21. Juli 2026

„Schon lange kein Frühling – Mein Vater, Rumänien und ich“ in Heilbronn aufgeführt

Quälende Frage: Hat er oder hat er doch nicht mit der Securitate zusammengearbeitet? Es gibt in den über 2000 Seiten zu ihrem Vater Augustin Alexandru Bidian (1930-2013) im rumänischen Geheimdienst-Archiv CNSAS auch Unterlagen, Anweisungen, aus denen herausgelesen werden kann, dass von ihm als rumänischem Dissidenten im Auslandsexil in Deutschland nachrichtendienstliche Mitteilungen erwartet werden. Jedoch keinerlei Einwilligungserklärung von ihm, keinerlei Hinweise auf jemals gelieferte Nachrichten, keinerlei Unterlagen über den Erfolg der Securitate-Aktion.
Alexandra Bidian (vorne links) im Gespräch am ...
Alexandra Bidian (vorne links) im Gespräch am Ende des Filmabends. Fotoarchiv: Horst Göbbel
Und dennoch stellt die Tochter sich die Frage, ob er wohl mitgearbeitet hat oder nicht. Umfangreiche Recherchen, Nachfragen, Erläuterungen von anderen Personen stellen klar, dass Alexandru Bidian aller Wahrscheinlichkeit nach auf keinen Fall mitgearbeitet hat.

Auch im Gespräch nach der Filmvorführung in Heilbronn im Kinostar Arthaus am 2. Juli sagt die Filmregisseurin Alexandra Bidian, dass sie sich natürlich die Frage immer wieder gestellt habe und diese Frage für sie an die Grenzen ihres Verstehens ging, sie jedoch zu der Schlussfolgerung gekommen sei, aus seinem Verhalten, aus all den Angaben anderer Menschen über ihn, aus allen vielschichtigen Unterlagen könne er nie und nimmer ein verdeckter Mitarbeiter der Securitate gewesen sein. Ihr Vater, der liebende Familienmensch, der Philosoph, der Poet, der lebenslange Gegner der kommunistischen Diktatur, er, der tiefgläubige volksnahe Theologe, er, der lebenslang die Wahrheit, die Leidenschaft, die Harmonie im Leben und über den Tod hinaus gesucht hat, er, dem es so tiefgründig darum ging, Konflikte zwischen und in den Menschen zu beseitigen, dieser Alexandru Bidian, der nach Verfolgung, Gefängnisaufenthalt und Publikationsverbot im kommunistischen Rumänien 1975 nach Deutschland geflohen war, an der Universität Mainz in Philosophie promovierte und dort auch lehrte.

Der beeindruckende Film, am 2. Juli im Rahmen der langjährigen Kooperation zwischen der Kulturreferentin für Siebenbürgen, den Karpatenraum, Bessarabien und die Dobrudscha am Siebenbürgischen Museum Gundelsheim, Dr. Heinke Fabritius, der Kreisgruppe Heilbronn, dem Deutschen Kulturforum östliches Europa Potsdam und der Kinostar Theater GmbH in Heilbronn gezeigt und anschließend im Beisein der jungen Filmemacherin besprochen und kommentiert, wurde zum großen Erlebnis.
Filmstill, © NDR/Alexandra Bidian ...
Filmstill, © NDR/Alexandra Bidian
„Schon lange kein Frühling“ ist in viereinhalb Jahren entstanden und feierte 2025 seine Weltpremiere bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck. „Ich war 21, als mein Vater starb, an einer Lungenentzündung mit 83 Jahren,“ schreibt Alexandra Bidian. „Wir hatten den Sommer gemeinsam in Rumänien verbracht. In einem kleinen Dorf am Fuße der Karpaten. An den Abenden saßen wir lange zusammen. Redeten, er erzählte, ich stellte Fragen. Als ich ihn danach wiedersah, lag er in einem Krankenhausbett und wenig später im Koma. Ich kenne Geschichten von und über ihn. Fragmente, seine Gefängnisstrafe mit 17, weil er sich den Partisanen in den Bergen anschließen wollte, Jahre der Entbehrung und Verfolgung im kommunistischen Rumänien, die Enteignung der bürgerlichen Familie, die Flucht nach Deutschland. Es sind Überschriften, denen die Kapitel fehlen. … Als ich angefangen habe, für diesen Film zu recherchieren, war mein Vater gerade zehn Jahre tot. Mit jedem Jahr ohne ihn stellte ich mir mehr die Frage, was ich eigentlich wirklich über ihn weiß.“ Und ihr Vater schreibt: „Aus dem Exil kommt der Flüchtling zurück,/ zurück in die tief in seinem Herzen getragene Stadt,/ dürstend sucht er alte Spuren/ die Schritte führen ihn zu verheimlichten Türen/ Rings herum zerfallene Mauern,/ fremde Gesichter,/ fremdartige Wörter./ In ihm erwachen/ die Toten“.

Der Film hat das Publikum aus zahlreichen Gründen so richtig begeistern können. Womit? Etwa mit seiner Ernsthaftigkeit und Vielschichtigkeit des nachgezeichneten Themas, mit der tiefgründigen, geschickten Darstellung komplexer Inhalte, mit dem filmisch akkuraten Präsentieren von parallel verlaufenden Erzählsträngen, mit der feinen Kameraführung, mit der geglückten, ausdrucksstarken Integration der Musik in das visuelle Geschehen. Alexandra Bidian ist viel gereist, hat viel gesehen, gelesen, erfahren, erlebt und lässt den Zuschauer in breitem Maße daran teilhaben. Ihre Lebens-, ihre Reiseerfahrungen, ihre besondere Sichtweise des familiären Mikrokosmos, in dem sie sich nicht ausspart, fasst sie in unnachahmliche filmische Bilder.

Heinke Fabritius trifft ins Schwarze, wenn sie von Anfang an betont, wie schonungslos die Filmemacherin vorgegangen ist: schonungslos gegenüber dem Andenken ihres Vaters, schonungslos gegenüber den zahlreichen Fragen in der Familie, schonungslos gegenüber sich selbst. Präzise und durchgehend schafft die Autorin es, durch akribische Information Details neu zu sehen, zu interpretieren, zu beschreiben, ihnen dynamische Flügel zu verleihen. Scheinbar spielerisch, zugleich sehr präzise überlegt und durchgehend ausdrucksstark platziert, werden knappe Rückblenden aus dem familiären Videoarchiv geschickt eingebaut.

Der Dokumentarfilm von Regisseurin Alexandra Bidian ist ein Dokument einer berührenden und einfühlsamen Langzeitbeobachtung, die die komplexe Realität der eigenen Familiengeschichte in Deutschland und Rumänien mit der Geschichte Rumäniens zur Zeit der kommunistischen Herrschaft beleuchtet. Die Filmemacherin Alexandra Bidian porträtiert zwar als zentrale Figur den Vater, jedoch rücken Schritt für Schritt sie selbst, besonders ihre Mutter, ihre Schwester und neben weiteren Verwandten ganz besonders die Anklage gegen Diktatur und Menschenverachtung deutlich ins Zentrum. Alexandra Bidian setzt ihrem Vater, dem lebenslangen Gegner von kommunistischer Willkürherrschaft und deren Machtexzessen, im Film ein würdevolles Denkmal. In ihm wird ein authentisches Spannungsfeld zwischen dem Sehnen des Philosophen und Poeten nach Wahrheit und Harmonie und der tragischen Realität des gewaltsamen rumänischen Herrschaftssystems nach dem Zweiten Weltkrieg präzise dokumentiert. Alexandra Bidian hat dieses komplexe Thema mit Bravour zu einem sehr beeindruckenden filmischen Kunstwerk gestaltet.

Horst Göbbel

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Filmvorführung „Schon lange kein Frühling – Mein Vater, Rumänien und ich“ in Heilbronn, SbZ Online vom 24. Juni 2026

Schlagwörter: Heilbronn, Dokumentarfilm, Filmvorführung

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