflegen. Was Dana von Suffrin beginnen lässt wie eine realistische Liebesgeschichte (zweiter Ehemann, also keine rosa Brille), wird zu Ottos (Auto)Biographie, „auto“ deswegen, weil eigentlich meist seine Tochter Timna erzählt, aber manchmal eben auch er in seinem „umständlichen Deutsch“: von der Ausreise aus Rumänien 1962, einem Besuch bei den Verwandten in Israel, der Rückkehr nach Kronstadt, um den Töchtern alles zu zeigen – Otto verfügt über einen reichen Anekdotenschatz.

Die Darstellung dieses liebevoll-schrulligen Originals und seiner Familie treibt einem gelegentlich Tränen (der Freude und der Trauer) in die Augen; zugleich offenbart sich, dass man einen Roman über das Altern liest und was es mit den Menschen macht. Die Autorin findet dafür einprägsame Worte: „Sein [Ottos] Haar war ganz fein und weiß, und wie die meisten Dinge an ihm war es durchsichtig geworden: Haare, Haut, Erinnerung“, analysiert Timna, und Otto selbst verspürt ebenfalls, dass eine Veränderung stattfindet: „Es ist so seltsam, wenn man alt wird; man wird ein ganz anderer Mensch.“ Das gute Gefühl beim Gedanken an den Ort der Geburt allerdings, das ändert sich nicht: „Kronstadt, Russland?, fragten die Ärzte. Kronstadt, Siebenbürgen!, rief mein Vater. Und wenn er das sagte, wirkte er kräftig und stolz, wenigstens ein paar Sekunden lang.“

Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren, wo sie auch heute lebt. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Neueren und Neuesten Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem promovierte sie 2017 mit einer Arbeit zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus. Ende Juni wurde bekanntgegeben, dass ihr Roman „Otto“ ausgezeichnet wird. Die 1992 gegründete Doppelfeld Stiftung verleiht zusammen mit der Münchner Stiftung Literaturhaus und der BMW Group in diesem Jahr erstmals den Vera Doppelfeld Preis für deutschsprachige Debüts in den Genres Erzählung, Novelle oder Roman. Aufgrund der durch COVID-19 bedingten Belastungen, die viele Autorinnen und Autoren betreffen, sowie wegen der hohen Qualität der ausgewählten Bücher haben sich die Stifter entschieden, zum Start des Preises allen fünf Nominierten ein Preisgeld zukommen zu lassen. Der Hauptpreis, dotiert mit 6000 Euro, geht an den Roman „Hawaii“ von Cihan Acar, die mit jeweils 3000 Euro dotierten Förderpreise gehen an „Otto“ von Dana von Suffrin, „Drei Kilometer“ von Nadine Schneider, „Flüssiges Land“ von Raphaela Edelbauer und „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frenk.

„Herkunft und Erinnerung, Entwurzelung und das Ankommen in der Gegenwart“ seien die beherrschenden Themen in den nominierten und nun ausgezeichneten Büchern, so Jury-Sprecherin Tanja Graf, und all diese findet man auch in „Otto“, dem gelungenen Romandebüt von Dana von Suffrin.

Doris Roth


Dana von Suffrin: „Otto“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, 240 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-462-05257-2

Schlagwörter: Roman, München, Kronstadt, Juden, Alter, Besprechung

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