21. Dezember 2021

„karpatenflecken“: Uraufführung im Deutschen Theater

Am 10. Dezember fand im Deutschen Theater in Berlin die Uraufführung des 2019 mit dem Retzhofer Dramapreis ausgezeichneten Stücks „karpatenflecken“ von Thomas Perle statt. Weitere Aufführungen folgen am 22., 23. Dezember und am 13., 15., 16. Januar 2022 (siehe Spielplan Deutsches Theater). Im Premierenpublikum befand sich auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, zudem Präsident des Bundes der Vertriebenen. Lesen Sie im Folgenden seine „andere Sicht“.
„karpatenflecken“ in der Box am renommierten Deutschen Theater in Berlin – ein wunderbares Kaleidoskop eines Jahrhunderts im Zeitraffer, das die Geschichte der Zipser – Deutsche im Karpatenbogen zwischen Ungarn, Rumänien und der Ukraine oder besser im Nach-K&K-Nordsiebenbürgen – erzählt und durchaus Empathie mit den unterschiedlichen Lebensgeschichten der Generationen, jede geprägt durch ihre Zeit, schafft.

Barbara Behrendt kommentiert meist treffend, jedenfalls aus dem Blick einer zumindest oberflächlich informierten und interessierten Zuschauerin, und vermisst freilich „Lebensnähe und Realität“, die sie nur am Ende bei der angeblichen Orban-Affinität und Fremdenfeindlichkeit der Rumäniendeutschen erkannt haben will.

Der Autor von "karpatenflecken": Thomas Perle. ...
Der Autor von "karpatenflecken": Thomas Perle. Foto: Julia Grevenkamp
Das Gegenteil ist zutreffend: Lebensnah und sehr realistisch etwa die Erzählungen der Großmutter, in liebenswertem Zipserisch dahinskizziert, von der Ablehnung der Ehelichung eines „Romäner“, des „Walachen“, den Behrendt unkenntnisreich zum Ungarn erklärt, bis zur Alltagsbeschreibung der Enkelin (der Autor selbst als Ich-Erzähler?) über die Propaganda des Diktators in den „Televisoren“ oder die Ausreise in der „roten Dacia“, „Serpentine nach Serpentine“, bis zu aktueller Magyarisierungstendenz, die gerade bei den verbliebenen „Teitschen“ dort einer Orban-Affinität eher entgegenwirkt.

Sehr überzeugend und daher Hut ab für die Darstellerinnen (ohne *) und das Bühnenbild, das zuerst fast romantisch verklärt „Karpatenflecken“ darstellt und für die „Berge, die Bäume, die gute Luft“ – also kurz die Heimat – steht und nach der Auswanderung und dem Szenenwechsel energiereich und mit fast hochgekrempelten Ärmeln der Küchenschürzen zum neuen Zuhause von den Protagonistinnen selbst umgebaut wird. „Wir sind angekommen“, die bekannte Erfolgsgeschichte der Aussiedleraufnahme in Deutschland im Spannungsfeld eigener kultureller (zipserischer) Identität. Realitätsbezug also nicht erst bei der angeblich (gelegentlich, aber nicht verallgemeinerbar) anzutreffenden Ablehnung der Zipser-„Teitschen“ für „Schwarze und Araber“, die dann (von Perle ebenfalls knapp skizziert) bei Behrendt – ganz en vogue – wieder zum Erkennen und Feststellen des Realitätsbezugs führt. Zutreffend das Fazit: Perles Karpatenflecken machen neugierig auf mehr! Bei Behrendt und dem Publikum hat‘s schon mal geklappt.

Dr. Bernd Fabritius, München/Berlin



Lesen Sie dazu auch: Thomas Perle in der Reihe „Lebendige Worte“ (XX): Vor dem weißen Bergpanorama Heimatkitsch in Schwarz

Schlagwörter: Perle, Autor, Theater, Berlin, Premiere, Bernd Fabritius, Kritik, Zipser

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