24. Juni 2026

Hegt wird gesangen!: „Af deser Iërd“ – ein Klassiker der siebenbürgisch-sächsischen Liedkultur

Ernst Thullner (* 1862 Birthälm, † 1918 Mühlbach) ist der Dichter einiger sehr beliebten und verbreiteten siebenbürgisch-sächsischen Mundartlieder. Nach dem Gymnasium in Schäßburg, studierte er in Graz Medizin und in Leipzig und Klausenburg Theologie und Pädagogik. Von 1885 bis 1887 war er in Agnetheln und von 1887 bis 1890 in Mediasch als Lehrer und Schulleiter tätig. Anschließend wirkte er bis 1898 als Pfarrer in Dobring, bis 1913 in Großpold und bis zu seinem Tode 1918 als Stadtpfarrer in Mühlbach.
Ernst Thullner (um 1900). Aufnahme aus einem ...
Ernst Thullner (um 1900). Aufnahme aus einem Jubiläumsalbum für Bischof D. Dr. Friedrich Teutsch. Nationalarchiv Hermannstadt, Familiennachlässe G. D. und Fr. Teutsch. Foto: Konrad Klein
Thullners bekanntestes Mundartlied ist sicher „Af deser Iërd“ (1897), das bereits in Heft II der „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder von Hermann Kirchner“, Mediasch: G. A. Reissenberger, 1898 in Druck erschienen ist und zu einer Art zweiter Volkshymne der Siebenbürger Sachsen nach Max von Moltkes „Siebenbürgenlied“ wurde. Ebenfalls 1898 hat Thullner seine Sammlung „Bä der Kalefōk – Geschichten uch Lidcher“, Hermannstadt: W. Krafft, 1898 veröffentlicht. (Kalefōk = Ofen)

In siebenbürgisch-sächsischer Mundart zu schreiben, wurde Thullner von Michael Albert, seinem „än Dånkberget veriert“ (in Dankbarkeit verehrten) Deutschlehrer, am Schäßburger Gymnasium angespornt, dem er die im selben Verlag bereits 1892 herausgegebenen Sammlung von Schwänken aus dem Bauernleben „Ous der Rokestuw – Lastich Geschichten ä sachsesche’ Reimen“ widmete.

Mit seiner Mundartdichtung hoffte Thullner einerseits, „dass der sächsische Landmann angeeifert würde, an den langen Winterabenden ein Buch in die Hand zu nehmen“ und andererseits, um zur Bereicherung der Dialekt-Literatur beizutragen, denn „gerade heute, wo fast jedes alle Sachsen umschlingende Band durch die Stürme der Zeiten zerrissen und unsere Muttersprache das einzige Kennzeichen noch ist, dass das Sachsenvolk e i n Volk ist von ,Broos bis Draas‘, heute tut es doppelt Not, in jedem sächsischen Hause die sächsische Sprache zu hegen und zu pflegen“.

Unter dem Druck der Magyarisierung erkannte Thullner geistige Wachheit als Überlebensfrage seines Volkes. Die Predigt allein reichte ihm nicht; er wirkte als Volkspoet, der mit Humor in Mundart seine Schwänke, Volksstücke und Gedichte verfasste, die er aus genauer Kenntnis des bäuerlichen Lebens schöpfte.
Unter der Leitung von Katharina Kraus gestaltete ...
Unter der Leitung von Katharina Kraus gestaltete die Burgberger Singgruppe 2023 den Muttertagsgottesdienst in der Ingolstädter Matthäuskirche. Foto: Wilhelm Theil
Hermann Kirchner (1861-1929) vertonte Thullners Gedichte „Af deser lërd“, „Än ases Nobers Guërten“, „Der Må äs wedder hä“ und auch das bekannte und zum siebenbürgisch-sächsischen Volkstanz gewordene Lied „Et wor emol en reklich Med“ (Schniël bekihrt). Rudolf Lassel (1861-1918) vertonte die Gedichte „Äm Frähjohr kåm e Vijjeltchen“ und „Hiren ich de Biëtklok logden“ (Biëtklok). Letzteres wurde auch von Hans Mild (1883-1958) einer Melodie unterlegt (Siebenbürgische Zeitung, Folge 9 vom 3. Juni 2025, S. 6, und SbZ Online vom 30. Juni 2025), sowie „Säng norr, säng, ta läwet Zeïsken“. Heinrich Emil Bretz (1891-1986) schrieb die Melodie des Liedes „Des Morjest, ih de Sann afgiht“.

Unbekannt sind die Verfasser der Melodien von „Äm Guërte sätzt en inij Puër“ (De Zegden ändre’ sich) und „Ze Urbijen, äm Angderwååld“ (Der Brogtkrånz), siehe www.siebenbuerger.de/go/25082A.

Das Lied „Af deser lërd“ lebt bis heute – und sicher noch so lange sich Menschen zur siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft bekennen – als Ausdruck tiefer Heimatverbundenheit weiter und verweist auf Thullners bleibende Bedeutung als Mundartdichter. Unter siebenbuerger.de/go/2L112 finden Sie sieben Aufnahmen in verschiedenen Ortsmundarten u.a. auch mit der Burgberger Singgruppe.

Angelika Meltzer

Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart

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