26. Mai 2026

Hegt wird gesangen!: 130 Jahre „Bäm Hontertstreoch“: Vom Kunstlied zum Volkslied mehrerer Völker

Vor 130 Jahren, als Carl Römer (Text) und Hermann Kirchner (Melodie) „Bäm Hontertstreoch“ geschaffen haben, trat dieses Kunstlied eine Reise an, die kaum jemand vorausgesehen hätte: In wenigen Jahren verbreitete es sich in Siebenbürgen und in knappen vier Jahrzehnten über mehrere Erdteile und wurde zum Volkslied in unterschiedlichen kulturellen Landschaften. Die Geburtsstunde des Liedes im Jahr 1896 fällt in die frühe Phase des sogenannten „siebenbürgischen Liederfrühlings“, der durch Hermann Kirchner eingeleitet wurde und der die ästhetischen und organisatorischen Voraussetzungen für eine neue Liedkultur förderte.
Gedenkstein in Kirchners Geburtsort ...
Gedenkstein in Kirchners Geburtsort Wölfis/Thüringen. Foto: Matthias Ulrich
Als der aus Thüringen stammende Hermann Kirchner (*1861 Wölfis, †1928 Breslau) 1893 die Stelle des Musikdirektors des Mediascher Musikvereins antrat, hoffte er Inspiration für originelle Kompositionen in Siebenbürgen zu finden, die sich vorerst nicht erfüllten: „Mit Ausnahme weniger Überreste konnte ich von einem eigentlichen Volksliede nichts entdecken. Da mir aber klar wurde, von welch hoher Bedeutung echter Volksgesang gerade unter den gegebenen Verhältnissen sei (z.B. zunehmende Magyarisierungstendenzen, Anm. der Autorin), so nahm ich mir vor, Volkslieder in der siebenbürgisch-sächsischen Mundart zu schaffen. Bald fand ich dichterisch begabte, mit dem Volkstum verbundene Männer, die mir geeignete Texte lieferten.“ In seinem Freund Karl Römer fand er einen begeisterten Unterstützer und Förderer dieses Anstoßes, der eine liedschöpferische Welle unter den Mundartdichtern auslöste. Durch seine Initiative wurde der Thüringer Hermann Kirchner zum Begründer des „siebenbürgischen Liederfrühlings“, dessen Blütezeit das ganze 20. Jahrhundert andauerte. Viele der damals entstandenen Lieder erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit und werden von Chören, Singgruppen, jedoch leider vorwiegend nur noch von älteren Landsleuten gesungen.

Carl Martin Römer (*1860 Zuckmantel, †1942 Mediasch) zur Zeit der Entstehung des Liedes „Bäm Hontertstreoch“ Gymnasiallehrer in Mediasch, verfasste im Sommer 1896 recht spontan und intuitiv den Text, als er sich erinnerte, dass in Zuckmantel ein von ihrem Geliebten verlassenen Mädchen, jeden Sonntag nach der Kirche in den Garten ging, um auf ihn zu warten. Zu Holdersträuchern hegte Römer schon immer eine besondere Affinität. So fügte sich eins zum anderen, und die Idee zum Lied war geboren: „Kaum war der Einfall da, war auch das Gedicht schon fertig, es dichtete sich eigentlich von selbst. […] Keines meiner Lieder ist so ganz mein, wie der Hontertstreoch.“
Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus Hermann ...
Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus Hermann Kirchners in der Steingasse (Str. Johannes Honterus) Nr. 7 – zum Andenken an die beiden Schöpfer des Liedes, das um die Welt ging: Carl Römer und Hermann Kirchner. Quelle: Archiv der HG Mediasch
Einige Tage später komponierte Kirchner die Melodie im Volkston, und schon wenige Wochen nach seiner Entstehung, am 24. September 1896, führte die Reichesdorfer Jugend unter der Leitung des bekannten Liederdichters Georg Meyndt (*1852 Birthälm, †1903 Reichesdorf) das Lied zum ersten Mal auf.

Ein Jahr später, im September 1897, erschienen in Mediasch bei G. A. Reissenberger das erste Liederheft mit dem schlichten Titel „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder von Hermann Kirchner“. In der Hoffnung, dass seine Kompositionen im Volkston einmal ins Volksgut übergehen würden, betitelte Kirchner seine Heftchen „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder“ – obwohl es sich um Kunstlieder handelt (wir kennen ihre Autoren). Bis 1899 folgten doch zwei Hefte, mit insgesamt 19 Liedern. Diese Hefte erreichten in mehreren Auflagen, insgesamt 26.000 Stück.

Im Vorwort zu seinem ersten Liederheft schrieb Kirchner, dass er „keineswegs annehme, sämtliche Liedchen würden Gemeingut des sächsischen Volkes werden; doch sollte dies auch nur einem einzigen gelingen, so wäre immerhin etwas gewonnen“ und er könne „mit dem Erfolg mehr als zufrieden sein“. Nun, die meisten seiner Vertonungen haben den Volkston so gut getroffen, dass sie auch heute noch gerne gesungen werden und schon längst ins Volksgut übergegangen sind, z.B. „Af deser Iërd“, „Än ases Nobers Guërten“, „Et wor emol en reklich Med“, „Nårr deng Uġe loss mich sähn“, „Wi sål deʼ Läwke wärden?“, „Zeïsken huët se klinzij Näst“.

Text und Melodie des Liedes „Bäm Holdertstreoch“ bilden eine fast organische Einheit; Klang und Sprache tragen sich gegenseitig. Darin mag wohl das „Wunder“ liegen, dass das Lied die Herzen gleich mehrerer Völker tief berührt hat und bereits vor 130 Jahren, ohne die heute verfügbaren tontechnischen und digitalen Mittel, eine außergewöhnlich schnelle und weitreichende Verbreitung fand.

Der Mediascher Schriftsteller und Herausgeber Otto Folberth (*1896 Mediasch, †1991 Salzburg/Österreich) unterrichtete von 1922-1938 am Gymnasium seiner Heimatstadt und notierte in der Kronstädter Kulturzeitschrift der Zwischenkriegszeit Klingsor (13 (1936), Heft 4 (April), S. 92-98) unter dem Titel „Chronik des Liedes Bäm Hontertstreoch“ eine sehr detaillierte Aufstellung der ersten Wochen und Jahre des Liedes. Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der chronologischen Aufstellung Folberths:

1896, Anfang Juni dichtete Carl Römer das Gedicht „Bäm Hontertstreoch“, das Hermann Kirchner einige Tage später vertonte. 24. September 1896 wurde das Lied bei einer Kirchentagung vom Jugendchor in Reichesdorf uraufgeführt. Von dort verbreitete es sich rasch in die übrigen Gemeinden des siebenbürgischen Weinlandes. Ende September werden die neuen sächsischen Lieder auf einer Chorfahrt des Reichesdorfer Chors im Burzenland bekannt gemacht. Folberth berichtet: „Im Weinlande pfeifen es schon die Spatzen von den Dächern“. Bereits einen Monat nach seinem Entstehen, Anfang September 1897 erscheint das Lied zum ersten Mal im Druck des 1. Heftes der „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder von Hermann Kirchner“. Am 6. Oktober 1896 singt Hermann Kirchner selbst, gelegentlich einer Konzertreise nach Deutschland, das Lied in der Singakademie in Berlin mit der deutschen Übertragung Römers.
Die Jugendgruppe um Georg Meyndt aus Reichesdorf, ...
Die Jugendgruppe um Georg Meyndt aus Reichesdorf, im Herbst 1896 auf Chorreise durch das Burzenland – mit dem Hontertstreoch im Gepäck. Der Vierte von links, sitzend, dürfte der damals 24-jährige Pfarrer Carl Reich sein; neben ihm vermutlich der 44-jährige Notär und Liederdichter Georg Meyndt. Quelle: HOG Reichesdorf
1900 übersiedelt Kirchner nach Hermannstadt, wo er auch Chorleiter des rumänischen Musikvereins ist. Die rumänische Fassung „Sub crengi de soc“ wurde bald zum Standardrepertoire rumänischer Chöre.

Pfingsten 1903: anlässlich des Frankfurter Sängerfestes regt der Deutsche Kaiser Wilhelm II. an, die Männergesangvereine sollten in Zukunft nicht zu viel Kunstgesang treiben, sondern lieber einfache volkstümliche Weisen pflegen. Das Lied „Beim Holderstrauch“ findet Aufnahme sowohl in das „Kaiserliederbuch“ als auch später in das „Landesliederbuch des Allgemeinen Deutschen Sängerbundes“ und gewinnt dadurch rasch große Verbreitung in Deutschland.

1914-18 begleitet das Lied die deutschen Armeen auf allen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges entstanden auch die ersten eigentlichen Umdichtungen des Liedes, z.B.: „Beim Holderstrauch, beim Holderstrauch, / da weint ein Mägdlein sehr. / Er zog ins Feld und starb als Held / für Deutschlands Ruhm und Ehr’.“ Im Ersten Weltkrieg gelangte das Lied auch nach England und Russland; sächsische Auswanderer nahmen es als geistiges Gut nach Amerika mit.

1916-18 werden reichsdeutsche Kinder zur Erholung bei guter Hausmannskost nach Siebenbürgen geschickt; die Ferienkinder nehmen das Lied zu ihren Familien mit.

Ab 1933 ist das Lied im Rundfunk zu hören.

1935 wird die Melodie im Film „Zwischen Himmel und Erde“ der Bavaria-Filmgesellschaft München als mehrfach wiederkehrende Melodie verwendet.

1936 ist „Beim Holderstrauch“ unter den ersten sechs Volksliedern der Rundfunk- und Schallplattenerfolge des Musikverlags Wilhelm Gebauer, Leipzig.

Ende der 1930er Jahre existiert sogar eine japanische Fassung. Der sorbisch-deutsche Schriftsteller Erwin Strittmatter zitiert das Lied 1963 in seinem Roman „Ole Bienkopp“. In all diesen Ländern gilt es jeweils als ein eigenes Volkslied.

Zu Ehren dieses inzwischen tief verwurzeltem Volkslieds haben Christine Elges Popa (Regie), Ilja Ehrenkranz und Florin Orezeanu (Kamera), Hans Liebhard (Verfasser und Sprecher der Texte) und Professor Hans Tobie (Sachberater) 1975 den kulturhistorisch kostbaren Film „Ein Lied geht um die Welt“ geschaffen, der seinerzeit in der Deutschen Sendung in Bukarest ausgestrahlt wurde und am 16. Mai 2019 in der Akzente-Sendung auf TVR1 erneut ausgestrahlt wurde. Dort können Sie ihn auch heute noch aufrufen: http://youtu.be/NIp0twxT3qk (ab Minute 51). Im Artikel „Bäm Hontertstreoch wird 125 Jahre alt“, Siebenbürgische Zeitung, Folge 4 vom 10. März 2021, S. 7, und SbZ Online vom 16. März 2021 unter www.siebenbuerger.de/go/21673A werden alle Teilnehmer des Films namentlich genannt.

Hermann Kirchner starb 1928 in Breslau. Seiner Tochter Bertha Konopka soll er den Wunsch geäußert haben: „Pflanzt mir einen Holderstrauch auf mein Grab, da singen mir die Vögel ein Lied.“ Wo er bestattet wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Geblieben ist kein Ort des Gedenkens, sondern seit 1961 ein Gedenkstein im ehemaligen Schulgarten in seinem Geburtsort Wölfis in Thüringen – und vor allem das, was stärker wirkt als jeder Stein: die musikalische Bewegung, die er auslöste, und die Lieder, die ohne ihn nicht entstanden wären. Am 7. Oktober 2013, 120 Jahre nach Kirchners Ankunft in Mediasch, fand die feierliche Enthüllung der Gedenktafel am Haus der Steingasse Nr. 7 statt, gestiftet von der Evangelischen Kirchengemeinde Mediasch, der HG Mediasch und der Familie Römer.

Unter siebenbuerger.de/go/2L114 finden Sie das Lied gesungen von neun Chören. Viel Vergnügen beim Mitsingen!

Wer eine Bearbeitung dieses Liedes für Orgel und Cello haben möchte, kann die Noten bei Gerhard Fleischer, E-Mail: fleischger[ät]yahoo.de, kostenlos verlangen.

Angelika Meltzer

Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart

Bewerten:

22 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.