21. Januar 2022

Arbeiten für die Ewigkeit: Vorbeugende Maßnahmen zum Langzeitschutz von Archivalien

Haben wir uns in der letzten Folge den Umgang mit Verwaltungsunterlagen in der Siebenbürgischen Bibliothek mit Archiv in Gundelsheim am Neckar angesehen, so wenden wir uns in dieser letzten Fortsetzung „historischen“ Archivalien zu, also persönlichen Dokumenten im weitesten Sinne sowie Fotografien und Ansichtskarten. Sie werden merken, dass viele der Aussagen zu den Verwaltungsunterlagen sinngemäß auch für diesen Bereich gelten, allerdings in einer etwas „verschärften“ Form.
Abb. 2: „Der Hirte und die 1000 Zauberer“. ...
Abb. 2: „Der Hirte und die 1000 Zauberer“. Kindertheater in Mühlbach, Kostüme und Fotos von Irmgard Hatzack. Siebenbürgen-Institut Gundelsheim, Künstlerarchiv
Welches ist der einfachste Weg, ein Buch zu zerstören? Sie schlagen es auf – und lassen es im geöffneten Zustand liegen. Schon nach wenigen Stunden werden Sie einen Knick im Buchblock bemerken, der sich nie wieder schließen lässt. Sie haben ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Rückgrat gebrochen.

Welches ist der größte Feind des Papiers? Feuer? Wasser? Weder noch. Durchnässte Dokumente kann man gefriertrocknen und damit retten, und bei verbrannten Dokumenten gibt es unter Umständen auch noch Möglichkeiten, das Geschriebene zumindest teilweise wieder sichtbar zu machen. Nein, es ist ein Feind, der schleichend und unmerklich daherkommt: das Sonnenlicht. Sie glauben es nicht? Abbildung 1 zeigt Ihnen einen Abfallstreifen Archivkarton, der teilweise bedeckt auf der Fensterbank lag und hinter einem Verbundglasfenster drei Monate lang dem prallen Sonnenlicht ausgesetzt war. Der dunkle Bereich war abgedeckt und zeigt die Originalfarbe. Wenn aber selbst Spezialpapier so reagiert, wie groß muss dann erst der Schaden bei normalem Papier sein.

Abb. 1: Auswirkungen von Sonnenlicht auf Papier ...
Abb. 1: Auswirkungen von Sonnenlicht auf Papier
Dieses Beispiel zeigt Ihnen aus konservatorischer Sicht, wie einfach Dokumente zerstört werden können bzw. im Umkehrschluss, woran man alles denken muss, um dies zu verhindern. Was aber bedeutet das für die Praxis? Sobald Papierdokumente längere Zeit dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, beginnen sie zu verblassen, im schlimmsten Falle bis hin zur völligen Unleserlichkeit. Verhindern können Sie dies, indem Sie die Dokumente idealerweise in Aktenordnern, Pappschachteln oder Schränken aufbewahren. Sollen Fotos, Urkunden oder Aquarelle trotzdem an die Wand, dann sollten sie niemals dem direkten Sonneneinfall ausgesetzt werden. Möchten Sie einen zusätzlichen Schutz, so rahmen Sie die Dokumente hinter sogenanntes Kunststoff- (Acryl-, Plexi-) oder Museumsglas. Beides ist auf bestimmte Wellenlängen polarisiert und filtert einen Teil des Sonnenlichts heraus. Bei historischen Fotografien oder Urkunden sollten Sie sich überlegen, eventuell eine Reproduktion anfertigen zu lassen – mit den modernen Methoden werden Sie kaum einen Unterschied erkennen.

Sie merken es schon: Die allgemeinen Lagerungsbedingungen sind für den Erhalt solcher Dokumente extrem wichtig. Sorgen Sie für ein Raumklima mit konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Unregelmäßige hohe Schwankungen in beiden Bereichen tun den Unterlagen nicht gut. Überspitzt ausgedrückt: Erst trocknet das Papier aus, dann „schwitzt“ es und saugt sich mit Wasser voll. Folgt kein erneutes Trocknen, fängt es unter Umständen an zu schimmeln. Werden die Unterlagen in einem geschlossenen Schrank aufbewahrt, schirmt dieser mit seinem Korpus das stabile Mikroklima in seinem Inneren gegen das Raumklima ab – natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Herrscht im Raum dauerhaft eine hohe Luftfeuchtigkeit, so wird diese früher oder später auch ins Schrankinnere eindringen.

Ein Wort zu den Pappschachteln. Im Einzelhandel werden gerne „Archivschachteln“, „Archivkapseln“ oder Pappschachteln mit ähnlicher Benennung angeboten. Meistens handelt es sich hierbei um Produkte aus säurehaltigen Kartonagen oder Wellpappe. Diese sind zwar für die Aufbewahrung für ein bis zwei Jahrzehnte ausreichend; haben die Unterlagen aber bereits ein stattliches Alter von 40 oder mehr Jahren, sollten Sie „echte“, säurefreie Archivkapseln verwenden, die nach DIN ISO 9706 und/oder DIN ISO 16245 zertifiziert sind. Einige der Fachhändler bieten solche Produkte auch Privatkunden an – und oft sind sie sogar günstiger als die säurehaltigen Produkte des Einzelhandels.

Die Lagerung kann entweder stehend im Ordner erfolgen, idealerweise sollten Dokumente aber liegend aufbewahrt werden. Das funktioniert sowohl bei historischen (z.B. „Folio“, schmaler als DIN A4, aber dafür höher) als auch modernen Formaten bis einschließlich DIN A3 recht gut. Unterlagen in einem größeren Format als DIN A3 werden niemals geknickt, sondern gerollt. Jeder Knick bedeutet eine Sollbruchstelle und einen Verlust von Schrift und Bild. Natürlich gilt dies nicht für z.B. bereits vom Verlag gefaltete Landkarten. Bei der Frage, wie Dokumente zu lagern sind, wenn sie bereits im geknickten Zustand vorliegen, sind sich die Experten nicht einig. Oft ist es eine Ermessensfrage, gelegentlich aber auch eine des Formats bzw. der Lagerung oder schlicht der üblichen Vorgehensweise innerhalb des Hauses. Tatsache ist, dass beim Auseinanderfalten eines geknickten Dokuments das Risiko einer Beschädigung wesentlich größer ist als bei einem gerollten.

Ist eine Unterlage bereits eingerissen, wird diese niemals mit handelsüblichen transparenten oder gar intransparenten Klebestreifen zusammengeklebt. Sie wird auch niemals vollflächig auf ein Trägermaterial aufgeklebt oder laminiert. Der Fachhandel führt vom Restaurator wieder lösbare Spezialklebebänder in 50 m-Rollen und zu recht ansehnlichen Preisen. Legen Sie die betroffenen Unterlagen in Juris-Mappen ab. Diese gibt es ebenfalls in allen gängigen Formaten, die zudem in die erwähnten Archivkapseln hineinpassen. Handelt es sich um wertvolle Dokumente, so haben Restauratoren die Möglichkeit, ein Blatt Papier zu spalten und zwischen die beiden entstandenen Einzelblätter ein hauchdünnes Trägerpapier einzuleimen.

Und ganz wichtig: Es werden keine Lochungen vorgenommen! Für die Aufbewahrung in Archivkapseln oder Juris-Mappen sind diese schlichtweg unnötig. Ebenso wenig werden die Dokumente mit Füller oder Kugelschreiber beschrieben. Die Tinte frisst sich ins Papier, der Kugelschreiber drückt durch. All dies führt zur schleichenden Zersetzung des Papieres und damit zum unrettbaren physischen Verlust des Dokuments – von der Zerstörung des ideellen Wertes ganz abgesehen.

Schimmelbefall erfolgt meist durch zu feuchte Lagerung. Zur Beseitigung muss das Papier getrocknet werden. Bei leichten Fällen genügt unter Umständen eine mehrwöchige Lagerung in einem gut durchlüfteten und trockenen Raum. Wollen Sie sichergehen, dann legen Sie das Papier für zwei Stunden bei 90 bis 100 Grad in den Backofen (diese Methode hilft übrigens auch bei Buchwürmern). Anschließend wird der Schimmel mit einem metallfreien breiten Pinsel abgestrichen. Die Wischbewegungen erfolgen immer vom Körper weg. Die Arbeit ist im Freien auszuführen, eine Atemschutzmaske zu tragen und die Kleidung danach sofort zu waschen.

Fotos gibt es in den unterschiedlichsten Formaten und für alle Größen gibt es passende Archivkapseln, die eine stehende Lagerung innerhalb der Kapsel erlauben. Alleine durch das Eigengewicht des Fotopapieres reiben bei Erschütterungen die Oberflächen aneinander und können in extremen Fällen das Motiv zerstören. Bei einer liegenden Lagerung ist dieser Effekt wesentlich ausgeprägter. Dem können Sie vorbeugen, indem Sie die Fotos einzeln in Foto-Taschen oder – Hüllen einpacken. In Frage kommen dafür durchsichtige Kunststofftaschen (säure- und weichmacherfrei aus Polypropylen) oder halbdurchsichtige Pergaminhüllen (säurefrei, ungepuffert aus Pergaminpapier). Kunststofftaschen haben den Vorteil, dass man die Motive erkennen kann. Allerdings sind sie verhältnismäßig teuer. Pergaminhüllen sind preisgünstiger, allerdings kann man das Motiv durch sie hindurch nur schwer erkennen. In Zeiten, in denen mit digitalen Kopien gearbeitet wird, ist dies allerdings hinnehmbar.

Sollten Beschriftungen auf Dokumenten oder Fotos vorgenommen werden, dann äußerst sparsam mit weichem Bleistift (Stärke 2B oder HB). Haftet Bleistift nicht, so benutzen Sie bitte einen Stift mit Pigmenttinte in 0,5 mm Stärke oder dünner (z.B. Edding 1800, Uniball Pigmentliner, Faber-Castell Ecco-Pigment oder Staedtler Feinschreiber Pigment Liner), aber keinen Kugelschreiber oder gar Füller. Die Beschriftung erfolgt auf der Rückseite des Dokuments in der rechten unteren Ecke in Form einer Nummer. Diese Nummer tragen Sie auf ein gesondertes Blatt ein und notieren daneben in maschinenschriftlicher oder elektronischer Form die Hintergrundinformationen zum Dokument. Je ausführlicher und genauer, desto besser. Mit einem „man weiß es ja“ ist niemandem geholfen, denn wahrscheinlich sind Sie der oder die Einzige, die noch wissen, dass die Kostüme des auf dem Foto abgebildeten Kindertheaters [Abb. 2] zu dem im Mühlbacher Kulturhaus aufgeführten Stück „Der Hirte und die 1000 Zauberer“ von der Kunstbildhauerin Irmgard Hatzack entworfen worden sind, von der auch die Aufnahme stammt. Ohne diese Informationen wäre das Bild aus Archivsicht wertlos, da nicht zuordenbar. Würden Sie noch das Jahr und zumindest einige der Kinder identifizieren können, wäre das Hintergrundwissen perfekt und das Bild erhielte alleine dadurch eine besondere Bedeutung. Sollten in den Dokumenten Personen genannt oder abgebildet sein, so sind Kurzlebensläufe sehr hilfreich. Im Idealfall enthalten diese den vollständigen Namen, Namensvarianten, Pseudonyme, Spitznamen, Geburtsnamen, Lebensdaten in der Form TT.MM.JJJJ-TT.MM.JJJJ, Geburts- und Sterbeort, schulischen Werdegang, Studium was, wo, von wann bis wann, beruflichen Werdegang, besondere Leistungen im öffentlichen wie im privaten Leben. Auch hier gilt: je ausführlicher, desto greifbarer die beschriebene Person.

Ein weiteres Beispiel: Sie haben niedergeschriebene Erinnerungen z.B. eines Angehörigen oder Ihre eigenen bzw. möchten diese noch zu Papier bringen. Auf der ersten Seite, dem sogenannten Titelblatt, stehen in der Regel Angaben zum Autor, der Titel des Werkes, der Entstehungsort und das Entstehungsjahr oder alternativ das Jahr, in dem die Niederschrift begonnen und/oder beendet wurde. Dann sollten auf dem nächsten Blatt ein Inhaltsverzeichnis und anschließend der eigentliche Text folgen. Am Ende folgen dann noch biographische Angaben zum Verfasser und idealerweise auch zu den wichtigsten im Text vorkommenden Personen. Christian Rother

Schlagwörter: Siebenbürgische Bibliothek, Bücher, Dokumente, Archiv, Archivar, Tipps

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