17. Juli 2022

„Ich schäle aus Worten das Gedicht“: Hellmut Seilers Anthologie rumänischer Lyrik der Gegenwart

Nicht ganz in alphabetischer Reihenfolge, doch prominent beginnt die neue Anthologie rumänischer Lyrik der Gegenwart in der Übersetzung und herausgegeben vom Dichter Hellmut Seiler „Schwebebrücken aus Papier“ mit einer der bekanntesten Autorinnen aus Rumänien, Ana Blandiana. Es ist zugleich der zweite Band mit rumänischer Lyrik, der in der einschlägig bekannten Berliner Noack & Block Edition unter dem Dach der Frank & Timme GmbH im letzten Jahr erschienen ist. Beide müssen sich mit der umfangreichen Anthologie „Gefährliche Serpentinen“ messen lassen, die der inzwischen verstorbene Dieter Schlesak vor fast einem Vierteljahrhundert herausgegeben hat.
Die Umschläge beider Anthologien sind verlagskonform und ähnlich gestaltet, doch während der eine, recht sachlich benannte Band sich der Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart zuwendet, und Autoren von Coșbuc bis Eminescu vorstellt, präsentiert sich Seilers Auswahl ausschließlich gegenwartsbezogen und vereint lebende Dichter und Dichterinnen, zwar meist etwas betagte, wie ihm bereits vorgeworfen wurde, ausschlaggebend waren jedoch der Eminescu-Preis oder aber Vorlieben des Herausgebers. Die Anordnung ist also, je nach Autor oder Autorin, dementsprechend nicht thematisch, es wurden jeweils ein bis zu einem Dutzend Gedichte übersetzt. In beiden Anthologien sind Blandiana und Cărtărescu vertreten. Mircea Dinescu vermisst man jedoch in Seilers Auswahl, aber dieser – könnte man einwenden – hat sich in der Zwischenzeit etwas zurückgezogen aus dem aktiven literarischen Leben. Hingegen trifft man in Seilers Anthologie neben bereits bekannten Namen von Nora Iuga bis Ioana Ieronim, von Florin Iaru bis Dinu Flămând und Ioan Es. Pop (die beiden letzteren waren übrigens an der Auswahl der Gedichte beteiligt) auch auf so manchen Unbekannten, deren oder dessen Neuentdeckung sich lohnt.

Vorangestellt ist ein Vorwort des bekannten Literaturkritikers und Autors Alexandru Cistelecan, das einen willkommenen Abriss der rumänischen Lyrik bietet, sich jedoch nur am Rande auf die Autoren bezieht. Diese werden zur besseren Einordnung jeweils mit kurzen biografischen und bibliografischen Angaben eingeführt. Gut gelungen ist die Auswahl der einzelnen Gedichte, denn oft geht es darin um existenzielle Themen, um Leben und Tod oder aber um die Ars poetica und den Umgang mit Sprache. Und der schöne Titel, der auf den Herausgeber zurückführt und zum Träumen einlädt, passt auch gut ins Konzept, denn es sind Schwebebrücken aus Papier und Druckerschwärze, die Hellmut Seiler zu den 36 Autorinnen und Autoren baut, indem er sie einer deutschen Leserschaft vorstellt. Dabei scheuen viele Dichter und Dichterinnen das Pathos nicht, da wird selbst Gott zur Rede gestellt oder aber sein Stab wird einen zerquetschen wie einen Wurm. Doch nicht selten wird das Pathos gleich danach relativiert, denn Gott traut sich nicht, mit dem lyrischen Ich zu brechen (Ioan Es. Pop 243) und etwas später widmet Ion Mureșan gleich ein ganzes Gedicht den Alkoholikern.

Kosmische Fantasien entwickeln sich „in der Mehrfachsteckdose des Überbewusstseins“ bei Magda Cârneci, deren lyrisches Alter Ego seine „imaginalen Rhizome (…) in der grauen Materie unseres Planetensystems“ vervielfältigt (40). Und an anderer Stelle wiederum schrumpft „die erde (…) zusammen auf die größe einer hummel“, die ein lyrisches Du als Spottdrossel verschlingt (Mircea Petean 238).

Oft wird die Sprache thematisiert, die auf sich selbst trifft und daran irre wird (Aurel Pantea 229), man sucht „den Rest der Worte bis zum Tod“ (Florin Iaru 135) und lässt „Wogen von Tinte“ fließen (Ion Mircea 183). Und immer ist da neben der Sprache und in der Sprache auch die Poesie oder die Art, „wie du deinen mystischen Körper erhebst/ indem du Gedichte schreibst“ (Liliana Ursu 343), die „Poesie für wenn/ du kurzsichtig bist müde bist/ abgenutzt bis auf die Knochen“ (Ioana Ieronim 151), geschrieben „in Worten die so alt sind wie Steine“ (Ioana Ieronim 144).

Es gibt schöne Bilder, und die Übersetzung trifft dabei meistens den richtigen Ton, da ist der „Atem von Zimt“ (Liliana Ursu) 342, die „Braut der Leere“ (Ion Mircea 189) oder andernorts gibt es die Aufforderung: „Komm nur, komm/ in die Blutmulde der Straße“ (Florin Iaru 136). Nicht zu vergessen sind die surrealen Gedichte von Florin Iaru, und auch, natürlich von Nora Iuga, bei der „es taubenköpfe“ regnet (Nora Iuga 157) oder das lyrische Ich in einem anderen Vers unvermittelt feststellt: „jemand/ umfing mich. glaube es war ein brunnen“ (Nora Iuga 159).

Leider hat aber des Öfteren der Fehlerteufel zugeschlagen, etwa in einem Setzfehler auf S. 139, einigen Tippfehlern oder einer etwas abenteuerlichen Interpunktion, manchmal nur am Versende und nicht im Inneren des Verses, was in einer zweiten Auflage, die man dem Buch wünscht, leicht zu beheben wäre. Die Auswahl in dieser Anthologie ist natürlich subjektiv und streitbar. Wichtig ist jedoch, dass rumänische Lyrik wieder präsenter ist. Denn es ist ein beachtliches Panoptikum geworden, das den Leserblick zu Recht auf diese Literaturlandschaft lenkt. Zumal es hier neben literarischen Größen auch noch viele andere schillernde Persönlichkeiten gibt, die die Gedichte aus den Worten schälen und für die Poesie existenziell ist. Und um der Dichtkunst das letzte Wort zu überlassen, schließe ich mit Virgil Mihaiu: „ich weiß nicht ob die Poesie/ noch etwas retten kann/ aber mich rettet/ der Gedanke dass die Poesie/ mich retten könnte“ (177).

Edith Ottschofski



Hellmut Seiler (Hrsg.): „Schwebebrücken aus Papier. Anthologie rumänischer Lyrik der Gegenwart“, aus dem Rumänischen übersetzt von Hellmut Seiler, Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH 2021, 378 Seiten, gebunden, 36,00 Euro, ISBN 978-3-86813-111-6 Aurelia Merlan, Joshua Ludwig (Hrsg.): „Rumänische Lyrik: Von der Romantik bis zur Gegenwart. Eine Anthologie“, Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH 2021, 446 Seiten, Taschenbuch, 28 Euro, ISBN, 978-3-86813-110-0

Schlagwörter: Buchbesprechung, Gedichtband, Seiler, Lyrik

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