8. November 2021

Für Schaas ist kein Weg zu weit - Gartengeschichten mit der Fernsehjournalistin Sabine Platz

„Im Garten. Zwischen Knolle und Kompost liegt das ganze Leben“ heißt das erste Buch der Fernsehjournalistin Sabine Platz, in dem sie „Geschichten von Gärten und Menschen“ erzählt. Platz, geboren 1971, wuchs in West-Berlin auf, absolvierte eine Ausbildung zur Bekleidungsschneiderin und danach zur Groß- und Einzelhandelskauffrau, studierte später Wirtschaftskommunikation und kam über ein Redaktionsvolontariat beim ZDF in Mainz zum Fernsehen. Nach Stationen als Reporterin in Stuttgart, in der Schweiz und in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan und dem Balkan lebt und arbeitet sie heute in Berlin und ist bekannt durch ihre Reihe „Platz im Garten“ im ZDF-Morgenmagazin, in der sie unterhaltsam über Bio-Weihnachtsbäume, Flaschengärten oder Brokkolizucht im Wohnzimmer berichtet. Bei den Dreharbeiten gärtnert sie in Latzhose und Gummistiefeln kräftig mit und punktet bei den Zuschauern durch handfeste Tipps, den lockeren Umgang mit ihren Gesprächspartnern und knackige Texte.
Genauso unterhaltsam und dabei informativ ist auch Sabine Platz‘ druckfrisches Buch „Im Garten“, das die Themen ihrer Reihe im Morgenmagazin aufgreift und fortführt. Besonders interessant für die Leser dieser Zeitung dürfte das Kapitel „Die Rumänen“ sein, womit allerdings keine Menschen, sondern die Tomatensamen von Platz‘ Großmutter Sofia gemeint sind, denn die stammte wie ihr Ehemann Johann Platz aus Schaas und nannte die aus der alten Heimat nach Deutschland importierten Samen eben „Rumänen“. Es geht auch in diesem Kapitel, dem „persönlichsten im ganzen Buch“, wie Sabine Platz im Gespräch mit dieser Zeitung sagt, ums Gärtnern, aber eigentlich um die siebenbürgische Familiengeschichte der Autorin. Die klingt für siebenbürgische Ohren gar nicht so ungewöhnlich, ist aber spannend erzählt und gut recherchiert: Sabine Platz hat sich zur Vorbereitung mit dem gebürtigen Bukarester Historiker Paul Milata und dem aus Kronstadt stammenden Historiker Dr. Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Potsdam, ausgetauscht, vor allem über die Auswirkungen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs in Siebenbürgen.

„Meine Großmutter war die einzige Tochter einer angesehenen Bauernfamilie, hatte vier ältere Brüder und beschreibt (…) ihre Kindheit als behütet und glücklich. (…) Sie war 19, als sie dem begehrtesten Junggesellen des Dorfes ihr Jawort gab. Johann Platz aus der Obergasse. Er war zehn Jahre älter, nannte gutes, fruchtbares Land sein Eigen (…) Das war im Februar 1941.“ Das junge Paar wurde vom Krieg nicht verschont: Der Großvater diente zunächst in der rumänischen Infanterie, dann in der Waffen-SS – ob aus Überzeugung, Pragmatismus oder schierem Zwang, beschäftigt die Enkelin, als sie im Nachlass ein Foto von ihm mit der typischen Totenkopfmütze findet. Nach dem Seitenwechsel Rumäniens am 23. August 1944 kam der Großvater, der gerade auf Genesungsurlaub zu Haus in Schaas war, in ein rumänisches Internierungslager und dann in ein Arbeitslager nach Russland. Dorthin wurde ein halbes Jahr später, im Januar 1945, auch seine Frau zur Zwangsarbeit deportiert; der dreijährige Sohn und die einjährige Tochter blieben zurück und sollten ihre Eltern acht lange Jahre nicht mehr sehen. Für Sofia und Johann gab es aber auch Glück im Unglück. Sie „wussten während ihrer Gefangenschaft stets vage, wie es um den anderen stand“, und wurden beide (sie nach zwei, er nach zweieinhalb Jahren) nach Frankfurt/Oder entlassen, wo sie sich wiedertrafen. „Über Umwege gelangten die beiden ins bayrische Dachau, fanden als ungelernte Kräfte Arbeit bei BMW und bauten Anfang der Fünfzigerjahre ein Haus. Erst 1953 kamen, mit Unterstützung durch das Rote Kreuz, die zwei Kinder nach Deutschland.“

„Der Verlust der Heimat war in der Familie unheimlich präsent“, so Platz gegenüber dieser Zeitung, „besonders bei meinem Vater, der bis heute zu den Schaaser Treffen fährt“ – und das, obwohl der inzwischen 80-Jährige vor 20 Jahren nach Kanada ausgewandert ist, aber für die Zusammenkünfte im alten Heimatort „ist ihm kein Weg zu weit“.
Sabine Platz in ihrem Garten. Foto: © Benjamin ...
Sabine Platz in ihrem Garten. Foto: © Benjamin Zibner
Und wie war das nun mit den Tomaten? Sabine Platz‘ Großmutter „starb in der Woche, in der sie eigentlich die Tomaten nach draußen gepflanzt hätte“, diese Pflanzen, die ihr „von allen Gewächsen die liebsten“ waren. „Und ihre Tomaten waren nicht bloß schmackhaftes Gemüse, nein, diese Fleischtomaten waren ein Stück Heimat.“ Denn: „Die Tomaten waren in der sächsischen Küche am vielseitigsten einsetzbar: Im Sommer gab es Fettbrot mit dick geschnittenen Tomatenscheiben obenauf, und für den Winter kochten die Frauen viele Stunden das rote Mark ein, mit Zucker oder gar Marmelade. Palukes mit Tomatensoße, der typische siebenbürgische Maisbrei, gehörte zu den Lieblingsspeisen meiner Oma.“ Dass sie die vorgezogenen Tomatenpflänzchen ihrer Großmutter, diese Erinnerung an die alte Heimat, damals nicht mitgenommen hat, bedauert Sabine Platz bis heute. Seit dem 25. Oktober ist ihr Buch „Im Garten“ im Handel erhältlich; am 6. November stellte die Autorin es im Münchner Blumenladen Kians Garden, Meindlstraße 2, persönlich vor – die passende Kulisse für die eine oder andere „Geschichte von Gärten und Menschen“.

Doris Roth



Sabine Platz: „Im Garten. Zwischen Knolle und Kompost liegt das ganze Leben.“ Geschichten von Gärten und Menschen. Mit Illustrationen von Inka Hagen. Ludwig Verlag, München, 2021, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-453-28144-8.

Schlagwörter: TV, Fernsehen, ZDF, Platz, Schaas, Buch, Garten

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