8. Juni 2026

Podiumsdiskussion in Dinkelsbühl erörtert Werte und Traditionen der Siebenbürger Sachsen

Selten herrschte bei einer Podiumsdiskussion des Heimattags eine ähnlich ruhige, konzentrierte Gesprächsatmosphäre. Das lag gewiss am Publikum – rund 150 Zuhörer verfolgten gebannt die Debatte am Pfingstmontagvormittag im Schrannen-Festsaal – und noch mehr am vorzüglichen Podium. Unter der einfühlsamen, souveränen Moderation von Renate Bauinger, Superintendentialkuratorin der Evangelischen Kirche A.B. Oberösterreich, diskutierten Matthias Fleps, Marie-Claire Hihn, Prof. Dr. Hannah Monyer, Winfried Ziegler und Gerlinde Zurl-Theil zum Thema: „Mer walle bleïwe, wåt mer sen? Werte und Traditionen über Generationen hinweg“.
Bundesvorsitzender Rainer Lehni hieß das Saalpublikum willkommen und stellte die in Hermannstadt geborene Moderatorin Renate Bauinger vor, die neben ihrem kirchlichen Ehrenamt auch das Evangelische Museum Oberösterreich in Rutzenmoos leitet. Sie habe die Tage in Dinkelsbühl „sehr intensiv erlebt“, sagte Bauinger und schwärmte insbesondere vom Trachtenumzug am Pfingstsonntag und der dort von allen Generationen zum Ausdruck gebrachten siebenbürgisch-sächsischen Traditionsverbundenheit.
Auf dem Podium im Schrannen-Festsaal ...
Auf dem Podium im Schrannen-Festsaal diskutierten, von links: Matthias Fleps, Marie-Claire Hihn, Prof. Dr. Hannah Monyer, Moderatorin Renate Bauinger, Gerlinde Zurl-Theil und Winfried Ziegler. Foto: Christian Schoger
In der Vorstellungsrunde des Podiums erhielt die tags zuvor mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis ausgezeichnete Neurowissenschaftlerin Monyer den Sonderapplaus des Publikums (s. Preisverleihungen 2026 in Dinkelsbühl: Exzellentes Engagement in Wissenschaft, für Senioren, Kinder und Jugendliche). Prof. Dr. Hannah Monyer, in Großlasseln geboren und aufgewachsen, 17-jährig nach Deutschland ausgewandert mit dem festen Willen, Medizin zu studieren, räumte ein, sich mit ihrer sächsischen Identität erst später in ihrem Leben beschäftigt zu haben, was aber völlig normal sei; zunächst standen die Neuorientierung in Deutschland im Vordergrund, Ausbildung und Berufsweg. Die Vergangenheit zuzulassen, sei ein allmählicher Prozess gewesen, der mit dem Älterwerden der Eltern eingesetzt habe. Monyer schilderte schlaglichtartig emotionale Kindheitserinnerungen und den prägenden Einfluss ihrer Großeltern.

Winfried Ziegler, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen (DFDS), Träger des Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendpreises 2025 in Würdigung seiner Verdienste um die Jugendarbeit in den deutschen Foren, blickte zurück auf seine jugendliche Sozialisierung, die in die Umbruchszeit der Aussiedlungswellen Anfang der 1990er-Jahre fiel. Ihn habe ein Phantomschmerz ergriffen: „Ich trauere stark einer Gemeinschaft nach, die ich eigentlich nie ganz funktionell erlebt habe, sondern die ich mir vielleicht idealisiert vorstelle.“ Bereits mit 14 Jahren habe er sich ins Deutsche Forum eingeschrieben und sich seither vielfältig eingebracht. In der offenen Gesellschaft, die sich in Siebenbürgen entwickelt habe, erblicke er eine „große Chance“ für die deutsche Minderheit im Interagieren mit der rumänischen Mehrheitsgesellschaft (Stadtpolitik, deutsche Schulen etc.) in einem offenen Europa, „über Grenzen hinweg“.

Marie-Claire Hihn, Filmemacherin aus Mainz und Vertreterin einer Generation von nicht mehr in Siebenbürgen geborenen Landsleuten, arbeitet gegenwärtig an einem Dokumentarfilmprojekt zum Thema Heimat. Sie ist nach absolviertem Studium für Mode- und Designmanagement in Wiesbaden freiberuflich als Model tätig, zudem Speakerin und Choreografin in der Modebranche, Kreativdirektorin bei Loft Arts, daneben auch ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche engagiert. Sie sei bereits in ihrer Kindheit stark von dem siebenbürgischen Gemeinschaftsgefühl geprägt worden, wie ihr es auch ihre Großmutter in Schilderungen übermittelte, und leitete daraus das Bekenntnis ab, „dass meine siebenbürgische Herkunft, mit diesem Gemeinschaftsgefühl, meine Arbeit mit den Kindern, für die Kinder, mit meinem Team, für das Team […] stark geprägt hat.“

Die Bundesreferentin für Frauen, Familie und Aussiedlerbetreuung, Gerlinde Zurl-Theil, 1963 in Mediasch geboren, ist 16-jährig in die Bundesrepublik ausgesiedelt. Seit fast 50 Jahren ist sie Mitglied im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und in verschiedenen Funktionen ehrenamtlich tätig. Ihre „Initiation“ erfuhr sie ausgehend vom Mitwirken in der Tanzgruppe in Augsburg bis hin zur Übernahme von Verantwortung, indem sie als Kulturreferentin in der Bundesjugendleitung Volkstanzwettbewerbe organisierte, ebenso das offene Tanzen vor der Schranne. Nach ihrem Umzug wirkte Zurl-Theil in der Kreisgruppe Bad Tölz – Wolfratshausen später auch als Vorsitzende; in dieser Zeit organisierte sie auch das Kronenfest in Geretsried sowie das 60-jährige Jubiläum der Kreisgruppe. Ihr derzeitiges Ehrenamt mit dem Schwerpunkt Frauenarbeit sei eine neue Herausforderung. „Du wirst auch das gut meistern“, versicherte die Moderatorin.

Der frisch gewählte Landesjugendleiter der SJD (Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland) Bayern, Matthias Fleps, wurde als Kind siebenbürgisch-sächsischer Eltern 1999 in München geboren, wo er auch aufwuchs, ist ausgebildeter Brauer und Mälzer und studiert in Freising Brauwesen. Die Frage der Moderatorin, ob er Bayer oder Siebenbürger Sachse sei, beantwortete er mit einer Anekdote. Als Brauer trage er „oft und gerne“ die Lederhose („Zunftbekleidung“), so auch beim Besuch eines Kronenfestes. Ein betagter Landsmann habe ihn dabei eingehend gemustert und zu seiner Ehefrau vernehmlich laut gesagt: „Na schau, die Hiesigen mischen sich auch unters Volk.“ Gelächter im Saal. Seine „kurze Antwort“ lautete: „Ich sehe mich mehr als Siebenbürger.“ Ergänzend formulierte Fleps: „Für mich in meiner Wahrnehmung bin ich Deutscher […] mit siebenbürgischen Wurzeln“. Er sei sich seiner siebenbürgischen Wurzeln bewusst; ihm fehle freilich „ein Teil der Erfahrung“, München sei seine Heimatstadt. Den nicht-siebenbürgischen Freunden erkläre er, was seine siebenbürgische Gemeinschaft mache, und er nehme sie auch mit zu siebenbürgisch-sächsischen Aktivitäten.

Für eine neue Form der ­Gemeinschaft brauchen wir Empathie und Offenheit

Im weiteren Diskussionsverlauf sprach Marie-Claire Hihn über ihr Dokumentarfilmprojekt, für das sie noch weitere Sponsoren sucht. Dabei formulierte sie Leitfragen wie: „Was bedeutet es, Heimat zu verlieren?“ – „Haben wir neue Heimat gefunden?“ – „Wie definieren wir Heimat?“. Über das Projekt habe sie einen neuen Zugang zu Siebenbürgen bekommen, durch Recherchen, mit Landsleuten in Deutschland und in Siebenbürgen geführte intergenerationelle Gespräche über Heimat und Zugehörigkeit, in denen sich ihr beeindruckende Lebensgeschichten und unterschiedliche persönliche Haltungen offenbarten.

Mit 16 besuchte Matthias Fleps im Rahmen eines Schüleraustauschprogrammes für ein Jahr das Gymnasium in Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureș) mit deutschsprachigem Zweig; dort wohnte er bei einer rumänischen Gastfamilie. Dahinter stand das Motiv, Land und Leute kennenlernen, um einen eigenen persönlichen Bezug zu seinen heimatlichen Wurzeln zu gewinnen, der nicht nur auf den Erzählungen anderer beruhe. Diese Erfahrungen seien bereichernd gewesen. Fleps, der tags zuvor selbst aktiv am Trachtenumzug teilgenommen hat („ein ganz tolles Gefühl“), gab auch Einblick in sein heutiges ehrenamtliches Engagement im Bereich der Jugendarbeit. Renate Bauinger erwähnte das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen als Mitausrichter des diesjährigen Heimattages, in dem bemerkenswert viele Frauen engagiert seien, etwa in der sozialen Fürsorge respektive der Altenhilfe. Die Arbeit der Frauen im Verband bezeichnete Gerlinde Zurl-Theil als eine „tragende Säule“ unseres Verbandes. Angefangen im Bereich der Organisation und Logistik, der Trachtenpflege, Verköstigung bei Festivitäten, aber in jüngerer Zeit zudem stark durch Verantwortungsübernahme in Führungsfunktionen, siehe Herta Daniel als ehemalige Bundesvorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende des Verbandes. Dieses ehrenamtliche Engagement sei besonders anerkennungswert angesichts der Mehrfachbelastung von Frauen in Beruf, Familie und Haushalt.
Die Podiumsdiskussion im Schrannen-Festsaal fand ...
Die Podiumsdiskussion im Schrannen-Festsaal fand großen Publikumszuspruch. Foto: Christian Schoger
Hannah Monyer, deren „filmreife Karriere“ die Moderatorin hervorhob, ist Direktorin der klinischen Neurobiologie in Heidelberg und erhielt für ihre Forschungsarbeit diverse Auszeichnungen, als wichtigste 2004 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen seien über persönliche Fähigkeiten, Fleiß und Opferbereitschaft hinaus nicht zum geringsten Teil die Vernetzung mit der Gemeinschaft, aber auch glückliche Fügungen mitentscheidend gewesen. Es sei ein „Geben und Nehmen“ gewesen, ein „Fördern und Fordern“ der sie umgebenden Menschen. Ein wichtiger Faktor sei – nicht allein in der siebenbürgischen, in jeder Kultur – die Empathie: „Wir haben im Gehirn die sogenannten Spiegelzellen“, die, so glaube man, dabei helfen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Was sie zunehmend mehr beschäftige, sagte Monyer, sei die Frage, was das Sächsische so besonders mache, und das werfe Folgefragen auf: „Worüber wird gesprochen? Worüber wird nicht gesprochen? Was wird verdrängt? Und was macht uns einmalig? Und da erlebe ich meine Traurigkeit und meinen Verlust. […] Ich erlebe das Sachsentum als das, was mich geprägt hat.“ Monyer nannte beispielhaft den Fleiß der Sachsen, hob überdies ab auf Gemeinsamkeiten mit anderen Ethnien und Kulturen.

An den gebürtigen Hermannstädter und ausgebildeten Historiker Winfried Ziegler richtete Bauinger die Frage nach dem Spezifischen der Geschichte Siebenbürgens. Dies seien vornehmlich seit dem Mittelalter ausgeprägte, bis zur Wende 1989/90 wirkmächtig gewesene Strukturen. Später hätten sich einschneidende Veränderungen ergeben durch die unterschiedlichen „Erfahrungswelten“ in Siebenbürgen und in Deutschland, so Ziegler: „Das birgt natürlich das Risiko, dass sich gegenseitige Vorurteile entwickeln.“ In Siebenbürgen sei „das Zusammenleben stärker geworden mit der rumänischen Mehrheitsbevölkerung und der ungarischen Minderheit“. Beeindruckend empfinde er es, wie ausgeprägt der Gemeinschaftsgedanke bei den Siebenbürger Sachsen hüben und drüben nach wie vor sei; in Siebenbürgen lebten derzeit noch rund 14 000 Landsleute. Dies sei gleichzeitig „die Chance, die ich für die Zukunft sehe“.

Die Moderatorin lud das Auditorium zu Debattenbeiträgen ein. Doris Hutter warf die Frage auf nach den Chancen, diese groß Gemeinschaft noch besser zu stärken. Aus Hermannstädter Perspektive empfahl Winfried Ziegler eine effektive „Einbindung des Einzelnen“. Auch wenn es sicher nicht mehr die alte siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft in Zukunft geben werde „in der Form, der wir nachtrauern“, so könne sich „eine neue Form der Gemeinschaft herausbilden. Und da müssen wir auch die Offenheit haben zu sehen, dass es weitergehen werde“, und: „Es wird anders sein.“

Online-Referent Robert Sonnleitner hatte zwar keine Live-Stimmen aus dem Netz zu übermitteln, lenkte den Fokus gleichwohl auf das „Internet als Raum“, der die Gemeinschaft global erweitere. Es gab noch eine Reihe weiterer Publikumsbeiträge zu Identität, zur Weitergabe der Mundart, Ehrenamt u.a.m. Mit ihrem Dank an das Podium und das Publikum schloss Renate Bauinger die 90-minütige, angeregte Diskussion. Die Veranstaltung wurde per Livestream im Internet übertragen. Das empfehlenswerte Video ist auf YouTube abrufbar: http://youtu.be/n-rGxSWgXj4.

Christian Schoger

Schlagwörter: Heimattag 2026, Dinkelsbühl, Podiumsdiskussion, Monyer, Bauinger

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