23. Januar 2026
Verliert das Land Luxemburg seine Sprache?
Mit der Verabschiedung des Projektes Alpha, das Alphabetisierungskurse künftig auch auf Französisch erlaubt, hat Luxemburgs schwarz-rote Regierung eine politische Wegmarke gesetzt. Während die Debatte über neue Zugangswege zur Schriftsprache läuft, weist der Sprachwissenschaftler Jean-Paul Hoffmann auf ein anderes, weitaus tiefer liegendes Problem hin: den schleichenden Verlust des Luxemburgischen im eigenen Land.

Ziel der Reform ist laut Ministerium ein gerechteres Schulsystem, das besser zur sprachlichen Realität und Diversität der Kinder passt. Trotz dieser Kehrtwende in der Sprachpolitik wurde die Spillschul (Vorschul)-pflicht ab dem 4. Lebensjahr, deren Zweck es ja eigentlich war, alle Kinder in Luxemburgisch fit zu machen, nicht abgeschafft. In der Spillschule darf nun auch auf Französisch gesprochen und gespielt werden. Für das Projekt Alpha werden 100 Lehrer zusätzlich eingestellt und 150 Klassenräume mehr gebraucht. Ob die bereits im Land tätigen Lehrer bereit sind, ab 2027 die Alphabetisierung auch auf Französisch durchführen zu können, konnte der Minister nicht garantieren. Die Generalversammlung der Luxemburger Lehrer (AGESS) hat in ihrem letzten Presse-Kommuniqué darauf hingewiesen, dass Deutsch die am meisten gesprochene Sprache in der EU ist und über die Hälfte aller Luxemburger Mediziner, Ingenieure und Naturwissenschaftler auf deutschsprachigen Universitäten ihre Diploma erworben haben.
Englisch ist derzeit keine Amtssprache in Luxemburg, obwohl es jedes Jahr mehr englischsprachige Grundschulen und Sekundarschulen in Luxemburg gibt. Es gibt zwar Debatten und Vorschläge aus dem Wirtschaftssektor, Englisch als vierte Amtssprache einzuführen, doch dies ist keine gesetzliche Realität (Stand Dezember 2025).
Laut STATEC sprechen vier von zehn Einwohner im Großherzogtum Luxemburgisch weder zu Hause noch am Arbeitsplatz. Dramatischer noch: Unter Kindern von Zugewanderten – also der sogenannten ersten Generation – ist die Nutzung des Luxemburgischen in nur zehn Jahren von 76,9 auf 45,5 Prozent eingebrochen. Eine Zahl, die kaum eine andere Interpretation zulässt als diese: Die Rolle des Luxemburgischen als Erstsprache erodiert. Dies Angst hat auch eine Mehrheit der Bürger bei einer Meinungsumfrage im Dezember 2025.
Das aber betrifft nicht nur die Alltagssprache nach Feierabend. Mit dem Luxemburgischen verschwinden kulturelle Codes, Wertvorstellungen und ein Stück nationaler Identität. In einem Europa, das sprachliche Vielfalt predigt, ist die Verwurzelung in einer eigenen Sprache mehr denn je ein Standortfaktor – und ein Stück Selbstbehauptung.
Dreisprachigkeit“ – ein Mythos?
Hoffmann erinnert daran, dass die oft beschworene Dreisprachigkeit – Luxemburgisch, Französisch, Deutsch – historisch nie bedeutete, dass alle Luxemburger tatsächlich drei Sprachen aktiv beherrschen. Vielmehr existierte eine funktionale Aufgabenteilung: Luxemburgisch wurde gesprochen, Deutsch und Französisch dienten als Schriftsprache. Dreisprachig waren in der Regel nur diejenigen, die das Luxemburger Schulsystem durchlaufen hatten, deutschsprachige Zuwanderer mussten Luxemburgisch und Französisch lernen, frankophone Zuwanderer mussten keine andere Sprache lernen. Eine „Triglossie“, eine echte Mehrsprachigkeit auf Augenhöhe war das nicht.Doch die gesellschaftlichen Bedingungen, die dieses System über 150 Jahre lang trugen, existieren heute nicht mehr. Deutsch verliert zusammen mit dem Luxemburgischen erkennbar an Bedeutung; sein Anteil im Alltag sank laut STATEC von 31 auf 23 Prozent. Dies alles, obwohl sich das Luxemburgische seit den 1970er Jahren deutlich emanzipiert hatte und 1984 in der neuen Verfassung sogar als Nationalsprache verankert wurde. Allerdings nicht, weil die Luxemburger Regierung oder eine Partei dies wollten, wie diesmal die Alphabetisierung auf Französisch, sondern eine Bürgerinitiative, die „Actioun Lëtzebuergesch“.
Luxemburgisch als erste Schriftsprache – ein Paradigmenwechsel
Wenn das Luxemburgische im familiären Umfeld und bei Kindern von Zugewanderten wieder an Boden gewinnen soll, führt an einer Stärkung dieser Sprache im Bildungssystem kein Weg vorbei. Hoffmann fordert daher, die Alphabetisierung künftig ausschließlich auf Luxemburgisch durchzuführen.Das ist kein radikaler Bruch, sondern eine logische Konsequenz aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Linguistisch betrachtet ist das Luxemburgische längst eine „Ausbausprache“ – also eine Varietät, die nur noch wenige Schritte von einer vollwertigen Standardsprache entfernt ist. Rechtschreibung und Wörterbuch existieren schon; was fehlt, ist eine normierende Grammatik. Ein Aufwand, der im Vergleich zu anderen Sprachausbauprozessen moderat wäre.
Eine standardisierte Sprache bewirkt noch etwas anderes: Sie wirkt dem ungezügelten Sprachwandel entgegen, der durch den Druck von Deutsch, Französisch und zunehmend Englisch entsteht. Schriftliche Normen schützen eine Sprachkultur – wie ein Fundament ein Gebäude schützt.
Natürlich soll die traditionelle Triglossie nicht abgeschafft werden. Französisch bleibt Amts- und vor allem Justizsprache; Deutsch soll auch Amtssprache bleiben, aber zukünftig nur als Fremdsprache in der Schule gelernt werden. Doch wer behauptet, das Luxemburgische sei nicht gefährdet, weil immer mehr Menschen es „lernen wollen“, verkennt die Realität: Entscheidend für die Zukunft der Sprache ist nicht der Wille Erwachsener, sondern die sprachliche Sozialisation der Kinder in der Schule. Mit der Änderung der Alphabetisierungssprache ist nicht nur die Stellung des Deutschen als eine der drei Amtssprachen des Großherzogtums gefährdet, sondern auch im Endeffekt das Luxemburgische als Nationalsprache, das mit dem Deutschen verwandt ist, aber nicht mit dem Französischen.
Luxemburgisch soll keine EU-Sprache werden
Wenn Luxemburg seine kulturelle Eigenständigkeit bewahren will, muss das Luxemburgische wieder zur selbstverständlichen Erstsprache werden – nicht nur im Herzen, sondern auch im Klassenzimmer. Alphabetisierung auf Luxemburgisch wäre kein Rückschritt in nationale Abschottung, sondern ein Schritt in Richtung Zukunftssicherheit. Denn eine Sprache, die ihre Basis verliert, verliert am Ende auch ihr Land. Ein Beispiel war auch der Eiertanz um die Rede eines Luxemburger Abgeordneten im EU-Parlament auf Luxemburgisch, mit der er die Regierung zwingen wollte, Luxemburgisch auch als EU-Sprache anerkennen zu lassen. Aber im Luxemburger Parlament gab es dafür keine Mehrheit, obwohl dies ein deutliches Zeichen zur Stärkung des Luxemburgischen bis hin zur Alphabetisierungssprache gesetzt hätte. Wahrscheinlich braucht es wieder eine Bürgerinitiative, weil keine Partei den Mut dazu hat, um dieses Ziel wirklich zu erreichen!?Bodo Bost
Schlagwörter: Sprache, Luxemburg
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