17. August 2020

Zeitzeugengespräch zur Baum- und Rebschule Ambrosi, Fischer & Co in Straßburg am Mieresch

1902 gründete der aus Ostpreußen nach Siebenbürgen umgesiedelte Ludwig Fischer in Straßburg am Mieresch (a.M.) die Rebschule Fischer und Co. Nach seinem frühen Tod übernahm sein Mediascher Freund und Arbeitskollege, der im Wein- und Ackerbau kenntnisreiche Michael Ambrosi, die Leitung der Firma, die 1921 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und dann den Namen Baum- und Rebschule Ambrosi und Fischer Co. trug. Bis zu seiner Zwangsverstaatlichung und der damit verbundenen Auflösung im Jahre 1947 entwickelte sich das Unternehmen zum größten und erfolgreichsten seiner Art in ganz Rumänien und exportierte seine Waren auch in viele Länder Südost- und Zentraleuropas. Im Folgenden lesen Sie ein Interview aus dem Jahr 1998, das der Sohn des ehemaligen Firmendirektors Alfred Müller sen., Dr. Alfred Müller jun. (1934 in Straßburg a.M. geboren), mit Ferenc Török jun., einem Enkel des Gründers Ludwig Fischer, geführt hat. Ferenc Török jun., der bereits 1923 geboren wurde und 2016 verstorben ist, arbeitete nach seiner Matura in der Firma bis zu deren Auflösung und schilderte im Gespräch mit Alfred Müller jun. die wechselvolle Geschichte des Unternehmens, in der sich auch zeitgeschichtliche Gegebenheiten widerspiegeln. Nach der Wiederentdeckung des Interviews durch Dr. Alfred Müller jun. wurde die Aufnahme in der Zusammenarbeit mit seinem ebenfalls in Straßburg a.M. geborenen Enkel Peter Kvacskay aus dem Ungarischen übersetzt und in Schriftform gebracht.
Alfred Müller sen., ehemaliger Direktor der Baum- ...
Alfred Müller sen., ehemaliger Direktor der Baum- und Rebschule Ambrosi, Fischer & Co in Straßburg am Mieresch, in den Plantagen.
Alfred Müller jun.: Wann ist dein Großvater Ludwig Fischer nach Straßburg a.M. gekommen?

Ferenc Török jun.: Ende des 19. Jahrhunderts kam er hierher, aber nicht nach Straßburg a.M. Er kam aus Ostpreußen und zog 1896 nach Mediasch.

Wie viele Kinder hatte dein Großvater?

Er hatte vier Kinder: Ludwig, der früh als Kind verstarb, Melanie, die meine Mutter war, sowie Adolph und Konrad.

War er bereits verheiratet, als er nach Siebenbürgen übersiedelte?

Ja, er war verheiratet, seine Ehefrau Valerie, geborene Schlemm, war eine Wienerin aus der Mariahilfer Straße. Mein Urgroßvater war Bürobeamter im Wiener Bürgermeisteramt. Er hatte eine außerordentlich ästhetische Schrift und ich erinnere mich an einen Brief, den er mit goldenen Lettern verfasst hatte. Meine betagte und verwitwete Urgroßmutter Ida Schlemm war auch mit nach Siebenbürgen übergesiedelt.

Warum ist dein Großvater nach Mediasch gezogen?

Er kam dorthin als Lehrer an der Ackerbauschule.

Hat er dort die Bekanntschaft mit Michael Ambrosi gemacht?

Ambrosi arbeitete ebenfalls als Lehrer an der Ackerbauschule, wo sich eine enge Freundschaft der beiden entwickelte. Nach einigen Jahren beschloss mein Großvater, eine eigene Rebschule zu gründen, und zog hierfür durch ganz Siebenbürgen, um den geeignetsten Ort auszuwählen, wo die Anbaubedingungen am günstigsten schienen, und erwarb schließlich ein Grundstück in Straßburg a.M., wo bereits in der antiken römischen Siedlung Brucla Weinbau betrieben wurde. Das Grundstück befand sich gegenüber den später errichteten Gebäuden der Firma Ambrosi und Fischer.

Wie gestaltete sich der Anfang der Rebenzüchtung?

Die Reben wurden anfangs im Keller seines Wohnhauses gezüchtet, wo eine konstante Temperatur herrschte. Später stellte er fest, dass die Reben in speziellen Kisten in aufrechter Position besonders gut ausgetrieben hatten. Bereits 1902 gewann mein Großvater mit seinen Reben eine Goldmedaille auf einer Budapester Win­zerausstellung. Im 19. Jahrhundert gingen in Siebenbürgen große Teile der Reben durch die Reblaus zugrunde. Es wurde in der Folge bekannt, dass verschiedene amerikanische Wildrebsorten gegen die Reblaus widerstandsfähig waren, sodass diese nach Siebenbürgen importiert wurden. Mein Großvater bezog die Unterlagen vom Grafen Teleki, der diese in der Nähe von Arad in großen Mengen züchtete. Auf diese pfropfte mein Großvater erlesene heimische Sorten.

Wie viel Hektar umfasste die anfängliche Anbaufläche?

Er hatte mit einer Anbaufläche von 36 Hektar begonnen, der anfangs zu großen Teilen gepachtet wurde. Später wurde mehr Land dazugekauft.
Das seinerzeitige Firmengelände ...
Das seinerzeitige Firmengelände
Wurden dann schon auch Bäume herangezogen?

Ja, mein Großvater hatte bereits in den ersten Jahren auch verschiedene Obstsorten in kleineren Mengen herangezogen. Obwohl für die Bäume eine größere Anbaufläche notwendig und der relative Gewinn kleiner war als beim Verkauf von Weinreben, lohnte sich ihre Heranzüchtung, denn die San-José-Reblaus war noch nicht so verbreitet wie in den späteren Jahren und der durch sie bedingte Schaden war nur gering. Der Höhepunkt der Reblaus-Verbreitung begann erst in den 1930er Jahren. In den ersten Jahren seiner Tätigkeit spielte sich seine Arbeit im Umfeld seines städtischen Wohnhauses ab. Nach 1905 kaufte mein Großvater noch ein Grundstück von ungefähr zehn Hektar in zwei Kilometern Entfernung zur Stadt in der Nähe der Bahnlinie, wo umfangreiche Bauarbeiten des eigentlichen späteren Firmenkomplexes begonnen wurden. Dazu gehörten Wohnhäuser, Bürogebäude, große Lagerhallen, Treibhäuser – in diesen herrschte dank einer Zentralheizung, für die damalige Zeit außerordentlich innovativ, eine konstante Temperatur – sowie Stallungen und Bedienstetenhäuser.

Ab wann wurde Michael Ambrosi Miteigentümer der Firma?

Mein Großvater starb noch vor dem Ersten Weltkrieg im Alter von ca. 40 Jahren an einem Herzleiden und hinterließ eine Witwe und drei minderjährige Kinder, von denen meine Mutter Melanie als Älteste 1896 geboren und damit nur 10 bis 12 Jahre alt war. Da meine Großmutter sich schon immer aus den Firmengeschäften herausgehalten hatte, war sie nicht imstande, die Firma weiter zu führen. Sie kontaktierte und beauftragte den von früher gekannten Michael Ambrosi, der eine bedeutende Persönlichkeit im Wein- und Ackerbau in Siebenbürgen war und auch die materiellen Möglichkeiten besaß, das Unternehmen weiter am Leben zu halten. In einem deutschsprachigen Katalog aus dem Jahre 1915 wurde die Firma zwar noch als Fischer und Co. bezeichnet, jedoch war Michael Ambrosi bereits als Mitinhaber vermerkt.

Wie machte dein Vater Ferenc Török sen. Bekanntschaft mit der Familie Fischer?

Mein Vater wurde vom österreichisch-ungarischen Waisenamt als Vormund für die drei vaterlosen Fischer-Kinder bestimmt und heiratete in den unmittelbaren Nachkriegsjahren meine spätere Mutter Melanie, eine der drei Kinder, die Tochter Ludwig Fischers.

Wie kam er anschließend zur Firma?

Während des Ersten Weltkrieges war die Firma genötigt, große Schulden aufzunehmen. 1921 verfügte Michael Ambrosi, dass das Unternehmen zu seiner Rettung in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Im Zuge dessen beteiligte sich auch Ferenc Török sen. mit Aktien an der Firma. Von der Bank Goronul (deutsch: „Die Eiche“) wurden Geldsummen geliehen, die der Bank auch Aktien übertragen hatten, welche bei der Rückzahlung wieder in Besitz der Eigentümer gelangten. Die Aktien wurden nach Tilgung der Schulden zu gleichen Teilen auf die Familie Fischer und auf Michael Ambrosi aufgeteilt. Ferenc Török sen. übernahm als Repräsentant der Familie Fischer anschließend auch leitende Funktionen in der Firma und blieb bis zu deren Auflösung ihr Oberbuchhalter.

Wann kam mein Großvater, der spätere Direktor Samuel Gärtner zur Firma?

Samuel Gärtner, der auch aus Mediasch stammte, war den Eigentümern noch aus der Mediascher Zeit gut bekannt und wurde wegen seiner fachlichen Kenntnisse bereits in den Anfangsjahren der Firmenentwicklung eingestellt.

Wie gestaltete sich die weitere Personalentwicklung der Firma?

Noch zu Lebzeiten von Ludwig Fischer kam auf dessen Angebot der Österreicher Franz Kuchlbacher als Obergärtner zur Firma, wie auch der Siebenbürger Sachse Hans Hartmann später durch Michael Ambrosi als Obergärtner eingestellt wurde. Leider musste zwischen den beiden Obergärtnern immer wieder geschlichtet werden, da diese konkurrenzbedingt in verschiedene Konflikte gerieten.
Wohnhaus der Direktion ...
Wohnhaus der Direktion
Wie lange blieb Samuel Gärtner Direktor der Firma?

Bis 1932. Mit dem Beginn seiner Rente übernahm dein Vater Alfred Müller, der der Schwiegersohn Samuel Gärtners und gleichzeitig der Schwager Michael Ambrosis war, den Posten des Direktors.

Wie war die allgemeine Atmosphäre zwischen den Eigentümern?

In den Anfangsjahren war das Verhältnis für eine lange Zeit harmonisch, später zeigte Michael Ambrosi die Absicht, den Einfluss der Fischer-Familie immer mehr einzuschränken. In dieser Zeit wurde Ferenc Török sen. der Oberbuchhalter der Firma und war neben seinen Schwagern Adolph, der herzkrank war und sich stufenweise aus den Geschäften der Firma zurückzog, und Konrad ein maßgebender Repräsentant der Familie Fischer bei der Firma. Das Verhältnis von Michael Ambrosi zu ihm besserte sich. Ambrosi wohnte in Hermannstadt, kam jedoch drei bis vier Mal pro Monat nach Straßburg a.M., um sich über den Verlauf der Firmengeschäfte persönlich zu informieren.

Und wie war die Stimmung im Führungspersonal?

Das Verhältnis zwischen deinem und meinem Vater war durch eine andauernde freundschaftliche Beziehung geprägt, ohne die die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens nicht möglich gewesen wäre.

Wie gestaltete sich die wirtschaftliche Entwicklung der Firma in den nachfolgenden Jahren?

Die wirtschaftliche Lage war bis zum Ende der 1930er Jahre sehr günstig. Zwischen 1936 und 1938 fuhr das Unternehmen die höchsten Gewinne ein. Je 300 Aktien fielen auf die Familie Fischer/Török, die Familie Ambrosi sowie, aufgeteilt in kleineren Anteilen, auf weitere Personen in den Leitungspositionen. So besaßen beispielsweise die Direktoren Samuel Gärtner und Alfred Müller 30 bzw. 15 Aktien. Nach 1938 verschlechterte sich mit dem nahenden Krieg und vermehrt nach dessen Beginn die wirtschaftliche Lage zunehmend, sodass sogar ein Insolvenzverfahren zur Debatte stand.

Welche Produkte bot die Firma an?

Anfangs begann mein Großvater mit Weinreben, kurz darauf kamen Obstbäume hinzu, es folgten Ziersträucher, Rosengewächse, Alleebäume, Stauden, Blumen und seltene Gemüsesorten wie Spargel und Rhabarber und von allem war das Sortiment äußert breit gefächert und umfasste in den Jahren 1936/37 insgesamt 1254 Sorten. Darunter fielen 275 Sorten Obstbäume, 220 Arten Alleebäume und Ziersträucher, 26 Sorten Nadelgehölze, 287 Sorten Rosen, 53 Sorten Wein- und Tafeltrauben und vieles mehr. Das umfangreiche Sortiment wurde jedes Jahr in einem Katalog, der auf Deutsch, Ungarisch und Rumänisch gedruckt wurde, präsentiert. Jede Pflanzensorte wurde mit einer Nummer, einem Namen in der jeweiligen Sprache und zusätzlich dem lateinischen Fachbegriff gekennzeichnet. Dazu kam eine kurze Beschreibung der Pflanze oder der Frucht, wie beispielsweise „Roter Apfel, süß-säuerlich“ sowie auch der dazugehörige Stückpreis.
Rebschularbeiter bei ihrer Tätigkeit auf dem Feld ...
Rebschularbeiter bei ihrer Tätigkeit auf dem Feld
Welche Rolle spielte das Arbeitspersonal?

Es gab Verwaltungsangestellte, ­einen Kassierer, Sekretärinnen, Daktylographen und Rechner, Reinigungspersonal für das Büro, einen Traktorenmechaniker, Traktorfahrer, Kutscher, Melker und weitere Gärtner und Landwirte sowie Nachtwächter. An dieser Stelle soll noch der aus Hermannstadt stammende Jenő Sipos Erwähnung finden, der mehrere wichtige Funktionen innehatte, nämlich als Wagner arbeitete, das Werkzeuglager verwaltete und die Arbeitszeiten mit einer riesigen Glocke einläutete, die über das gesamte Firmengelände hinweg zu hören war. Besonders hervorzuheben ist, dass die Leitung und Organisation der Firma zweisprachig ablief, sowohl auf Deutsch, als auch auf Ungarisch. Unter den Arbeitskräften waren auch viele Rumänen, zahlreiche Mitarbeiter konnten neben ihrer Muttersprache noch mindestens eine weitere der drei Sprachen sprechen – Jenő Sipos sprach beispielsweise alle drei Sprachen, was ihm in seiner Hofmeister ähnlichen Funktion zugute kam – und die Firma bildete über die Ethnien hinweg ein Identifikationsobjekt, zu dem sich die Mitarbeiter bekannten und zugehörig fühlten, ein besonders schönes Beispiel eines friedlichen Zusammenlebens in Siebenbürgen.

Welche saisonalen Arbeitskräfte waren in der Firma tätig?

Die Firma diente als Ausbildungsstätte für verschiedene Fachkräfte, nämlich für Baumschularbeiter (Veredler) sowie Reb- und Blumenzüchter, die eine saisonale Tätigkeit verrichteten und überwiegend aus den benachbarten Dörfern Ciumbrud/Csombord und Liorinţi/Lörincléve stammten. Diese wurden als Tagelöhner vergütet. Jeden Samstagnachmittag war Zahltag. In Gruppen von sechs bis zehn Personen arbeiteten sie gemeinsam, je Gruppe wurden sie geleitet von einem Vorarbeiter. Alle, die sich mit den Tieren beschäftigten und mit diesen arbeiteten, wie z.B. die Kutscher und die Melker, die allesamt aus dem Nachbardorf Lopadea Nouăa/Magyarlapád stammten, waren fest angestellt und hatten Familienwohnungen und bekamen ihr Gehalt zwei Mal im Monat. Nach ein paar Jahren konnten sie sich durch ihre Ersparnisse ein Grundstück in ihrem Heimatort erwerben, wo sie sich ein Haus bauten und selbstständig wirtschafteten. Darüber hinaus kamen in den Sommermonaten Studenten der Klausenburger Agronomischen Fakultät für zwei bis drei Wochen als Praktikanten zur Firma, die ihnen als praktische Ausbildungsstätte diente.

Wohin verkaufte die Firma?

Die Firma verkaufte ihre Produkte in ganz Rumänien und exportierte in viele südosteuropäische Länder, darüber hinaus nach Ungarn, Österreich, sogar nach Polen und Deutschland. Der Umsatz war in den Spitzenjahren enorm. So belief sich zum Beispiel der Verkauf von Rosen auf eine Anzahl von bis zu 350000 Stück pro Jahr mit insgesamt 200 bis 250 Sorten.

Gab es innerhalb Rumäniens eine bedeutende Konkurrenz zur Firma Ambrosi und Fischer?

Nein, es gab noch einige kleinere Baumschulen, deren Eigentümer ihre Ausbildung jedoch größtenteils bei der Firma Ambrosi und Fischer genossen hatten.

Wurde auch für den eigenen Bedarf Landwirtschaft betrieben?

Ja, zur Versorgung der Angestellten und der Tiere wurden Getreide, Heu und Grünfutter, Rüben sowie Mais angebaut. Andererseits wurden Klee und Luzernen kultiviert, um den Boden mit Stickstoff aus der Luft anzureichern.

Wie wurde die Arbeit organisiert und wie war die Arbeitsmoral?

Es herrschte außerordentlich große Disziplin und Ordnung, dies wurde für jeden Mitarbeiter vorausgesetzt. Arbeitsbeginn war um sieben Uhr morgens; um zehn Uhr wurde eine 20-minütige Erholungspause eingehalten, zwischen zwölf und dreizehn Uhr gab es eine Mittagspause, irgendwann zwischen 16.00 und 17.00 Uhr wurde erneut eine 20-minütige Ruhezeit eingeschoben, dann folgte bis 19.00 Uhr der Rest der regulären Arbeitszeit. Die Tierarbeiter begannen ihre Arbeit bereits morgens um vier Uhr. Verschiedene Tätigkeiten wurden aber auch außerhalb dieser Arbeitszeiten durchgeführt, wenn sie notwendig waren, wie z.B. die Wärmezufuhr in den Treibhäusern, wo eine konstante Temperatur gewährleistet werden musste, oder wenn sie durch einen Wetterumschwung dringend verrichtet werden mussten, wie z.B. das Ernten des Heus und des Getreides. Wenn saisonbedingt im Frühjahr und im Herbst die Ware ausgeliefert werden sollte, arbeitete man Tag und Nacht: nach einer einstündigen Pause nahm man ab 20.00 Uhr wieder seine Tätigkeit auf.

Packmaschine mit dem fertigen Ballen ...
Packmaschine mit dem fertigen Ballen
Wie wurde die Ware versandt? Die Firma verfügte über sechs Packmaschinen, mit Hilfe derer die Bäume zunächst mit Moos, das extra aus den Karpaten angeschafft werden musste, und Spreu, anschließend mit Stroh und Schilf ummantelt und mit Drähten festgeschnürt wurden, sodass sie auch über mehrere Wochen transportiert werden konnten, ohne auszutrocknen und ohne Schaden zu nehmen durch mechanische Einflüsse. Die Reben wurden, durch Holzspäne geschützt, in Kisten verpackt und so transportiert. Für den eiligen Transport hatte die Firma eine bezahlte Vereinbarung mit dem Bahnhof in Straßburg a.M. getroffen, dass die Güter nicht in Lagerhallen zwischengelagert, sondern in eigens dafür bereitgestellte Waggons geladen und direkt abtransportiert wurden; wenn Züge dafür in der Nacht zur Verfügung gestellt werden mussten, wurde die Ware von den Kutschern auch zu sehr später Stunde dorthin gebracht. Der Hauptversand fand im Frühjahr und im Herbst statt und dauerte ca. drei bis vier Wochen, die Zeiten waren allerdings wetterabhängig. Alle Pflanzen, die im Herbst schon für den Versand vorbereitet worden waren, jedoch nicht abtransportiert werden konnten, wurden in Beerdungen gelagert und konnten so geschützt überwintern, sodass sie im darauffolgenden Frühjahr versandt wurden.
Fertige Ballen mit Bäumen und Kisten mit ...
Fertige Ballen mit Bäumen und Kisten mit Rebveredlungen auf dem Weg zur Bahn
Wie war der Verdienst der Mitarbeiter?

Jeder Kutscher erhielt pro Monat 700 Lei mit einer doppelten Gehaltszahlung drei Mal im Jahr, zu Weihnachten, zu Ostern und im Erntemonat August, dazu ein Viertel (entsprach in Siebenbürgen 25 Litern) Getreide und ein Viertel Mais, in größeren Familien bei Bedarf auch mehr, darüber hinaus eine kostenlose Betriebswohnung inklusive der Nebenkosten, im Krankheitsfall eine durch die Firma bezahlte ärztliche Behandlung, inbegriffen auch die Arzneimittel, eine Subvention für die Volksschulbildung der Kinder, Obst je nach Ertrag, ein eigenes Anbaugrundstück für Gemüse, Milch sowie Stallungen für die eigene Schweinezucht und auch Arbeitskleidung. Die Büroangestellten bekamen in den guten 1930er Jahren zwischen 4000 und 6000 Lei im Monat, was einem außerordentlich guten Gehalt entsprach. Am besten hatten dein und mein Vater verdient, beide um die 8000 bis 10000 Lei pro Monat. Die Eigentümer bekamen selbstverständlich eine satte Rendite.

Gab es unter den Arbeitern Unzufriedenheit oder sozialistische Bestrebungen?

Keine Rede davon! Im Vergleich zu vielen Angestellten bei anderen Unternehmen bekamen alle Mitarbeiter einen guten bis sehr guten Lohn. Die soziale Absicherung befand sich auch auf einem vergleichsweise hohen Stand. Des Weiteren verfügte die Firma auch über eine Art betriebsärztlichen Dienst. Alle Verwaltungsangestellten zahlten einen Beitrag in eine private Rente, der in der Regel nach dem 60. Lebensjahr ausbezahlt wurde und dessen Höhe abhängig war von der zuvor monatlich eingezahlten Summe. Die Mitarbeiter in den leitenden Positionen erhielten außerdem eine Lebensversicherung, in welche die Firma regelmäßig einzahlte. Bei Einstieg in die Rente wurde der Betrag ausbezahlt.

Bis wann hat die Firma fortbestanden?

Das definitive Ende der Firma Ambrosi und Fischer fiel in das Jahr 1947, als am 1. Oktober die Verstaatlichung durch das kommunistische Regime in Kraft trat, die für das Unternehmen wie für viele andere das Ende bedeutete. Noch vor der Machtübernahme der Kommunisten wurde Konrad, das letzte lebende Kind Ludwig Fischers – seine Tochter Melanie und sein Sohn Adolf waren schon früher krankheitsbedingt gestorben – zusammen mit seiner Frau Elsa, geborene Weinrich, wie viele andere Deutschstämmige aus Rumänien in die Sowjetunion deportiert, ohne sich eines politischen oder gesellschaftlichen Vergehens schuldig gemacht zu haben. Von dort kehrten sie nie mehr in ihre alte Heimat zurück, ihre Grabstätten sind bis heute unbekannt.

Schlagwörter: Interview, Zeitzeugen, Baum- und Rebschule, Ambrosi, Straßburg am Mieresch, Fischer, Török

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