11. Juli 2025

Die Siebenbürgische Kantorei rockt den Park

Das hat Stockholm noch nie erlebt. Siebenbürger Sachsen singen im Park. Für uns war es nicht gerade neu, hatten wir doch das Erlebnis bereits beim Siebenbürgischen Kirchentag in Ingolstadt, als vor dem Auftritt in der Kirche kein Proberaum zur Verfügung stand und wir notgedrungen in der freien Natur proben mussten.
Männerstimmen im Park. Foto: Georg Hutter ...
Männerstimmen im Park. Foto: Georg Hutter
Ja, musikalisch begann die Reise diesmal etwas holprig, da in unserem Hotel kein Proberaum zur Verfügung stand. Und proben mussten wir, egal wo und wie. Also „sprachen“ wir unsere schwedischen Lieder am ersten Abend im Foyer. So konnten wenigstens Text und Rhythmus geübt werden.

Am zweiten Abend hatten wir Glück, da der Speisesaal nicht benützt wurde und wir dort „arbeiten“ durften. Zwar waren wir ziemlich müde nach dem umfangreichen Tagesprogramm, aber es half nichts, man musste jede Möglichkeit zum Proben nützen. Von der Klimaanlage ordentlich gekühlt, sangen wir uns warm.

Der dritte Abend verlief dann mit Gesang unter Bäumen, also im Park hinter dem Hotel. Trotz nicht gerade günstiger Umstände - die Akustik war eher für Vogelzwitschern als für Chorgesang geeignet - probten wir konzentriert und feilten weiter an unserem Repertoire, das nicht gerade rockig war, aber passend für die Siebenbürgische Kantorei.
Frauenstimmen im Park. Foto: Georg Hutter ...
Frauenstimmen im Park. Foto: Georg Hutter
Endlich, am vierten Tag, hatten wir optimale Bedingungen zum Üben in der Hedwig Eleonora Kyrka (Kirche). Die Dirigentin schliff an jeder Passage. Unser Laienchor sollte wie ein Profichor klingen. Das ist ein hoher Anspruch und erfordert von den Laien, aber auch von der Dirigentin viel Arbeit. Dranbleiben war die Devise. Andrea, unsere Chorleiterin, ist ein Profi. Sie weiß, was sie will und will, was sie weiß. Und wir, die Sängerinnen und Sänger versuchen ihr zu folgen, so gut es geht.

Am Abend schließlich durften wir das erste Konzert bestreiten. Und es gelang. Das konnten wir am lächelnden Dank Andreas nach den Stücken erkennen. Und wir freuten uns. Die Dirigentin hatte sich ein abwechslungsreiches Programm ausgedacht mit viel Gesang, aber auch mit Flötenstücken, virtuos interpretiert von Cornelia Gehlmann, einer Arie aus „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gesungen von Christoph Reich und der Sonate II für Orgel desselben Komponisten, gespielt von Andrea Kulin.

Plakat Stockholm. Foto: Georg Hutter ...
Plakat Stockholm. Foto: Georg Hutter
Die Gesangsstücke waren Kompositionen siebenbürgischer Komponisten: Rudolf Lassel, Hans Peter Türk, Paul Richter, Ernst Irtel, ergänzt durch drei schwedische Stücke, als Hommage an unsere Gastgeber, die sich sichtlich darüber freuten. Selbst das sächsische Stück „Äm Fräjohr kåm e Vijeltchen“ fand seine begeisterten Zuhörer, vor allem bei den zwei Gästen, die tatsächlich aus Siebenbürgen stammten und sich zufällig gerade in Stockholm aufhielten. Es gibt sie wohl überall, unsere Landsleute.

Das letzte Konzert bestritten wir in der deutschen evangelischen Gertrudkirche in Stockholm. Den musikalischen Teil während des Gottesdienstes teilten wir uns mit der „Bläserey“, einem Bläserensemble der Kirche. Anschließend sangen wir noch ein Kurzkonzert.

Damit war der musikalische Teil der Reise abgeschlossen, denn unsere Dirigentin musste abreisen.
Siebenbürgische Kantorei in der Hedvig-Eleonora ...
Siebenbürgische Kantorei in der Hedvig-Eleonora-Kirche. Foto: Hans Königes
Ach ja, es war ja eine Chor-Reise, also wurde nicht nur gesungen, sondern auch viel gesehen, besichtigt, erfahren und bestaunt. Gleich am ersten Tag hatten wir in Stockholm eine vierstündige Stadtführung mit zwei sehr guten Stadtführerinnen. Leider regnete es zum Teil in Strömen, dass wir vor lauter Regenschirmen kaum die interessanten Fassaden der Altstadt bewundern konnten. Da freuten wir uns richtig, als wir das Wasamuseum besuchen konnten, ein Muss für jeden Stockholmbesucher.
Vasa-Museum. Foto: Georg Hutter ...
Vasa-Museum. Foto: Georg Hutter
Auch die nächsten Tage hatten es in sich, allerdings bei schönstem Wetter. Frisch gewaschen präsentierte sich Stockholm in Bestform. Der ausgiebige Stadtrundgang brachte uns auch zum Grab von Olof Palme und der Stelle, an der er ermordet wurde. Die Markthalle begeisterte mit ihrer ansprechend präsentierten Ware, weniger mit den gepfefferten Preisen.

Der Nachmittag war dem ältesten Städtchen Schwedens reserviert. Sigtuna ist vor allem wegen seiner Runensteine und der historischen Fußgängerzone sehenswert.
Sigtuna. Foto: Georg Hutter ...
Sigtuna. Foto: Georg Hutter
Kein Schwedenbesuch ohne Schärenfahrt. Also genossen wir auch diesen Ausflug mit gutem Essen an Bord und wunderschönen Ausblicken auf die vielen Inseln.

Unbedingt erwähnen möchte ich den Millesgarten, ein Freilichtmuseum mit Skulpturen des schwedischen Bildhauers Carl Milles, der von all seinen Werken, die irgendwo auf der Welt stehen, Kopien für seinen Garten angefertigt hat. Die Skulpturen sind auf einer prachtvoll über dem Meer gelegenen Terrasse auf hohen Stelen oder umrahmt von Pflanzen im Garten zu bestaunen.
Millesgarten. Foto: Georg Hutter ...
Millesgarten. Foto: Georg Hutter
Nach so viel Stockholm, brachte uns die Fähre nach Helsinki. Eine sympathische Reiseleiterin zeigte uns auf der Busfahrt die Stadt und machte uns mit den Eigenheiten der Finnen vertraut, etwa den seltsamen Bräuchen oder der Trinkfreudigkeit.

Von hier verabschiedeten sich einige Teilnehmer, während der Großteil noch weiter Helsinki und Tallinn erkundete.

Am Morgen des nächsten Tages fuhren wir mit der Fähre vom Marktplatz in Helsinki zur Festung Sveaborg (Suomenlinna), einer Insel, die Weltkulturerbe ist. Nach der Ankunft auf der Insel begann die Erkundung der Festung. Sveaborg ist eine beeindruckende Festungsanlage, die im 18. Jahrhundert von den Schweden gebaut wurde. Sie besteht aus mehreren Inseln und hat eine reiche Geschichte, die im Museum auf der Insel ihre Bedeutung für Finnland zeigt. Wir erkundeten die Insel auf eigene Faust und kehrten gegen Mittag mit der Fähre zurück nach Helsinki. Das gemeinsame Abendessen im typischen Restaurant Savotta gegenüber der Lutherischen Kathedrale im prächtigen neoklassizistischen Stil war ein Highlight unserer Reise. Wir probierten, mit Blick auf den majestätischen Dom verschiedene finnische Spezialitäten. Zwei erlebnisreiche Tage in Finnland gingen nun zu Ende. Helsinki hat uns mit seiner einzigartigen Mischung aus Moderne und Geschichte beeindruckt.
Siebenbürgische Kantorei am Denkmal von Jean ...
Siebenbürgische Kantorei am Denkmal von Jean Sibelius. Foto: Hans Königes
Am Nachmittag holte uns der Bus vom Hotel ab und brachte uns zum Alten Hafen von Helsinki. Von dort setzten wir mit der Fähre nach Tallinn über. Nach der zweistündigen Überfahrt wurden wir zum Hotel gebracht. Das Hotel Viru sollte nun unsere Bleibe für zwei Tage sein. Es bietet eine gute Lage in der Nähe der Altstadt und eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt. In den 1970er Jahren gebaut, ist es ein Symbol der kommunistischen Zeit in Estland. Ein abendlicher Spaziergang durch die Gassen der Altstadt, die in ein warmes, goldenes Licht getaucht war, rundeten diesen Tag ab.

Am Mittwoch 9 Uhr begann unsere dreistündige Stadtrundfahrt mit dem Bus durch Tallinn. Erster Stopp war Katharinenthal (estnisch: Kadriorg), ein Barockschloss, das im 18. Jahrhundert von Peter dem Großen als Sommerresidenz für seine Frau Katharina I. erbaut wurde. Nach dem Vorbild von Versailles ist das ehemalige Zarenschloss von Springbrunnen und geometrisch angelegten Gärten umgeben. Unsere Fahrt ging weiter zum Sängerplatz, einem Ort, der für seine beeindruckenden Sängerfeste bekannt ist. Die Sängermuschel, ein Amphitheater, stellt den Mittelpunkt des Platzes für Tausende von Sänger. Alle fünf Jahre findet hier das große Sängerfest statt, bei dem bis zu 30 Tausend Sänger gemeinsam auf der Bühne singen. Vielleicht sind wir, die Siebenbürgische Kantorei ja beim 29. Sängerfest im Jahre 2030 mit dabei und dürfen diesen kollektiven Ohrenschmaus mit vielen Sängern teilen. Unser Chormanager Georg Hutter macht es sicher möglich!
Sängerplatz in Tallinn. Foto: Georg Hutter ...
Sängerplatz in Tallinn. Foto: Georg Hutter
Unser nächster Stopp war das Maarjamäe Memorial Field, ein Mahnmal für die Opfer des Kommunismus in der Zeit der Sowjet-Herrschaft. Wenn man dort ankommt, geht man zunächst durch einen hohen langen, nach oben offenen Gang, in dessen Wände die Namen der Opfer eingraviert sind. Ein bewegendes und respektvolles Denkmal für die 22 Tausend Menschen, die während dieser Zeit ums Leben kamen.

Das Rotermannn - Viertel, bekannt für seine Backsteingebäude und seine lebendige Atmosphäre, bot sich perfekt für eine Mittagspause an, bevor es gestärkt weiter ging mit unserer Stadtführerin Maria zum Altstadtspaziergang durch Tallinn. Das UNESCO-Welterbe bietet eine Vielzahl an Sehenswürdigkeiten: die schlichte St. Olaikirche, die Newski Kathedrale, eine prunkvolle, russisch-orthodoxe Kirche mit ihren beeindruckenden Zwiebeltürmen, der Rathausplatz mit dem gotischen Rathaus aus dem 14. Jahrhundert und eine der ältesten Apotheken Europas, gegründet im Jahre 1422. Wir konnten einen kurzen Blick in die alten Räumlichkeiten werfen und mehr über die Geschichte der Apotheke erfahren. Die perfekt sanierte Altstadt von Reval, wie Tallinn früher hieß, erscheint wie eine riesige mittelalterliche Filmkulisse mit einer hohen Stadtmauer, alten Kornspeichern, engen kopfsteingepflasterten Gassen und bunten, gut erhaltenen Häuserfassaden mit ihren roten Ziegeldächern.

Im „Peppersack“, einem rustikalen Restaurant mit traditioneller Küche verbrachten wir unseren letzten gemeinsamen Abend in Tallinn, bevor es am Donnerstag, den 19. Juni zurück nach Hause ging.

Eine Reise gelingt nur dann, wenn sie gut organisiert wird. Unser aller herzlicher Dank gilt Georg Hutter, der auch diesmal alle Mühen der Organisation auf sich genommen hat und uns sicher durch die Tage geführt hat. Wir können nur erahnen, wieviel Arbeit hinter so einer Reise mit fast 50 Teilnehmern steckt.

Selbstverständlich danken wir unserer Dirigentin Andrea Kulin, die uns zu musikalischen Höhenflügen verhilft. Wir haben das große Glück, so professionell angeleitet zu werden.

Nicht zuletzt danken wir dem Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen, das uns immer unterstützt.

Wir freuen uns auf unsere nächste musikalische Zusammenkunft auf dem Siebenbürgischen Kirchentag in Rüsselsheim vom 7. bis 9. November.

Annette Königes, Hanne Roth

Siebenbürgische Kantorei in der deutschen Kirche ...
Siebenbürgische Kantorei in der deutschen Kirche St. Gertrud Stockholm. Foto: Hans Königes

Schlagwörter: Siebenbürgische Kantorei, Reise, Nordeuropa

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