20. August 2025
Stolzenburger Auswanderer nach Amerika: „Das heimliche Nagen des Heimwehs in der kalten Fremde“
Zwei Brüder, Thomas und Lorenz, Mitte zwanzig, machen sich 1903 auf den Weg nach Hamburg, um an Bord eines Dampfers mit Ziel Amerika zu gehen. 15 ihrer Briefe aus der Zeit von ca. 1918 bis 1950 geben etwas Aufschluss über ihr Leben und Streben in den USA.

Lorenz sorgt sich um seinen Bruder Thomas, der 1.200 Meilen weit weg von ihm lebt: „Sein Zustand ist die Folge von unregelmäßigem Essen, zu viel Fleisch und Mehlspeisen, weißes Brot und viel Zucker im Coffee, was die meisten Amerikaner so lieben und täglich dreimal haben müssen“. Lorenz hat nämlich, nachdem er ein Lehrerseminar absolviert und an einem evang.-luth. „Collegium“ unterrichtet hat, einen weiteren Beruf erlernt: „Doctor der Chiropractischen Naturheilkraft und Lehrer der Gesundheitskunde“: „Ich lebe von Suppe, Schwarzbrot, Zeller, einige Nüsse per Mahlzeit, Honig, Zibeben und getrocknete Zwetschgen … Als Frühmahl nehm ich bloß 2 Glas Wasser …, 1 Pomeranze, eine halbe Citrone oder 10 Zwetschgen. Gelbe Rüben, Spinat, Pasternak, rohes Kraut und anderes Grünzeug, Äpfel, Birnen und dergl. zur Abwechslung. Fleisch, Butter, … esse ich nur 2-4 Mal im Monat und spärlich.“ Ein Brief von 1924 aus Thermopolis, Wyoming, beginnt mit: „Lieber Bruder, Grüß euch Gott meine lieben und guten Eltern!“ und fährt fort: „So ziehe auch ich herum, eine Heimat zu suchen, aber leider habe ich noch keine gefunden …. In diesem gelobten Lande kann sich alles ändern über Nacht, und wenn man für jemanden arbeitet oder angestellt ist, so ist man eben auf der Reise.“
Die beiden Brüder hatten anfangs gemeinsam Grundbesitz erworben, aber: „Thomas verließ sein Grundstück im Juni 1924 und überließ Vieh und Pferde und alles dort ihrem Schicksal, um anderswo zu arbeiten und genug Geld zu machen, um unsere hohen Steuern zu bezahlen an unserem Großgrundbesitz von 640 acres“ (1 acre = 0,4 ha). Über diesen Verlust tröstet Lorenz sich selbst mit einem Bibel-Zitat: „Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht und ernten nicht“, dann bedankt er sich bei den Eltern: „Ich denke an euch täglich und wenn ich in meinem Gebete den Allmächtigen bitte, euch zu beschützen und in bester Gesundheit zu erhalten, so tue ich bloß einen kleinen Teil meiner kindlichen Pflicht für all (das), was ich euch schuldig bin“. Er schließt „mit vielen herzlichen Grüßen und Küssen für Euch und unsere lieben Brüder, ihre werten Familien und alle Freunde, Eure aufrichtigen und dankbaren Söhne Thomas und Lorenz“. Bruder Thomas besucht ihn im November 1924: „wir besprachen uns die erste Nacht bis zwei Uhr morgens und machten allerlei Pläne ... Sehet ihr Lieben, die letzten 4-5 Jahre waren harte Jahre hier im Westen durch Missernten und da der Preis von Vieh und Land heruntergegangen ist, haben viele Farmer und Landwirte all ihr Vermögen verloren …, heute kann man auf Grund oder Vieh keinen Dollar borgen in der Bank … ein gutes Pferd kann man (bereits) für $ 5-25 kaufen.“
Nachdem er in den Bundesstaaten Iowa, Texas, Wisconsin und Wyoming gelebt hat, lässt sich Lorenz (laut Brief vom 3. April 1930 aus Owosso, Michigan) ca. 1925 im Staate Michigan nieder, heiratet eine US-Amerikanerin und gründet ein Zuhause: „Meine gute Frau fragt mich oft, ob ich von euch schon gehört habe und sagt dann: ‚Oh, du solltest doch deinen Brüdern manchmal schreiben!‘ … Ich habe in meinem Beruf guten Erfolg – mit redlichem Auskommen, … und dennoch ist es ein steter Kampf … für das Recht und die persönliche Freiheit des Armen gegen die selbstsüchtige Diktatur der Mächtigen und Reichen. Viele Arbeiter sind schon seit Monaten außer Arbeit und ohne Verdienst ...“ (Weltwirtschaftskrise!). Um Thomas macht er sich erneut Sorgen: „Der arme Junge ist jetzt schon über 18 Jahre da draußen im Wilden Westen mit Vieh- und Pferdezucht beschäftigt …. Ich glaube, Thomas muss ein schrecklich einsames Leben haben, immer alleine und mit all der vielen Arbeit, Sommer und Winter …“
Auch erkundigt sich Lorenz in diesem Brief von 1930 nach einem dritten Auswanderer der Familie. Dabei übersetzt er eine englische Wendung: „I wonder whether …“ wörtlich ins Deutsche: „Ich wundere mich, ob Ihr noch vom kleinen Martin gehört habt … es würde mir herzlich leidtun, wenn der Junge endgültig – durch seinen Leichtsinn – auf Abwege geraten sei.“ Lorenz selbst scheint endlich angekommen zu sein: „Ich denke, dass es keinen besseren Ort oder Staat als Michigan gibt.“ Unvermittelt fragt er sich dann, ob nicht diejenigen doppelt dankbar sein sollten, die „nie wahre Not gelitten, Hunger oder Kälte ausgesetzt oder das heimliche Nagen des Heimwehs in der kalten Fremde gefühlt?“. Wen er wohl gemeint hat?
Thomas indes lebt u.a. im US-Staat Montana und schließlich in Florida, fühlt sich aber nirgends richtig zuhause. Er wünscht sich fast in jedem Brief ein Wiedersehen mit der Familie: „Ich hoffe und bete für den Tag, dass wir uns alle wiedersehen …, bei Gott ist alles möglich … “, schreibt er 1948 an die 20-jährige Großnichte Agnetha, die stellvertretend für die Familie die Briefe des Großonkels aus Amerika beantwortet.
„Liebe Agnetha, dein liebes Schreiben April 13 gerade erhalten, habt ihr auch die 10 Dollar mit den postal stamps (Brief-/Wertmarken) … erhalten? ... Ist mein Bruder Johann, dein Großvater, noch am Leben oder nicht? … Meine Arbeit ist Lesen in der Bibel und Beten for uns alle, for the Zukunft, dass Gottes Wille soll fulfilled werden in unserem Königreich. … mit vielen herzlichen Grüßen und Glückwünschen an euch alle bis auf ein fröhliches Wiedersehen“, schreibt Thomas 1948 aus Tampa, Florida. Er schickt Care-Pakete und Geld in Form von Wertmarken in die Heimat. „Ich verstehe nicht, dass man in Romania allein nichts schicken kann, in einigen Staaten Europas can man einiges schicken, Geld, Pakete, … aber gar nicht nach Romania.“ Und wenn das Versenden endlich geklappt hat: „Ihr sollt alles brüderlich aufteilen, wie es am besten euch anpasst … Wer es am notwendigsten hat, dem soll es gegeben werden. Das ist brüderlich und was unser Vater im Himmel liebt.“
Auch die Überlegung, die Stolzenburger Verwandten in die USA zu holen, hat es immer wieder gegeben: „Deine größten Kinder könnten lange hier sein bei uns und sich etwas erworben haben … ich weiß, du bleibst bloß den armen lieben Eltern zu Gefallen“, schreibt Thomas bereits vor 1924 an seinen Bruder Johann. Und im Juni 1948: „Ich habe alles versucht, um einen von Johann(s Kindern) hierher zu bringen. Es kostet viel Geld, Lauferei und Schreibereien, und das sind die Hauptfragen: Profession, Geburtstag … Besprecht all dies mit meinem Bruder, eurem Großvater Johann. Er hat Weisheit und Erfahrung und wenn ich Geld schicke, das ist seins und er kann es geben, wer (=dem, der) es am notwendigsten gebrauchen wird.“ Im April 1948 schreibt Thomas unter anderem: „Seit dem Tag, da Adolf Hitler in Poland einmarschiert (ist), waren diese Amerikaner sehr gründlich und bedrohten die, welche waren anverwandt mit den Deutschen.“ Im Mai 1949 fragt er ganz unvermittelt: „Wer hat euch das Vermögen weggenommen, die Russen oder die Werbes-Walachen?“ Viele englische Vokabeln oder wörtlich übersetzte englische Wendungen nehmen sich ganz drollig in seinen Briefen aus: „etwas macht mich denken“ (it makes me think … = ich glaube, ich vermute), concerning (betreffend), fulfillung (fulfilment, Erfüllung), necles (necklace, Halskette), besides (außerdem), nor sprechen, nor schreiben (weder … noch…), so far (= bisher) etc. Auch im letzten uns überlieferten Brief von Thomas vom März 1950 geht es um abgeschickte oder vermisste Briefe und Pakete und – um seinen christlichen Glauben: „Mit der Hoffnung um bessere Zeiten und bessere Verständigung in den Nationen, aber so far ist das Himmelreich nicht auf Erden. … lasst uns hoffen, dass ihr die Pakete bald kriegen tut. Mit 1000 herzlichen Grüßen, Thomas.“
Was die beiden so unterschiedlichen Brüder immer verbunden hat, ist das Heimweh und der stete Wunsch nach einem Wiedersehen mit Eltern, Familie und „Freundschaft“ (= Verwandtschaft). Indes geben sich die daheimgebliebenen Brüder Johann und Martin, auch sie in einem ständigen Daseinskampf gefangen, verschlossen und eher schreibfaul, denn Lorenz schreibt 1930 vorwurfsvoll in die Heimat: „Mein liebster Bruder Johann, … ich habe weder von Dir noch von Martin … gehört. Es tut mir herzlich leid, dass wir gegenseitig solch fremdartige Gleichgültigkeit zeigen. Es ist kaum anzunehmen, dass wir nicht eine halbe Stunde Zeit finden könnten, um einander ein freundliches ‚Grüß Gott‘ … zu sagen?“
Lorenz stirbt bereits am 8. Januar 1938, ca. 60-jährig, während Thomas ihn um genau 16 Jahre überlebt. Er stirbt am 9. Januar 1954 in Tampa, Florida. Ein Wiedersehen mit der Familie in Stolzenburg hat es nie gegeben.
Der gewissenhaften Briefeschreiberin Agnetha W. wünsche ich zum 97. Geburtstag von Herzen alles Gute! Astrid K. Thal
Schlagwörter: Stolzenburg, Auswanderung, USA
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