„Immer nach Hause“ (Novalis) geht die Lebensreise des Menschen, erlebbar macht das eine Ausstellung des Bildhauers Constantin Brâncuși in Berlin.
Die Besucherinnen und Besucher strömen zur Brâncuși-Ausstellung. © I. Szöllösi Es ist, als hätte die Neue Nationalgalerie Berlin, ein architektonisches Kunstwerk des berühmten Mies van der Rohe, auf östliche Inspiration gewartet! Van der Rohes Bauprinzip „Weniger ist mehr!“ trifft vollkommen auf das Werk des in etwa zeitgleich agierenden Constantin Brâncuși zu. Die Arbeiten des Bildhauers – des ewigen Wanderers in Raum und Zeit, des Meisters der Transfiguration und Abstraktion – passt ins obere Foyer des Berliner Hauses vorzüglich. Wie ist man erst so spät auf den Gedanken gekommen, dem renommierten rumänischen Künstler eine Sonderausstellung in diesen fast schon heiliggesprochenen Kunsthallen zu widmen? Doch nun, anlässlich seines 150. Geburtstags, haben wir sie – die Ausstellung. Und das scheint, den Besucherzahlen zufolge, auch die breite Öffentlichkeit zu würdigen, indem sie kommt und staunt.
Seit 1916 sind Sockel für Brâncuși eigenständige Kunstwerke, die er zusammen mit seinen Skulpturen ausstellt und verkauft. © I. Szöllösi
Geboren und aufgewachsen ist der Künstler, der später in Paris zu Ruhm kam, in einer ländlichen Region südlich der Karpaten – der strukturierte Alltag auf dem Dorf sowie dessen Folklore, Ornamentik, Schnitzkunst, Bauwesen und Seelenleben haben ihn geprägt. Selbst im Zenit seiner künstlerischen Laufbahn hat Brâncuși – unter diesem Namen kennt ihn die französische Kunstszene – seine Wurzeln niemals verraten. Denn den Reichtum seiner Heimatregion nahm er mit. Es waren immaterielle Schätze, die ihn bis an sein Lebensende trugen und inspirierten. Das Prinzip des „Weniger ist mehr“ verfolgte er in seinen Arbeiten konsequent und schwang sich zum Künstler der Einfachheit empor. Wie schwer die „Einfachheit“ zu erringen und zu gestalten ist, erfährt man beim Betrachten von Brâncuși-Werken. Auch das – wie schwer sie wiegt, und dennoch: Ihr Gewicht entlässt den Menschen mit einem Gefühl der Leichtigkeit! Eine Alchemie innerseelischer Natur scheint in Bewegung zu kommen.
Nach dem Studium an der Kunstgewerbeschule Craiova und dem Studium in der Bildhauerklasse der Kunstakademie Bukarest verließ Brâncuși 1904 Rumänien – mit einem kleinen Rucksack und einem Stipendium in der Tasche. Sein Ziel war Paris. Der mit Talent und Ausdauer ausgestattete Kunstabsolvent und Wandersmann Constantin machte sich auf in die Welt und legte weite Strecken zu Fuß zurück, bis er über Wien, München und Zürich die französische Hauptstadt erreichte. Sogleich schrieb er sich an der Nationalen Hochschule für Schöne Künste ein, arbeitete fleißig und strebsam weiter, so dass er nicht lang warten musste, bis er in den Pariser Salons ausstellen durfte.
Vögel von Brâncuși aus verschiedenen Jahren (von rechts nach links 1911, 1928, 1923/47, 1941) © I. Szöllösi
Bei keinem Geringeren als August Rodin, dem unübertrefflichen Bildhauer jener Zeit, fingt er an, zu arbeiten. Doch blieb er nur kurz in dessen Werkstatt. Er wollte seinen Weg gehen und sich nicht beeinflussen oder einspannen lassen. Seine Herkunft als Schatz verstehend, wollte er zu seinem eigenen Ausdruck finden: Die Einfachheit war der Ausgangspunkt seines Lebens und wurde zum Endpunkt seiner Kunst. Wie Meister Rodin betrachtete auch er so lange ein Ding, bis sich ihm dessen Essenz erschloss und er diese in Stein hauen oder viel eher aus dem Stein heraushauen konnte, auf dass sie befreit vor ihm und vor uns stehe. Aber die Gestaltung seines Materials unterschied sich von Rodins Arbeitsweise – sie war gewagter: Brâncuși rang so lange mit der Materie, bis ihm die Abstraktion gelang. Er glaubte an einen spirituell-geistigen Kern der Dinge – und dem wollte er eine materielle Form verleihen. Nicht umsonst sind vom Fotografen Man Ray die Worte überliefert: „Als ich den Bildhauer Brâncuși das erste Mal besuchte, beeindruckte mich sein Atelier stärker, als es eine Kathedrale jemals getan hatte.“ Der Satz steht als Motto über dem Werkzeugraum des Künstlers, der als Rekonstruktion in der Neuen Nationalgalerie zu sehen ist. Wer einen Vogel von Brâncuși sieht, wird von der Unendlichkeit berührt und vergisst das Tier. Brâncuși mutet dem Betrachter seiner Werke zu, sich auf einen künstlerischen Abstraktionsprozess einzulassen, um mit einem Gefühl, das die Seele weitet, belohnt zu werden.
Der Schlaf, ein frühes Werk aus Marmor von 1908. © I. Szöllösi
Der Berliner Ausstellung gelingt es, in mehreren Abteilungen den künstlerischen Werdegang von Brâncuși anschaulich zu präsentieren: Mehrere Kunstwerke aus verschiedenen Phasen stehen nebeneinander und sind thematisch zu einem Ausstellungskapitel zusammengefasst. So wandeln wir – indem wir uns in ein und derselben großen Halle befinden – durch Brâncuși’ Raum und Zeit. Und es entsteht eine einmalige Atmosphäre, die einen von einem Thema sanft ins nächste gleiten lässt. Dabei sind die kurzen Ausstellungstexte eine gute Basis, um sich der Wirkung, die einen ergreift, zu vergewissern. In der Abteilung „Das Wesen der Dinge“ bestätigt der Text das, was wir selbst wahrnehmen: Zuerst erkennen wir in der Skulptur „Schlaf“ einen menschlichen Kopf, aber dann bei allen anderen Arbeiten, den vielen „Schlafenden Musen“ und den zahlreichen „Köpfen eines schlafenden Kindes“, deutet lediglich der Titel an, was die Form darstellt. Unsere Fantasie wird tätig. Die Formen führen weit über das hinaus, was die Materie zeigt.
Es ist völlig egal, ob wir einen Kopf oder ein Ei oder einen verzerrten Ball, ob wir Porträts von Frauen oder Jünglingen, ob wir eine Säule, einen Tisch, einen Kuss mit unseren Augen ausmachen, die Formen entlassen den Betrachter ins Ungewisse, das bei Brâncuși ein Kosmos ist, in dem alles zu sich findet, weil es schwebt.
Ingeborg Szöllösi
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