25. Mai 2026
Bildung und Vernetzung: Exkursion des HOG-Verbandes nach Bukarest
Wie ist der moderne rumänische Staat organisiert? Welche Parteien bilden die Regierung und wofür stehen sie? Welche Bedeutung kommt der deutschen Sprache und Kultur zu? Solche und ähnliche Fragen haben den neuen Vorstand des HOG-Verbandes bewogen, für die Verantwortungsträger in den Heimatortsgemeinschaften (HOGs) eine Exkursion nach Bukarest zu organisieren, um durch Begegnungen und Gespräche mit wichtigen Akteuren Kenntnis über die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Rumänien zu gewinnen.

Den Auftakt für diese spannende Bildungsveranstaltung machte ein gemeinsames Abendessen mit Vorstellungsrunde. Neben Verantwortungsträgern aus dem HOG-Verband, den HOGs und aus den Kreisverbänden waren unter den Teilnehmern auch Vertreter aus dem Vorstand des bundesdeutschen und österreichischen Verbandes der Siebenbürger Sachsen sowie der Carl Wolff Gesellschaft.
Der erste Besuch führte uns durch den Cișmigiu-Park zum monumentalen Parlamentspalast, früher „Casa Republicii“. Es ist das größte, schwerste und teuerste Gebäude der Welt und nach dem Pentagon in den USA das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt.
In seiner Einzigartigkeit und dem Prunk ist der Palast heute ein Magnet für Touristen. Über die langen und breiten Flure erreichten wir die Abgeordnetenkammer und Sitzungsräume. Einblick in den Aufbau und die Funktionsweise der parlamentarischen Republik sowie das rumänische Regierungssystem nach 1991 erhielten wir durch die Ausführungen von Dr. Valeriu Antonovici, Experte für Parlamentarismus und langjähriger Kenner des Hauses. Die beiden Kammern des Parlaments, das Abgeordnetenhaus und der Senat, tagen im Parlamentspalast. Hier werden u.a. Gesetze verabschiedet. Eine im Grundgesetz festgelegte Besonderheit sind die Vertreter der 18 anerkannten nationalen Minderheiten, welche unabhängig von ihrem Stimmenanteil einen Sitz im Abgeordnetenhaus haben.
Corina Atanasiu, Abgeordnete und Mitglied der jungen, liberalen Reformpartei „Uniunea Salvaţi România“ (USR), schilderte die Bemühungen ihrer Partei um Reformen im Bildungssystem und die Bekämpfung der Korruption. Dass Rumänien die meisten Analphabeten in der EU zählt, erfordert entschlossenes Handeln, das sie in der jetzigen Regierungskoalition vermisst. Bei der Bekämpfung der Korruption wurden Gesetze zum Schutz der Urwälder verabschiedet, die den illegalen Holzschlag eindämmen sollen.
Fragen zum Wahl- und Parteiensystem sowie der Regierungsbildung beantwortete uns die hochrangige Politikerin Manuela Catrina von der Sozialdemokratischen Partei (PSD). Mit 93 Abgeordneten ist die Partei der stärkste Koalitionspartner der gegenwärtigen Regierung. Im Laufe der Jahre hat sie sowohl den Namen als auch ihre politische Ausrichtung mehrfach geändert. Unter den Koalitionspartnern sichert sie den proeuropäischen Kurs.
Große Ehre wurde uns durch die Einladung der Botschafterin Ulla Krauss-Nussbaumer zu einem Empfang in die Österreichische Botschaft erwiesen. In ihrer Ansprache ging sie auf die gemeinsame Geschichte ihres Landes mit Siebenbürgen ein und zeigte Interesse am Bemühen der Siebenbürger Sachsen, ihr historisches Erbe zu erhalten. Wünschenswert wäre für uns, dass die Republik Österreich neben Deutschland und Rumänien bei der Stiftung Kirchenburgen eine Patenschaft übernimmt und die Stabilität dieses Bündnisses stärkt.

Zu den Angeboten in deutscher Sprache gehören weiterhin die Tageszeitung Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (ADZ) mit den wöchentlichen Beilagen Banater Zeitung und Karpatenrundschau sowie die Wochenzeitung Hermannstädter Zeitung. Ein deutsches Theater gibt es in Hermannstadt und Temeswar. Die deutsche Sendung Akzente wird jeden Donnerstag auf dem TVR1-Kanal ausgestrahlt. Deutschsprachig sind nicht zuletzt Angebote der evangelischen Kirche, zu denen neben den Gottesdiensten und kulturellen Veranstaltungen auch die monatlich erscheinenden Kirchlichen Blätter zählen.
Kultureller Treffpunkt der Deutschen in Bukarest ist das Schillerhaus, in dem auch das Demokratische Forum der Deutschen im Altreich untergebracht ist. Das Bukarester Zentrumsforum zählt 4785 Mitglieder und umfasst 16 Lokal- und Zentrumsforen in der Moldau, Dobrudscha und Walachei. Für sie werden alle zwei Jahre Treffen organisiert. Wie unterschiedlich die Herkunftsgebiete und die Verteilung der 22900 verbliebenen Deutschen in Rumänien sind, wird hier deutlich.
Weniger homogen als in Siebenbürgen ist auch die Gruppe der rund 1000 Kirchenmitglieder der Evangelischen Kirche in Bukarest. Neben der Hauptstadt ist Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli auch für sechs weitere Gemeinden von Jassy (Iaşi) in der Moldau über Konstanza in der Dobrudscha bis nach Ploieşti in der Walachei zuständig. Am Palmsonntag nahmen wir in der frisch renovierten und gut besetzten Kirche am Gottesdienst teil. Pfarrer Zikeli ließ uns an einigen seiner Erfahrungen der letzten 25 Jahre teilhaben. Als Dechant des Kirchenbezirks Kronstadt und in seiner Funktion als Bischofsvikar beantwortete er unsere Fragen zu Schwerpunkten und Zielen der evangelischen Kirche. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit in Bukarest ist die Ökumene.
Am letzten Tag unserer Exkursion hatten wir die Möglichkeit, beim Besuch der „Automobile Bavaria Group“ von Michael Schmidt die Erfolgsgeschichte des Autohauses hautnah zu erleben. Auf eine informative Führung durch die Ausstellung folgte ein köstlicher Empfang, der die vorherigen Begegnungen und Erfahrungen in wunderbarer Weise ergänzt hat.
Unter der Fragestellung „Ist Bukarest noch das Paris des Ostens?“ haben wir auf unseren Wegen durch die Altstadt auch einen Blick auf die lebendige Geschichte der Hauptstadt geworfen. Dazu gehört das „Leipziger Viertel“ (Lipscani), welches mit seinen verwinkelten Straßen bis heute an die Leipziger Händler erinnert, die dort im Mittelalter ihre Waren feilboten. Das dort beheimatete Stravopoleus-Kloster, 1724 im Brâncoveanu-Stil gebaut, gehört zu den wertvollsten Gebäuden der Stadt. Die Mischung von Baustilen aus der Gründungszeit der Hauptstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts bis hin zu sozialistischen Betonburgen, in denen heute Verkaufsläden, Restaurants und Bars zur Einkehr einladen, machen das Viertel zu einem lebendigen Ort, bei Einheimischen und Touristen beliebt und geschätzt.
Den Beinamen „Paris des Ostens“ erhielt Bukarest durch die beeindruckenden Bauten des französischen Architekten Gottereau. Der CEC-Palast an der Calea Victoriei ist das Schönste von ihnen. Seit seiner Fertigstellung 1900 bis in unsere Zeit beheimatet es die CEC-Bank, die älteste, heute einzige staatliche Großbank des Landes. Die Zeit der Monarchie spiegelt sich an der Calea Victoriei, wo der ehemalige Königspalast, die Universität, das Innenministerium und viele weitere repräsentative Gebäude liegen.
Mit einem beeindruckenden Konzertbesuch im Athenäum, dem Sitz der Staatsphilharmonie, beendeten wir den Kulturteil der Reise. Dass diese Bildungsexkursion auch kulinarisch ein Genuss war und uns dazu an Orte mit besonderem Ambiente geführt hat, war für den offenen Austausch und die gute Stimmung unter den 30 Teilnehmern förderlich.
Den beiden Organisatoren ist es gelungen, Begegnungen und Situationen herzustellen, aus denen für die Teilnehmer persönlich und ihre ehrenamtliche Arbeit wertvolle Erfahrungen erwachsen sind. Zusammen mit den kulturellen und kulinarischen Erlebnissen haben sie die Erwartungen an diese Veranstaltung weit übertroffen. Ihnen sowie allen weiteren Beteiligten, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit uns geteilt haben, danken wir für bleibende Eindrücke, die diese Exkursion hinterlassen hat.
Brigitte Depner, HOG Arkeden
Schlagwörter: Reise, HOG-Verband, Rumänien
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