11. Mai 2023

Bleiben oder Gehen: Theater in Schwedt führt Elise Wilks Stück „Verschwinden“ auf

Ich habe meinen Augen und Ohren kaum getraut, als ich erfuhr, dass die Uckermärkischen Bühnen in Schwedt (UBS), das außergewöhnliche Theaterstück „Verschwinden“ von der rumäniendeutschen Autorin Elise Wilk aufführen werden. Dazu zu einem der schicksalhaftesten und historischsten Themen der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte. Siebenbürgen? Weiß denn überhaupt jemand im Barnim und der Uckermark, wo das ist?
2015 bat mich die Eberswalder Sellheim-Schule, anlässlich eines EU-Jubiläums einen Vortrag vor einer 5. Klasse über Rumänien zu halten. Auf meine erste Frage, ob sie wüssten, wo Siebenbürgen liegen könnte, ragten nur drei Hände Richtung Decke hoch.

Umso mehr bin ich nun gespannt und begrüße die Absicht der Schwedter, im März 2023 das Stück in mehreren Vorstellungen auf die Bühne des UBS zu bringen. So bestellte ich sogar den Text und bekam als Zugabe noch das Hörbuch. Inzwischen wusste ich auch, dass Elise Wilk nicht aus Kronstadt verschwunden ist, also nicht wie ich, in sächsischem Sinne, abtrünnig geworden ist. Das Wort „Verschwinden“ ist entlang der Jahrhunderte mit vielen sächsischen Tragödien gepflastert. Dazu zählt auch die Deportation 1945 in die damalige Sowjetunion, eigentlich eine Schande, über die man vor allem in der Vorwendezeit viel zu wenig gesprochen hat. Gerade so, als wäre damals vom Nationalsozialismus nur der Sozialismus übriggeblieben, und das Nationale hätte man dem Stiefbruder überlassen. Aber wahrheitshalber sei gesagt, dass auch die Eberswalder nicht alle Messdiener waren. 1932 beim Besuch Hitlers in Eberswalde jubelten 40 000 Bürger. Der Super-Despot wurde sogar bis 1991 (!) als Ehrenbürger der Stadt geführt.

Elise Wilk. Foto: Alina Andrei ...
Elise Wilk. Foto: Alina Andrei
Als Siebenbürger Sachse, der seit 1970 in der DDR lebt, bin ich ein loyaler Eberswalder geworden. Mein Geburtsort Seiden in Siebenbürgen hatte 1944 noch 1 083 deutsche Einwohner, von denen 238 am 13. Januar 1945 deportiert worden sind. Verschwunden für fünf Jahre, und einige für immer.

Es ist ja nun leider so, dass man sich mit allen möglichen und unmöglichen Formen des Gehens und Bleibens praktisch und ideologisch, humanistisch und pragmatisch irgendwie befasst hat, allerdings waren die Rumäniendeutschen, also Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, zumindest hier im Brandenburger Raum nie ein Thema. Nicht passend für die DDR-Doktrin. Vertriebenenverbände und Ex-Heimat Organisationen galten pauschal und undifferenziert als vom NS-Geist noch besudelt. Ein Tabu-Thema. Ich habe hier oft, zugegeben mit wenig Resonanz, davon erzählt, dass meine Mutter im Januar 1945 aus Siebenbürgen zusammen mit anderen 70000 in die Sowjetunion deportiert worden war und ich sie nie wieder gesehen habe, denn etwa 12 % haben die Heimkehr bzw. die unmittelbare Zeit danach nicht überlebt. Also hatte ich schon mit sechs Jahren für immer keine Eltern mehr, so wie viele andere auch. Ein kapitaler Umbruch in meinem Leben, das auch anders hätte verlaufen können. Die Dramatik dieser Zustände wurde in der DDR, aber auch in Rumänien außerhalb der sächsischen Enklave eigentlich nicht wahrgenommen. Die ideologische Doktrin stand fest: Was nicht sein durfte, hat es auch nicht gegeben! Da die Todesreifen nochmal deportiert wurden, in die spätere DDR, landete meine Mutter direkt aus dem russisch-ukrainischen Makeewka, über Frankfurt/Oder in der Lungenanstalt Harzgerode, wo ihr aber nicht mehr geholfen werden konnte. In den letzten Zuckungen der DDR sind von dort alle Dokumente verschwunden, Kreisarchiv weiß nichts, das Rathaus nichts, und die gesundheitlichen Behörden und sogar die Kirche auch nichts. Da waren sogar die Russen offener und schickten mir Dokumente. Global betrachtet war die Deportation ein purer Racheakt, denn die meisten, auch meine Mutter, hatten mit der praktischen NS-Ideologie nichts zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Mutter mit „Sieg Heil“ die Weltherrschaft propagiert hat.

In Rumänien galt nach der Kapitulation die pure Deutschstämmigkeit bereits als strafwürdige Schuld, in sowjetischem Sinne. Die, die auf der Liste standen, wie meine Mutter, hatten keine Wahl zwischen Gehen oder Bleiben, sie waren gefangen – und mussten verschwinden nach Russland, viele für alle Ewigkeit. Nicht nur zufällig wurde in den Zeiten des Umbruchs das Wort verschwinden von den rumänischen Behörden auch als Imperativ angewandt: Weg mit euch! Enteignung, 15 Jahre kein Wahlrecht, Entzug aller zivilen Rechte, Ächtung als zu den Faschisten gehörig, und zudem das Damokles-Schwert Deportation. Das konnte in der Summe nicht mehr „unser“ Land sein. Und trotz allem keine einfache Entscheidung, gehen oder bleiben. Auch das 1969 geschaffene Freikaufsabkommen für etwa 8000 DM pro Person machte den psychischen Druck nicht leichter. Da ich 1970 in die DDR kommen sollte, kostete ich nichts, war in der heutigen Betrachtung ein Schnäppchen!

Der rumäniendeutsche Schriftsteller Dieter Schlesak schreibt darüber in einem Gedicht: „Da gehen wir hin, von wo wir kamen, vor achthundert Jahren – mit Grabsteinen im Rucksack!“ Nun sind sie fast alle hier, diese „Randdeutschen“, hauptsächlich nach der Wende gegangen oder gegangen worden, brauchen keine Deutschkurse, gut ausgebildet, einige können sogar singen oder schnappen sich den Nobelpreis, bleiben bescheiden und freuen sich, wie ich, wenn Siebenbürgen sogar die Schwedter Bühne an der Oder betritt. Übrigens unsere heutige mediale und sozio-kulturelle Welt kümmert sich im Sinne des Artenschutzes um jeden noch so kleinen Käfer. Warum denn nicht auch um das Verschwinden? Denn die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, trotz vieler Vorwürfe und Festhalten an Tradition und Kultur, gehen fast unbemerkt und passfähig in diesem Land auf, lösen sich problemlos auf, die Grabsteine warten quasi schon.

Ich begnüge mich mit einem freudigen Grinsen, dass das UBS, vor allem Herr Tilo Esche und Vlad Massaci das Stück „Verschwinden“ der Kronstädterin Elise Wilk ins Programm gebracht haben. Hier in dieser sachsenlosen Gegend, in Eberswalde mit 42000 Einwohnern, gibt es nur zwei wurzelechte Siebenbürger. Also Hut ab für die Schwedter Idee und ihre Umsetzung. Natürlich ist das Thema „Verschwinden“ längst nicht mehr rein siebenbürgisch. Die ganze Welt scheint auf den Koffern zu sitzen. Übrigens, nach Aussage des rumänischen Botschafters in Berlin bedauert Rumänien den Weggang der Deutschen.

Ich hoffe sehr, dass das Stück es wert ist, auch in Süddeutschland aufgeführt zu werden, vielleicht sogar von den Schwedtern selbst. Des Weiteren hoffe ich, dass meine Zeilen dazu beitragen können, die rumäniendeutsche Problematik hier verständnisvoller zu machen – im Damals und im Heute. Das Bühnenbild mit den Koffern hat mich sehr beeindruckt. Dazu wurden diese von Kathi, Martha, Edgar, Max und den anderen Schauspielern hin platziert. Erwähnenswert ist nicht nur die Regie von Vlad Massaci, sondern auch die Szenerie mit Video und Sound. Das alles begleitet, nicht nur die Akteure, sondern auch diese auffälligen Koffer, die wie Schachfiguren gesetzt wurden, aber auch mal Tisch und Stuhl sein konnten. Mal wegweisend, mal hinweisend, oder auch orientierungslos wie Mensch und Koffer. Und dann diese in allen Facetten quälend spannende Zeit, man wartete auf den Pass, und vergaß dabei das Leben, ein Leben, das nur noch aus dem Warten bestand. Nervend und nicht selten krankmachend. Die emotional geladene Spannung schlängelt sich nicht sanft durchs Stücke, sie poltert. Diese so hoch gehaltene, meist intakte Gemeinschaft zerbröselt und wird sich nach der Ankunft nie wieder so finden, wie sie mal war. Im Hintergrund der Bühne eine durchgängige Wand aus einzelnen kleinen Umkleidekabinen, schwach beleuchtet, eine Grenze zu einer anderen Welt darstellend. Zwiespältig wie das Leben.

Fast voreilend habe ich unter dem Titel „Die grauen Bleistifte“ einen Text in meinem Buch „Hin- und Herkunft“ geschrieben. Damals nicht ahnend, dass ich eigentlich auch Gehen oder Bleiben im Sinne von Elise Wilks Stück gemeint haben könnte. Diesem Gehen oder Bleiben in „Verschwinden“ gehen viele gedankliche Zerwürfnisse voraus, das Vergangene und Verschwinden kommt gnadenlos auf den Prüfstand und nicht zuletzt der „cel mai iubit dintre pământeni“ (der geliebteste aller Erdenbürger), mit seiner hochpreisigen Gnade. Bitter Erwirtschaftetes ist hingeflossen an die Securitate-Clique, bis man den Pass hatte, der nun alles ultimativ passfähig machte, auch wenn längst alle sieben Sachen gepackt waren und man emotional schon lange nicht mehr hier war. Pässe, die die Endgültigkeit des sächsischen Siebenbürgens nach Jahrhunderten einleiteten und wahrscheinlich besiegeln werden. Dann war das patriotische Schlagwort meines Großvaters doch nicht mehr zu halten, der, wie schlimm es auch werden konnte, meinte: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“

Nun können wir uns zwar in den Bequemlichkeiten der neuen Welt wähnen, aber die Gewissensbisse nagen weiter bis zum letzten Tag, nicht nur an mir. In meinem Alter rückt das Verschwinden immer näher als das Bleiben. Einen Trost in Sachen Siebenbürgen habe ich zwar dank der Gesamtkonstellation auch aus Schwedt nicht mitnehmen können, auch nicht erwartet. Immerhin wissen nun sogar die Schwedter, und sonst einige andere mehr, dass wir doch nicht hinter dem Mond gelebt haben. Gehen oder Bleiben, als wesentliches Merkmal des Menschseins, wird weiter präsent sein. Und so lange noch jemand an uns denkt – und es werden nach diesem Stück mehr sein – hoffe ich, – bleiben wir! wie Elise Wilks Stück zutreffend sagt. Auch im sächsischen Sinne. Und ich ergänze: Verschwinden bleibt relativ!

Hans Blahm, Eberswalde

Schlagwörter: Theater, Schwedt, Wilk, DDR, Auswanderung

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Neueste Kommentare

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