24. Juli 2026

Ausstellung in Bistritz: „Siebenbürgen, süße Heimat“ – Spruchgut auf Wohntextilien

Das Siebenbürgische Museum Gundelsheim und das Kreismuseum Bistritz zeigen in bewährter Zusammenarbeit die Ausstellung „,Siebenbürgen, süße Heimat‘ – Spruchgut auf Wohntextilien“ vom 7. August bis 14. September im Kreismuseum Bistritz (Muzeul Judeţean Bistriţa), Str. General Grigore Bălan Nr. 18. Dr. Irmgard Sedler und Gela Neamţu, Kuratorin am Kreismuseum ­Bistritz, die die Ausstellung gemeinsam gestaltet haben, werden bei der Vernissage am 7. August um 18.00 Uhr sprechen. Nächstes Jahr wird die ­Ausstellung auch im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim gezeigt. Die Volkskundlerin Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen ­Museums e.V., beleuchtet im Folgenden die Hintergründe des Spruchgutes auf Wohntextilien.
„Wappenspruch“, Südsiebenbürgen, um 1970. ...
„Wappenspruch“, Südsiebenbürgen, um 1970. Baumwollleinen, Panamabindung, Kreuzstich
Das Architekturgefüge im Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen beeindruckt durch räumliche Geschlossenheit und einer Grundstruktur des Zwei- bis Dreiraum-Wohnhauses, die über Jahrhunderte Bestand hatte: die „Vordere Stube“/ Casa de dinainte, das „Haus“/ Tinda und die „Hintere Stube“/ Casa de dinapoi. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich die großräumige Vordere Stube zu einem Repräsentationsraum des Ländlichen. Sie verfügte nicht selten über 35 bis 40 qm. Ihre Ausstattung folgte einem festen Muster, das auf die Diagonalanordnung der Möbel in funktional spezialisierten Eckgruppen aufbaute. Dieses feste Einrichtungsschema war viel älter als das Dreiraum-Wohnhaus, es fasste in einem einzigen Zimmer alle Möbeltypen zusammen, wie sie im ursprünglichen Einraumhaus der frühen Jahrhunderte alle Wohnbedürfnisse der Familie zu erfüllen hatten. Eine Ecke war dem Essen bestimmt (Tisch und Bänke), ihr gegenüber befand sich die Schlafecke (Bett), eine weitere war dem Sich-Wärmen vorbehalten (Ofen), die letzte dem Wirtschaften (Kredenz). Dazwischen verbanden Truhenbänke entlang der Wand die Ecken. Sie dienten dem Verwahren. Als Friese entlang der vier Wände angeordnet, fügten die Krügel- und Tellerrahmen dem Raum zusätzliche ornamentale Akzente bei (Foto Bäuerin beim Sticken).

Sächsische Bäuerin beim Sticken, Südsiebenbürgen, ...
Sächsische Bäuerin beim Sticken, Südsiebenbürgen, um 1940
Nachdem die „Vordere Stube“ hauptsächlich nur noch zur Repräsentation benutzt wurde, kam den Möbeln und Textilien eine wichtige ästhetische Funktion zu. Die Möbel wurden bunt bemalt, die hausgewebten Ziertextilien zusätzlich bestickt. Sowohl die Textilien als auch die ornamentalen Muster, für die die naturweiße Leinwand großzügig Fläche bot, waren vielfältig. Blickfang war vor allem das Hohe Bett mit seinen übereinandergestapelten Kissen und der bestickten Bettdecke aus drei Stoffbahnen; dazu die Decke auf dem Tisch, an dem das zeremonielle „Brautversprechen“, das Verlöbnis stattfand. Darüber hinaus wurden ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Vorhänge bestickt, die Zierhandtücher, die Zierstreifen über der Tür, die Ornamentstreifen in Schränken und Kredenzen, die Behältnisse für Kämme und Bürsten, der Löffelsack. Das Spruchgut darauf, das sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, war der Tradition der Wichtigkeit des Wortes im evangelischen Glaubensverständnis verpflichtet.

Die Biedermeierzeit brachte dann als Neues die Mode der Wandbehänge auch ins siebenbürgische Bauernhaus und eine neue Blüte der auf Textil gestickten Spruchkultur mit sich. In der romantischen Weltsicht der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen Haus und Familie einen wichtigen Platz ein, sie wurden zum Symbol von Geborgenheit und Glück, zum gesellschaftlichen Ideal der Lebenserfüllung. „Trautes Heim, Glück allein“ heißt es auf vielen gestickten Wandsprüchen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein. Dementsprechend wurde auch der Gestaltung des Wohnraums als Ort der Häuslichkeit eine besondere Sorgfalt gewidmet: auf Leinwand gestickte oder auf Papier gemalte, von Rosengirlanden umkränzte Sprüche wurden gerahmt und in der Stube an die Wand gehängt.

Das Spezifische siebenbürgisch-sächsischer, häuslicher Ziertextilien ab dem 19. Jahrhundert ergibt sich jedoch aus dem Zusammengang allgemein europäischer Biedermeiermode der Heimausstattung mit textilem oder später gerahmtem, volkstümlich gestaltetem Wandschmuck und dem Stellenwert, dem man weiterhin dem Wort in bester protestantischer Tradition zukommen ließ. „Der Glaube traut dem Wort“ (Matthäus 5, Vers 40). Die gestickten Sprüche im evangelischen Bauernhaus ersetzten oder ergänzten über ihre ornamentale Darstellung das reine Bild, ja in der Wirkung des bildlich-ornamental dargebotenen Wortes war die Transgression auf das Himmlische beabsichtigt: Der reale Spruch, auf Leinwand gestickt, konnte zum Ausgangspunkt für Betrachtung und Reflexion des Geistlichen werden (Foto „Zwei Lebensstützen brechen nie“).
Wandspruch, Südsiebenbürgen, um 1920. ...
Wandspruch, Südsiebenbürgen, um 1920. Baumwollleinen, Panamabindung, Kreuzstich
Ein Leben in moralischer Integrität, in Gottesfurcht und -gefälligkeit, Christenpflicht, irdische Erlösung und Himmelshoffnung sprechen aus dem häuslichen Textilschmuck und verweisen auf das angestrebte Lebensideal, einer in der Geborgenheit dieses Hauses beheimateten Familie. Die Gute Stube wurde somit zum Spiegelbild einer solchen Lebensführung. Hierzu bediente man sich textmäßig aus Aussagen der Bibel und der Gebets- und Gesangbücher, man stickte Zitate aus dem „Vaterunser“ oder entwarf gar Texte des eigenen, persönlichen Anliegens. Geschriebenes oder gemaltes Spruchgut trat dem Besucher in der Guten Stube auf gerahmten Tauf- und Konfirmationsscheinen, auf den Brottüchern für das Essenstragen zur Wöchnerin oder aber auf den „Gevatterpfannen“ entgegen.

Ein Wandbehang aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der noch in den 1970er Jahren über dem Bett einer Neppendorfer Landler-Familie hing, verkündete den Wunsch seiner Stickerin: „Elisabeth Rastel bin ich genannt/ Im Him(m)el ist mein Vaterland/ Ach wan(n) wird ich dahin kom(m)en/ Wo ich ewig selig bin.“ Das Beispiel zeigt, dass die feste Erwartung auf das ewige Leben Teil der siebenbürgisch-sächsischen Spruchkultur ist. Dementsprechend dürfen die Sprüche auch aus dem materiellen Brauchtum der ‚letzten Dinge‘ nicht fehlen. Dazu gehören u. a. die bemalten Totenbahren im Besitz der Nachbarschaften, die für gewöhnlich bei der Kirche aufbewahrt wurden, sowie die Totenbahren-Tücher im Familienbesitz. (Foto Wandspruch und Totenbahren-Tuch von Elisabeth Rastel)
Wandspruch und entsprechendes Totenbahren-Tuch, ...
Wandspruch und entsprechendes Totenbahren-Tuch, Neppendorf, 1890. Hanfleinen, handgewebt, Kreuzstich
Dem Ideal der Häuslichkeit entsprechend, folgte dann mit einem ­Höhepunkt um 1900 die Wertschätzung und Idealisierung der Hausfrau am Herd. In dieser Zeit entdeckten findige Textilhandwerker und Kunsthändler in den Städten eine Markt­lücke: Sie boten auf städtischen Märkten und ländlichen Jahrmärkten fertig vorgedruckte Wandbehänge für einfache Stilstich-Muster mit entsprechenden Hausfrauen- und Heimszenen und den dazugehörigen Sprüchen an. Diese genähten Wandsprüche ­fanden jedoch nicht den Weg in die Gute Stube, sondern waren auch ­thematisch eher als Wandschmuck in der Küche sinnvoll. Sie hingen über dem Herd, über dem Küchentisch oder der Ruhebank, schließlich über der Waschgarnitur, die ebenfalls ihren Platz im „Haus“/rum. tinda hatte. („Wasch dich oft und kalt/ Bleibst gesund, wirst alt.“) Die Sprüche wurden bei diesen vorgezeich­neten und am Jahrmarkt erstandenen Wandbehängen auch in rumänischer und ungarischer Sprache angeboten und fanden so ihren Weg auch in die Volkskultur der anderen siebenbürgischen Ethnien: „Fripturică, cozonaci/ Bărbăţelului să-i faci“ (um 1950).
Wandspruch „Det saksesch Hous“, Nordsiebenbürgen, ...
Wandspruch „Det saksesch Hous“, Nordsiebenbürgen, um 1940. Baumwollleinen, Kreuz- und Plattstich
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand im Zuge der Herausbildung des modernen Identitätsgedankens entsprechendes Spruchgut Eingang in die gestickten Sprüche, vor allem der Wandbehänge. Neben Versen aus den Werken des Nationaldichters Michael Albert waren es Bekenntnisaussagen zum Sächsischen oder der deutschen Sprache. (Foto „Det saksesch Hous“) In diese Zeit fällt auch die Gestaltung des siebenbürgischen „Wappenspruch“ mit dem Zitat aus Maximilian Leopold Moltkes Siebenbürgerlied, das zur Volkshymne der Sachsen in Siebenbürgen wurde – „Siebenbürgen, süße Heimat“. Der Wandspruch wurde letztlich zum Inbegriff gestalteten siebenbürgisch-sächsischen Spruchguts in den Guten Stuben und den städtischen Wohnzimmern ganzer Generationen.

Irmgard Sedler

Schlagwörter: Ausstellung, Bistritz, Siebenbürgisches Museum, Irmgard Sedler

Bewerten:

7 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.